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Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

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Alt 15.07.2010, 11:05   #1
weiblich Lux
 
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Dabei seit: 03/2010
Alter: 34
Beiträge: 839

Standard Großvaters Aufbruch

In diesen schwersten aller Tagen
Verhallt mein Wort vor deinen grauen Ohren
Als hätte ich dich jetzt bereits verloren
Und doch will ich dir soviel sagen

Und das, was dich bis jetzt gehalten hat
Scheint heut nicht mehr als altes Pergament
vergilbte Bilder wirken manchmal fremd
Du siehst dich an dem Gestern satt

Lass mich noch einmal zu dir dringen
Den fahlen Schleier dir zerteilen
Wie gern willst du im Heute weilen
Und kannst das Morgen doch nicht zwingen

Wir sitzen schweigend auf der Bank
Und jetzt findet dein Blick den Meinen
Ganz feste halt ich deine Hand
Nein, heute werde ich nicht weinen


by Lux, Juli 2010
Lux ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 12:40   #2
weiblich Aquaria
 
Dabei seit: 02/2010
Alter: 38
Beiträge: 521

Hey Lux,

das ist ein sehr bewegendes Gedicht, da musste ich erst mal schlucken. Besonders die dritte Strophe wird mir weiter im Kopf rumspuken.

Lass mich noch einmal zu (dir?) dringen
Den fahlen Schleier dir zerteilen
Wie gern willst du im Heute weilen
Und kannst das Morgen doch nicht zwingen

Oh man, schluck. Man kann ja schlecht von einem schönen Gedicht sprechen, aber geschrieben ist es toll und eindringlich. Ich hol mir jetzt erst mal nen Schokokeks, um die Bilder von meinem Großvater in seinen letzten Tagen zu vertreiben.

Beeindruckt,

A.
Aquaria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 12:53   #3
Wackelpudding
 
Benutzerbild von Wackelpudding
 
Dabei seit: 03/2010
Beiträge: 158

Hey du,

die erste Zeile birgt für mich schon eine enorme Schwere. Und deutet sehr deutlich an, worauf sich dieser Aufbruch beziehen könnte. Die nächsten zwei Zeilen holpern etwas vom Klangbild. Aber sie sagen mir als Leser, dass dem LI ein Vordringen zum Großvater nicht möglich scheint. Dann läuft etwas Resignation und dann doch wieder der keimende, wachsende Wunsch noch so vieles zu erzählen.

Es scheint, der Großvater hängt noch in der Vergangenheit der "guten alten Zeit" fest und genießt die Momente in dennen er darin schwelgen kann. Für das LI sind dies aber nur alte Bilder deren Substanz durch das Alter verloren hat. Das LI wünscht sich wohl aus der letzten Zeile zu ersehen, dass Großvater aufhört sich am Gestern satt zu sehen und sich mit der Gegenwart beschäftigt. Zumindest interpretiere ich es als Wunsch anhand des Kontext obwohl dies eine freie Interpretaiton meinerseits ist.

In der dritten Strophe will das LI schon fordern, man denkt sich es lehnt sich auf und das nur wegen der ersten Zeile. Die nächste Zeile bestätigt den Eindruck mit einem schön gelungenen Bild, dem Schleier. Jetzt wirds jedoch im ersten Moment verwirrend, in der vorherigen Strophe wird beklagt, dass er im gestern weilt und jetzt will er im Heute weilen? Nagut, man soll nicht so voreilig sein, denn die nächste Zeile relativiert das wiederrum und sorgt für stimmigkeit, auch wenn im ersten Moment die Verwirrung oberhand nimmt, so ist das ganze nun doch wieder stimmig. Statt zwingen würde ich jedoch erzwingen (nur vom Inhalt her) bevorzugen. Das zeigt mir, dass der Großvater wohl gern eine kleine Traumwelt behalten möchte oder vielleicht einen Bestand erzwingen möchte der nicht möglich scheint.

Diese Strophe fängt sehr traurig an finde ich, durch die vorherigen Bilder ist dieses hier in der ersten Zeile auch sehr traurig. Ich sehe zwei traurige gestalten vor mir die leicht geknickt da sitzen und das obwhol ein sonniger Tag herscht. Ein wie ich finde beklemmendes Bild. Dann die zarkhafte annäherung zwischen LI und Großvater. Die Hände finden sich und werden fest gehalten (obwohl das finden wohl von mir erfunden wurde). Eine Art Halten nach dem Motto "ich lasse dich niemals mehr los" zwingt sich da in meinen Geist. Und dann scheint das LI zu versuchen genug Stärke für beide zu zeigen. Man hofft, dass das LI nicht an dieser äußerlichen Stärke die mir nur wie eine Fassade vorkommt zerbricht.

Und ja es ist ein schweres Gedicht, das bewegt und einen auch etwas traurig werden lässt.

Entschuldige die vielen Worte mein Herz.
Wackelpudding ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 13:08   #4
weiblich Lux
 
Benutzerbild von Lux
 
Dabei seit: 03/2010
Alter: 34
Beiträge: 839

Hallo Aquaria,

ich danke dir sehr für deinen Kommentar. Die Auslassung konnte ich zum Glück noch ändern.
Ich freue mich, wenn dich mein Gedicht bewegt, es ist natürlich sehr persönlich und aus aktuellem Anlass geschrieben, was aber niemanden an guter Kritik hindern soll.

Bring mir nen Schokokeks mit, ich glaube so ein Trostpflaster könnte ich auch gebrauchen :-)

Ich wünsche dir nen schönen Tag und lass ihn nicht von allzu finsteren Gedanken verdunkeln.

Liebe Grüße Lux



Hallo Wackelpuddig,

auch dir vielen Dank für die Auseinandersetzung mit der Situation an dieser und auch an anderer Stelle.

Zitat:
Die nächsten zwei Zeilen holpern etwas vom Klangbild
Hmm, vielleicht das Adjektiv "grauen" zu viel, aber ich mag mich nicht von dem Bild lösen. Wenn ich es laut vorlese, holpert es gar nicht so stark, meine ich...

Zitat:
Es scheint, der Großvater hängt noch in der Vergangenheit der "guten alten Zeit" fest und genießt die Momente in dennen er darin schwelgen kann. Für das LI sind dies aber nur alte Bilder deren Substanz durch das Alter verloren hat. Das LI wünscht sich wohl aus der letzten Zeile zu ersehen, dass Großvater aufhört sich am Gestern satt zu sehen und sich mit der Gegenwart beschäftigt. Zumindest interpretiere ich es als Wunsch anhand des Kontext obwohl dies eine freie Interpretaiton meinerseits ist.
Der Großvater soll und darf ruhig in den alten Erinnerungen, Fotoalben und Briefen schwelgen, doch wir beiden, dem LI und dem Großvater bewusst, dass die Aufzeichnungen dieser schönen Zeiten ihrer Bedeutung verlieren im Angesicht des bevorstehenden Endes.
Und dennoch mag sich der Großvater nicht lösen von diesen guten, alten Zeiten. Er sieht sich "satt" daran, eben am Gestern.


Zitat:
In der dritten Strophe will das LI schon fordern, man denkt sich es lehnt sich auf und das nur wegen der ersten Zeile. Die nächste Zeile bestätigt den Eindruck mit einem schön gelungenen Bild, dem Schleier. Jetzt wirds jedoch im ersten Moment verwirrend, in der vorherigen Strophe wird beklagt, dass er im gestern weilt und jetzt will er im Heute weilen?
Wie du auch schon bemerkt hast, versuche ich hier den Bogen Gestern-Heute-Morgen zu schlagen.

Gestern ist schöne Erinnerung aber auch ein verblichenes Abilld der damaligen Realität.
Heute ist das Leben, an den der Großvater festhalten will.
Morgen der Weg, den es zu gehen gilt und dessen Ende unausweichlich ist. Und den Morgen kann man nie aufhalten.


Zitat:
Man hofft, dass das LI nicht an dieser äußerlichen Stärke die mir nur wie eine Fassade vorkommt zerbricht.

Das lyrische Ich ist dankbar für den Moment in dem der Großvater ihm Aufmerksamkeit schenkt und möchte diesen Moment kraftvoll gestalten.
Heute ist noch nicht die Zeit zum Weinen, Morgen kann das schon anders sein...

Vielen Dank für deine Differenzierte Auseinandersetzung mit meinen Gedicht.
Deine Lux
Lux ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 13:13   #5
weiblich Aquaria
 
Dabei seit: 02/2010
Alter: 38
Beiträge: 521

Fühl dich mit Cookies beworfen
Ich wünsch dir viel Kraft von innen und außen. Wackelpudding soll auch gegen trübe Gedanken helfen, hab ich gehört...

LG an euch,

A.
Aquaria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 13:18   #6
weiblich Lux
 
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Beiträge: 839

Aquaria, ich danke dir noch mal! Ich musste echt mal richtig lachen!
*sich vor den fliegenden Cookies duckt*
Ja, Wackelpudding ist wirklich ein gutes Trostpflaster ;-)

Genieß den Tag!
Lux
Lux ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.07.2010, 13:18   #7
Wackelpudding
 
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Beiträge: 158

Danke Aquaria!

Tut er!


LG zurück!
Wackelpudding ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.07.2010, 06:55   #8
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 23.043

Liebe Lux,

ein schönes, aussagekräftiges Gedicht mit eindringlichen Bildern ist Dir da gelungen. Ich habe vor vielen Jahren selbst einmal ein Gedicht geschrieben, das meinem (damals längst verstorbenen) Großvater gewidment war, und kann die Gefühle, die aus Deinen Zeilen sprechen, gut nachempfinden.

LG
Ilka-M.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.07.2010, 22:37   #9
männlich Amir
 
Benutzerbild von Amir
 
Dabei seit: 04/2010
Beiträge: 779

Lux,

ich will nicht interprätieren, weil alles klar scheint. Die Gefühle
, die Athmosphäre, die Formuliereungen, alles will eine Situation malen, die viele von uns kennen. Dein Bild ist schön traurig geraten,

machst du gut so.

LG
Amir ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2010, 16:54   #10
weiblich Lux
 
Benutzerbild von Lux
 
Dabei seit: 03/2010
Alter: 34
Beiträge: 839

Hallo Amir, Risiko und Ilka Maria,

vielen Dank für die lobenden, lieben und mitfühlenden Worte!
Es freut mich, wenn diese Zeilen, die meinen traurigsten Momenten entspringen, auch in euch etwas auslösen. Was nicht heißen soll, dass ich euch traurig machen möchte, im Gegenteil. Es ist schön, meine Gefühle in dieser Form mit anderen teilen zu können. :-)

Danke.

Ilka, dein "Großvater-Gedicht" würde mich sehr interessieren, wenn es nicht zu intim ist und du meine Bitte nicht als indiskret auffasst.

Liebe Grüße
Lux
Lux ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2010, 20:33   #11
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 23.043

Liebe Lux, gerne, ich schicke es dir per PN.

LG
Ilka-M.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2010, 20:44   #12
weiblich Lux
 
Benutzerbild von Lux
 
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Beiträge: 839

gern doch, Ilka!
Lux ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2010, 20:45   #13
Ex-Odiumediae
abgemeldet
 
Dabei seit: 07/2010
Beiträge: 1.152

Es wurde bereits alles gesagt, dass ich hätte anmerken wollen, also bleibt mir nur noch, die schönste Stelle zu loben:

Zitat:
Zitat von Lux Beitrag anzeigen
[...]
Wie gern willst du im Heute weilen
Und kannst das Morgen doch nicht zwingen
[...]
Eine sehr eindringliche und gelungene Antithese.
Ex-Odiumediae ist offline   Mit Zitat antworten
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