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Theorie und Dichterlatein Ratschläge und theoretisches Wissen rund um das Schreiben.

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Alt 20.12.2016, 17:22   #1
männlich Ex Yuki
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Standard Was sind gute Anfängerrhythmen?

Was sind einfach zu gebrauchene Rhythmen?

Ich will mich mehr meinem kaum vorhandenen Rhythmus widmen.
Jetzt lese ich gerade ein Buch.
Es ist verwirrend, doch scheint es mir,
als seien verschiedene Rhythmen einfacher zu benutzen.

Im Besonderen:
Jamben:
- Alexandriner
Trochäen:
- Fallender Viertakter
- Fallender Fünftakter
- Fallender Sechstakter
Daktylen:
- Viertaktige Reihen

Also:
1) Sind obige Varianten einfach zu nutzen?
2) Woran erkenne ich, ob ein "Auftakt" vorhanden ist
und gibt es einen Auftakt mitten in der Zeile?
3) sind "männliche Kadenzen" einfacher zu reimen?
4) sind "Waisen" schlechter Stil?
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Alt 22.12.2016, 20:58   #2
männlich Ex Yuki
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Also, ich will mit dem soeben aufgesogenem Fachgebrabbel nicht vergraulen,
aber ich wollte vor allem wissen:

Welche Rhythmen sind einfach zu erlernen?
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Alt 22.12.2016, 21:03   #3
männlich urluberlu
 
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Ich hätte eine einfache Lösung:
Schreib mal ein paar verse, die du rhythmisch gut findest.
Dann schaut sich das vielleicht jemand an und sagt dir, wie sein rhythmusempfinden darauf reagiert.
und wenn es denn unbedingt nach grauer theorie sein muss, dann versuch, den rhythmus eines beispiel-, buw. vorbildgedichtes zu kopieren mit einem eigenen text.
aber vergiss deine frage.
schönen abend noch
url
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Alt 23.12.2016, 00:04   #4
Stachel
 
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Zitat:
Zitat von Yuki Beitrag anzeigen
Was sind einfach zu gebrauchene Rhythmen?

[...]

Also:
1) Sind obige Varianten einfach zu nutzen?
2) Woran erkenne ich, ob ein "Auftakt" vorhanden ist
und gibt es einen Auftakt mitten in der Zeile?
3) sind "männliche Kadenzen" einfacher zu reimen?
4) sind "Waisen" schlechter Stil?
Hallo Yuki!

1) Ich glaube, dass Zweierrhythmen (aka. Jambus und Trochäus) am Anfang einfacher zu nutzen sind als Dreierrhythmen. Für passionierte Walzertänzer mag es aber anders sein.

2) Ein Auftakt steht immer am Anfang des Verses. Das Konzept ist der Musik entlehnt und geht davon aus, dass ein Vers mit einem umvollständigen Versfuß beginnt. Der Auftakt ist dabei regelmäßig unbetont. Ein Jambus kann daher auch als Trochäus mit Auftakt verstanden werden. Der Amphibrachys wird fast immer als Daktylus mit Auftakt interpretiert.

Ich persönlich halte das Auftaktkonzept nur in Ausnahmefällen für sinnvoll anwendbar. Er dient vor allem der "flexiblen Interpretation" von Gedichten.

3) Ist "klein - fein" einfacher zu reimen als "singen - klingen"? Für mich macht es keinen Unterschied, wenngleich man für einen unbetontes Versende (zu "männlich/weiblich" empfehle ich diese kurze Abhandlung) zwei Silben reimen muss, entgegen einer Silbe im betonten Fall.

4) Waisen sind ein Stilmittel. Ob sie "schlechter Stil" sind, liegt in der Art ihrer Verwendung. Waisen haben eine bestimmte Wirkung und können gezielt dafür genutzt werden.
Jedes noch so gute Stilmittel kann ungünstig verwendet werden. Das macht wohl den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Stil aus.

Freundliche Grüße von
Stachel
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Alt 23.12.2016, 00:47   #5
männlich fennigpfux
 
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Bevor ich nicht antworte, Yuki,
muss ich mich nochmals bei urluberlu ranschmeißen:
- Vergiss Deine Frage -
Das scheint mir der wichtigste Hinweis zu sein.

Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu den nach vorn gestellten Stilmitteln.
Zuerst kommt Inhalt, Inhalt, Inhalt.
Diesen Inhalt (Blödsinn ist auch Inhalt) singe ich mir wieder und wieder vor.
Manches Mal träller ich erst die Hilfsmelodie und singe dann drauflos, was mir einfällt.
Klemmt es irgendwo, schreibe ich für die Fehlstelle "dibadi". Das ersetze ich erst ganz zum Schluss.
Habe ich vor, nicht dreckig sondern sauber zu bauen, singe ich alle 1.Zeilen (alle 2.Zeilen, usw.) hintereinander und merke so, ob sie kongruent sind.

Komme ich auf eine andere Aussage zum Schluss des Textes,
als der Text vorab verspricht, verlasse ich die Melodie und baue dagegen.
Einen Text, ein Lied zum Stehen zu bringen, macht Spaß.
(Dass es mitunter nur mein Unvermögen ist, die gewählte Form durchzuhalten, sei hier verschwiegen.)

An Stachels kenntnisreicher Ausführung scheint also mir der wichtigste Satz:
Das Konzept ist der Musik entlehnt

Ansonsten: Verbrauchte Wörter und Gedanken meiden.


Wenn Dir das mal keine Hilfe war!
Dann war es ein Versuch.

lg fx
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Alt 23.12.2016, 20:54   #6
männlich Ex Yuki
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Und ich will die Frage nicht vergessen;
ich denke, es schadet nicht,
Theorie zu lernen -

Ohne sich später daran sklavisch halten zu müssen.

Aber ich finde es gut und wichtig, verschiedene Meinungen dazu zu hören.
Zitat:
Zuerst kommt Inhalt, Inhalt, Inhalt.
Ja, natürlich
Zitat:
Ansonsten: Verbrauchte Wörter und Gedanken meiden.
Leichter gesagt, als getan.
Oft ist es ja klar: Herz- Schmerz, Haus- Maus, König- wenig, Reim... Schleim
Aber so gesehen... gabs ja schon nahezu alles.

Danke an alle 3, das hat mir schonmal weitergeholfen.

Ach so, das noch:
Zitat:
Ist "klein - fein" einfacher zu reimen als "singen - klingen"?
Kurzen Wörten sieht man meiner Meinung eher an, dass sie verbraucht sind.
Vielleicht, weil es gar nicht so viele gibt?
Was reimt sich unverbraucht auf:
Fisch, Hund, Baum....
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Alt 23.12.2016, 21:07   #7
männlich urluberlu
 
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Hund - gesund - Edmund - Verbund - Geheimbund - Aktenfund - Ablehnungsgrund - Arbeitsplatzschwund - Burgund - usw.

Ich kann deine Sicht nur unterstützen aus eigener Erfahrung. Ich habe vor meiner Geburt neun Monate lang die Theorie des Atmens und des Saugens studiert, und es hat sich gelohnt! Ich atme heute noch, nur das Saugen musste ich etwas modifizieren, als ich von brust auf Bierflasche umstellte.

O Mann!
Url
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Alt 24.12.2016, 03:00   #8
männlich Ex Yuki
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Lieber urluberlu,
deinen Standpunkt hattest du vorher bereits erläutert,
kein Grund dich über mich lustig zu machen.
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Alt 24.12.2016, 08:12   #9
männlich urluberlu
 
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Entschuldige, ich hatte es wohl so verstanden, dass du dich deinerseits über mich und alle, welche lustvoll versuchen, aus Phonemen einen Turm zu bauen, lustig machst.
Nun verstehe ich, dass von deiner Seite alles ernst gemeint war.
Solche Missverständnisse kann es am Bauklötzekasten jeder KiTa geben, warum also nicht hier in der PoeTa.
Kein Grund also, nicht über mich (oder uns) zu lachen. Vielleicht hilft uns das ja mehr beim Schreiben als dieser Faden hier?
Schönen, lustigen tag dir
Url
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Alt 24.12.2016, 12:00   #10
männlich Ex Yuki
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Puh, ok,
hatte auch lange überlegt, wie ich dir antworte -
so bin ich froh, das es ein Missverständnis war.

Nein, nein, ich will generell über keinen hier im Forum lachen.
Jeder hat so seine Art, manchmal recht eigen,
und bereichert aber auch das Forum auf Gewisse weise.

Ja, das lässt mich auf jeden Fall über Kommunikation nachdenken.
Dir auch einen schönen, lustigen Tag!

PoeTa, hehe
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Alt 24.12.2016, 12:35   #11
männlich urluberlu
 
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ich meinerseits lache über alle hier, an erster stelle über mich.
warum ist das denn so wichtig? geht es nicht letztlich um "poetry", wie der name des forums besagt?
url
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Alt 24.12.2016, 22:53   #12
männlich Heinz
 
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Hallo fennigpfux,
"Zuerst kommt Inhalt, Inhalt, Inhalt."

Du wirst mir doch sicher Recht geben, wenn ich sage, dass der "Inhalt" einer hinkenden, pickligen, mit schiefen Zähnen gesegneten, mit Hängetitten und Hottentottenarsch, ungepflegten Haaren, auf einem Auge blinden, uralten, übergewichtigen, mit aufgespritzten Lippen und hirnlosen Frau exakt derselbe sein kann wie bei einer attraktiven Frau.

Die Form, die Verpackung etc. dürften also durchaus ihren Stellenwert haben.
Inhalt ohne Form ist genauso beschissen wie Form ohne Inhalt.

Mit betsen Weihnachtsgrüßen,
Heinz
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Alt 25.12.2016, 09:35   #13
männlich AndereDimension
 
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Hallo Yuki,

Du kannst in diesem Falle die klugen Ratschläge von Heinz befolgen - was Anfängerfehler betrifft...verfügt er über Insiderwissen.

Ansonsten gilt: Kein "großer" Dichter hat sich jemals mit solchen Dingen wie Jamben oder Trochäen befasst. Das ist wie beim Tanzen auch...Du kannst mit viel Übung die ein oder andere Mumie übers Parkett führen...aber an die heissen Bräute kommt nur der talentierte Tänzer heran. Talent ist durch nichts zu ersetzen.

Weihnachtsgrüsse
A.D.
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Alt 25.12.2016, 13:39   #14
männlich Heinz
 
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"Kein "großer" Dichter hat sich jemals mit solchen Dingen wie Jamben oder Trochäen befasst"

Meistens entlarvt sich Humbug von selbst.
Den "großen Dichtern" - A.D. lässt uns im Dunkeln darüber, wen er meint - sind also alle Gaben Apolls in den Schoß gefallen und die Umarbeitung z.B. eines bedeutenden Werkes aus einer Prosafassung in eine metrisch korrekte Bühnenfassung hat wohl der Heilige Geist auf ihn regnen lassen?
Blankverse, Hexa-und Pentameter - ich erspare mir die Aufzählung anderer Versmaße - alles Fertigkeiten, meisterhaft ausgeführt und öfter mit dem Ziel der Optimierung redigiert, geändert bis zur gültigen Endfassung - alles Blödsinn: Die konnten das, ohne einen einzigen Blick auf grundlegende Werke anderer zu werfen.
Bei allen Anfängerfehlern, die ich gemacht habe und noch immer mache - ich fühle mich nicht im Stand der Gnade und der Unfehlbarkeit, wiederhole nur, was ich oben gesagt habe: Inhalt = wichtig! Form = wichtig! Beides zusammen = super.
Heinz
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Alt 28.12.2016, 19:57   #15
weiblich DieSilbermöwe
 
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Zitat:
Ein Jambus kann daher auch als Trochäus mit Auftakt verstanden werden. Der Amphibrachys wird fast immer als Daktylus mit Auftakt interpretiert.
Wenn ich das lese, verstehe ich gar nichts mehr ....

Ich wurde, als ich "Trochaeus mit Auftakt" erwähnte, zweimal darauf hingewiesen, dass es das nicht gibt und es ein Jambus sei.

Und - darf man nun doch alles durcheinander werfen? Ich dachte, man müsse bei einer Versform in einem Gedicht bleiben.
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.12.2016, 20:44   #16
männlich dr.Frankenstein
 
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Ja. Wahre Dichter sind schönheitschirogenrichter
Also Kaviar.
Wenns der Musik entliehen ist, kauf dir ein Metroäom.

Alle meine Entchen
Schwimmen auf dem See
Köpfchen in das Wasser
Schwänzchen in die höh

Ein Klassiker von enormer Berühmtheit

Geht es auch Tonleitern zu dichten?

Es steht steigt fliegt
gleitet weht und landet
Still es hallt knackt peng rutz kreisch

2 mal runter einmal hoch

Hesse Deut
feste Leut

S
3. Mal runter

Das dampft sanft
Wenn Mann kann

4 mal hoch

Ego lego
Freizeit stego

4 viertel runter hoch runter hoch

Halbblut ist gut

Hat Wut im Mut

5 runter runter hoch runter hoch

Es ist schade Mama
ich bin grade kalt ja
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Alt 28.12.2016, 20:55   #17
männlich dr.Frankenstein
 
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Zusammen :

Hesse Deut*
Wenn Mann kann
Es ist schade Mama
feste Leut
Das dampft sanft
ich bin grade kalt ja
*
*
Ego lego*
Halbblut ist gut
Freizeit stego*
Hat Wut im Mut
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Alt 28.12.2016, 21:00   #18
männlich Gemini
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Rilke Panther.

Wenn du den Rhythmus verstehst, dann verstehst du alle Gedichte.
Rilkes Panther baut einen Spannungsbogen auf,

Oder Eminem.

Generell wenn du auf Rhythmus aus bist würde ich mich an den Schwarzen orientieren.
Lil Wayne baut auch einen Spannungsbogen.
Also eher an Rap Musik anlegen.

Gem
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Alt 02.01.2017, 11:56   #19
männlich urluberlu
 
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Da fragt jemand, was denn als Vers für einen Anfänger am einfachsten zu erlernen sei. Da ich kein Meistersonett von eky plagiatieren wollte, habe ich eifrig selbst in die Tasten gegriffen, um das für deutsche Dichter allereinfachste Versmass zu zeigen: den fünfhebigen Trochäus mit Auftakt (einigen vielleicht als fünfhebiger Iambus mit weiblicher Endung bekannt?). Der Einfachheit halber kann man auch auf Enjambements verzichten und den Paarreim anwenden, wie figura zeigt:

Zum Jahresauftakt (Fünfhebiger Trochäus "mit Auftakt")

im winter ist der tropfen auch mal flocke,
der frühling treibt die stiere auf die weide,
im sommer wird es wärmer unterm rocke,
der herbst schöpft schönes bunt aus wald und heide.

des jahres zeiten führen so durchs leben,
das gütig uns der herrgott hat gegeben,
im wesen allen seins liegt es begründet,
dass auch das jahr im strom der zeiten mündet.

Allen Hobbydichtern Alles Gute zum Neuen Jahr
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Alt 02.01.2017, 16:22   #20
Stachel
 
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Wenn ich das lese, verstehe ich gar nichts mehr ....

Ich wurde, als ich "Trochaeus mit Auftakt" erwähnte, zweimal darauf hingewiesen, dass es das nicht gibt und es ein Jambus sei.

Und - darf man nun doch alles durcheinander werfen? Ich dachte, man müsse bei einer Versform in einem Gedicht bleiben.
Hallo Silbermöwe,

vielleicht kann ich dir mit einem kleinen Beispiel helfen:

Zitat:
Der Kater

Ein kleiner Kater liegt am Ufer.
Er lauert, gut versteckt im Gras,
total gespannt auf grüne Rufer,
springt los, – Padautz! – Da ist er nass.

Ein kleiner Kater liegt am Ufer.
Hier ist leicht ein Zweier-Rhythmus zu erkennen. Jede zweite Silbe ist betont. Die Frage ist nun: Haben wir hier einen Jambus oder einen Trochäus?

Als Jambus (unbetont-betont) würde der Vers wie folgt in (Vers-)Füße gegliedert:
(Ein klei)(ner Ka)(ter liegt) (am U)fer.
Eine unbetonte Silbe bleibt am Ende übrig.Hier wird oft von einer klingenden oder weiblichen Kadenz gesprochen. Wie oben bereits verlinkt, finde ich das mehr als unglücklich, wird aber immer noch so genutzt.

Als Trochäus (b-u) gliedern sich die Füße wie folgt:
Ein (kleiner) (Kater) (liegt am) (Ufer).
Die Füße stimmen mit den Wörtern überein, was sinnfällig ist. Am Ende bleibt keine Silbe über, dafür steht am Anfang eine unbetonte Silbe. Da der Vers also entgegen der trochäischen Form unbetont beginnt, muss ich hier von einem Auftakt sprechen, also einem halben Trochäus. Es fehlt die erste, betonte Hälfte.

Der zweite Vers könnte beides sein, entweder wird „lauert“ oder „versteckt“ zerschnitten. Der Trochäus hätte, zusätzlich zum Auftakt, am Ende ebenfalls eine (betonte) Silbe übrig.

Jambus: (Er lau)(ert, gut) (versteckt) (im Gras,)
Troch. m. A.: Er (lauert,) (gut ver) (steckt im) Gras,

Im dritten Vers ist die Auswahl ebenfalls nicht einfach. In beiden Fällen werden zwei Worte zerschnitten.

Jambus: (total) (gespannt) (auf grü)(ne Ru)fer,
Troch. m. A.: to(tal ge)(spannt auf) (grüne) (Rufer,)

Der letzte Vers ist klar als Jambus zu erkennen. Es gibt keine überzähligen Silben, die Wortgrenzen entsprechen den Versfüßen:

Jambus: (springt los,) – (Padautz!) – (Da ist) (er nass.)
Troch. m. A.: springt (los, – Pa) (dautz! – Da) (ist er) nass.

Es liegt im Auge des Interpreten, ob hier von einem durchgehenden Trochäus (mit Auftakt), einem Jambus oder einem Wechsel zwischen beiden (wenn ja, wann?) ausgegangen wird. Im Zweifel wird das genommen, was den Tenor der Interpretation stützt. Beiden Rhythmen wird eine unterschiedliche Wirkung zugesprochen. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn die Wirkung hängt wiederum stark vom Kontext der übrigen Stilmittel und des Textes ab.

Wegen dieser Unklarheiten und Zweifelsfälle gibt es auch unterschiedliche Konzepte. Manche gehen von Versfüßen aus, nehmen ggf. einen Auftakt dazu, manche lösen sich von den Füßen komplett.

Freundliche Grüße von
Stachel
Stachel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.01.2017, 19:05   #21
männlich urluberlu
 
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Standard oh, oh,...

...da hat Stachel doch glatt vergessen, dich vor dem "betonten Auftakt" zu warnen!
Dabei kann man gerade damit harsche Kritik einheimsen...

Das, Silbermöwe, sind sowohl als auch
Trochäen, Iamben! Schreib sie aus dem Bauch
heraus, dann wird's schon werden irgendwie!
Groß nachdenk' ich in solchen Fällen nie.

Nichts zu danken
Urluberlu
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Alt 03.01.2017, 19:40   #22
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Ich bedanke mich trotzdem , vor allem bei Stachel und dir für die viele Mühe (auch wenn es nicht mein Thread ist).
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.01.2017, 21:46   #23
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Der Thread ist weder dein noch mein Thread;
der Sinn ist, was zu lernen, und ich bin froh,
dass hier weiter Bereicherung stattfindet.
Ex Yuki ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 07:47   #24
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo Yuki,

natürlich ist es dein Thread, hast ihn ja eröffnet und bist somit der TE.
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 16:10   #25
männlich Heinz
 
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Liebe Silbermöwe,
warum habe ich das Gefühl, dass Stachel mehr Verwirrung als Klarheit schafft?
Das kleine Einmaleins ist, dass der Jambus aus einer unbetonten und einer betonten Silbe (eines Wortteils) besteht = xX
und der Trochäus aus einer betonten und einer unbetonten = Xx
Urluberlu liegt m.E. völlig richtig, wenn er daraus (ich sag es mal verkürzt) eine Sache des Gefühls macht. Wann wählt der Dichter für seine Verse den Jambus, wann den Trochäus? (Die anderen lass ich mal weg).
Wenn ich mit einem Text dem Leser mitten ins Gesicht springe:
Halt die Fresse, Freund und klapp den Schädel zu (XxXxXxXxXxX)
bietet sich der Trochäus an.
Will ich sanfter (erzählender) vorgehen:
Die linden Lüfte sind erwacht (xXxXxXxX)
Einen Jambus als einen Trochäus mit Auftakt zu nennen - möge Stachel dafür mal eine seriöse Quelle angeben - ich bin immer bereit hinzu zu lernen.
Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 16:33   #26
männlich Gemini
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Die linden Lüfte sind erwacht (xXxXxXxX)

Ich könnte es auch so Ixen

Die linden Lüfte sind erwacht
xxxXxxxx

Hängt euch nicht zu sehr an diesen Trochäen und Jamben an

Schreibt, wenn es euch gefällt, gefällt es auch einem oder zwei Anderen.
Und ein Leser ist es Wert zu schreiben.

Gem
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Alt 04.01.2017, 19:26   #27
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Zitat Silbermöwe

Zitat:
Wenn ich das lese, verstehe ich gar nichts mehr ....
Das wundert mich nicht - hätten Schiller + Co. sich einen ge -xXx -t, wir hätten nie etwas von ihnen gehört oder gelesen. So lernt man keine Lyrik...so verhindert man sie. Konstruierte Gedichte sind fast immer auch als solche leicht zu entlarven. In der Regel klauen diese Leute bei den Altmeistern nicht nur die Ideen, sondern auch ganze Zeilen und Verse. Wer bis zur Vergasung x-t und sich ebenso intensiv mit Jamben und Trochäen befasst, der wird über den Status eines dilettantischen Hobbydichters nie hinauskommen. Lyrik ist, wie die Liebe auch, etwas Leichtes. Das heisst aber nicht, dass ich diese Vorgehensweise grundsätzlich verurteile...soll jeder machen was er will, aber man soll anderen nicht erzählen man könne auf diese Art und Weise zum guten Lyriker werden. Genau das Gegenteil ist der Fall.
AndereDimension ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 20:24   #28
männlich Heinz
 
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A.D.,
so ist es: Der Mensch, er irrt, so lang er lebt.
Die Großen unter den Dichtern haben sich sehr wohl und sehr akribisch um die Versmaße gekümmert, andere Korrektur lesen lassen und eigene Gedichte immer wieder mal überarbeitet.
Oder hältst Du es für einen Zufall, dass Goethe (z.B.) ein Prosawerk bis auf einen Gedichteinschub (An die Parzen) komplett in Jamben geschrieben hat?
H.
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 20:55   #29
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Hallo Heinz,

das mit dem eher forschen Trochaeus und eher sanftem Jambus ist ein guter Tipp!

Hallo Gemini,

aber ich möchte doch gerne mal das perfekte Gedicht schreiben ...

Hallo Andere Dimension,

also ich hab da auch was anderes über große Dichter gelesen ...
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.01.2017, 21:55   #30
männlich urluberlu
 
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o heinz
du sagst, es gebe keinen "trochäus mit auftakt", und dann schreibst du ausgerechnet hin: "die linden lüfte"... ein ausgezeichnetes beispiel für "trochäus mit auftakt", nicht wahr? das kannst du iambus nennen, aber es ist keiner. jedoch es passt sehr schön zu deiner charakterisierung der verschiedenen versanfänge.
aber, zur präzisierung: ein echt iambischer versanfang wirkt selbst oft sehr kräftig und gar nicht sanft und lind. z.B.
"Erzürnt verstieß, dies Los verfluchend,
verzweifelnd drob, er drauf sein Weib"

Und was ist mit einem rein trochäischen Gedicht über linde Lüfte?
"Linde Lüfte schmiegen sich
schmeichelnd in die Dünen."

Ist das nun ein hartes Gedicht, wegen Trochäus?
Ich gehe übrigens mit niemand einig, der sagt, man solle formale Dinge "mit Gefühl" entscheiden.
hingegen unterstütze ich dich sehr, wenn du inhalt nicht vor form gelten lassen willst. wozu sonst gedichte basteln? und auch dein beispiel mit der frauenschönheit leuchtet mir ein.

o AnDi
Auch bei diesem Thema greifst du vage irgendwelche Bösewichte, bzw. Ignoranten und Besserwisser an, ohne je konkret zu werden. Diese Taktik ist bei dir durchgehendes rhetorisches Programm, und ich kann nicht genug darauf hinweisen, wie sehr ich mich über solche vernebelungspropaganda ärgere.
urluberlu ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 00:41   #31
männlich Heinz
 
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Lieber urluberlu,
ich sagte ja: Ich bin immer bereit hinzu zu lernen. Deine Argumente sind einleuchtend und ich werde mich wohl korrigieren müssen.
Nur heute - wird es mir zu spät.
Gute Nacht,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.01.2017, 01:22   #32
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Silbermöve:

Es gibt kein perfektes Gedicht, weil alleine schon der Umstand der Perfektion das Gedicht zerstören würde.

Die Alten, wie Heinz sagt, haben sehr wohl akribisch die Versmaße studiert, nur um sie dann aber zu umgehen.
Du musst das Handwerk können, dann brauchst du keine Jamben oder sonst etwas.
Du brauchst Brüche, Verschleppungen, Gegenbezüge usw.

Und am Wichtigsten: Habe etwas zu sagen
Ein Gedicht ist die Message und du nur der Transporter
Gemini ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.01.2017, 13:10   #33
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Zitat DieSilbermöwe


Zitat:
also ich hab da auch was anderes über große Dichter gelesen ...
Hallo Silbermöwe,

lass es mich mal anhand von Darwin versuchen zu erklären:

Darwin beobachte, notierte, zeichnete alles...was ihm so vor die Augen und die Finger kam...ohne Vorbehalte...ohne Wertung...ohne Schemata oder irgend einem Muster folgend. Aus den Ekenntnissen leitete sich ein gewisse Logik ab...die Darwin dann "ordnete". Nach Jamben, Trochäen und all dem Gedöns zu schreiben ist also nichts anderes als einen Ordner aufzuschlagen und nachzulesen was andere dort einhefteten. Nach Mustern schreiben kann man dann machen, wenn man das Schreiben ohnehin beherrscht. Als eine Art Schablone zur Arbeitserleichtung für sich ständig wiederholende Muster.

Der Designer entwirft das Kleid...zeichnet es...die Schneider nähen es dann nach seinem Muster. Leute wie Heinz und Uberlu sind Schneider...keine Designer...man muss ihnen ein Gerüst aus Jamben, Tröchäen, Silben, Kadenzen an die Hand geben...damit sie überhaupt erst loslegen können. Der Schneider kann hundertmal ein von Lagerfeld designtes Kleid nähen und dennoch niemals selbst eins von gleicher Schönheit entwerfen. H+U sind Handwerker, keine Künstler. Wenn Du Handwerkerin werden möchtest, dann spricht überhaupt nichts dagegen sich mit solchen Dingen zu befassen. Aber am Anfang der Kunst steht immer die Kreativität...und dieser stehen solche Schablonen nur im Wege.

Das ist wie mit dem Huhn und dem Ei, was war zuerst da? (inzwischen weiß man...es war das Huhn)

Der begnadete Lyriker schreibt etwas...und andere...die diese Begabung nicht haben...versuchen darin ein Muster zu erkennen...anhand dessen sie selbst sich dem Original nähern können.

Im Klartext heißt das: Jemand schreibt, komponiert etwas...das in den Ohren anderer gut klingt. Man stellt fest; aha...kommen besonders viele weibliche Endungen drin vor...es folgt einem Rhythmus x...daraus macht man eine Schablone. Der Komponist jedoch dachte nicht (bewusst) an deise Dinge, sie sprudeln aus ihm heraus - das nennt man Talent oder Begabung.

Das größte Kompliment für einen Künstler ist der bestätigte Wiedererkennungswert - und dieser bezieht sich fast immer auf den "Stil"...und nicht auf die Austauschbarkeit der Werke.

Nach Muster schreiben ist das gleiche wie "Malen nach Zahlen". Wer nach Zahlen malt, der ist auf der sicheren Seite...kann ohne jedes Talent ein brauchbares Bild schaffen...aber eben keins darüber hinaus.

Und so machen die Jamben und Trochäen Schreiber nichts anderes als Malen nach Zahlen. Goethe ist die 1...Storm die 2....Schiller die 3...Fontane die 4....ein Strich von hier nach da...und fertig ist das "Werk". Sie zeigen sich (fremd)inspiriert...aber nicht innovativ. Ihr Wiedererkennungswert ist bei Null.

Aus Gründen der Fairness will ich aber auch nicht verschweigen, dass über 90% der Schreiber auch gar keine höheren Ansprüche haben...es ihnen einfach nur Freude macht...sie sich damit zufrieden geben keine lyrischen Verkehrsunfälle zu bauen. Da ist es schliesslich dann auch egal wie ich zu meinem Endergebnis komme...hauptsache es macht mir Spaß, unabhängig davon wie andere dazu stehen.
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