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Alt 15.02.2016, 22:28   #1
männlich stummerbote
 
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Standard Tod der Unschuld (ein Entwurf)

„Willkommen in Hölle Nummer Eins. Ich hoffe du verstehst, dass die Hölle nicht sehr beeindruckend wäre wenn sie dem Touristen die Art von unantastbarer Imunität zugestünde, wie man es von gewissen Erzählungen gewohnt ist. Deine Beteiligung hier ist ganzheitlich und deine Verantwortung fortbestehend. Was hier geschieht und deinen Vorstellungen wiederspricht, dass geschieht aus deinen Versäumissen oder aus deiner Ohnmacht heraus.“ So sprach die Bestie zu mir, und ich war gespannt zu sehen, welche Offenbarungen diesen Worten folgen sollten.
Wir hielten vor einem unauffälligen Bürgerhaus von dem bei unserer Ankunt ein unanständig gemahnendes Munkeln leise aus dem Fenster drang. „Nun, was ist?“, fragte mich das Ungeheuer. „Nur mit Hören allein wäre die Verderbnis nicht annähernd ausreichend gewürdigt, welche in diesem Hause uns ihre Reize darbietet.“ Üble Vorahnungen beherrschten zu diesem Zeitpunkt mein Gemüt, und ich hätte wohl auf der Stelle kehrt gemacht, wäre es nicht eben der Teufel selbst gewesen, der so unerbittlich auf meine Teilnahme bestand und jeder Gadanke an Flucht aussichtslos gewesen (obwohl es der Ehrlichkeit abträglich wäre zu verschweigen, dass auch eine gewisse Neugierde jenseits jeder Vernunft im Spiel war.).
Wir traten also durch das Portal ins Hausinnere und erklommen die Stufen der Treppe den gedämpften Geräuschen dieser Vorgänge entgegen, die, vor meinen Augen noch verborgen, wie geflüsterte Drohungen gegen mein Seelenheil wirkten.
Schliesslich hielten wir im oberen Stock, wo der Teufel, stets einen Schritt hinter mir, mich schweigend aufforderte einzutreten. Zwar lag immer noch die Tür zwischen mir und dem Schrecken der dahinter auf mich lauerte, doch die Klänge, die von aussen horchend nicht weiter von einer allgemein anrüchigen Färbung zu unterscheiden gewesen waren, erwiesen sich aus unmittelbarer Nähe als aufschlussreicher. Es klang als wären drei Personen in diesem Hause: Zwei Männer, dem Klang ihrer Stimme nach mittleren Alters, und ein junges Mädchen. In kurzen Intervallen wechselten sich die Konstellationen der sprechenden, so dass mal die Herren untereinander im Verhandlungston sprachen, dann die Beschwörungen des einen Herren dem Mädchen gegenüber erklangen, welches darüber so verzweifelte, dass sie sich in herzbewegendstem Flehen erbrach, damit wiederum beim ersten Herren Tiraden gröbster Zurechtweisungen auslösend. Ich hatte also bereits eine gute Vorstellung von den frevlerischen Vorgängen die dieses Schein wahrende Gebäude beherbergte, als ich schliesslich, aus Sorge die teuflische Geduld länger als ratsam auf die Probe zu stellen, eintrat.
Das Zimmer, dass sich in der Folge meinen Sinnen übergab, war ein gedrängter, gut überschaubarer Raum, so dass ich meine Befürchtungen auf den ersten Blick bestätigt sah: die Prostitution hatte sich hier eingerichtet. Vom Bett abgesehen, welches im Mittelpunkt des Zimmers stand und die Zimmerinsassen versammelte, mangelte es an nennenswerter Einrichtung; alles schien das kleinst mögliche Zugeständnis an die mit menschlichem Sein einhergehenden Nöte. Mein Herz verengte sich bei der Vorstellung, das dieses zweckmässig eingerichtete Zimmer den Lebensraum des Mädchens darstellte. Die sich an den jeweils entgegengesetzten Bettenden gegenüberstehenden Herrer waren scheinbar zu einer Einigung gekommen. Der von ihnen beiden, der bei früheren Gelegenheiten seine Härte dem Mädchen gegenüber zur Schau gestellt hatte, vermutlich ihr Vater, besiegelte die Abmachung mit einem Händedruck und überliess den Freier sich selbst. Als er das Zimmer verliess, würdigte er uns beim Vorbeigehen keines Blickes, was mir wunderlich schien.

Welch grotesker Anblick: der vom Leben gezeichnete, schwerfällige Körper eines greisenden Mannes, seine Alterslast bedrohlich über der Blüte der Jugend beugend. Das Mädchen unter ihm schien sich ihrem Los schliesslich ergeben zu haben. Ihr Bitten und Flehen war verstummt. Ihr Körper jedoch, dessen Widerwillen sich als störrischer erwies, bebte in einem Zittern von Angst, Wut gegenüber der erleideten Ungerechtigkeit, und angespannter Rachsucht nach. Ich stellte entsetzt fest, dass ich trotz der Schande die sich vor meinen Augen abspielte, nicht drum herum kam die Schönheit des Mädchens anzuerkennen. Der wuchs war noch nicht der einer erwachsenen Frau, und ihre Kindlichen Gesichtszüge waren noch nicht aufgesucht worden von den bestimmenden Konturen des Erwachsenseins, doch eine Art Anachronismus bewirkte dass gewisse Gliedmassen ihrer sonst vorreifen Erscheinung ihr in die Weiblichkeit vorausgeeilt zu sein schienen. Ihr Hals schien so empänglich für Küsse wie der irgend einer reifen Schönheit. Ihre Beine flohen sich bereits auf die Art und Weise in die Länge, die meine Augen veranlassten in konstantierender Wachsamkeit darüber zu gleiten, dabei ein mit der zurückgelegten Distanz wachsendes Gefühl von Errungenschaft empfindend. Ihre Wangen glühten in der universellen Leuchtfarbe des Lebens, und ich glaubte allein druch Sehen die Wärme empfinden zu können die aus ihnen strömen musste. Auch wenn dies mal der Vater vom Handel profitierte, es war klar dass die tatsächliche Kupplerin des Mädchens die Natur selbst war.
Die Natur, die in äusserstem Eigensinn die Schönheit ihter Keimlinge zum erblühen bringt ohne die geringste Rücksicht darauf zu nehmen, was für Folgen dies für jene bedeuten könnte. Wie Schade, dachte ich. Wenn man in diesem Fall mit Vorwürfen gegen die Natur auch nicht sparen konnte: sie hatte ihr Werk meisterlich vollbracht, soviel musste ihr zugestanden werden; und es schien gänzlich unangebracht diesen Ausschank irrdischer Freuden von einem alten Mann eingeweiht zu sehen, dessen Augen zu schwach waren, die seidene Spannkraft dieser milchfarbenen Leinwand junger Haut entsprechend zu würdigen.

Inzwischen hatte die Zeit mir etwas Distanz von diesen schrecklichen Geschehnissen gewährt, welche so kompliant vor sich gehen zu lassen ich mich schuldig gemacht hatte. Keine Worte der Einführung, keine Warnung, kein Spott hatte der Teufel mir mit auf den Weg gegeben, als er mich meiner neuen Destinantion überliess, so dass ich völlig rat- und ahnungslos gewesen wäre was mich erwartete wenn nicht die einsschüchternde Tatsache sich einfürallemal in meinem Bewusstsein verankert hätte, in der Hölle zu sein, und der Gang meiner Fantasie nicht so klar von den erst kürzlich erlebten Schrecken bestimmt gewesen wäre.
Bei meinen neuen Gastgebern handelte es sich um einen 47 – jährigen Herrn und seine 14 – jährige Tochter. Ich hoffte das mulmige Gefühl einer schlechten Vorahnung die ich entgegen einer solchen Belegschaft des Hauses empfand auf blosse paranoide Neigung meinerseits zurückführen zu dürfen, doch wirklich daran zu glauben gelang mir nicht recht.
Auch wenn die ersten drei Tage meines Aufenthaltes verhältnismässig ruhig und ereignislos von Statten gegangen waren, vergass ich nicht, das meinem hiesigen Aufenthalt ein gewisser Zweck zugedacht war und das der Teufel vermutlich nur darauf wartete, dass ich meine Deckung fallen liess. Auch die Zimmerbelegung schien verdächtig: Vater und Tochter lebten in den einander entlegensten Enden des Hauses, und ich, mittendrin, schien eine unausweichliche Zwischenstation, sollte es tatsächlich zu dem verhängnisvollen Zusammenprall kommen. Bislang schien aber wie gesagt nichts danach.
Das soll nicht heissen dass ich hier dem Sinnbild eines harmonischen Familienlebens gewahr wurde, überhaupt nicht. Zwar gestanden sich Vater und Tochter absolute Ruhe und Zurückhaltung zu, die meine schlimmsten Vorahnungen entschärften, doch lag in der Ruhe die zwischen ihnen herrschte eine aufwühlende Verlegenheit die an meinen Nerven zerrte.
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