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Alt 03.08.2011, 20:18   #1
männlich bukbukbuk
 
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Alter: 40
Beiträge: 12


Standard Unbekannt

Von den ganzen Worten und Treffen in Cafes und Parties und langen Stunden hinterm Steuer und ständigen Telefonaten und kleinen Urlauben und Nächten in Zweisamkeit unbeeindruckt, starb Sie letzte Woche unbemerkt in Ihrer Wohnung. Ich kann nicht sagen, was es für Wetter, ob es hell oder dunkel, warm oder kalt in dem Moment war. Auch nicht, ob ein Licht brannte, die Wohnung sauber und ordentlich war oder der Fernseher lief. Aber tagsüber schaute Sie auch fast nie fern. Eher in den Abendstunden, wenn die Filme anfingen oder einer Ihrer Lieblingsserien, von denen ich die Namen vergessen habe.
Ich stelle mir vor, Ihre Augen waren weit offen, das Haar zurück gebunden, einzelne Haare tanzten um Ihr Kinn, auf dem langen, schlanken Hals und darunter, im Nackenbereich, wippten mit den Schritten, im Klang des Radios zu irgendeiner Popmelodie, die schnell wieder aus dem Kopf verschwindet. Das Radio lief immer.
Weiter stelle ich mir vor, Sie trug eine Jeans, denn Kleider hasste Sie, ein schlichtes Top und dicke Socken, damit die Kälte der Fliesen Sie nicht allzu sehr störte, denn Kälte hasste Sie auch. Daher war in den Wintermonaten meist nicht viel mit Ihr anzufangen, ständig nörgelte Sie rum, dass die Nase zu kalt ist, die Finger, die Zehen, Ihr Gesicht einfriert. Dagegen hilft selten was.
Sie berührte den Tisch in der Küche, den Schrank in der Diele, den Rand der Badewanne und die Ecken des Bettes, sah sich im Spiegel, tippte gegen die Jalousien im Vorbeigehen, legte sich auf den Boden, machte die Augen weit auf, legte die Arme neben den Körper, öffnete Ihre Lippen und flüsterte zu sich selbst „Ich wollte Dich so gerne kennen lernen“. Aber das sind nur Bilder meiner Vorstellung, vielleicht war es auch ganz anders als Sie starb, im Großen und Ganzen macht es keinen Unterschied.
Als ich von Ihrem Tod erfuhr, der Beamte am Telefon war ganz sachlich, war es noch früher Morgen, eine Zeit, die ich meistens dämmrig, rauchend und starrend auf dem Stuhl in der Küche verbringe.

Tagsüber erreichte Ich Ihre Eltern, die mir wahllos Anschuldigungen an den Kopf warfen, ein Schwein, ein mieser Umgang und so weiter und so fort. Ich legte auf. Ging einkaufen, briet mir ein Hähnchen, aß aber nichts davon, rauchte wieder, starrte auf die anderen Häuser und Fenster im Hof ohne richtig was zu sehen. Ein Kind lärmte, eine Popmelodie lief irgendwo aus dem Radio und beschallte den Hof, ein Hund kläffte und die Vögel trällerten auch, es war ja Sommer, da ist Alles um einen herum ja was lauter.
Bei unserer letzten Begegnung war Sie vergnügt gewesen, hatte sich sogar die Lippen geschminkt, was Sie selten tat, redete in einem fort und hörte Radio, summte die Lieder mit und zog mich mit diesen kleinen Sachen auf, die Leute wie ich so an sich haben. Praktische Kleidung, Drei-Tage- Bart und ein Lachen, das in seiner Stärke nie zum Anlass passt. Ich spiele nur, aber nicht mit dem Herzen. Irgendwann fiel Ihr das auf. Sie boxte mich, knuffte, bettelte, liebte mich und hasste sich manchmal dafür. Wie das so ist.
Als Sie dann im Zug saß, vielmehr stand Sie am Fenster, winkte Sie, drückte Ihre Lippen auf das Fenster, lachte und rief irgendwas, das ich nicht verstand, heutzutage kann man die Fenster eines Zuges ja nicht mehr öffnen. Die Pfeife trällerte, der Zug fuhr an, ich setzte mich in Bewegung und verließ den Bahnhof, nahm den Bus, stieg aus, ging zu meiner Wohnung, öffnete, schaltete das Radio ab und legte mich hin. Am Abend ging das Telefon, ihre Nummer, am nächsten Morgen, am Abend, zusätzlich das Handy, SMS, sogar am Tag vor Ihrem Tod eine E-Mail. Ich las Sie nicht und ließ Alles andere auch unbeantwortet.
Mein Job nahm nicht zu viel Zeit in Anspruch, den Rest der Tage verbrachte ich meist auf dem Sofa oder ich ging im Park spazieren, wenn das Wetter es zuließ. Zwei Tage nach Ihrem Tod klingelte das Telefon, unbekannte Nummer, es war der Beamte. Bedauerlicherweise muss er mitteilen und es tut Ihm Leid für mich und so, kein Verbrechen, nein, unerklärlich erklärte er, sachlich einwandfrei. Nach dem Gespräch ließ ich mein schnurloses Telefon einfach auf Freizeichen, schaltete das Radio ein, legte mich aufs Sofa, entdeckte zwei Risse an der Zimmerdecke des alten Hauses, die Farbe war abgeblättert und ganz stumpf, und strich mit der Hand über den Boden, auf und ab, kreisförmig, trommelnd im Takt, spielte ich irgendeine Meloldie, die ich auf eine wundersame Art und Weise dann eher doch noch nicht kannte.
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