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Alt 02.10.2019, 11:14   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Interview mit einer Leseratte

Was war das größte Erlebnis in Ihrem Leben, Mr. Rat?
Als mein Papa mir beibrachte, lesen zu lernen.
Das war sehr früh?
Ja, ich war noch klein. Aber es hat geklappt.
Dann wurde das Lesen zu Ihrer Passion.
Gewiss. Ich habe mich seither durch tausende Bücher gefressen.
Wie haben sie geschmeckt?
Besser als Marmelade und Honig. Die meisten. Aber nicht alle.
Welche nicht?
Die Krimis. Krimis sind langweilig.
Das ist neu.
Man muss eine Leseratte sein, um das rauszufinden.
Was war dagegen spannend für Sie?
Alles, was im Untergrund spielt. An heimlichen Orten. In Kanälen, Kellergängen, Labyrinthen, Kerkern.
Ihre Lieblinsromane?
Die Elenden von Victor Hugo. Und der Graf von Monte Christo.
Und von den modernen Schriftstellern?
Michel Houellebecq, er schreibt so herrlich dekadent.
Sie mögen keine heile Welt, wie mir scheint.
Wo soll die denn sein?
Wenn Sie selbst schreiben würden, was wäre ihr bevorzugtes Thema?
Da gäbe es einen Außenseiter, der von den Ratten deswegen missachtet wird, weil er einen behaarten Schwanz hat. Aber er entwickelt besondere Fähigkeiten, und schließlich wird er gebraucht, um die Rattenwelt zu retten.
Und am Ende wird er in die Gemeinschaft aufgenommen?
Nein, man beißt ihn tot.
Warum das?
Weil die Welt nun mal so ist. Wer nicht heineinpasst, dem dankt man nicht. Man eliminiert ihn.
Das klingt sehr ernüchternd.
Ich habe die Welt nicht geschaffen, wie sie nun mal ist.
Haben Sie denn einen geheimen Traum, wie sie sein sollte?
Nein. Hätte ich ihn und stünde es in meiner Macht, ihn zu verwirklichen, wäre ich Gott.
Der Gott der Ratten.
So ungefähr.
Sie könnten einen Roman schreiben, in dem sie der Rattengott wären.
Nein danke, Fantasy ist nicht mein Metier. Es würde mich deprimieren.
Aber ist ein Rattenheld mit einem buschigen Schwanz nicht auch Fantasy?
Keineswegs. Es könnte sich um eine Mutation handeln, eine Laune der Natur, Außerdem wäre die Geschichte als Parabel zu verstehen.
Wann werden Sie mit dem Schreiben beginnen?
Nie. Ich bin Leser, kein Schriftsteller.
Die diesjährige Buchmesse rückt immer näher. Werden Sie hingehen?
Lieber nicht. Als Ratte ist man bei solchen Veranstaltungen nicht gerne gesehen. Es gäbe nur Aufruhr.
Wo informieren Sie sich über den Buchmarkt?
In meiner heimischen Buchhandlung. Dort kenne ich jeden Winkel, und bis heute hat mich niemand entdeckt. Nicht einmal die Katze. Aber dieses ungebildete Geschöpf döst sowieso nur den ganzen Tag vor sich hin.
Und das genügt, um über das Neuste auf dem laufenden zu sein?
Völlig. Der Laden ist nur klein und muss sich deshalb auf die Neuausgaben und die gängigen Titel beschränken. Außerdem bekomme ich mit, was die Leute bestellen. Daneben gibt es die Fließband-Schreiber, die ich nicht zu beachten brauche. Immer dieselbe Geschichte, nur mit anderen Titeln. Das gilt auch für die Mode-Schriftsteller, die auf jeden Zug aufspringen. Im Augenblick ist Klima angesagt – kann man sich glatt schenken.
Sie halten die Beschäftigung mit den heutigen Problemen also für Zeitverschwendung?
Allerdings.
Da würden Ihnen viele Zeitgnossen aber widersprechen.
Nicht nötig. Sollen sie doch die Bücher kaufen und lesen. Aber sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie danach genauso viel oder wenig wissen wie vorher.
Wie meinen Sie das?
Sehen sie, die Leute, die sich über manche Sachthemen die Finger wund schreiben, wissen selbst nichts Genaues darüber. Ihre Bücher haben nur einen Zweck, nämlich Angst zu verkaufen und die Verlage reich zu machen. Ein paar Wochen später redet kein Mensch mehr darüber, und jeder führt sein Leben weiter wie zuvor.
Also nichts als leere Kalorien?
Das ist der springende Punkt.
Was werden Sie als nächstes lesen?
Erkenne dich selbst von Richard David Precht. Mit Philosophie liegt man immer richtig.
Das ist ein Revoluzzer, finden Sie nicht?
Schon. Aber auch er kann die Philosophiegeschichte nicht umschreiben. Mir gefällt lediglich, wie er sie rüberbringt, nämlich klar und verständlich. Da bekommt man Lust, die Originalwerke zu lesen.
Er stößt also etwas an?
Absolut.
Dann will ich Sie nicht länger von diesem Vergnügen abhalten, Mr. Rat.
Das ist sehr rücksichtsvoll.
Ich danke Ihnen für das Gespräch.
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Alt 02.10.2019, 14:24   #2
männlich Pjotr
 
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Mr. Rat, da stimme ich Ihnen vollkommen zu; der Precht spricht klar und übersichtlich, und das entspringt wohl seiner ebenso klaren Denkweise. Er ist derzeit sicherlich einer der konstruktivsten und ideenreichsten Philosophen im deutschsprachigen Raum. Und ... ja, Mr. Rat, Krimis finde ich auch langweilig. In Krimis klären Kommissare nur destruktive, vergangene Taten; sie konstruieren nichts für die Zukunft, die doch so viel spannender ist.
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Alt 02.10.2019, 17:07   #3
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Zitat:
Welche nicht?
Die Krimis. Krimis sind langweilig.
Das ist neu.
Man muss eine Leseratte sein, um das rauszufinden.
Das ist ziemlich pauschalisierend. „Ich finde Krimis langweilig" oder „Für mich sind Krimis langweilig" wäre besser ausgedrückt.
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Alt 02.10.2019, 17:25   #4
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Das ist ziemlich pauschalisierend. „Ich finde Krimis langweilig" oder „Für mich sind Krimis langweilig" wäre besser ausgedrückt.
Es ist ein Interview, Silbermöwe, keine Reportage. In interviews sind pauschalisierende Aussagen gang und gäbe. Da reden die Leute nun mal drauflos, und die meisten ihrer Aussagen sind kompromisslos.

Hätte ich eine Reportage oder ein Feature geschrieben, wäre dein Einwand natürlich berechtigt.
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Alt 02.10.2019, 17:34   #5
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Insgesamt jedenfalls ein erfrischend anderes Interview .

LG DieSilbermöwe
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Alt 17.10.2019, 07:14   #6
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Ich habe gerade ein sehr interessantes Interview zur Buchmesse gelesen (Norwegen ist Ehrengast auf der Buchmesse):
https://amp.welt.de/kultur/literaris...er-Nation.html

In Norwegen gibt es ein Literaturförderungsprogramm. Das ist wirklich hochinteressant.

Gestern ging die Frankfurter Buchmesse ja los - ich war vor über 20 Jahren mal da, seither nicht mehr. Würde ich in der Nähe wohnen, ich könnte es kaum erwarten, sie mir anzusehen.
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Alt 17.10.2019, 07:55   #7
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Gestern ging es ja los - ich war vor über 20 Jahren mal da, seither nicht mehr. Würde ich in der Nähe wohnen, ich könnte es kaum erwarten, sie mir anzusehen.
Das können sich mittlerweile viele Leute kaum noch leisten. Die Tageskarte kostet, wenn ich mich richtig erinnere, 25 Euro. Dazu käme die Anfahrt, und der RMV ist der teuerste öffentliche Verkehrsdienst Deutschlands . Bei zwei bis drei Zonen (das ist nicht weit, eine Fahrt von 10 bis 15 km in ca. 15 bis 25 Minuten) kostet das Tagesticket rd. 10 Euro. Mit dem Auto nach Frankfurt zu fahren sollte man besser vergessen, es gibt kaum eine autofeindlichere Stadt, und im Augenblick sind Frankfurt/Offenbach sowieso von Baustellen durchsetzt, die den Verkehr zum großen Teil lahmlegen. Will man sich noch verpflegen, ist man schnell bei mindestens 60 Euro. Dafür kann man sich zwei bis drei Bücher oder sechs DVDs kaufen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.10.2019, 07:59   #8
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Zitat:
.Die Tageskarte kostet, wenn ich mich richtig erinnere, 25 Euro.
Das ist happig
Scheinen aber trotzdem viele Besucher zu kommen; eine Arbeitskollegin wollte ursprünglich zu der Zeit nach Frankfurt, einfach so für ein paar Urlaubstage, also nicht wegen der Buchmesse und hat nirgendwo ein Zimmer für den Zeitraum bekommen, es war alles schon ausgebucht, sodass sie zwei Wochen vorher nach Frankfurt gefahren ist.
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Alt 17.10.2019, 08:20   #9
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Das ist happig
Habe nochmal nachgesehen: 22 Euro po Tag und Person.

Hier die anderen Preise:
https://visitortickets.messefrankfur...ap20160620_946
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.10.2019, 08:29   #10
weiblich DieSilbermöwe
 
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Merci allerdings glaube ich nicht, dass ich dieses Jahr hinkomme.
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