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Sonstiges und Experimentelles Andersartige, experimentelle Texte und sonstige Querschläger.

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Alt 11.04.2008, 01:22   #1
männlich Belshiras
 
Benutzerbild von Belshiras
 
Dabei seit: 05/2007
Ort: Land BRB
Alter: 30
Beiträge: 64

Standard Und ich segelte.

Und ich salutierte steif vor dem Schicksal, schluckte schwer.
Ließ die Hand fahren, ließ sie einfach zittern, gab mich ihm hin und ließ meine Hand einfach nur zittern ...
Ich schaute ihm in die Augen, dem Schicksal, hoch oben, über mir auf der Reling - lockte mich auf das Schiff, lächelnd, schmunzelnd, triumphierend. Hatte mich gefordert vor so langer Zeit.
Doch ich lehnte ab, sein Faden zu sein, drehte mich und verließ mit zitternden Händen das Schiff am Kai - und nun zitterten sie wieder, meine Hände.
Kein Forderer kann mich fordern, sagte ich, kein Räuber kann mich rauben. Nur ich fordere mich, nur ich raube mich - nur ich fahre zur See. Du hast nicht das Recht, sagte ich, hast nicht mein Recht.
Und ich wandte mich ab und verließ den Kai ...
Über das Land zog ich, durch Täler, über Bergeshöhen, durch dichte Wälder, durch Wüsten, durch Eisesböen schlug ich mich, durch reißende Ströme schwamm ich - mit Leoparden maß ich mich, wie mit Löwen und mit Bären - und ich zog durch das Land mit zitternden Händen ...
Doch nun erkanntee ich, egal wie weit man auch zieht, egal wie weit man sich kämpft, gegen wen man siegt, was man überlebt - man kann die See nicht umgehen. Man kann das Schicksal nicht überlisten.

Und ich salutierte steif vor dem Schicksal, schluckte schwer.
Hatte doch auf mich gewartet, beugte sich vor und reichte mir die Hand.
Sein Schiff, mein Schiff - sein Name, mein Steuer.
Meine Hände zitterten und ich streckte sie aus. Er ergriff sie, die kalten Pranken schlossen sich sanft doch unwiderruflich um meinen Arm, krochen meine Schulter hinauf, rutschten meine Kehle hinab, trieben unter meine Haut und verteilten sich. Die kalten Pranken rissen sich durch mein Blut und erreichten mein Herz, pressten es hart und sanft zusammen, ließen keine Wahl, hatten sie doch auf mich gewartet, hatten mich gefordert und forderten mich auch nun.
Sie flossen in meine zitternden Hände und gaben Ruh.
Stumme, raue Ruhe. Kein Zittern mehr, nur noch Ruhe - eine Stille, die traurig macht und erkennen lässt.
Er lächelte und zog mich herauf zu sich - auf sein Schiff ...

... Und ich segelte ...

Und ich segelte.
Segelte über die kalte See, über schäumende Wellen - die Gischt brach pfeifend am Bug, der Wind klirrte wild durch die Segel.
An Bord meines Schiffes, an Bord des Schiffes 'Schicksal' ...
Meine Hände zitterten nicht mehr, und ich vergaß, dass sie es je taten, dass es sie gab, dass ich existierte, dass ich lebte und liebte, liebte und litt. Die Hände zitterten nicht mehr.

Schaukelnd trieb das Schicksal mich über die tosenden Wellenkämme, weit über das Meer, weit über die Tränen und den Horizont. Immer dem Wind vorantreibend, nicht korrigierend, nicht lenkend. Das Steuer selbst den Weg finden lassend.
Niemals den Sinn hinterfragend, nie lenkend.
Geriet in Wirbelstürme, strudelnde Schlunde, in seichte Gewässer und felsige Riffe, an einsame Inseln und schlummernden Atolle - und wieder zurück. Im Kreis, nie lenkend, nie den Kurs korrigierend, niemals hinterfragend.
Ewigkeiten in den Meeren und seien es nur kleine.
Nicht selten sah ich andere, nicht selten sah ich Verwirrte, Verzweifelte und Verirrte, sah nur selten Zielstrebige, Sichere durch die Wellen preschen.
Doch immer auf demselben Schiff.

Mein eigenes Grab schaufelte ich mir, mein eigenes Loch in das ich mich legte. Am Grunde hockte ich, nicht bereit zu korrigieren, nicht Willens zu steuern, nicht wissend wohin. Keinen Kurs anschlagend, keine Karte lesend, nur sitzend und vergessend. Vergessend, dass meine Hände zitterten, dass es sie gab, dass ich lebte und liebte, liebte und litt.

Nie sah ich etwas anderes als die Wände meines Grabes im Meer des Schicksals, nie etwas anderes als den Boden, der sich nicht zu öffnen bereit war.
Nie den Schein über mir beachtend, den Stern, der doch stets mit mir segelte, mit mir rannte und immer an meiner Seite war - der mir immer den Weg leuchtete. Doch ich sah nicht nach oben, nicht an meinen Himmel, nicht zu meinem Kopf.
Nur ein Stern vermochte, hell strahlend in mein offenes Grab auf dem Meere Schicksals, mich zu holen. Mir zu helfen, zu öffnen mir die Augen. Mir die warme Hand zu reichen. Aus dem Grabe des Schiffes, das ich nicht zu korrigieren, nicht zu steuern und nicht zu lenken wusste.
Nur ein Stern half mir zurück, zog mich aus dem feuchten Meer, lenkte und korrigierte mich. Ein Stern am Himmel, eine Karte in der Nacht, ein Kurs im Schicksal.

Zu zweit ist es zu durchqueren, das Tränenmeer des Schicksals, nur zu zweit. Nur wenn einer steuern und der andere funkeln kann.
Nur zu zweit, wie wahr, kleiner Stern, wie wahr ...
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Alt 27.04.2008, 16:32   #2
Traumwächterin
 
Dabei seit: 08/2006
Beiträge: 112

Huhu Belshiras :-)


erst einmal finde ich deine Geschichte inhaltlich sehr schön; sie trägt gewisse Züge eines Märchens, was ich sehr schön finde. Du stellst das Leben als eine Reise auf dem Meer dar. Zunächst wird der Mensch scheinbar fremdgelenkt, er hat keinen klaren Kurs und „lässt sich einfach treiben“ von den Wellen. Schließlich jedoch merkt er, dass er das Leben gar nicht als solches begreifen kann. Er vergisst einfach, bewusst zu handeln bzw. „einen Kurz einzuschlagen“, weil es scheinbar auch nichts gibt, dem er entgegenstreben könnte. Letztlich aber findet er „den Stern“, der wahrscheinlich symbolisch für einen Lebenspartner steht. Dieser leitet ihn, funkelt für ihn und daraufhin kann er endlich einen Kurs finden und kann das Schiff eigenständig steuern. Diese Art von Geschichte ist zwar nicht neu, aber das macht sie ja nicht weniger schön.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass deine Geschichte schwer zu lesen ist; durch die Einleitung musste ich mich wirklich ein bisschen durchkämpfen. Ich meine, der Text hat nicht viel Handlung, es passiert einfach nicht viel und er lässt sich auch in mehreren Sätzen nacherzählen. Du aber hast ihn ein wenig in die Länge gezogen. Gerade am Anfang gibt es einige Wiederholungen. Zum Beispiel:
„... Und ich segelte ...

Und ich segelte.“
Oder, seine Hände, die andauernd zittern.
„Doch nun erkanntee ich, egal wie weit man auch zieht, egal wie weit man sich kämpft, gegen wen man siegt, was man überlebt - man kann die See nicht umgehen. Man kann das Schicksal nicht überlisten.“ Und hier kommt wirklich etwas zu oft das Wort „man“ vor, was ich sowieso in Prosatexten vermeiden würde, da es unpersönlich und unpräzise ist.
Ich glaube, du wolltest durch die Wiederholungen eine bestimmte stilistische Wirkung erreichen, aber es ist einfach ein bisschen zu viel des Guten. Es ist halt wirklich schade, weil die Geschichte gerade zum Ende wesentlich besser wird. Vielleicht könntest du die Geschichte versuchen zu komprimieren und auf das Wesentliche reduzieren. Ich weiß, dass das schwer ist, weil man denkt, dass jedes Wort wichtig ist, aber es würde sich auf jeden Fall lohnen.
Gerade am Anfang benutzt du auch immer wieder drei Punkte hintereinander, wobei ich nicht verstanden habe, warum. Am Ende sind sie zum Beispiel auch nicht mehr da.
Desweiteren ist mir sprachlich aufgefallen, dass du mit Ellipsen, Inversionen und Asyndetons arbeitest; also mit halben Sätzen und Unverbundenheiten. Das gibt dem Text eine gewisse Härte und Abgehacktheit, was meiner Meinung nicht zu dem eigentlich so „weichen“ Inhalt passt; aber ist, glaube ich, auch Geschmackssache. Zum Ende hin finde ich übrigens auch die Sprache insgesamt besser, weil du mehr mit Bildern arbeitest. „der Wind klirrte wild durch die Segel.“ Den Satz zum Beispiel finde ich sehr schön.

Also wie gesagt: Von der Idee wirklich schön und, wenn man die Geschichte einmal ganz durch geschafft hat, denkt man sich „Oh, wie schön“, aber du machst es dem Leser durch die Wiederholungen und das Langziehen der Handlung wirklich etwas schwer.

liebe Grüße
das Traumi
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