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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 30.04.2015, 12:13   #1
männlich Fridolin
 
Dabei seit: 04/2010
Beiträge: 1.021

Standard In mir ist Island

In mir ist Island: wilde Geiser fauchen,
die Adern blau wie Meer, das mich durchscheint.
Vulkane, die aus Schattenhöhlen rauchen,
bis ihre Asche aus den Himmeln weint.

Die Insel schluchzt, den Gletschern droht Verlandung,
es schmilzt der Permafrost und höhlt den Stein.
An Lavafelsen tost die Meeresbrandung
und schäumt mit Gischt sie zottelbärtig ein.

Am Himmel gilben Wolken wie Zitronen,
von dumpfen Schlägen hallt die Sonnenuhr,
erzählt aus längst vergangenen Äonen,
was einst der grünen Insel widerfuhr:

Da brach die kalte Flut mit Urgewalten
aus fernen Welten wilde Rosen aus.
Das Licht der Sterne glänzt noch auf Basalten
und leitet mich auf meinem Weg nach Haus.
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Alt 30.04.2015, 18:43   #2
männlich Versard
 
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Dabei seit: 12/2014
Ort: Gelsenkirchen
Alter: 30
Beiträge: 1.736

Island...würde ich gern einmal hin.
Das Gedicht finde ich super, von vorne bis hinten, mich stört lediglich das Wort Permafrost, ich finde das so lyrisch wie eine Schrankwand

Versard
Versard ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.04.2015, 19:51   #3
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 21.906

Lieber Fridolin,

ich empfinde es wie Versard: Ein zauberhaftes, gelungenes Gedicht mit einer düster-stimmungsvollen Atmosphäre; aber die Verbindung von "Perma" und "Frost" klingt nicht gut. Beide Wörter sind hart, und die abrupte Endung auf dem dunklen Vokal "a" an der Wortverbindung stört das Lesen, obwohl das Metrum stimmt.

"Permenfrost" wäre vielleicht ein erster Schritt, da wäre schon mal das "a" weg.

Oder einfach "Permen-Eis" oder "das Eis des Perm(a)", denn eigentlich schmilzt das Eis, nicht der Frost.

Aber sonst: klasse!

Lieben Gruß
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.04.2015, 22:21   #4
weiblich scrabblix
 
Dabei seit: 03/2015
Ort: Mitten im Revier
Beiträge: 364

Lieber Fridolin,

dein Titel ist sehr gut gewählt. Zwar war ich leider selber noch nicht dort, doch alle Islandfahrer die ich kenne, haben die Insel in sich. Sie macht etwas mit einem, gegen das man wehrlos zu sein scheint.

Deine ausgezeichneten Verse geben genau dieses Gefühl wieder.

Liebe Grüße
scrabblix
scrabblix ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 08:56   #5
männlich Fridolin
 
Dabei seit: 04/2010
Beiträge: 1.021

Hallo Ilka et al,

Was genau versteht man unter Permafrost?

„Permafrost bezeichnet Boden, Sediment oder Gestein, welches in unterschiedlicher Mächtigkeit und Tiefe unter der Erdoberfläche mindestens 2 Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist“ (Lexikon der Geographie 2001)

Für weitere Infos zum Thema hier klicken

Mit kaum einem anderen Gedicht habe ich mich über Jahre hinweg so intensiv beschäftigt wie mit diesem. Beruflich jahrzehntelang im Umweltschutz tätig, befasse ich mich vor allem mit den Folgen des Klimawandels und stehe mit vielen Fachleuten in Kontakt.

In den letzten Jahrzehnten hat sich nicht nur die Atmosphäre erwärmt. Auch die Temperatur der oberen Schichten des Permafrosts ist allgemein gestiegen. Das belegen Aufzeichnungen in Bohrlöchern und andere Messungen. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, auf diese Zusammenhänge auch in meinen Gedichten hinzuweisen. So kam der Permafrost in mein Gedicht, auch wenn der lyrische Fluss damit gestört wird. Ich wollte damit bewusst ein lyrisches Zeichen als Kontrast setzen. Denn wenn der Rückgang des Permafrosts in diesem Tempo weitergeht, dann, Versand, fällt mehr als nur eine Schrankwand um.

Oben habe ich erwähnt, dass ich an dem Gedicht schon längere Zeit feile. Es hatte in einer früheren Fassung folgenden Wortlaut, der vielleicht mehr gefällt:
In mir ist Island: wilde Geiser fauchen,
die Adern blau wie Meer, das mich durchscheint.
Vulkane müd aus Schattenhöhlen rauchen,
bis ihre Asche aus den Himmeln weint.

Die Insel schluchzt, als fürchte sie die Landung
des Jenseitsvogels auf dem Dom aus Stein.
An hohlen Felsen nagt die wilde Brandung
und schäumt mit Gischt sie zottelbärtig ein.

Am Himmel gilben Wolken wie Zitronen,
von dumpfen Schlägen hallt die Sonnenuhr,
erzählt von längst vergangenen Äonen,
die einst der Insel eingeprägt die Spur.

Da brach die kalte Flut mit Urgewalten
aus fernen Welten wilde Rosen aus.
Das Licht der Sterne glänzt noch auf Basalten
und leitet mich auf meinem Weg nach Haus.
Wer sich also am Permafrost stört, wie Versand, mag an dieser Version Gefallen finden.

In jedem Fall danke ich allen fürs Lesen und Kommentieren.

LG Fridolin
Fridolin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 09:01   #6
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 21.906

Diese Fassung liest sich für mich in der Tat packender.

LG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 09:02   #7
männlich Versard
 
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Ort: Gelsenkirchen
Alter: 30
Beiträge: 1.736

Ich störe mich vorallem daran das man mich immer wieder Versand nennt
Versard ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 09:06   #8
männlich Fridolin
 
Dabei seit: 04/2010
Beiträge: 1.021

Zitat:
Zitat von Versard Beitrag anzeigen
Ich störe mich vorallem daran das man mich immer wieder Versand nennt
Sorry, Versard, meine alten Augen lasen tatsächlich Versand!

LG Fridolin
Fridolin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 09:10   #9
männlich Versard
 
Benutzerbild von Versard
 
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Ort: Gelsenkirchen
Alter: 30
Beiträge: 1.736

Macht nix, ist hier schon vielen passiert
Versard ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 19:57   #10
männlich Lewin
 
Dabei seit: 03/2015
Beiträge: 1.219

Standard In mir ist Island

Hallo Fridolin,
Island in dir, mit all dem, was die Insel zu bieten hat. Ich finde, die Antwort liegt in der Altersstruktur des Lesenden. Wenn man die Frage nach dem Permafrost denn beantworten will. Für mich, der mit dem Begriff so normal umgeht, als hätte ich gestern gerade ein Mammut-Baby in Sibirien ausgegraben (vielleicht zusammen mit dir), fehlt nur die Ergänzung -boden, die natürlich den Rahmen deiner Verse, Versmaß und Rhythmus hier torpedieren würde. Also, ich würde die Originalversion bevorzugen, weil es sich auf das LI bezieht und mit dem Jenseitsvogel zwar eine kurzzeitige Belebung, aber eben das Gegenteil von der Aussage Permafrost nach sich zieht. Kurz gesagt, ein Gedicht, das quasi in Anlehnung an die Naturgewalten einer Insel alle Register öffnet, zielgerichtet und vollendet.
Herzlich grüßt
Lewin.
Lewin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.05.2015, 23:31   #11
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.127

Lieber Fridolin -


wie so oft in letzter Zeit:

Mir bleibt nur eine stumme Verneigung.


Unblasphemisch:
Thing,
immer.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.05.2015, 08:15   #12
männlich Ex-Poesieger
abgemeldet
 
Dabei seit: 11/2009
Beiträge: 7.249

Was es in dir ist fordert den Leser ja auf reziproke Bedeutung zu finden und nicht Wortklauberei zu betreiben. Permafrost ist das was hier an Kommentaren kommt. Aber wirklich wegschmelzen wird der wohl doch nicht, ansonsten rutscht nicht nur Island da hinein wo wir den Orkus vermuten. also halten wir uns an den Äonen fest und beißen weiter in die Zitronenwolken.

MFG
Ex-Poesieger ist offline   Mit Zitat antworten
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