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Alt 14.05.2019, 19:05   #1
männlich John Cena
 
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Standard Die Großstadt

Die Großstadt ist ein Komplex von außergewöhnlicher Kuriosität. Der sich mit seinem Individualismus so brüstende, ja sich dadurch gar der Natur überlegen sehende Mensch, ist innerhalb dieses Konstrukts selbst kaum mehr, als nur ein Zahnrad, dass den Prozess der massiven Selbsterhaltung aller Lebensformen innerhalb dieser Stadt und Landesgrenzen antreibt und sich dadurch offen auf diese Funktion als mechanische Komponente reduziert. Natürlich sind wir mehr als das, wir sind Zahnräder mit Gefühlen und Idealen, sich gegen ihren Nutzen und Zweck, der wahrlich aus nicht mehr besteht, als das System am Laufen zu halten, rebellisch wehrt, dies aber stets in einem Rahmen tut, der seine Funktionalität nicht einschränkt, wobei es sogar hier und da Fälle gibt, die diesen Rahmen sprengen, welche aber dann von dem System höchstpersönlich eingefangen, bestraft und wieder in ihre Urfunktion rehabilitiert werden. Der brave Bürger ist auch hier wieder mit einer löblichen Distanz anzutreffen, die ihn klar von diesen Störenfrieden distanziert, welche ihr eigenes Ich über dem Wir der Allgemeinheit stellen und komplikationserregend den städtischen Maschinenkomplex herausfordern, nur um wieder mit Gewalt in dieses System eingegliedert zu werden oder zumindest in eine Position zu gelangen, wo sie ihm nicht mehr schaden können. Ebenjene Distanz ist keine naturgeschaffene Barriere, viel mehr ist sie das Ergebnis einer im Kindesalter eingetrichterten und angeeigneten Vernunft. Diese Aneignung erfolgt stets durch religiöse oder idealistische Einflüsse, denen wir im Bildungssystem und Elternhaus ausgesetzt sind und die uns zu dem Wesen formen, welches später dem Erhalt des Systems dienen soll. Nun hat dieses Leben aber eine Kehrseite, die es zu erfassen und erkennen gilt. Sie ist das seelische Ich, eine Welt der Gefühle und Gedanken, in der wir der Hauptprotagonist sind und für keinen anderen tätig werden, als unserem eigenen Wohlergehen. Innerhalb dieser Seelenwelt gibt es keinen Platz für Akkordarbeit, aufgezwungene Konventionen oder Richtlinien und Maßstäben, denen wir gerecht werden müssen. Nein, sie ist der Ort an dem wir die wahre Freiheit wenigstens einmal antasten dürfen, uns je nach eigenem Belieben eine Scheinwelt der intensivsten Gefühle formen können, authentisch genug um von ihr tagtäglich für einige kurze Augenblicke eingefangen zu werden, jedoch auch zu unecht um uns wirklich ein reales Bild von ausgelebter Freiheit zu bieten, die ja dann die Täuschung des Seins als individuelles Lebewesen aufdecken würde. Nun sind wir also wieder gefangen innerhalb der imaginären Stadtmauern, verdammt dazu Sklave des Systems, jedoch Herrscher seiner im Geiste geschaffenen Welt zu sein, der stets an seinen Zellgittern rüttelt, diese aber nie aufbrechen vermag, obwohl er es eventuell könnte und es vor ihm ja einige mutige Menschen schon zumindest versuchten, auch wenn sie dadurch wieder gefangen waren, in der Einsamkeit des Freiseins und erdrückt wurden durch das Gewicht der Verachtung ihres brav-bürgerlichen Umfelds. Nun stellt sich die Frage, ob kreative Entfaltung nicht mal Ansatzweise von der Herrscherkaste -die dem Schein nach alles gutmütterlich, in Wahrheit strengväterlich kontrolliert- geduldet wird? Brachte die Menschheit nicht im Laufe der Jahrhunderte unzählige Ausnahmetalente hervor, die mit ihren Werken gedankliche Wirbelwinde innerhalb allen Gesellschaftsschichten verursachten und in einigen Fällen sogar Inspiration dazu gaben, zu hinterfragen, was natürlicherweise nicht zu hinterfragt werden hat und trotzdem Ehrenbürger ihrer Gemeinden wurden, Preise und Auszeichnungen bekamen, Professor und Doktortitel erlangen. Wohl wahr ist dies kein ungewöhnliches Phänomen und durchaus gewollt, denn die Menschen, sollen ja nicht merken, dass sie für das große Ganze auch nur die Rolle einer großen Masse, einem Einheitsbrei spielen, der ausgebeutet wird, für den Ertrag der Wirtschaft, dem Ausbau der Lebensstandards, Errichten von überdimensionierten Megametropolen, die als riesiger Pferch für die zweibeinigen Nutztiere selber dienen. Vielmehr sollen wir denken, dass wir als das individuelle, heterogene Gemisch aus verschiedensten Persönlichkeiten, Gefühlswelten und Emotionen angesehen und dementsprechend auch gefördert werden. In Wahrheit aber, läuft alles auf selbe hinaus, der Idealist, der heute noch die durch den Mensch verursachten Problematiken, wie Umweltverschmutzung, Tierquälerei, oder Wohlstandsungleichheit anprangert, ist morgen wieder ein Teil des Problems, der Staat der sich damit brüstet den Individualismus seiner Untertanen zu repräsentieren und zu fördern, ist letztendlich auch nur an deren Arbeitskraft und Steuerleistung interessiert. Das Schulsystem ist ein Paradebeispiel dafür, bei dem Kreativität, die am wenigsten und gehorsames Auswendiglernen, die am meisten gefragte Fähigkeit ist. Nun gilt es für den, in seine Individualität, überdurchschnittlich verharrten und gedankenausschweifenden Rebellen, sich in die Philosophie oder in die Verrücktheit zu flüchten, vielleicht ist beides auch gegenseitiger Baustein und Remedium, führend zu temporärem Seelenfrieden und späterem Untergang.
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