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Zeitgeschehen und Gesellschaft Gedichte über aktuelle Ereignisse und über die Menschen dieser Welt.

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Alt 09.09.2019, 13:01   #1
weiblich AlteLyrikerin
 
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Standard Principiis obsta

Jeder Handgriff ist bemessen.
Kämmen, zwei Minuten.
Ganzkörperpflege,
nicht mehr als zwanzig.

Zuhören
gehört nicht zum Standard.
Tränen trocknen
kommt in der Liste nicht vor.

Berührende Nähe
gegen die Ohnmacht des Verlorenseins
lässt sich nicht abrechnen.

Doch mit Zahlen
und Computern
lässt sich exakt berechnen
wann das Abschalten der Geräte
optimal ist
für die Gemeinschaft
der Versicherten.

Es fehlt nur ein Schritt noch,
ein Gedanke zunächst,
der nicht ausgesprochen wird.

Doch er wächst
auf den Brachfeldern des Geistigen,
genährt von Sonntagsreden
und Euphemismen,
bis er beizeiten geerntet wird
und von den Armutspflegern des Faktischen
zu Paragraphen gegossen,
vor denen die müden Gewissen
stramm stehen können.

Habt ihr denn schon vergessen
die willfährigen Hände,
die abstrakte Theorien
über „unwertes Leben“
anwendbar machten?
AlteLyrikerin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.09.2019, 18:12   #2
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen

Doch mit Zahlen
und Computern
lässt sich exakt berechnen
wann das Abschalten der Geräte
optimal ist
für die Gemeinschaft
der Versicherten.

Es fehlt nur ein Schritt noch,
ein Gedanke zunächst,
der nicht ausgesprochen wird.

...

Habt ihr denn schon vergessen
die willfährigen Hände,
die abstrakte Theorien
über „unwertes Leben“
anwendbar machten?
Das hätte ich gerne näher erklärt gehabt.

Hier wird der Bogen gespannt zu den pflegebedürftigen Alten von heute zu den Nazi-Opfern von gestern. Das ist starker Tobak in einer Zeit, in der das Problem der Altenpflege ständig diskutiert wird und die Anbieter für ambulante Pflegedienste bereits zu einer Industrie geworden sind. Die Pflegeheime sind voll, und die Angehörigen von Pflegebedürftigen müssen monatelang auf einen freien Platz warten.

Wer will denn Pflegebedürftige zu "unwertem Leben" deklarieren und ihnen die Luft abdrehen, solange man ihr Vermögen abkassieren kann? Das ist ein riesiger, immer größer werdender Markt, den es abzuschöpfen gilt. Wieso schießen denn sonst die ambulanten Pflegedienste wie Pilze aus dem Boden?
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Alt 10.09.2019, 11:39   #3
weiblich AlteLyrikerin
 
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Liebe Ilka-Maria,

herzlichen dank für Deine kritische Stellungnahme.
Zitat:
Zitat von Ilka-Maria:Wer will denn Pflegebedürftige zu "unwertem Leben" deklarieren und ihnen die Luft abdrehen, solange man ihr Vermögen abkassieren kann? ]
Dein Blick auf das Geschäft mit der Altenpflege betont sicherlich einen realen und wichtigen Aspekt auf die Problematik, die das Gedicht zu beleuchten versucht. Aber es sind auch noch andere Aspekte wichtig und wahrnehmbar.

Die ersten Zeilen beschreiben das Unzureichende in der Pflege, die als "Geschäft" betrieben, nicht menschenwürdig ist.

Die Zeilen danach behaupten, dass eine schleichende Entwicklung denkbar ist, die nicht morgen oder übermorgen, aber doch schlussendlich zu einer Umwertung des Umgangs mit Sterbenden führen könnte.

Auch die Bereitschaft abwertende Denkmuster über, z.B. behindertes Leben, anzunehmen, ist lange vor den Nazis und vor der Durchführung von Euthanasie entstanden und gewachsen. Langsam hat sich der Blickwinkel so gewandelt, dass nicht mehr als Mord gedacht wurde sondern als mitleidige "Erlösung", was die Naziregierung dann zu praktizieren wagte.

Eine sehr frühzeitige Sensibilisierung vor solchen Entwicklungen versucht der Text anzumahnen.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.09.2019, 17:47   #4
männlich Ralfchen
 
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hallo ihr lieben -

ähnlich läuft es auch mit sex im alter. ausser man hat das glück die kohle zu haben um sich junge frauen als liebhaberinnen leisten zu können. und man muss natürlich liebevoll und nett sein, wie euer süsse ralfchen, sonst kostet es gleich das doppelte.

Jeder Handgriff ist bemessen.
Schwanzmassage zwei Minuten.
Etwas Blasen leises Tuten,
denn der Alte muss gleich essen.
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Alt 10.09.2019, 18:47   #5
weiblich Ilka-Maria
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Ralfchen, das ist ein anderes Thema und ganz gewiss nicht "genauso" . Auch wenn dich der Sex heimsucht und dich zum zwangsgelenkten Objekt macht, hast du dennoch einen Spielraum für deine Entscheidungen. Ein pflegebedürftiger Mensch hat diesen Spielraum nur noch gering oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr, denn er befindet sich in einer totalen Abhängigkeit. Selbst ein Säugling hat mehr Freiheit, denn er kann seinen Protest solange rausbrüllen, bis Mama und Papa seinen Bedürfnissen entnervt nachkommen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.09.2019, 22:06   #6
männlich Ralfchen
 
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Beiträge: 10.599

ja Ilka leiiiiiiiiiiiiiiiiiider...arme menschen
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.09.2019, 15:14   #7
Trembalo
 
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Beiträge: 680

Hallo alte Lyrikerin.
Heute sind die alten Menschen diesem System ausgeliefert.
Das alleine langt, um einem das Fürchten vor dem Alter zu lehren.
Der Moment totaler Hilflosigkeit, das angewiesen sein auf außen,
was geschieht in Wirklichkeit ?
Leider zählt der Respekt vor dem Leben nicht mehr zu den höchsten Werten.
So ist der Weg Richtung unwertes Leben schon eröffnet.
Gruß
Trembalo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.09.2019, 16:18   #8
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Trembalo Beitrag anzeigen
Heute sind die alten Menschen diesem System ausgeliefert.
Das alleine langt, um einem das Fürchten vor dem Alter zu lehren.
Der Moment totaler Hilflosigkeit, das angewiesen sein auf außen,
Das ist nur die halbe Wahrheit. Meine Erfahrung ist anders.

Was tun, wenn eigentlich für alles gesorgt ist und man - wie ich es getan habe - jeden Tag bei der alten Mutter ist, sie versorgt, mit ihr Kontakt hält und sie sowieso in Reichweite hat, um innerhalb von fünf Minuten jederzeit wieder in ihrer Wohnung zu sein? Diese Mutter aber von Verfolgungswahn getrieben wird, die Nachbarschaft terrorisiert, die Pflegekräfte, die sich um ihre Gesundheit täglich kümmern, vor der Tür stehen gelassen werden, weil sie als Belästigung gelten? Wenn eine Mutter mit der eigenen Tochter ständig Krach anfängt und ihr die absurdesten Dinge unterstellt? Wie überhaupt die gesamte Welt gegen diese Mutter konspiriert, die durch das Fenster von Nachbarn in 500 Metern Entfernung beobachtet wird, von Stimmen aus dem Telefon verfolgt wird, wenn es in den Wänden pfeift und das Fernsegerät Blitze aussendet? Wenn dann noch eine unbehandelte Krankheit zu einer Selbstgefährdung führt, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Hausärztin das Leiden nicht ernst genommen hat? Wenn alle Schlag die Polizei anruft und nachfragt, was eigentlich abläuft?

Was tun im Falle einer paranoiden, widerspenstigen, aggressiven Alten, der man wie ich eigentlich ein würdiges Altenteil in den eigenen vier Wänden sichern wollte?

Richtig: Man schaltet das Gericht ein. Den Rest brauche ich wohl nicht zu erklären. Außer dass ich das "Vergnügen" habe, jede Woche fast 100 km zu fahren und meiner Mutter frische Wäsche zu bringen, weil im näheren Umkreis kein anderer Pflegeplatz zu bekommen war und ich sowieso darüber nicht mehr zu bestimmen habe. Das regelt nämlich eine vom Richter bestellte gesetzliche Betreuerin.

So sieht die Sache aus. Nach dem Wert meines Lebens fragt niemand, wenn ich mir Woche für Woche immer die gleichen Spinnereien anhören muss, denn natürlich ist auch das Seniorenheim verwanzt und die Mitbewohner sind nur darauf aus, meiner Mutter Schlimmes anzutun. Dagegen anzureden bringt gar nichts, denn das geht an der Wahrnehmung eines alten Menschen, dessen Gehirn nicht mehr funktioniert, völlig vorbei. Und wenn ihr glaubt, das sei ein Einzelfalls, dann seid ihr auf dem Irrweg.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.09.2019, 12:21   #9
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Beiträge: 1.155

@Trembalo:
herzlichen Dank fürs Lesen und Deine Rückmeldung.
Zitat:
Leider zählt der Respekt vor dem Leben nicht mehr zu den höchsten Werten.
Genau darum geht es mir! Dieser Respekt muss immer wieder eingefordert werden ohne damit Übergriffe auf die persönliche Entscheidungsfreiheit Einzelner (Suizidverbot) vorzunehmen.

@Ilka-Maria:
herzlichen Dank auch für Deinen Beitrag!
Zitat:
Was tun im Falle einer paranoiden, widerspenstigen, aggressiven Alten, der man wie ich eigentlich ein würdiges Altenteil in den eigenen vier Wänden sichern wollte?
Damit schilderst Du ein ebenso wichtiges Problem. Es gibt leider einige Demenzformen, die nicht nur mit dem Verlust intellektueller Potentiale einhergehen sondern mit wahnhaften Vorstellungen, manchmal sogar mit gefährlichen Aggressionen gegenüber Angehörigen bzw. Pflegepersonen.

Da ist ausführliche Hilfe und Betreuung für beide Seiten angebracht. Die Angehörigen brauchen wohl auch ihre Zeit um wirklich zu realisieren, dass die Änderungen im Verhalten ihrer Angehörigen irreversibel sind und nicht in deren Belieben stehen. Gegen die entsprechenden Wahnvorstellungen anzudiskutieren ist absolut kontraproduktiv. Auf rationaler Ebene kann mit solchen Menschen gar nicht mehr kommuniziert werden. Auf emotionaler Ebene sind sie oft noch zu erreichen, aber das fällt bei solchen Wahnvorstellungen eben sehr schwer. Man müsste, so irrwitzig sich das anhört, sich in die "Geschichte" die da erzählt wird, hinein begeben - ohne Widerspruch - und wohlwollend wertschätzende Bemerkungen dazu machen. Das wäre das einzige, das - wenn überhaupt - noch helfen könnte.

Herzliche Grüße an Euch beide, AlteLyrikerin.
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