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Alt 12.09.2019, 13:29   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
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Standard Randolph auf der Suche (eine wirklich schlimme Geschichte 4)

Warum musste die Alte unbedingt jetzt verschwinden? Noch nicht einmal ein Monat war herum und natürlich hatte Randolph für die eine Woche, die er für Agnes gearbeitet hatte, kein Geld erhalten. Die Einzige, die er danach hätte fragen können, wäre Judith Stucker, aber das verbot sich nach deren Auftritt auf der Polizeiwache von selbst. Randolph wollte mit dieser durchgeknallten Person nichts zu tun haben. Und er wollte die Wahrheit über Agnes' Verschwinden herausfinden. So beknackt wie Judith Stucker sich auf der Polizeiwache aufgeführt hatte, musste sie etwas damit zu tun haben, darauf hätte Randolph sein edelstes Teil verwettet.

Nichtsdestotrotz brauchte er zunächst einmal Geld, und zwar sofort. Man könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er beschloss, Edgar aufzusuchen, einer seiner Kumpels, der mit ihm damals den Einbruch durchgezogen hatte. Edgar war ihm noch etwas schuldig, da er ihn nicht verpfiffen hatte, fand Randolph. Und so kreuzte er am nächsten Nachmittag unangemeldet vor Edgars Bude auf.
Niemand öffnete zunächst auf sein Klingeln. Randolph läutete ungefähr fünfmal, ohne dass sich etwas rührte, dann wurde es ihm zu blöd.
„Edgar!" brüllte er, so laut er konnte. „Mach endlich auf! Ich bin's nur, dein alter Kumpel! Jetzt tu nicht so, als würdest du mich nicht kennen!" Danach herrschte erst einmal Stille. Randolph zählte die Sekunden: eins, zwei, drei.... Ehe er bei 10 angekommen war, flog die Tür auf und Edgar stand vor ihm: unrasiert, mit struppigen Haaren, die einen Friseur dringend notwendig gehabt hätten, Klamotten, deren Farbe mehr zu erahnen als zu erkennen war und - barfuß.
„Du hast dich gar nicht verändert, altes Haus. Siehst richtig schnieke aus." Randolph steuerte an ihm vorbei aufs Wohnzimmer zu, blieb dann jedoch angewidert stehen, als ihm ein Geruch in die Nase stieg, als sei hier schon wochenlang nicht mehr gelüftet worden.
„Randolph?" Edgar schlug die Haustür zu. „Was willst du denn hier? Kann mich nicht erinnern, dass wir verabredet waren."
„Waren wir auch nicht. Aber alte Freunde müssen sich nicht anmelden, nicht wahr?"
„Lass den Quatsch. Was willst du?"
„Na, na, nicht so unfreundlich." Tapfer versuchte Randolph, die stickige Luft zu ignorieren. Wenn er Edgar verärgerte, dann war es das mit seinem ausgeklügelten Plan.
„Ich hab ein todsicheres Ding am Laufen, altes Haus. Kann gar nicht schiefgehen. Und weil ich ein netter Mensch bin, habe ich an dich gedacht. Dachte, wir machen halbe-halbe. Kann heute Nacht schon losgehen, Alter."
„Was soll das sein?"
„Ein kleiner Einbruch. Habe bis vor kurzem für eine alte Frau gearbeitet, dann war es auf einmal vorbei. Angeblich ist sie verschwunden. Pah, die Nichte glaubt, sie ist entführt worden. Glaub ich nicht, aber wenn jemand das schon annimmt, muss Vermögen da sein, oder? Wegen dem Lösegeld. Siehst du doch wohl auch so."
„Heute Nacht schon? Ich muss mir erst mal die Gegend anschauen. Gucken, was man so braucht an Werkzeug."
„Gar nichts." Randolph zog den Schlüssel, den er von Agnes bekommen hatte, aus seiner Hosentasche. „Wir kommen ganz relaxed rein."
„Dann ist es kein Einbruch, du Pfeife."
„Naja, eigentlich hätte ich den Schlüssel abgeben müssen." Randolph hatte sich selbst gewundert, dass ihm niemand den Schlüssel abgenommen hatte. Aber wenn die so dämlich waren....
„Wieso brauchst du dann mich?" fragte Edgar, eine berechtigte und für seine Verhältnisse ausgesprochen scharfsinnige Frage. „Kannst ja wohl allein eine Tür aufschließen."
„Schon, aber ich will nicht allein da alles durchwühlen. Ich habe gedacht, wenn wir das zusammen machen, ist das sicherer. Einer kann Schmiere stehen. Und falls die Alte einen Tresor mit Bargeld hat, kriegt ihn außer dir sowieso keiner auf. Da bist du der Beste auf dem Gebiet."
„Haha, Randolph, du bist einfach nur ein Feigling. Traust dich nicht, was alleine durchzuziehen. War ja schon immer so."
Randolph winkte ungeduldig ab. „Für dich kann eine Menge dabei herausspringen.
Also gebongt? Heute Nacht?"
Edgar stimmte zu. Sie besprachen noch die Einzelheiten, dann spazierte Randolph zufrieden davon. Sollte Edgar ihn ruhig einen Feigling nennen. Für das, was er vorhatte, war er genau der Richtige.

Sie hatten sich um 2.30 Uhr vor dem Haus von Agnes verabredet. Randolph war pünktlich da und versteckte sich unter einem Baum, Edgar ließ auf sich warten. Randolph ließ 10 Minuten verstreichen, ohne sich zu rühren. Nichts passierte. Gerade als er sich verärgert abwenden wollte, sah er, wie Edgar, der einen kleinen Handwerkskoffer in der Hand trug, gemächlich auf Agnes' Haus zuschlenderte, und pfiff leise. Edgar drehte sich zu ihm um.
„Du bist aber früh dran", sagte Randolph sarkastisch.
„Hättest ja schon mal reingehen können, wenn es dir zu lange gedauert hat."
„Klappe! Los jetzt!"
Randolph schloß die Tür auf.
„Wie sieht es denn hier aus?" Edgar sah sich verständnislos um. Schubladen und Schränke waren offenbar durchwühlt worden, der Inhalt lag wild auf dem Boden verstreut.
„Ich hab dir doch erzählt, dass die Polizei hier war. Die werden nach Hinweisen gesucht haben."
„Meinst du nicht, dann hätten die auch den Tresor durchsucht?"
„Dazu hätten sie ja erstmal einen finden müssen. Wenn man nicht weiß, dass es einen gibt.... Auf den ersten Blick habe ich auch noch keinen entdeckt."
„Alter, du willst mir doch wohl jetzt nicht sagen, du weißt überhaupt nicht, ob es einen Tresor gibt oder nicht?"
„Reg dich ab. Ich bin ganz sicher, dass es einen gibt. Hab ich im Gefühl."
Edgar knurrte irgend etwas Unverständliches vor sich hin, machte sich aber dann fachmännisch daran, die Wände abzutasten, zunächst in den Wohnräumen, dann im Flur. Es dauerte tatsächlich nur eine halbe Stunde, bis er „Aha! Hier!" rief.
Randolph betrachtete die Wand. „Wo denn, was denn? Ich seh überhaupt nichts."
Edgar grinste. „Hier, schau, sieht aus wie eine Tapete. Ist aber nur so übermalt. Und wenn du dagegen drückst..... " Er drückte dagegen, doch nichts passierte.
„Lass mich mal."
„Als ob du mehr Ahnung hättest."
Randolph drückte gegen die Wand. Er spürte tatsächlich eine Einfassung, doch diese gab keinen Millimeter nach.
„Ich habe es dir ja gesagt." Edgar grinste triumphierend.
„Jaja, schon gut. Und wie kriegst du das Ding jetzt auf?"
„Keine Sorge, ich hab Handwerkszeug dabei." Edgar holte einen Schraubenzieher aus seinem Koffer und ritzte die Tapete auf. Dann drehte und drückte er irgendwie - Randolph konnte nicht genau sehen, wie er arbeitete - und auf einmal machte es laut „Klack" und aus der Wand sprang ein kleines viereckiges Kästchen hervor.
„Tatsächlich! Ein Geheimtresor! Aber verdammt klein!" Edgar wollte hinein greifen, doch Randolph schlug seine Hand weg.
„Ich mach das!"
„Wieso? Bis jetzt hast du auch nur zugeschaut."
Randolph klappte das Kästchen auseinander.
„Kein Geld", stellte Edgar enttäuscht fest. „Bloß blödes Papier."
Tatsächlich enthielt der Minitresor nur ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Randolph faltete es auseinander und las es aufmerksam durch. Dann ließ er es fassungslos sinken.
„Ich glaub's ja nicht. Weißt du, was das ist?"
„Nö. Was denn? Jedenfalls keine Knete."
„Viel besser. Das ist eine Lebensversicherung, ausgestellt von der alten Schachtel, zugunsten ihrer Nichte. Die mir die Sache anhängen wollte."
„Und jetzt?"
„Jetzt weiß ich Bescheid. Los jetzt, weg von hier!"

Am nächsten Tag meldete sich bei der Polizei ein Zeuge, der anonym bleiben wollte, aber steif und fest behauptete, bei der angeblichen Entführung von Frau Stucker handele es sich um eine fingierte Sache, da die Nichte die Lebensversicherung kassieren wolle, die ihre Tante zu ihren Gunsten abgeschlossen hatte. Judith Stucker wurde dazu vernommen und verwickelte sich in Widersprüche. Zu einem Prozess reichte die Beweislage jedoch nicht, allerdings reichte sie auch ebenso wenig, um Randolph anzuklagen.

Und so kam es, dass Randolph nach der ganzen Aufregung schließlich wieder Stellenangebote studierte. Allerdings machte er um Anzeigen, die alleinstehende ältere Damen aufgegeben hatten, ab sofort einen großen Bogen. Dabei kam ja nichts heraus, wie man gesehen hatte....


ENDE
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