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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 01.05.2018, 14:31   #1
männlich Flocke
 
Benutzerbild von Flocke
 
Dabei seit: 12/2016
Ort: NRW
Alter: 67
Beiträge: 60

Standard Gebet eines Ungläubigen

Herr, bist du mir freundlich zugewandt?
Du schenkst mir einen Mantel aus Blei.
Ich trage ihn immer, ich trage ihn mit Stolz.
Er nimmt mir die Luft zur nächtlichen Stunde
und zärtlich schüttelst du mich wie einen alten Hund.

Herr, ich bitte dich!
Das Salz glänzt in der Senke, das Wasser ist verdunstet,
nur als Rinnsal erreichen die Tropfen das Feld.
Der Grund ist gebrochen und versteinert,
die Ernte verkrüppelt für immer
und der nächste Tag bringt nur eine weitere Nacht.

Herr, bitte wende nicht den Blick!
Meine Wunden schmerzen und graben sich tiefer.
mein Denken schrumpft und schleppt sich im Kreise.
Langsamkeit begräbt meine innere Ruhe,
und unter der Maske ist mein Gesicht verbrannt.

Herr, verzeih meine Worte!
Ich weiß, ich verhärte, ich habe Angst.
Mir ist so kalt, aber ist denn Frieren eine Sünde?
Deine Jünger haben mich verjagt!
Ich habe den Glauben verloren,
doch noch immer reißt mich die Hoffnung
wie ein abgetrenntes Bein.

Herr! Lass mich nicht allein!
Habe noch Geduld, ich habe sie verloren!
Ist mein Ende nur noch Erlösung?
Oder ist mein Ende, das Leben, das ich lebte,
Ein gelebtes Leben?

Ich bitte dich!




© Flocke

Geändert von Flocke (01.05.2018 um 18:06 Uhr)
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Alt 01.05.2018, 23:51   #2
weiblich Zaubersee
 
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Dabei seit: 11/2014
Ort: Das Meer ist mein Garten aus Kristallen und Träumen ...
Alter: 62
Beiträge: 2.346

Hallo Flocke,

Wieder ein interessanter, tiefsinniger Text von Dir.
Vielleicht kann man ihn so betrachten:
Da betet ein Mensch, vielleicht mehr zu sich selbst, als zu dem Gott, an den er nicht ( mehr ) recht glauben kann; aber an sich glaubt er auch nicht, und das ist in seiner allzu menschlichen Not ein Dilemma. Er hat kein festes Wertesystem, und das ist es aber, was wir brauchen, um uns im Leben zu orientieren.
Im Oshu Zen Tarot gibt es eine Karte, die nennt sich : Schizophrenie. Sie zeigt einen nenschlichen Körper, der zwischen zwei Felsen fest hängt, die Arme auf der einen Seite, die Beine auf der anderen. Und so hängt er fest und kann nicht vor und nicht zurück. Ist es mit diesem betenden Menschen nicht ähnlich?

Hab ich sehr gern gelesen und bin gespannt, was anderen Lesern noch dazu einfällt.
LG
Zaubersee
Zaubersee ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.05.2018, 06:45   #3
weiblich DieSilbermöwe
 
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Dabei seit: 07/2015
Alter: 56
Beiträge: 4.193

Hallo Flocke,

ich fühlte mich beim Lesen an die Psalmen in der Bibel erinnert (vom Rhythmus her).

Zitat:
doch noch immer reißt mich die Hoffnung
wie ein abgetrenntes Bein.
Den Vergleich finde ich seltsam.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.05.2018, 13:44   #4
männlich Flocke
 
Benutzerbild von Flocke
 
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Ort: NRW
Alter: 67
Beiträge: 60

Hallo Zaubersee und DieSilbermöwe,
(was für romantische Namen)

Es ist ein sehr persönlicher Text. Er bezieht sich auf eine Erkrankung, die mich nicht nur körperlich zunehmend starrer werden ließ. Vielleicht werden so einige Metaphern verständlicher. Das "Gebet" weist auf Tiefpunkte in einer solchen Krankheitsgeschichte (aber auch allgemeiner gesehen z.B. im Verlauf eines Alterungsprozesses). Hoffungslosigkeit und das Gefühl von Ungerechtigkeit können überhand nehmen, und in einem leeren Reflex wird ein längst vergessener Gott ohne Aussicht auf Hoffnung gerufen. Diese Krisenmomente gehören wohl zu solchen Prozessen und bleiben nicht aus.

Das Zen Tarot Bild Schizophrenie veranschaulicht, wie festgefahren eine solche Situation sein kann. Aber hier droht die Gefahr des Absturzes, im "Gebet" ist es mehr die Gefahr, begraben zu werden (Ich kannte dieses Tarotkarten bislang nicht).

"doch noch immer reißt mich die Hoffnung
wie ein abgetrenntes Bein."
Diese Zeilen klingen vielleicht "seltsam". Ich spiele auf Phantomschmerzen an. Amputierte Extremitäten können, obwohl sie nicht mehr da sind, unglaublich schmerzen. Im Text schmerzt die "Hoffnung", obwohl sie längst aufgegeben wurde und nur noch ein Phantom ist.

LG Flocke
Flocke ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.05.2018, 17:32   #5
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
Dabei seit: 07/2015
Alter: 56
Beiträge: 4.193

Hallo Flocke,

in Bezug auf Phantomschmerzen macht die Zeile Sinn. Danke für die Erklärung.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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