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Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

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Alt 17.01.2018, 12:29   #1
männlich Schmuddelkind
 
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Standard Trost

Ich sprach: "Ich werde dich vermissen."
und starrte an die Wand
und fing ganz furchtbar an zu weinen.

Du führtest meinen Kopf zum Kissen
und hieltest meine Hand:
"Auch nach mir wird die Sonne scheinen."

Ich ließ dich zärtlich mich belügen,
ich liebte dich zu sehr
und regte meinen Kopf nicht weiter.

Noch heute kann ich dich nicht rügen,
wiegt auch die Wahrheit schwer,
ist deine Lüge warm und heiter.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.01.2018, 00:47   #2
weiblich Unar die Weise
 
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Alter: 37
Beiträge: 4.604

Standard Hey liebes Schmuddelkindchen.

Ich mag deine Zeilen, die von großen Gefühlen zeugen.
Eine kleine menschliche Ohnmacht gegenüber der Wahrheit.

Gern gelesen.
Ein herzlicher Unargruß an dich.
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.01.2018, 01:12   #3
weiblich Ilka-Maria
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Beiträge: 21.403

Ich nenne es nicht Lüge, sondern Ambivalenz. Trost trägt immer Ambivalenz in sich: Sie will ehrlich sein, aber sie will nicht weh tun. Die ehrliche Seite der Ambivalenz sagt Adieu, die unehrliche versucht einzureden, dass nur Besseres nachkommen kann oder wenigstens die Zeit alle Wunden heilt.

Ist völliger Quatsch, aber ein über Genrationen eingespieltes Muster: Nimm den Schwarzen Peter, und wenn du ihn lange genug festhältst, merkst du schon, dass es zu deinem Besten ist.

Diese Mechanismen gibt das Gedicht gut wieder.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.01.2018, 01:35   #4
männlich Ex-Eisenvorhang
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Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 882

Hi Schmuddl,

ich finde die Reimstruktur absolut genial und die Spaltung, die sich darauß ergibt auch.

Nur ein kleiner Gedanke:

"und fing ganz furchtbar an zu weinen."

Das "fing" wirkt sehr umgangssprachlich.

Ein Vorschlag. Mit Weinen beginnen... Anfangen... "fing"...

Aus dem Vers ergibt sich ein "Drücken".
Aufgrund der Sehnsucht. Ein Sehnsuchtsdruck.
Aus Druck ergibt sich ein "Müssen".

Also:

und musste furchtbar bitter weinen.

vlg

EV
Ex-Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.01.2018, 14:42   #5
männlich Schmuddelkind
 
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Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Vielen lieben Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mir eure Gedanken zum Gedicht mitzuteilen. Freue mich auch über all die Worte des Lobes und der konstruktiven Kritik.

Zitat:
Eine kleine menschliche Ohnmacht gegenüber der Wahrheit.
Das hast du unübertrefflich auf den Punkt gebracht. Und wenn die Wahrheit unerträglich wird, lässt man sich eben lieber "belügen". Wobei das Wort "Lüge", wie Ilka berechtigterweise anmerkte, freilich nicht ganz stimmt. Mir gefällt dein Ambivalenz-Begriff, Ilka - da hinreichend differenziert. In diesem Gedicht musste ich es knallhart Lüge nennen, um der Ambivalenz des LI poetischen Ausdruck zu verleihen, aber ich schätze, das hast du auch so ähnlich aufgefasst.

Zitat:
ich finde die Reimstruktur absolut genial und die Spaltung, die sich darauß ergibt auch.
Ich wähle dieses Reimschema gerne bei getragenen Gedichten, weil das Reimwort so lange auf Erlösung wartet und dann wird man plötzlich überflutet mit Reimen, wie eben auch ein Trauernder wartet und im Moment, in dem er begreift, dass es nichts gibt, worauf er warten kann, bricht alles auf ihn herein.

Zitat:
Das "fing" wirkt sehr umgangssprachlich.
Möglicherweise ist dem tatsächlich so - das kann ich gerade schwer abschätzen - mache mir, seitdem du den Kritikpunkt erwähnt hast, darüber Gedanken. Nichtsdestotrotz bin ich deinem Lösungsvorschlag mit "müssen" sehr zugetan, auch wegen des von dir begründeten Seelendrucks. Danke dafür!

Ich bin mir nicht sicher - wirkt es dann aber nicht so, als hätte das LI schon vorher geweint? Mir ist das nämlich sehr recht, wenn das Weinen erst nach dem Ausspruch "Ich werde dich vermissen" sich Bahn bricht. Wird das durch das "müssen" genommen? Was meint ihr?

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.01.2018, 21:38   #6
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.912

Schönes Gedicht, liebes Schmuddelkind.

Den Kopf zum Kissen führen, finde ich witzig.

Sehr gern gelesen.
LG g
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.01.2018, 12:24   #7
männlich Schmuddelkind
 
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Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Vielen Dank, gummibaum.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.01.2018, 14:42   #8
männlich Ex-Eisenvorhang
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Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 882

"Ich bin mir nicht sicher - wirkt es dann aber nicht so, als hätte das LI schon vorher geweint? Mir ist das nämlich sehr recht, wenn das Weinen erst nach dem Ausspruch "Ich werde dich vermissen" sich Bahn bricht."

Die Zeilen würde nur aussagen, dass es furchtbar bitter weinen musste.
Es sagt nicht aus, dass das LI vorher schon geweint hat.

Aber sei frei und wie immer im Leben ist alles subjektiv. Ich finde die Zeilen ja auch nicht schlecht - im Gegenteil.

vlg

ev
Ex-Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.01.2018, 15:34   #9
männlich Heinz
 
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Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 5.096

Hallo Schmuddelkind,
nach so viel Lob muss es auch mal eine Kritik geben.
Dabei habe ich am Gedicht gar nichts zu kritisieren.
Warum, so fragte ich mich, reizt mich die erste Strophe so zu Lachen und Falschlesen?
Das hast Du zu verantworten. Du schreibst:

Ich sprach: "Ich werde dich vermissen."
und starrte an die Wand
und fing ganz furchtbar an zu pissen.

Wenn Du links des Gedichts das Männeke Pis Richtung Gedicht pinkeln lässt, trägst Du eine unabweisbare Mitverantwortung für meine Reim-Fehlleistung.

Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.01.2018, 00:22   #10
männlich Schmuddelkind
 
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Beiträge: 4.760

Zitat:
Die Zeilen würde nur aussagen, dass es furchtbar bitter weinen musste.
Es sagt nicht aus, dass das LI vorher schon geweint hat.
Da hast du wohl recht. Ich habe mich wohl eher davon leiten lassen, dass hier nicht mehr wie bei dem Wort "anfangen" explizit der Beginn der Handlung zum entsprechenden Zeitpunkt beschrieben wird, aber ausgeschlossen ist es natürlich nicht. Daher bin ich sehr zufrieden mit dem "müssen" und nehme deinen Vorschlag dankend an. So wird's gemacht!

Zitat:
Ich sprach: "Ich werde dich vermissen."
und starrte an die Wand
und fing ganz furchtbar an zu pissen.

Was so ein Profilbild anrichten kann.... Hätte ich das 2010 geahnt!
Es ist natürlich auch deshalb verführerisch, weil man am ehesten wohl einen Kreuzreim erwartet, denn dieser ist vermutlich statistisch das gängigste Reimschema. Und ein Dichterhirn wie deines vervollständigt dann automatisch mit einem Reim auf "vermissen" - der Rest liegt dann auf der Hand.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.01.2018, 00:30   #11
männlich Vers-Auen
 
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Ort: Jenseits von Eden
Beiträge: 1.065

Für einen traurigen Einsamen,
mögen Worte schon Trost sein.
Aber ein verzweifelter Mensch
braucht helfenden Beistand
und keine leere Vertröstung.

Für den Unglücklichen ist es ein Trost,
wenn Ärgeres die anderen hat gekost.
O Herr gibt allen die mich kennen,
zehnmal mehr als sie mir gönnen.
Vers-Auen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.01.2018, 02:27   #12
männlich Give Me Five
 
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Ort: Hamburg
Alter: 36
Beiträge: 19

Hallo,

Kompliment an den schmuddeligen Dichter!

Das Gedicht ist technisch einwandfrei, tiefgründig und aussagekräftig. Was will man mehr?

Ich halte "fing" keinesfalls für umgangssprachlich, aber dennoch möchte ich es mir nicht nehmen lassen, auch noch eine Variante anzubieten, da ich von "furchtbar bitter" nicht so überzeugt bin:

"Begann ganz bitterlich zu weinen."

Damit würdest du auch das doppelte "und" am Anfang der Zeile auflösen, was ich für ein kleines bisschen unschön halte.

Gruß

Dennis
Give Me Five ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.01.2018, 03:11   #13
männlich Ex-Eisenvorhang
abgemeldet
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 882

Ja bitte nicht bitterlich. Das klingt wie Buttermilch oder bittermilch. Jedes Mal, wenn ich es lese!

Dann nimm doch am besten bitterlichst!

vlg

Ev
Ex-Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.01.2018, 00:14   #14
männlich Schmuddelkind
 
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Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Zitat:
Für einen traurigen Einsamen,
mögen Worte schon Trost sein.
Aber ein verzweifelter Mensch
braucht helfenden Beistand
und keine leere Vertröstung.
Das ist wohl wahr. Eine wichtige Unterscheidung!

Zitat:
"Begann ganz bitterlich zu weinen."
Ich glaube, so ähnlich habe ich das schon mal geschrieben. Das scheidet wohl daher aus. Wobei - warum sollte ich mich nicht wiederholen dürfen? Aber nein, ich mach's nicht.

Ansonsten aber vielen Dank für das geradlinige Kompliment, Dennis!

Zitat:
Dann nimm doch am besten bitterlichst!
Bitterlichtestenst

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
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Stichworte
tod, trauer, vermissen

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