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Alt 18.02.2015, 16:25   #1
männlich Pfil
 
Dabei seit: 01/2015
Ort: Westfalen
Alter: 67
Beiträge: 220

Standard Apostroph in Gedichten?

Hallo alle,

ich bekam letztens per privater Nachricht dankenswerterweise einen Hinweis, daß man in Gedichten keine Apostrophe setzen sollte, um einen bestimmten Rhythmus hinzukriegen. Statt des Apostrophs sollten die Vokale eingesetzt werden.

Meine Antwort war:
"...Ich werde es ausprobieren, aber ich weiß schon, daß ich Schwierigkeiten damit haben werde. Mir ist schon häufig aufgefallen, daß Beiträge sich nicht streng an Rhythmus und Versmaß halten, und es kommen ganz supertolle Gedichte dabei heraus. Für mich ist aber der Rhythmus das einzige Kriterium, anhand dessen ich die formale Qualität meiner Verse beurteilen kann. Wenn ich das nicht mehr habe, fange ich an zu schwimmen, ich weiß nicht mehr, wo die Grenze zwischen richtig und falsch ist. Erfahrenere und begabtere Leute (...) haben diese Schwierigkeit wahrscheinlich nicht."

Meine Frage:
Gibt es diesbezügliche Regeln oder Empfehlungen?

Danke im voraus für Eure Antworten
Pfil

PS: Anlaß der PN war: http://www.poetry.de/showthread.php?t=58285
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Alt 18.02.2015, 17:00   #2
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 21.986

Zitat:
Zitat von Pfil Beitrag anzeigen
Meine Frage:
Gibt es diesbezügliche Regeln oder Empfehlungen?
Regeln: nein. Empfehlungen: njein, eher Meinungen.

Es liegt bei Dir, wie Du mit dem Ausparen von Buchstaben umgehst. Die Dichter verlassen sich auf ihr eigenes ästhetisches und rhythmisches Empfinden. Um einen Rhythmus nicht ins Stolpern zu bringen, empfielt es sich durchaus, darüber nachzudenken, ob man "für das" schreibt oder doch lieber "für's". In vielen Fällen ist es bei zusammengezogenen Wörtern inzwischen sogar üblich, den Apostroph wegzulassen.

Der Duden bietet hierfür einige Orientierungshilfen:
http://www.duden.de/sprachwissen/rec...geln/apostroph

Besten Gruß
Ilka
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Alt 18.02.2015, 18:11   #3
männlich urluberlu
 
Benutzerbild von urluberlu
 
Dabei seit: 07/2014
Alter: 69
Beiträge: 2.268

hallo pfil

oberstes prinzip ist: wenn du einen künstlichen (im besten fall: einen künstlerischen) text gestaltest, setzt du selber fest, was geht und was nicht.

in meiner nähe ist gerade in einem weit herum bekannten museum eine grosse ausstellung mit lauter werken des malers gustave courbet. er hat so ziemlich jede regel des guten geschmacks und der ästhetik missachtet und verfolgte nicht einmal konsequent eine gewisse linie in seiner malerei. trotzdem oder gerade deswegen ist er heute ein hingucker und seine bilder werden teuer gehandelt. (das könnte allenfalls auch an seinem einen und einzigen "origine du monde" liegen?)
er hat also wild drauflos verschiedene stilmittel und techniken kombiniert. die spannung, welche das ergab, hat er mehr oder weniger harmonisch aufgelöst. aber der betrachter ist dennoch fasziniert von den bildern.

nun: buchstaben, satzzeichen, apostrophe, reime, versfüsse usw. sind dein material. mach was damit. schreib meinetwegen ein gedicht aus lauter apostrophen. aber mach es spannungsvoll und trotzdem irgendwie harmonisch. fasziniere!

(morgensterns "fisches nachtgesang" kennst du bestimmt.)

schau einfach, dass der leser nicht den eindruck erhält, du setzest deine stilmittel rein zufällig und dem eigenen unvermögen folgend ein. (so wie ich mit "die fichten wickeln sich in weisses fell", was du ja gesehen hast. nur: ob dieser eindruck entstand oder nicht, erfährst du durch die leser. und wenn: in 150 jahren kannst du immer noch berühmt geworden sein, wie courbet.

schönen abend
urluberlu
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Alt 18.02.2015, 18:53   #4
männlich Pfil
 
Dabei seit: 01/2015
Ort: Westfalen
Alter: 67
Beiträge: 220

Ihr Lieben,

Eure beiden Beiträge finde ich wirklich sehr hilfreich. Vielen Dank dafür.
Fisches Nachtgesang kannte ich nicht (bin leider nicht so bewandert, was Poesie angeht), habe es mir aber soeben mit Freude angesehn.

Ich habe das Gefühl, daß ich heute etwas gelernt habe.

Dank + Gruß
Pfil

@ url: Deine Fichten habe ich übrigens nicht so kritisch gesehen. Aber da genau fehlt eben das scharfe Auge ...
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Alt 19.02.2015, 15:28   #5
weiblich Merith
R.I.P.
 
Dabei seit: 10/2013
Ort: Im Isental
Alter: 78
Beiträge: 3.384

Diese Beträge sind sehr aufschlussreich. Ich nehme auch oft Apostrophe zu Hilfe und vernachlässige Vokale. Nach Vollendung eines jeden "Werkes" habe ich mir angewöhnt, den Text laut zu lesen und dabei bemerke ich oft , dass der Text genauso stimmig klingen würde, wenn ich anstelle des Apostrophs den fehlenden Vokal einsetzen würde.
Mein persönlicher literarischer Berater ist Heinrich Heine (lacht' nicht!).
ich sehe gerade, dass es bei ihm nur so von Apostrophen wimmelt.
Der heil'ge Gott, der ist im Licht ...
Er floh vor mir wie'n Reh so scheu ...
Um mit uns sich zu beschäft'gen
und hier sogar in einem Satz : Hab' ich hier die Ehr' zu sprechen ?

Ich habe diese Beispiele natürlich aus den Sätzen herausgerissen, aber auch im Zusammenhang gelesen, wäre das Einsetzen der Vokale in diesen Fällen unmöglich, ja geradezu textzerstörend.

@Ilka
d'accord

Lg
Merith
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Alt 19.02.2015, 15:55   #6
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 21.986

Zitat:
Zitat von Merith Beitrag anzeigen
Mein persönlicher literarischer Berater ist Heinrich Heine (lacht' nicht!).
ich sehe gerade, dass es bei ihm nur so von Apostrophen wimmelt.
Der heil'ge Gott, der ist im Licht ...
Er floh vor mir wie'n Reh so scheu ...
Um mit uns sich zu beschäft'gen
und hier sogar in einem Satz : Hab' ich hier die Ehr' zu sprechen ?
Weshalb wegen Heine lachen? Er hat in seiner Dichtung oft volkstümliche Töne angeschlagen, und gerade die Dichter des Volkstümlichen und des Humors haben Apostrophe sehr häufig verwendet.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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