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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 31.05.2011, 20:24   #1
St-Jimmy87
 
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Ort: Deinsen
Alter: 32
Beiträge: 16

Standard Aus dem Tagebuch deines Freundes

Wo wollte ich eigentlich nochmal hin? Nirgendwo. Ist auch egal. Ja, gut. Ich habe ein Ziel. Aber das Busfahren an sich ist schon der Selbstzweck. Und gerade als ich diesen Gedanken zu Ende denke, hält der Bus am Bahnhof und verweilt dort für etwa 5 Minuten. Er füllt sich. Langsam aber stetig. Als wir abfahren ist er brechend voll. Jugendliche. Kinder. Es ist gerade Schulschluss. Ein Junge von etwa 16 Jahren bittet mich um den Sitzplatz neben mir. Ich signalisiere ihm mit einem Blick, dass er sich setzen darf. Obwohl ich es lieber gehabt hätte, wenn sich eines der jungen Mädchen neben mich gesetzt hätte. Beispielweise jene, die gerade den Bus betreten hat. Vom ersten Augenblick an erregt sie mein Interesse. Sie ist blond. Die mittellangen Haare neckisch hochgesteckt. Und schlank. Aber nicht zu schlank. Nicht auf eine kränkliche oder magersüchtige Modelart schlank. Einfach eine unbeschreibliche Figur. Etwa vergleichbar mit altgriechischen Bildnissen. In Stein gehauene Perfektion zur fleischlichen Wirklichkeit geworden.

Sie ist schätzungsweise 17 Jahre alt. Aber wahrscheinlich jünger. Das kann man heutzutage ja nur schwer erahnen. Klamotten, die enger kaum sein könnten. Wenn sie selber wüsste, welche Gedanken sie in instabilen Psychen damit schürt. Aber wahrscheinlich weiß sie es. Sie spielt damit. Ihr pinkes, anliegendes Top und die enge Hüftjeans mit den aufgesetzten Strasssteinen lassen der Fantasie jedenfalls nur wenig Spielraum. Jeder Winkel ihrer Nacktheit lässt sich an diesem Outfit erahnen. Und das ist ihr wahrscheinlich gar nicht mal so unrecht. Sie legt es darauf an.

Sie fasziniert mich. Ihr Gesicht ist makellos. Fast puppenhaft. Dennoch versprüht der vegetative Teil ihrer Mimik etwas Natürliches. Etwas Unschuldiges. Auch wenn sie der Welt mit ihrer aufgesetzten lasziven Verwegenheit etwas Gegenteiliges mitteilen möchte. Die Kurven ihres Körpers schmiegen sich, trotz ihres jungen Alters, sehr sanft an eine erfurchtgebietende Perfektion. Und aus ihrem Blick. Aus ihrem Blick spricht eine subtile Arroganz. Als wüsste sie, dass ihr niemand widerstehen könnte. Aber dieser Blick. Gerade dieser Blick lässt mich maßlos wütend werden. Mein Puls beginnt zu rasen. Unklare Gefühle des Zorns, des Selbsthasses, der Ohnmacht und des Neides steigen in mir auf. Es entsteht ein makaberer Cocktail aus realitätsfernen Fantasien. Sie nehmen mich ein. Und während der Bus über die Dörfer zu meinem, ihrem oder vielmehr unserem Ziel schleicht, versenkt sich mein Blick in ihr. Ich gleite in eine andere Ebene meines Bewusstseins. Bin wie betäubt. Sie ist der Täter. Ich bin das Opfer.

Als sich der Bus leert setzt sie sich auf den Platz direkt vor mir. Ich kann sie von hier aus riechen. Ein unbestimmter, süßlicher Duft. Wenn Sünde einen Geruch hätte, würde sie wohl genau so riechen. Ich atme sie, ja SIE, ein. Mir bemächtigt sich ein Gefühl des Verlangens. Sie ist Mein. Sie wird Mein sein. Sie muss Mein werden und niemand wird mich um Dieses bringen und niemand wird es wagen sie mir zu nehmen. NIEMALS!!!

„FUCK!!!“, denke ich. Ich wende meinen Blick ab und versuche so unauffällig wie nur möglich zu wirken. Denn niemand darf es wissen. Es ist unser Geheimnis. Nur wir Zwei wissen davon. Oh, ich war so blöd. Denn es war so eindeutig. Vorhin, als sie einstieg. Da hat sie es mir gesagt. Sie hat mich angesehen. Ihr Blick sagte alles. Er sprach zu mir: „Folge mir! Folge mir und nimm dir was du willst! Mich. Denn nur ich bin es, nach der du begehrst. Nur ich. Und das wissen wir beide. Und nur auf eine Weise kannst du mich dir dein machen.“ So war es. Es war ihr Wille. Ich würde lediglich tun, was sie von mir verlangte.

Sie steigt aus. Ich folge ihr. Wir sind die einzigen Beiden, die in diesem Dorf aussteigen. „Das ist gut“, denke ich mir, „So wird niemand hinter unser Geheimnis kommen“. Sie verlässt die Hauptstraße und biegt in eine Seitenstraße. Ich folge ihr in sicherem Abstand, denn ich will uns nicht verraten. Beim gehen wiegen sich ihre Kurven in einem sanften Rhythmus. Er ist wie hypnotisierend. Ich bin unfähig meine Blicke von ihrem Körper zu lösen. In meinen Gedanken entkleide ich sie. Ihre zarte, helle Haut glänzt wie Alabaster in der Nachmittagssonne. So verletzlich.

Dann biegt sie in einen schmalen Pfad ein, der die Dorfmitte von ihrem Wohngebiet trennt. Der Weg grenzt an ein kleines Waldstück. Ich sehe mich um, ob uns niemand folgt und hole einen Hammer aus meinem Rucksack. Ich erhöhe mein Tempo, hole sie ein und schlage ihr mit dem Hammer auf den Schädel. Mit einem schrillen, heiseren Schrei geht sie zu Boden. Um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich bewusstlos ist, schlage ich noch zwei weitere Male zu. Im Rausch muss ich mich dann aber bremsen. Sie bewegt sich nicht mehr. Aus den drei klaffenden Platzwunden tritt Blut aus. Es strömt nicht, färbt aber ihr blondes Haar, an den Stellen, an denen ich sie traf, dennoch ein wenig rot. Hektisch schaue ich mich um. Es ist niemand da. Ich beuge mich über sie, schließe meine Augen und rieche an ihrem Haar. Es duftet nach Sommer, nach Erdbeereis. Mich durchströmt ein unglaubliches Glücksgefühl. Doch ich muss mich beeilen. Nicht, dass uns jemand entdeckt.

Ich greife unter ihre Arme und zerre sie circa 500 Meter tief in den Wald auf eine kleine Lichtung. Gottseidank ist sie nicht sehr schwer. Sie setze mich auf sie und fahre mit meinen beiden Händen durch ihr Haar. Dann lege ich mein Ohr auf ihre Brust um ihren Herzschlag zu hören. Es schlägt schneller als ich dachte. Ich passe meine Atmung ihrem Herzschlag an. Ich spüre ihre Körperwärme. Wir werden eins. Minuten vergehen.

Dann hebe ich meinen Kopf, küsse sie auf die Stirn und stehe auf. Ich hole ein Seil, ein Stofftuch und Klebeband aus meinem Rucksack und lege die Sachen neben sie. Dann beginne ich sie auszuziehen. Ihr Top, die Jeans, die Unterwäsche. Da liegt sie nun. Völlig nackt. Ich stecke ihre Klamotten in meinen Rucksack, zünde mir eine Zigarette an und betrachte ihren jungen, wunderschönen Körper. In diesem Moment scheint sich in ihr wieder Leben zu regen. Ich beeile mich ihre Hände und Füße zu fesseln, ihr das Stofftuch in den Mund zu stecken und ihr das Klebeband darüber zu kleben. Noch dämmert sie vor sich hin. Ich stecke mir erneut eine Zigarette an und setze mich auf einen Baumstumpf, etwa zwei Meter von ihr entfernt. Sie wird wach. Zunächst ist sie aber vollkommen desorientiert. Als sie mich sieht, beginnt sie die Situation zu begreifen. In ihren Augen ist die subtile Arroganz von vorhin inzwischen blanker Panik gewichen. Sie weint. Ihre Tränen, ihr aufgeregtes Atmen und ihr Blick tränken die Atmosphäre mit der eiskalten Anwesenheit von Todesangst. Ich gehe zu ihr und knie mich vor sie.

„Möchtest du sterben?“, frage ich sie, mit einer Harmonie in der Stimme, mit der man Mädchen sonst eher ins Kino einlädt. Sie schaut zu Boden. Ich flüstere ihr ins Ohr: „Du hast es mir gesagt. Vorhin im Bus. Weißt du noch? Dein Blick. Er hat es mir verraten. In diesem Leben kann ich mit dir nicht zusammen sein, hast du gesagt. Du meintest, du seist zu gut für mich. Und weißt du. Ich verstehe das. Warum solltest du dich auch zu mir herablassen? Aber du hast mir auch verraten wie ich dich haben kann, ohne dass du dein Gesicht verlierst. Ich weiß wie es geht. Denn jetzt. Jetzt werde ich dich töten. Hast du Angst?“ Sie versucht sich verzweifelt zu befreien. Aber die Fesseln sitzen zu fest. Einem Menschen der zu ehrlichem Mitgefühl fähig ist, würde ihr Wimmern sicher durch Mark und Bein gehen. Aber nicht mir. Mich berührt es nicht. Ich muss es tun. Für uns Beide. Ich beginne sie zu würgen und starre ihr dabei tief in ihre blauen Augen. Sie versucht sich zu wehren. Ich drücke fester zu. Fester. Immer fester. Sie versucht sich verzweifelt zu wehren. Ihr Todeskampf ist nahezu spürbar. Er lädt die ganze Umgebung auf, wie Elektrizität…

… Ich komme wieder zu mir. Der Bus ist fast leer. Nur zwei Jungen, sie und ich sitzen noch drin. Ich atme ein paar Mal tief durch, blicke umher, um zu begreifen, wo ich bin. Im Bus. Nicht im Wald. Im Bus. Ich bin noch völlig angespannt. Durchatmen. Ich muss hier raus. Ich brauche ein bisschen Realität. Wo finde ich sie? Draußen. Gottseidank sind wir schon in meinem Dorf. Gleich hält der Bus. Ich stehe auf, gehe Richtung Ausgang und werfe ihr von hinten noch einen verstörten Blick nach. Die Türen öffnen sich. Draußen steht meine Freundin und wartet auf mich. „Ich hab dich schon den ganzen Tag vermisst“, falle ich ihr in die Arme und gebe ihr einen Kuss.

Nur zur Information: Ich habe diesen Text auch in anderen Foren zur Diskussion gestellt. Da es sich dabei um mein geistiges Eigentum handelt, ist dies mein gutes Recht. Also nicht, dass ich Benachrichtigungen bekomme, in denen mir unterstellt wird, ich hätte den Text geklaut und hier geposted. Wer dies in Zweifel zieht, möge es mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln prüfen.
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Alt 31.05.2011, 20:56   #2
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Auch wenn der Text schaurig ist, heiliger Hansi, hat er Substanz und bringt eine (kranke?) Gefühlswelt detailliert zum Ausdruck. Auch treibt die Geschichte ohne Brüche und Umschweife vorwärts. Wenn Du an einigen Formulieren noch feilen würdest, wäre das eine spannende Geschichte, oder besser gesagt: Alptraum.

Beispiel:

Zitat:
Sie fasziniert mich. Ihr Gesicht ist makellos. Fast puppenhaft. Dennoch versprüht der vegetative Teil ihrer Mimik etwas Natürliches. Etwas Unschuldiges. Auch wenn sie der Welt mit ihrer aufgesetzten lasziven Verwegenheit etwas Gegenteiliges mitteilen möchte.
Der Begriff "versprüht" paßt nicht zu "puppenhaft", denn Puppengesichter sind starr.

"... der vegetative Teil ihrer Mimik ...", das klingt geschraubt und gar nicht poetisch, und was soll dieses "vegetativ" hier überhaupt bedeuten?

"... etwas Gegenteiliges": Warum nicht schlicht und einfach: "... das Gegenteil ..."?

"... etwas Natürliches ..." / "... etwas Unschuldiges ...": Vermeide das Wort "etwas" vor einem Hauptwort wie die Pest! Es zieht immer die Frage nach sich: Ja, was denn genau?"

Bei zwei aufeinanderfolgenden Adjektiven wie "aufgesetzten lasziven" sollte das erste verkürzt sein ("aufgesetzt lasziven", ansonsten müßte man sich überlegen, ob sie durch ein Komma zu trennen seien oder nicht).
Sie fasziniert mich. Ihr Gesicht ist makellos. Fast puppenhaft. Und dennoch verzaubernd durch seine natürliche Mimik. Unschuldig. Auch wenn sie der Welt mit ihrer aufgesetzt lasziven Verwegenheit das Gegenteil mitteilen möchte.
Hier könnte man auch sagen: "... das Gegenteil verkaufen möchte ...", das klänge stärker und genauer.

Nur ein Beispiel. Das Du natürlich nicht annehmen mußt. Ich meine aber, daß durch Glättungen aus Deinem Text ein richtig gutes Stück Prosa werden könnte. Die deutsche Sprache ist reich an Wörtern und Ausdrücken, und gerade deshalb kommt es auf jedes Wort an. Also raus mit der Waagschale!

Wenn Du dann noch etwas stärker - ohne es klar zu bennenen, sondern den Leser in Unsicherheit zu wiegen - herausarbeiten könntest, daß dies alles nur eine Allmachtphantasie ist, wäre der Text phantastisch, im wahrsten Sinne des Wortes.

LG
Ilka-M.
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Alt 31.05.2011, 21:21   #3
St-Jimmy87
 
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Standard Antwort auf die Rezension

Da ich mich sonst lyrisch eigentlich eher im Bereich der deutschsprachigen Rockmusik bewege, fühle ich mich fast geehrt, dass meine "allererste" Kurzgeschichte, von Leuten die Anung haben, so wenig zerpflückt wurde. Denn, liebe Ilka-Maria. Du hast eine Schrift von mir einst mit den Worten kommentiert:

"Krass und krank - das Röntgenbild eines Psychopathen, wenn man es derart aufzeichnen könnte. "

Es handelte sich um "Schwarz-weisse Bilder", falls du dich erinnerst. Und jedweden Ratschlag den du mir gegeben hast, habe ich durchdacht, weil ich gerne von Menschen aus allen meinen Lebensbereichen meine Lehren ziehen möchte. Also werde ich auch diesen Kommentar durchdenken. Und wie gesagt: Lasst für mein Erstlingswerk noch den Welpenschutz gelten :-)

LG
Jimmy
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Alt 31.05.2011, 21:44   #4
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Ach, Jimmy, ich reagiere auf manche Texte spontan. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich einen Text, den ich abens um 23 Uhr lese, morgens um 6.30 Uhr ganz anders aufnehmen und kommentieren würde.

Wenn ich ab und zu - es geschieht ja selten - auf Kommentare stoße, die ich vor wenigen Wochen abgegeben habe, erkenne ich mich oft selbst nicht wieder. Offensichtlich verändert sich meine Wahrnehmung und Beurteilungskraft parallel zu der Geschwindigkeit, mit der ich altere.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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