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Alt 16.04.2015, 11:56   #67
männlich Jeronimo
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Ich mochte die Amis noch nie.
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Alt 16.04.2015, 12:06   #68
männlich Ralfchen
 
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Jochen Bittner ist ein redakteur der tageszeitung DIE ZEIT...

hier ein interessanter ausschnitt aus dem artikel in den OPINION PAGES:



Dressed in a red wool sweater and a thick tweed jacket and sipping white wine, Mr. Grass spent most of the time talking about himself, and how much his work as a public intellectual had influenced our paper, Die Zeit. The longer he spoke, the more clearly I felt what had always made me uneasy about him. And not just him, but the entire class of older left-wing German intellectuals that he represented.

Your generation has had it pretty easy, I wanted to blurt out. You grew big in times when strong ideology and determined judgment counted more than the hard work of examining what is actually going on around us. The way you saw the world counted more than the way it actually was. And there was always a lot of self in your righteousness.

Today we know that ideologies aren’t realities. Writers and intellectuals don’t have that crutch; what is demanded of them, in the first place, is not moral judgment, but clearheaded analysis of our ever-accelerating world. Only in your time, Günter Grass, could you become a moral authority. Today, you would never make it.

I wanted to say all of this, in front of my enraptured colleagues. But I didn’t dare.
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Alt 16.04.2015, 12:14   #69
männlich urluberlu
 
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Einen Schriftsteller auf seine "Moralische Autorität" zu reduzieren, ist eine dem eigenen Selbst dienende Verblendung.
u.
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Alt 16.04.2015, 12:36   #70
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von urluberlu Beitrag anzeigen
Einen Schriftsteller auf seine "Moralische Autorität" zu reduzieren, ist eine dem eigenen Selbst dienende Verblendung.
u.
Genau darauf hat sich Günter Grass selbst reduziert. Selbstverblendung passt genau.

@ Ralfchen
Klasse Artikel. Der Autor ist übrigens ein gebürtiger Hesse.
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Alt 16.04.2015, 12:41   #71
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Genau darauf hat sich Günter Grass selbst reduziert. Selbstverblendung passt genau.
absolut und total in selbstverblendung geschmolzen ...
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Alt 16.04.2015, 13:25   #72
weiblich victim of the night
 
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Zitat:
Zitat von Dabschi Beitrag anzeigen
Sollte unser Dichterstammtisch in Berlin mal wieder stattfinden, werde ich nicht kommen, wenn Ilka auch dabei ist. Ich hab genug gelesen ...
Tja. Der Leser staunt.
In einem Thread, der ursprünglich dem Gedenken an einen gerade verstorbenen grossen Deutschen Dichter gewidmet war, wird Freundschaft zu Feindschaft, wird in grossem Stil Leichenfledderei betrieben, werden persönliche Animositäten exzessiv ausgetragen, wird gelogen, dass sich die Balken biegen, wird dem unbeteiligten Leser klargemacht, dass man Taktgefühl und Pietät bei poetry.de vergeblich sucht.
Nach dem Motto, wenn ein Leitartikler einer Zeitung das kann, dann setze ich als renommierter Hobby- und Freizeitdichter noch eins drauf.
Taktgefühl, Pietät, Wahrheit, Respekt - das geht hier manchem am Arsch vorbei. Es wird geschrieben, als hätte man Günter Grass persönlich gekannt.

Ich bitte die Administration um Erbarmen mit den Toten und darum, diesen ganzen Thread zu löschen. Er widert uns unbeteilgte Leser an.

Corazon De Piedra
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Alt 16.04.2015, 13:54   #73
männlich Ralfchen
 
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erspar uns deinen sermon.du kannst ja jederzeit von hier verschwinden. deine pädophilien interessieren ohnehin kaum jemand. welcher tote braucht erbarmen? das sollte man sich für die lebenden aufheben.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.04.2015, 14:21   #74
Thing
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Zitat:
Zitat von Corazon De Piedra Beitrag anzeigen
Tja. Der Leser staunt.

In einem Thread, der ursprünglich dem Gedenken an einen gerade verstorbenen grossen Deutschen Dichter gewidmet war,

Ich bitte die Administration um Erbarmen mit den Toten und darum, diesen ganzen Thread zu löschen. Er widert uns unbeteilgte Leser an.

Corazon De Piedra
Da ich ein beteiligter Leser bin, widert mich der thread nicht an.
Unbeteiligte haben/hatten derweil genug damit zu tun, angeblich Gestorbene vom eigenen Geriß zu reinigen.
Es ist nämlich hochinteressant, die User mit ihren Meinungen zu lesen.
Es treffen Fronten aufeinander.
Ich bin überzeugt davon, daß der Thread-Löschen-Wünscher nicht e i n einziges Buch von G.G, gelesen hat.
Oder daß er
"ich kniete kurz und klein auf der Schwelle zum Schlafzimmer"
oder
"ich raffte mich zum hohen Bett"
oder
"Kaschubisch wurd ich rausgestoßen"
oder
"ein kleiner Herr in Krieg und Frieden.."
einem Roman von GG zuordnen kann.

Leichenfledderei?

Subjektive Meinungen.
Verboten????

Ich hoffe: Nein.
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Alt 16.04.2015, 14:22   #75
weiblich victim of the night
 
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
erspar uns deinen sermon.du kannst ja jederzeit von hier verschwinden. deine pädophilien interessieren ohnehin kaum jemand. welcher tote braucht erbarmen? das sollte man sich für die lebenden aufheben.
Ich denke, dass dein Kommentar meine Ausführungen bestätigt:

Zitat:
Zitat von Corazon De Piedra Beitrag anzeigen
Tja. Der Leser staunt.
In einem Thread, der ursprünglich dem Gedenken an einen gerade verstorbenen grossen Deutschen Dichter gewidmet war, wird Freundschaft zu Feindschaft, wird in grossem Stil Leichenfledderei betrieben, werden persönliche Animositäten exzessiv ausgetragen, wird gelogen, dass sich die Balken biegen, wird dem unbeteiligten Leser klargemacht, dass man Taktgefühl und Pietät bei poetry.de vergeblich sucht.
Nach dem Motto, wenn ein Leitartikler einer Zeitung das kann, dann setze ich als renommierter Hobby- und Freizeitdichter noch eins drauf.
Taktgefühl, Pietät, Wahrheit, Respekt - das geht hier manchem am Arsch vorbei. Es wird geschrieben, als hätte man Günter Grass persönlich gekannt.

Ich bitte die Administration um Erbarmen mit den Toten und darum, diesen ganzen Thread zu löschen. Er widert uns unbeteilgte Leser an.

Corazon De Piedra
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Alt 16.04.2015, 14:37   #76
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wenn grassophobe und nekrophile sich am totenbett mit klarsfeldunterstützern, krankgeschriebenen und wohlfühllyrikern eine heisse schlacht liefern, dann spricht das dafür, dass der verstorbene doch eine grosse lücke hinterlässt.

eben hat die leiche gelächelt. weiter so!

url
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Alt 16.04.2015, 14:43   #77
Thing
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Zitat:
Zitat von Thing Beitrag anzeigen
Da ich ein beteiligter Leser bin, widert mich der thread nicht an.
Unbeteiligte haben/hatten derweil genug damit zu tun, angeblich Gestorbene vom eigenen Geriß zu reinigen.
Es ist nämlich hochinteressant, die User mit ihren Meinungen zu lesen.
Es treffen Fronten aufeinander.
Ich bin überzeugt davon, daß der Thread-Löschen-Wünscher nicht e i n einziges Buch von G.G, gelesen hat.
Oder daß er
"ich kniete kurz und klein auf der Schwelle zum Schlafzimmer"
oder
"ich raffte mich zum hohen Bett"
oder
"Kaschubisch wurd ich rausgestoßen"
oder
"ein kleiner Herr in Krieg und Frieden.."
einem Roman von GG zuordnen kann.

Leichenfledderei?
Wooo?

Subjektive Meinungen.
Verboten????

Ich hoffe: Nein.

Da wird mal wieder ein bischen
mißgetönt, und schon ist wieder , huch! Bewegung und Erregung.
Hauptsache: In e i n e m Mittelpunkt!


Für mich steht G.G. moralisch und schriftstellerisch weit über dem geliebten, bewunderten, verehrten und ins Höchste gelobte Kriegsverherrlicher Ernst Jünger.
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Alt 16.04.2015, 14:52   #78
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hallo thing

sind dir im krankenhaus deine kabel oder die accounts durcheinandergeraten?
du zitiertest gerade dich selbst!

aber schön, dass du wieder dabei bist.
gute genesung!
url
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Alt 16.04.2015, 14:54   #79
Thing
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Zitat:
Zitat von urluberlu Beitrag anzeigen
hallo thing

sind dir im krankenhaus deine kabel oder die doppelaccounts durcheinandergeraten?
du zitiertest gerade dicht selbst!

aber schön, dass du wieder dabei bist.
gute genesung!
url

In der Klinik keine überflüssigen Kabel. Danke.
Eine Wiederholung kann hin und wieder von Nutzen sein.
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Alt 16.04.2015, 14:58   #80
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von urluberlu Beitrag anzeigen
... dann spricht das dafür, dass der verstorbene doch eine grosse lücke hinterlässt.
Fragt sich, für wen, da seine Zielgruppe längst begonnen hat, ihm nachzufolgen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.04.2015, 22:46   #81
Thing
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Zitat:
Zitat von Dabschi Beitrag anzeigen
Deinen Kommentar finde ich großartig, lieber Jeronimo. Genauso sehe ich das auch. Ich habe nur nicht diese Redegewandtheit wie Du, sonst hätte ich diese Zeilen auch geschrieben.

PS: Sollte unser Dichterstammtisch in Berlin mal wieder stattfinden, werde ich nicht kommen, wenn Ilka auch dabei ist. Ich hab genug gelesen ...

Liebe Dabschi -

das ist für mich ein sehr harter Brocken. Über den ich immer noch grüble.
Darf ich Freundschaften davon abhängig machen, daß ein Freund nicht immer meiner Meinung ist?
Ich sage: Nein.

Ich habe in diesem Forum Ernst Jünger und Stefan George vehement angegriffen. Niemand hat mir das persönlich übelgenommen.
Niemand hat mir die Freundschaft aufgekündigt.

Sollte ich wieder einmal gemeinsam mit Ilka-Maria beim Stammtisch sein, wäre ich froh, wenn auch Du dabei wärest.

Herzlichen Gruß!

Thing, einst Romulus
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Alt 22.04.2015, 14:20   #82
weiblich Rosenblüte
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Ein Facebook-Freund schrieb über Günter Grass:

Wenn einer, der mit Worten spielt,
sich demokratisch sauber fühlt,
emphatisch für die Sozis glüht,
die Welt mit Moralin besprüht,
wenn jener sich dann überhebt
und geistig über allem schwebt,
sich gerne als Gewissen sieht,
den Bogen dabei überzieht,
und dann, so plötzlich über Nacht,
schriftlich ein Geständnis macht,
dass er, und das ist sonderbar,
damals ein SS-Mann war
und als Nobelpreis-Literat
das jahrelang verschwiegen hat.
Der bleibt von Häme nicht verschont,
auch wenn der auf dem Gipfel thront.

(H.H.)


So sehe ich das auch!

Zitat:
Für mich steht G.G. moralisch und schriftstellerisch weit über dem geliebten, bewunderten, verehrten und ins Höchste gelobte Kriegsverherrlicher Ernst Jünger.
Na, das ist ja wohl klar.

Ebenso klar ist für mich, dass Kulturstaatsministerin Grütters mit ihrer Äußerung, Grass' literarisches Vermächtnis werde neben dem von Goethe stehen, ein wenig übertrieben hat. Sicher, er war ein großer Künstler, aber doch nicht einer der größten deutschsprachigen Literaten?!

Möge er dennoch in Frieden ruhen, der große Moralist.
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Alt 22.04.2015, 16:29   #83
Thing
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Zitat:
Zitat von Rosenblüte Beitrag anzeigen





Ebenso klar ist für mich, dass Kulturstaatsministerin Grütters mit ihrer Äußerung, Grass' literarisches Vermächtnis werde neben dem von Goethe stehen, ein wenig übertrieben hat. Sicher, er war ein großer Künstler, aber doch nicht einer der größten deutschsprachigen Literaten?!

Möge er dennoch in Frieden ruhen, der große Moralist.
Nein. Aber wie ich bereits schrieb:
Einer der Herausragenden der Nachkriegsliteratur.
Und ein Multitalent obendrein.
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Alt 22.04.2015, 16:52   #84
weiblich Rosenblüte
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Zitat:
Zitat von Thing Beitrag anzeigen
Nein. Aber wie ich bereits schrieb:
Einer der Herausragenden der Nachkriegsliteratur.
Ich denke, einer unter vielen, die für die Nachkriegszeit von Bedeutung waren. Wie u.a. Paul Celan, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Günter Eich, Uwe Johnson, Peter Rühmkorff, Ilse Aichinger, Ror Wolf, Wolfdietrich Schnure, Peter Weiss, Tankred Dorst...

Aber es ist gut und richtig, die toten Dichter zu ehren. Und er war ja auch ein großer Künstler, wenngleich er ein SS-Mann und Antisemit war. Gott, der ihm offensichtlich gewogen war, da er ihn mit Talenten segnete, möge ihm vergeben.

In diesem Sinne: Mach's gut, Günter Grass!

Liebe Grüße
Rosenblüte

Geändert von Rosenblüte (22.04.2015 um 21:09 Uhr)
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Alt 24.04.2015, 14:44   #85
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Die Irrungen und Wirrungen von Günter Grass

Die zahlreichen Nachrufe auf den Nobelpreisträger Gunter Grass hinterlassen ein buntscheckiges Bild mit auffälligen Lücken, wobei auffällt, wie gezielt und intensiv zusammengehörige historische Fakten ausgelassen werden. Die Folge sind falsche kollektive Geschichtsbilder. Oft wurde beklagt, wie unberechtigt die (auch im Feuilleton der F.A.Z geübte) Kritik daran gewesen sei, dass Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS erst nach sechzig Jahren in "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) bekannt gemacht habe. Solche Kritik verkennt die Situation von Zehntausenden junger Männer kurz vor dem Kriegsende. Diese - auch meine - Generation lebte, sozialisiert in der Hitlerjugend und in den Jahren der NS-Siegesfanfaren und Sondermeldungen zwischen 1939 und 1943, ganz überwiegend im festen Glauben an den sicheren Endsieg, für den sie bis zum Schluss kämpften. Ein guter Freund von mir, damals fünfzehneinhalb Jahre, hat in diesem Glauben im April 1945 bei Garmisch einen amerikanischen Panzer abgeschossen.

Die Werber der Waffen-SS in den Schulklassen und KLV-Lagern der Fünfzehn- bis Siebzehnjährigen hatten 1944 leichtes Spiel, unter ihnen massenhaft "Freiwillige" zum Eintritt in diese vermeintliche Elitetruppe zu überreden oder zu drängen. Das war ein Massenschicksal Jede moralische Kritik an Einzelnen dieser Generation verkennt die damalige Realität. Nur eine feste Verankerung in entgegengesetzten Überzeugungen des Elternhauses konnte das aufhalten, in der Regel dadurch, dass man sich rechtzeitig freiwillig zu einer anderen Waffengattung, etwa der Marine oder der Luftwaffe, meldete.

Das lange Schweigen von Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekommt eine andere Bedeutung durch zwei seiner späteren politischen Aktionen, die in den Nachrufen durchweg verschwiegen wurden. Grass forderte den damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller (1911-1994) Ende der sechziger Jahre in zwei Briefen zur Offenlegung seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auf. Am 15. Juli 1969 schrieb er dem einstigen SA- und NSDAP-Mitglied Schiller, er bitte ihn, "bei nächster Gelegenheit -und zwar in aller Öffentlichkeit - über Ihre politische Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen". Weiter hieß es: "Ich. hielte es für gut, wenn Sie sich offen zu Ihrem Irrtum bekennen wollten. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie ein reinigendes Gewitter." Ein Jahr später, am 28. April1970, schrieb Grass abermals an Schiller, verwundert darüber, dass dieser seine Mitgliedschaft bei der NSDAP noch nicht zum Thema gemacht habe: Er habe lange darüber nachgedacht, "wie es möglich sein kann, dass ein Politiker mit so viel Weitblick und Erfahrung ... so verengt reagieren kann".

Grass hat übrigens 2010 gegen die F.A.Z. ein juristisch höchst umstrittenes Unterlassungsurteil des Landgerichts Hamburg gegen die Veröffentlichung der genannten Briefpassagen erwirkt. Das Gericht meinte, die Publikation der Briefe verletze sein "Urheberrecht" an diesen Brieftexten und zugleich sein allgemeines Persönlichkeitsrecht. Damit wurde insoweit ein gerichtliches Schweigegebot über die NS-Vergangenheit von Günter Grass verhängt, obwohl dieser in genau diesen Briefen für Karl Schiller das Gegenteil forderte, nämlich ein Redegebot bezüglich seiner NS-Mitgliedschaften. Ein seltsames Recht auf "kollektives Beschweigen"?

Die zweite politische Aktion, die der Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS eine spezifische Bedeutung gab, war sein Protest gegen den gemeinsamen Besuch von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg 1985. Von den dort begrabenen Kriegstoten sind 43 Soldaten der Waffen-SS zugeordnet, darunter ein 23-jähriger Untersturm führer und neun Unteroffiziere. Bei den übrigen handelt es sich überwiegend um Wehrpflichtige im Alter von 17 bis 19 Jahren.

Grass kommentierte diesen als Zeichen der Versöhnung gedachten Friedhofsbesuch der beiden Staatsmänner und ehemaligen Feinde in der "Zeit" vom 10. Mai 1985 als eine ,,Geschichtsklitterung" des Bundeskanzlers. Angesichts seiner eigenen NS-Geschichte wäre es ehrlich gewesen, wenn er damals- nicht erst 2006 - bekundet hätte: "Hier hätte auch ich liegen können." Sein politisch wie historisch verengter Horizont wurde beim Fall der Mauer 1989 und dem Zusammenbruch der DDR noch einmal deutlich. Bei zahlreichen öffentlichen Auftritten verkündete Grass, der Verzicht auf die Wiedervereinigung und einen einheitlichen deutschen Nationalstaat sei das notwendige und gebotene Sühneopfer für Auschwitz: "Der Ort des Schreckens, als Beispiel genannt für das bleibende Trauma, schließt einen zukünftigen deutschen Einheitsstaat aus." Seine Aggressionen gegen Karl Schiller und Helmut Kohl wirken vor dem Hintergrund seiner eigenen, verschwiegenen Geschichte als Zeugnis gespaltenen Bewusstseins und ein ungewolltes politisch-moralisches Selbstbildnis.

PROFESSOR DU. BERND RÜTHERS, BOTTIGHOFEN, SCHWEIZ
Leserbrief, F.A.Z. v. 24.04.2015

http://www.jura.uni-konstanz.de/prof-ruethers/

Geändert von Ilka-Maria (24.04.2015 um 18:57 Uhr) Grund: Konvertierungsfehler bei der Zeichensetzung.
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Alt 24.04.2015, 15:34   #86
Thing
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Ich finde den SPIEGEL-Artikel interessanter, weil er in meinen Augen ungefärbter ist.
Geschmacksache.
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Alt 24.04.2015, 16:10   #87
weiblich Ilka-Maria
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Das ist kein Zeitungsartikel, sondern ein Leserbrief (steht unten drunter), quasi ein Nachzügler. Die Tageszeitungen sind mit dem Thema längst durch.

LG
Ilka
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Alt 24.04.2015, 16:33   #88
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Ganz genau, hier, lesen und die Klappe halten, der Mann ist schließlich ein Professor und der muß es ja wissen. Dumm nur, dass auch hier völlig außer acht gelassen wird, welchen nationalsozialistischen Hintergrund der spätere Wirtschaftsminister Karl Schiller hatte und wie alt er in der betreffenden Zeit war. Grass war 1944 17 Jahre alt. Aber egal, wir bauen mal eben eine Brücke zu seinen späteren pol. Aktionen und lassen wichtige Faktoren einfach mal raus, weil es ja so herrlich passt, nicht wahr? Man kann sich sehr viel ersparen, wenn man einfach mal nachrechnet und die Relationen sieht. Aber diese ganzen spuckenden und nachtretenden Foren- und Facebookspinner, entschuldigung, ich meinte die Internetmoralisten und die ausgewiesenen Nichthistoriker, die Aversionisten und letzten Polemiker, ja die hätten sich selbstverständlich ganz anders verhalten aber tausendprozentig!
Ex Richard L. ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.04.2015, 17:15   #89
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Farrell Beitrag anzeigen
Aber diese ganzen spuckenden und nachtretenden Foren- und Facebookspinner, entschuldigung, ich meinte die Internetmoralisten und die ausgewiesenen Nichthistoriker, die Aversionisten und letzten Polemiker, ja die hätten sich selbstverständlich ganz anders verhalten aber tausendprozentig!
Mit Sicherheit nicht. Aber sie hätten die Klappe gehalten, statt mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Zitat:
der Mann ist schließlich ein Professor und der muß es ja wissen ...
Nein, muss er nicht, aber er darf eine Meinung haben. Erwähnt habe ich seinen Beruf als Hinweis darauf, dass er kein Journalist ist. Außerdem gehört es sich, bei einem Zitat die Quelle anzugeben.

Du bist wirklich zu beneiden, dass Dein Kommentar so völlig frei von Polemik und kein bisschen aufgeregt ist. Glückwunsch!
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.04.2015, 17:49   #90
Ex Richard L.
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Wie, das wars? Eine kleine Aufklärung, wie Quellenangaben zu schreiben sind, ein kleiner Seitenhieb, weil Du Sarkasmus mit Polemik verwechselst?

Ach, ich könnte dich knuddeln, Tante Ilka!!
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Alt 24.04.2015, 18:33   #91
weiblich Rosenblüte
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Zitat:
Zitat von Thing Beitrag anzeigen
Ich finde den SPIEGEL-Artikel interessanter, weil er in meinen Augen ungefärbter ist.
Geschmacksache.
Ich finde den Tagesspiegel-Artikel sehr interessant, der anlässlich seines Gedichtes "Was gesagt werden muss" erschienen ist.

Der Tagesspiegel: Günter Grass – ein Kreis schließt sich
Rosenblüte ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.04.2015, 19:12   #92
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Rosenblüte Beitrag anzeigen
Ich finde den Tagesspiegel-Artikel sehr interessant, der anlässlich seines Gedichtes "Was gesagt werden muss" erschienen ist.

Der Tagesspiegel: Günter Grass – ein Kreis schließt sich
Ich kann mich an den Artikel erinnern.

Es ist ein ziemlich starkes Stück, einem Gedicht solch einen Titel zu geben, aber gerichtlich die Veröffentlichung von Briefen zu verhindern, die abgesandt und somit im Besitz der Adressaten waren. Offensichtlich durfte nach Meinung von Herrn Grass nur das gesagt werden, was er für richtig und notwendig hielt. Es musste ihm doch vorher klar sein, dass ein Brief, erst einmal abgeschickt, nicht mehr in seiner Verfügungsgewalt steht.

Egal: Mir ging es bei der Veröffentlichung des Leserbriefs von Prof. Rüthers nicht um die Auseinandersetzung in der Presse, sondern ich sah darin eine gute Zusammenfassung dessen, in was sich Grass immer weiter hineingeritten hat. Die breite Öffentlichkeit vergißt so manches nämlich schnell wieder.

Zitat:
Farrell: Das wars? Eine kleine Aufklärung, wie Quellenangaben zu schreiben sind, ein kleiner Seitenhieb, weil Du Sarkasmus mit Polemik verwechselst?
Nöö, ich wollte Dich nicht hauen. Du hast Dich aufgeregt, und das hat einen hohen Spaßfaktor. Kann so bleiben. Übrigens ist Sarkasmus nicht das Gegenteil von Polemik, die beiden ergeben zusammen ein hübsches Paar.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.04.2015, 19:31   #93
Ex Richard L.
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Ich bin die Ruhe selbst, da kannst Du sicher sein. Wenn jemand Spaß mit Deinen Ausführungen bzgl. G. Grass hat, dann bin ich das. Mein Gott, wie übelst gesäuert Du hier in einen toten Nacken trittst. Dafür sage ich: Glückwunsch!


P.S: Das ist Polemik in Reinform:

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Die breite Öffentlichkeit vergißt so manches nämlich schnell wieder.
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Alt 24.04.2015, 20:01   #94
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Farrell Beitrag anzeigen
... wie übelst gesäuert Du hier in einen toten Nacken trittst.
Die übliche Argumentationskeule: Über Tote darf niemand schlecht sprechen, jedenfalls nicht, wenn Du anderer Meinung bist. Wenn der Sargdeckel zugeklappt ist, wird die Lebensgeschichte umgeschrieben und die Leiche zu einem Heiligen gemacht. Früher hatte man Keilschriftzeichen aus den Stelen meißeln lassen, um das Gedächtnis der Menschheit zu leeren. Im Zeitalter der Medien und Datenspeicher ist es aber nicht mehr so einfach, alte Sünden wie einen Stein im Ozean zu versenken. Das hätte Herr Grass wissen und seine Handlungen vor ihrer Durchführung gründlicher überdenken müssen. Dazu war er aber zu eitel, er konnte nicht widerstehen, sich auf den Sockel des Moralisten zu stellen, vor allem, wenn es darum ging, sich damit seiner Partei anzudienen (... ich weiß, ich weiß, aus der er wieder ausgetreten ist - wie gesagt, der Mann war von einer unübertrefflichen Eitelkeit).

Mit der Masche "Tote sind unangreifbar" brauchst Du mir nicht zu kommen. Grass war und ist ein Mensch der Öffentlichkeit, hat sich als solcher bewusst präsentiert und wird deshalb immer in der Kritik stehen. Insofern ist er unsterblich. Dafür hat er schon mit der sehr inividuellen Vergabe seines Nachlasses beizeiten gesorgt. Grass hatte weder sein Auftreten in der Öffentlichkeit, noch hat er die Verwaltung seines Erbes dem Zufall überlassen. Er hat sich selbst zu Lebzeiten bereits musealisiert aus nackter Angst, in Vergessenheit zu geraten. Er wusste nämlich eins: Er war ein Epochen-Literat in einer sehr speziellen Zeit, deren Nerv in den Nachfolgegenerationen schon bald nicht mehr spürbar sein wird. Für die Jugend sind die Werke des Herrn Grass mindestens so ätzend wie Döblins "Berlin, Alexanderplatz", die preußische Gesellschaft in Fontanes "Effi Briest" oder Storms Novelle von dem Deichgrafen. Klassiker - das ist richtig, aber für die heutige Generationen Werke aus der Steinzeit.
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Alt 24.04.2015, 20:06   #95
Ex Richard L.
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Zitiertes ist kein Argument, sondern eine reine Feststellung. Ich sag doch, ich bin die Ruhe selbst. Du machst hier den Wind.
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Alt 24.04.2015, 20:08   #96
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Zitat:
Zitat von Farrell Beitrag anzeigen
Zitiertes ist kein Argument, sondern eine reine Feststellung. Ich sag doch, ich bin die Ruhe selbst. Du machst hier den Wind.
Komisch - es pfeift aber immer aus Deiner Richtung.
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Alt 24.04.2015, 20:14   #97
Ex Richard L.
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Und jetzt raus in den Hof zum Seilchenspringen. Zieh ne Jacke an, wird kalt..
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Alt 24.04.2015, 20:15   #98
Thing
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Das ist kein Zeitungsartikel, sondern ein Leserbrief (steht unten drunter), quasi ein Nachzügler. Die Tageszeitungen sind mit dem Thema längst durch.

LG
Ilka
Das ist mir klar, Ilka-Maria.
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Alt 24.04.2015, 21:04   #99
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Zitat:
Zitat von Farrell Beitrag anzeigen
Und jetzt raus in den Hof zum Seilchenspringen. Zieh ne Jacke an, wird kalt..
Zu spät, Farrell. Der Mann ist verstorben.

Vor dem Leistungssport ist es ratsam und auch üblich, die Jacke auszuziehen. Altehrwürdige Literaten frommt das natürlich nicht, die schwören auf Großmutters Strickmuster und Warmhalteparolen.

Mit so 'ner Pipe im Schnabbel sieht Seilhüpfen gar nicht mal so langweilig aus.
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