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Alt 22.11.2009, 01:42   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Ist Lyrik ein Stiefkind der Literatur?

Liebe Poetrie-Gemeinde,

immer wieder wird behauptet, die Lyrik sei ein Stiefkind der Literatur. Wirtschaftlich gesehen, mag das so sein: Mit Lyrik läßt sich selten Geld verdienen, das zum Leben reicht, bescheinigen doch die Verkaufszahlen von Lyrikbändchen, daß andere Literaturformen beliebter sind.

Andererseits gibt es viele Initiativen zugunsten der Lyrik. Die Jokers Internet-Datenbank deutscher Gedichte veranstaltet in Zusammenarbeit mit einem Buchverlag jedes Jahr einen Gedichtewettbewerb, der diesjährige ist der zwölfte. Es gibt drei Hauptpreise, etliche Nebenpreise, und die besten Gedichte werden von dem Verlag in einer Anthologie veröffentlicht.

Ich habe die diesjährige Anthologie Nr. 12 gekauft und dabei festgestellt, daß sie Gedichte von 3.750 (!) Autoren umfaßt – pro Autor ein Gedicht, das macht also 3.750 Gedichte für das Jahr 2009. Ein ordentliches Werk, das den Ladenpreis von ca. 60 Euro rechtfertigt. Ich habe Stichproben gemacht und muß sagen, die Gedichte sind in der Tat ausgewählt (wobei ich nicht sagen will, daß jedes davon meinen Geschmack trifft).

Angesichts des Umfangs und der Qualität dieser Anthologie habe ich Zweifel, ob Lyrik wirklich das Stiefkind ist, als das es hingestellt wird. Wenn so viele Menschen Lyrik schreiben, und zwar ernsthaft und mit Leidenschaft, dann muß es doch auch mindestens ebenso viele Menschen geben, die Lyrik lesen.

Und deshalb ein paar Fragen: Weshalb wird behauptet, kaum jemand interessiere sich für Lyrik? Und stimmt das überhaupt? Und wenn es nicht stimmt, weshalb verkauft sich Lyrik dann so schlecht?

Eure Meinung ist gefragt.

LG und allen einen schönen Sonntag,
Ilka-M.
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Alt 28.11.2009, 15:53   #2
weiblich Ex-rumpelstilzchen
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Leider ist es so, dass deutsche Buchläden selten, und wenn dann wenige, Lyrikbände ausliegen haben. Möchte ich kaufen, muss ich gezielt bestellen.
Lyrik, und leider auch oftmals hochprämierte Lyrik, wird in den letzten Jahren immer unverständlicher. Sie strotzt nur so von hohlen Phrasen oder verworrenen Gedankengängen. Ich finde das sehr traurig, sollten doch Gedichte jedem zugänglich und erschließbar sein und nicht nur einigen Wenigen, die sich besonders "intelektuell" verkaufen wollen.

Für dich, geliebte Lyrik

Was soll mir, Lyrik, hohles Sinngeschwafel?
Ich hätt` so gern vereint an deiner Tafel
den Dichter, Künstler und den Handwerksmann.
Damit ein Jeder dich erfühlen kann.

Aus prallem Leben nur entspringt die Poesie.
Bist ohne Blut du, Lyrik, werden nie
aus deinen zarten Knospen Blüten sprießen.
Verständlich soll das Wort durch deine Venen fließen.

Damit dein Volk, egal ob Kind, ob Frau, ob Mann,
dich wieder liest und dich verstehen kann!

Damit die Lyrik kein Stiefkind bleibt, dafür schrieb ich es. Möge es auf offene Ohren treffen.
LG
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Alt 02.12.2009, 00:03   #3
weiblich IsabelG
 
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@Rumpelstilzchen

Zitat:
Lyrik, und leider auch oftmals hochprämierte Lyrik, wird in den letzten Jahren immer unverständlicher. Sie strotzt nur so von hohlen Phrasen oder verworrenen Gedankengängen. Ich finde das sehr traurig, sollten doch Gedichte jedem zugänglich und erschließbar sein und nicht nur einigen Wenigen, die sich besonders "intelektuell" verkaufen wollen.
erstens finde ich das zu pauschal. Damit will ich sagen dass es schon immer Lyrik gab die "unverständlich" ist, ich denke da an Poe und G.Stein, nur mal ein Beispiel. Wer mal versucht mit Vernunft ihre Werke zu verstehen wird scheitern. Es gibt, finde ich auch heutzutage noch genug Lyrik die für den "einfachen Mann" geschrieben sind. Da kommen wir zum nächsten Punkt, ich bezeichne mich auch als "einfache Frau", trotzdem lese ich gerne Dinge die nicht auf anhieb verständlich oder zugänglich sind und mit ein wenig Gefühl und Distanz gelingt mir sogar manches mal eine Interpretation. Dabei spielt es keine Rolle ob meine Interpretation sich mit der Intension des Autors deckt. Hier würde ich einfach mal von Geschmackssache sprechen. Ausserdem finde ich in meinem bevorzugten Buchladen noch genug Lyrik (ohne sie zu bestellen) um mich damit ein ganzes Jahr wenn nicht noch mehr zu beschäftigen.
"Unverständliche" Lyrik zu lesen erfordert meines Erachtens nur geduld mehr nicht- man bekommt nicht alles serviert auf dem goldenen Tablett.

@Ilka-Maria

In vielen Punkten die du ansprichst stimme ich dir zu. Jedoch verstehe ich eins nicht, bzw verstehe hier das Argument nicht so ganz.

Zitat:
Wenn so viele Menschen Lyrik schreiben, und zwar ernsthaft und mit Leidenschaft, dann muß es doch auch mindestens ebenso viele Menschen geben, die Lyrik lesen.
nur weil viele Menschen Lyrik schreiben heisst es nicht das viele Menschen gut schreiben aber das ist Ansichtssache. Doch nur weil so viele schreiben heisst es noch lange nicht das ebenso viele Menschen diese Lesen. Zwischen Schreiben und Lesen liegt noch ein Unterschied. Viele Menschen mögen Pizza dafür gibt es ebenso viele Menschen die keine Pizza mögen, demnach müsste es deinem Argument zufolge ebenso viele Menschen geben die keine Lyrik mögen. Oder?

Gruß,
Isabel
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Alt 02.12.2009, 08:26   #4
weiblich Ilka-Maria
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Beiträge: 21.910

Zitat:
Jedoch verstehe ich eins nicht, bzw verstehe hier das Argument nicht so ganz.


Zitat:
Wenn so viele Menschen Lyrik schreiben, und zwar ernsthaft und mit Leidenschaft, dann muß es doch auch mindestens ebenso viele Menschen geben, die Lyrik lesen.
Liebe Isabel,

das sollte kein Argument sein, sondern als rein rethorische Frage aufgefaßt werden, um Meinungen zu inspirieren. Statt "muß" hätte ich vielleicht "müßte" schreiben sollen, dann wäre es wohl klarer gewesen.

LG
Ilka-M.
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Alt 02.12.2009, 08:30   #5
weiblich Ex-rumpelstilzchen
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Nun, Isabel, wenn wir hier Bratkartoffeln mit Roter Grütze mischen, wird die Sache ungenießbar. Ganz abgesehen davon, dass ich meine subjektiven! Gedanken zum Thema geäußert habe und diese niemandem aufzwingen will, ging es darum, ob und warum Lyrik ein Stiefkind der Literatur ist. Wenn die breite Masse lesen soll, müsste auch mehr für alle im Angebot sein. Und manches, was der Kommerz anbietet, verschreckt die Menschen eher. Ob Kunst, Sport, Malerei- sie sind leider immer ein Lieblingskind des Kommerzes.
LG
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Alt 02.12.2009, 08:56   #6
weiblich IsabelG
 
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@Ilka-Maria

Zitat:
das sollte kein Argument sein, sondern als rein rethorische Frage aufgefaßt werden, um Meinungen zu inspirieren.
ja und ich fragte nach aber gut, das "müßten" erklärt schon mehr.

@Rumpelstilzchen

Zitat:
Nun, Isabel, wenn wir hier Bratkartoffeln mit Roter Grütze mischen, wird die Sache ungenießbar.
ja eine Meinung unter vielen.

Zitat:
Ganz abgesehen davon, dass ich meine subjektiven! Gedanken zum Thema geäußert habe und diese niemandem aufzwingen will, ging es darum, ob und warum Lyrik ein Stiefkind der Literatur ist.
ich zwinge hier ebenfalls keine Meinung auf, ich stelle nur in Frage da mein Beitrag (siehe Oben) auch nur meine Subjektive! Meinung darstellt und hier sowieso nichts anderes als Subjektives gilt wäre ich auch nie auf den Gedanken gekommen du hättest etwas anderes meinen können.

Zitat:
Und manches, was der Kommerz anbietet, verschreckt die Menschen eher. Ob Kunst, Sport, Malerei- sie sind leider immer ein Lieblingskind des Kommerzes.
dann dürfte es kein Kommerz sein was ich zu Zeit an Lyrik lese, dabei nehme ich an es dürfte so manchen Erschrecken und mich Verzücken. Ich glaube jedenfalls nicht das dies der Grund ist warum die Lyrik angeblich das "Stiefkind der Literatur" sein soll.
IsabelG ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.02.2010, 01:20   #7
Durcheinandra
 
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Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Lyrik zum Stiefkind geworden ist. Sie hat nunmal einen schlechten Ruf. Mein Eindruck ist, dass sie oft als „unhandlich“, oder aber als „verkitscht“ wahrgenommen wird. Ob das nun gerechtfertigt ist, sei mal dahin gestellt.

Ich kenn das noch von der Schule: Mit Goethe und Schillers lyrischen Werken konnte keiner was anfangen. Bei Eichs Inventur schienen alle zu denken: „Pah, das könnte ich auch.“ Die Betonung liegt auf könnte. In der Schule wirkt Lyrik entweder verstaubt, banal oder hoffnungslos verquert.

Überdies glaube ich, dass viele nicht wissen, wie lyrisches Lesen funktioniert – so doof sich das auch anhört. Ein Roman erschliesst sich schneller, da wir mit Prosa vertrauter sind. Viele unterschätzen auch die thematischen Möglichkeiten der Lyrik. So zumindest mein Eindruck.

Einen Untergang der Lyrik nehme ich trotz allem nicht wahr. In der Musikbranche zum Beispiel verstecken sich einige sehr begabte Dichter. Aber Gedichte lesenderweise zu erkunden, das scheint immer uncooler zu werden. Und das ist schade.
Durcheinandra ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.02.2010, 19:40   #8
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
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Standard Ein paar Zahlen zum Thema

Heute bin ich beim Lesen der FAZ auf einen Artikel gestoßen, der die folgende Passage enthält:

"... Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ... nur Dunkelziffern. Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um 300 handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1.354 schätzte - aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis 700 Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. Aber da große Komponisten keine Gedichte mehr vertonen und auch ein Herbert Grönemeyer seine Liedtexte selbst schreibt, ist es um die Massenwirksamkeit von Lyrik schlecht bestellt ..."

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Februar 2010, Seite 35)
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