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Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

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Alt 04.08.2015, 15:44   #1
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Standard Obhut

Auf morschem Schoß sitzt du und klagst.
Ich kann dir nicht genügen.
Als du nach Mamas Rückkehr fragst,
erwäge ich zu lügen.

Derweil fügst du recht ernst hinzu
in düstern Wortgewalten:
"Sie ist viel fröhlicher als du."
Ich kann dich nicht mehr halten.

Mich hältst du bis zum Abendrot
und trocknest meine Wange.
Ich flüstre: "Mama ist jetzt tot",
und du fragst mich, wie lange.
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Alt 04.08.2015, 19:07   #2
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.912

Hallo Schmuddelkind,

ich verstehe es so, dass das Kind auf Vaters oder Großmutter Schoß sitzt, vielleicht, weil die Mutter im Krankenhaus ist. "Wortgewalten" kann ich in dem Ausspruch nicht erkennen, vielmehr Tragik, da es die ersehnte Fröhlichkeit schon nicht mehr gibt.

Gern gelesen
LG gummibazum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.08.2015, 13:33   #3
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.268

Hallo Schmuddelkind,
bewegend, gefällt mir gut!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.08.2015, 15:21   #4
weiblich simbaladung
 
Dabei seit: 07/2012
Alter: 62
Beiträge: 3.056

Hallo, Schmuddelkind,

schön subtil, genau so sollte man solche Szenen zeichnen. Einfach hinschauen,
zuhören, sich bewusst zurückhalten als Schreiber.
Kindern sollte man öfter ganz genau zuhören. Sie können in stillen Momenten
wunderbare Dinge sagen und man steht dann da und sucht hilflos die richtigen Worte.

sehr gern gelesen,
simba
simbaladung ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.08.2015, 11:43   #5
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 21.921

Wundervoll. Traurig. Klasse Wortwahl.
Schmerzhaft.

Lieben Gruß
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.08.2015, 22:19   #6
weiblich Merith
R.I.P.
 
Dabei seit: 10/2013
Ort: Im Isental
Alter: 78
Beiträge: 3.384

Hallo Schmuddelkind,

die letzte Strophe hat mich zum Weinen gebracht, mehr ist nicht zu sagen.

Merith
Merith ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.08.2015, 10:09   #7
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Vielen Dank, ihr Lieben, für die geneigte Aufmerksamkeit.

Zitat:
ich verstehe es so, dass das Kind auf Vaters oder Großmutter Schoß sitzt, vielleicht, weil die Mutter im Krankenhaus ist. "Wortgewalten" kann ich in dem Ausspruch nicht erkennen, vielmehr Tragik, da es die ersehnte Fröhlichkeit schon nicht mehr gibt.
So ähnlich habe ich es auch gelesen, auch wenn in meiner Vorstellung die Mutter schon die ganze Zeit während des Dialoges tot war. Allerdings legt natürlich das Warten des Vaters deine Interpretation nahe, gummibaum. Vor allem geht es hier, glaube ich, um die Überforderung, die sich in einer solchen Situation einstellt: Wie sagt man einem Kind das Unsagbare? Wie soll ich alleine mit dieser Situation klar kommen? Schaffe ich es, ein alleinerziehender Vater zu sein?

"Wortgewalten" habe ich eher wegen des bedrohlichen Anklangs gewählt. Klar, die Absicht des Kindes war eine ganz andere; dennoch wird dadurch eine bedrohliche Situation für das LI unterstrichen.

...Ich sehe gerade, dass hier eine automatische Verschlimmbesserung aktiv ist. Das war früher nicht so. Liegt das an meinem PC? Kann ich das irgendwie wieder abstellen?

Zitat:
bewegend, gefällt mir gut!
Zitat:
die letzte Strophe hat mich zum Weinen gebracht, mehr ist nicht zu sagen.

Hätte nicht erwartet, dass dieses Gedicht solch intensive Regungen auslösen könnte, zumal ich ja schon etwas aus der Übung bin. Aber es ist natürlich eine tragische Situation, die hier dargestellt wird und da sind mir fremde Tränen alles andere als unangenehm. Vielen Dank fürs Hineinfühlen!

Zitat:
Wundervoll. Traurig. Klasse Wortwahl.
Schmerzhaft.
Dankeschön für das Lob bezüglich der Sprache. Ich hatte befürchtet, dass es nicht annähernd die Trauer und den Schmerz des LI ausdrücken würde. Als Autor kann man sich immer schlecht in den Leser hineindenken, der den Text zum ersten Mal vor sich hat, da er ja in mir herangereift ist.

Zitat:
schön subtil, genau so sollte man solche Szenen zeichnen.
Die vorangehende Subtilität war mir ebenso wichtig wie das explizite Ende. Wollte da in der letzten Strophe einen Rüttler haben. Weiß nicht, ob mir das so gelungen ist. Aber grundsätzlich denke ich auch, dass man solche tragischen Momente nicht völlig ausmalen sollte, sondern viel der Fantasie des Lesers überlassen sollte.

Zitat:
Kindern sollte man öfter ganz genau zuhören. Sie können in stillen Momenten
wunderbare Dinge sagen und man steht dann da und sucht hilflos die richtigen Worte.
Absolut. Ein Dialog mit einem Kind kann manchmal eine Offenbarung sein, zumindest aber zum Eintauchen in eine längst vergessene Welt einladen.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.12.2018, 13:20   #8
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
Dabei seit: 10/2016
Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 37
Beiträge: 4.737

Großartig! Mich erschleicht eine unaufhaltsame Traurigkeit, die einer Machtlosigkeit Platz macht. Ich fühle mich klein, ob dieser Zeilen.
Wer hier der Stärkere ist, wer hier wen hält, wen tröstet, ich vermag es nicht zu ergründen.

Ab auf meine Favoritenliste damit.

Gruß Unar
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 13:05   #9
weiblich AlteLyrikerin
 
Benutzerbild von AlteLyrikerin
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Burglengenfeld
Alter: 68
Beiträge: 1.190

Schon viele Leser haben die Großartigkeit dieser Verse gelobt, ihre sublime Wirkung. Ich kann mich dem nur beeindruckt anschließen.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 13:24   #10
männlich Schmuddelkind
 
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Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 33
Beiträge: 4.760

Vielen lieben Dank ihr beiden!

Zitat:
Wer hier der Stärkere ist, wer hier wen hält, wen tröstet, ich vermag es nicht zu ergründen.
Es gibt Momente im Leben, da werden selbst so klare Kategorien (samt ihren Erwartungen) wie "erwachsen" und "Kind" aufgeweicht. Wenn ich es jetzt mit einigem Abstand noch einmal lese, neige ich fast dazu, es gehe im Kern darum. Danke, dass du das aufgeworfen hast, Unar!

Zitat:
Schon viele Leser haben die Großartigkeit dieser Verse gelobt, ihre sublime Wirkung. Ich kann mich dem nur beeindruckt anschließen.
Vielen Dank für diese Worte, ewig junge Lyrikerin. (ich hoffe, ich darf dich so nennen - war nicht despektierlich gemeint)
Dass mir eine derartige Wirkung gelungen zu sein scheint, erfüllt mich mit Dankbarkeit (dem Leser und der Muse gegenüber). Ich denke, es war hier wohl die richtige Wahl, einfach auf die Beschreibung zu setzen und Raum zu lassen, den der Leser selbst mit Gefühl füllen kann.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
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Stichworte
tod, trauer, überforderung

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