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Alt 18.10.2020, 00:13   #1
männlich Ralfchen
 
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Standard Um den Küchentisch – 3

Um den Küchentisch – 3

Ich beobachte meinen Vater aus den Augenwinkeln. Er scheint es bemerkt zu haben. Und nimmt mich über die randlose Brille fragend ins Visier.*

„Also Ralfchen, wieviel Erbsen sind in deiner Suppe?“

„Es sind heute genau 541 Erbsen Paps.“

„Heute abends gibt es Buchstabenuppe.“

„Wow lecker.“

Ich schabe die Erbsen und die verklebten Suppenreste mit einer Malerspachtel von der Resopaltischplatte zurück in den Teller und fühle mich erleichtert, dass Vater mich nicht wegen der Sauerei scheltet. Immerhin schlammte die Suppe quer über den Tisch bis zu ihm. Ich hatte den Teller einfach auf den Tisch gekippt um das Zählen der Erbsen zu perfektionieren.

„Ich möchte dass du heute die Buchstaben aus der Suppe zu Worten und Sätzen zusammenfügst Ralfchen – klar?“

„Hm – ja Paps nur ich kann noch nicht schreiben.“

„Spielt keine Rolle – schau einfach in die Krone und setz die Titelseite nach.“

„Okay Paps.“

Mutter blickt von ihm zu mir und schüttelt schweigend den Kopf.

„Was gibt’s da zum Kopfschütteln Akila?“*

Mutter senkt die Augen und hebt die Schultern.

****

Natürlich hat mein Vater vergessen, dass ich schon in die vierte Klasse Grundschule gehe. Also war meine Anmerkung - oder wenn man will Bemerkung - dass ich nicht lesen kann, erfolgreich an seine völlig verlorene und nicht existierende Anteilnahme am Familiengeschehen gerichtet.

Ich habe die Buchstaben aus der Suppe auf den Tisch gelöffelt und begonnen sie unter Vorlage einer Titelseite der Tageszeitung die Krone auszurichten. Das Ganze dauerte etwa 15 Minuten während deren Vater seine Suppe, danach die Blutwurst mit Sauerkraut, die gerösteten Kartoffeln und eine Nachspeise – Vanille Pudding mit Himbeersaft isst.

Mutter senkt die Augen und hebt die Schultern.

Er kommt um den Tisch:

„Na was hat mein Bub hier geschrieben?“

Interessanterweise waren in der Buchstabensuppe überwiegend die Buchstaben O, F, U und auch einige Ziffern enthalten. Daher hatte ich die Überschrift mit dem Satz: Fuck dich Papa 1000 mal, begonnen.

Vaters Reaktion war abzusehen; er war ein Psychopath und mein Plan war es, ihn in Grenzbereiche - also Borderline–Reaktionen zu manipulieren. Mutter sitzt mit einem Grinsen mir gegenüber. Möglicherweise ahnt sie worauf ich hinaus will.

Vater zeigt beim Lesen der Suppenbuchstaben keine Reaktion. Er geht wortlos aus der Küche. Nach wenigen Minuten kommt er zurück und ich sehe, dass er die Glock in der Hand hat. Ich habe recht gehabt - Vater platziert sich am Ende des Tisches und drückt die Waffe dreimal in Richtung meiner Mutter und fünf mal in meine Richtung ab. Danach richtet er die Waffe an seine Schläfe und drückt noch dreimal ab. Er blickt erstaunt vor sich hin. Seine Stirn ist schwarz vom Schießpulver und ich nehme an, er hat Schmerzen. Es fliessen Blutstropfen von seiner Schläfe zur Wange.

Ich wusste dass diese Handfeuerwaffe mit dem Extra Magazin 15 Schuss hatte. Ein Freund gab mir vor einigen tagen 15 Platzpatronen, die er im Waffenschrank seines Vaters gefunden hatte. Ich tauschte sie gegen die scharfe Munition in Vaters Pistole, weil ich immer mit dem Gedanken kokettierte, dass er diese Waffe einmal an Mutter und mir ausprobieren würde.

****

Zimmer der Unfallstation der Rudolfstiftung

Paps sitzt im Bett. Sein Gesicht ist rundum bandagiert. Ein Auge ist geschlossen – das Rechte und mit dem Linken stiert er blutunterlaufen vor sich hin. Mutti und ich stehen wortlos neben dem Bett.

„Was steht ihr so dämlich rum?..Auuuhhh.!“

Er greift an seine rechte Wange und stöhnt erbärmlich.

„Besser wir wären jetzt alle tot, das wäre echt erlösend gewesen.“

"Vielleicht sind wir das eh Paps und das ist der Himmel."

"Volltrottel."

"Nu dann wären se Pabba in Hölle Ralfilein und nicht mit unsere."

"Gott, seid ihr zwei dämlich und dein Deutsch wird immer schlechter du Gans!"

Der Notarzt betritt das Zimmer und setzt sich zu Paps auf den Bettrand.

„Die Polizei möchte ein paar Fragen an sie stellen Herr Scheißter.“

„Jetzt? Warum denn das? Mir gehts verdammt Scheiße.“

„Ich kann das nicht verhindern Herr Scheißter, aber es geht um die Aufnahme des Sachverhalts im Zusammenhang mit der Benützung ihrer Waffe.“

„Nein ich will mit den Bullen nicht reden!“

Der Arzt zuckt mit den Achseln und verläßt das Zimmer. Im nächsten Moment betreten zwei uniformierte Polizisten den Raum. Einer pflanzt sich am Bettende und der andere auf der linken Seite des Bettes auf. Fast so als wäre Paps fluchtverdächtig. Nur in seinem Zustand? Ich muss grinsen.



(Wird fortgesetzt)

Geändert von Ralfchen (18.10.2020 um 02:08 Uhr)
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