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Alt 02.12.2019, 21:48   #1
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Standard Gezeitenwechsel

Gezeitenwechsel

oder: Was ich Ute R. nicht mehr gefragt habe

Von allen ostfriesischen Inseln ist Juist die schmalste. Von der Süd- zur Nordseite sind es gefühlt weniger als hundert Meter, und es gleicht somit gewissermaßen einer Gratwanderung, zwischen dem flachen, oft auch lediglich aus graubraunschwarzem Schlamm bestehenden Wattenmeer und der anbrandenden Nordsee hin- und herzuwechseln. Eine faszinierende Erfahrung, wovon sich Ende April 1982 zwei siebente und zwei achte Klassen meines damaligen Gymnasiums überzeugen konnten, als sie dort rund eine Woche auf einer Schulfreizeit verbrachten. Auch sonst gab es manch Spannendes zu erleben und zu sehen, zum Beispiel Bernstein, der in winzigen, glasharten Tropfen in der Brandung klirrte und im Sand daneben in der Sonne flirrte. Auch anderes wurde angespült, vor Minenresten aus dem Zweiten Weltkrieg wurden wir gewarnt, doch Poldi St., damals mein Deutsch- und Klassenlehrer, brachte eines Abends auch etwas sehr Interessantes in den engen Schlafverschlag, den ich mir mit sieben meiner Klassenkameraden teilte: eine intakte und gefüllte Bierdose, vom Meer an Land gespült und eindeutig englischen Ursprungs. Ob wir alle mal kosten wollten? Aber jeder nur einen, nicht zu großen Schluck! Obwohl das vielleicht „schulpolitisch“ nicht korrekt war, fanden ich – und alle anderen – diese Aktion und diesen Vorschlag ausgesprochen klasse, ein fast verschwörerischer Geist sonst kaum empfundener Gemeinschaft brach sich Bahn, und in einer Phase der Entwicklung, da wohl jeder mal das eine oder andere heimlich probierte, gab diese Geste uns das wohlige Gefühl, ganz offiziell an der Welt der Erwachsenen mit ihren Freiheiten und unbegrenzten Abenteuern teilhaben zu können.

Doch sonst war die gesamte Atmosphäre – mehr als gelinde gesagt – aufgeheizt. Wir waren alle mehr oder weniger vierzehn Jahre alt, und niemals vorher oder nachher war die erste sexuelle Aufgeregtheit und die Neugier auf das andere Geschlecht so stark zu spüren – praktisch mit der Hand zu greifen – wie auf Juist. Ich kann mich selbst nicht davon ausnehmen – und dies ist für das hier noch zu Erzählende von großer Bedeutung –, doch als vermeintlich körperloser Musterschüler dürfte ich es kaum nach außen habe dringen lassen. Die meisten anderen waren da weniger zurückhaltend, jede Nacht lief in dem Achterzimmer ein Kassettenrekorder oder Ghettoblaster mit deutschem Hardrock und vollkommen eindeutiger „Lyrik“, die für mich nichts mit Romantik und Erotik zu tun hatte. Einige sahen sich zudem getrieben, ihre entsprechenden Traumfantasien in allen Einzelheiten in die Runde zu werfen, und letztlich wurde sogar jeder Einzelne aufgefordert kundzutun, was er mit welchem Mädchen gerne alles anstellen würde. Wie gut, dass in diesem Moment – es war schon in den frühen Morgenstunden – Kurt H., der Erdkunde- und Sportlehrer, ins Zimmer stürmte und alle Insassen zum Spüldienst für den nächsten Tag verdonnerte. Obwohl mein bester Freund und ich das dann – natürlich – weitgehend allein erledigten, blieb mir auf diese Weise und bis heute erspart, meine innersten Geheimnisse preisgeben zu müssen. Dass dies aufs andere Geschlecht wenig beeindruckend wirkte, wurde mir damals bereits klar und kurz darauf anhand einer Szene vor Ohren geführt, an die ich mich ebenfalls bis heute erinnere: An einem Nachmittag war ich allein am Strand spazieren und wollte gerade durch einen gewundenen Hohlweg in den Dünen zum Schullandheim zurückkehren, als ich ganz nah, hinter der nächsten Biegung, zwei Mädchen sprechen hörte. „Sind welche von den Jungs am Strand?“ fragte die eine, Monika, die ich sofort an ihrer Stimme erkannte. „Naja, ich habe gerade den Eckhard aus der Ferne gesehen“, sagte die andere, Kerstin, die ich ebenfalls allein aufgrund der Worte bildlich vor mir sah. „Der zählt ja wohl nicht“, lautete die mehr als abschätzige Entgegnung – doch Kerstin hat, da sie mich doch dazuzählte, immer einen kleinen, wehmütigen Platz in meiner Erinnerung behalten.

Die dritte Aufsichtskraft aus dem Kollegium war bei der Schulfreizeit an Wattenmeer und Nordsee Ute R. – eine sehr junge, zarte, blonde Lehrerin für Mathematik und Kunst, die ich kaum kannte. Doch ausgerechnet sie war es, der ich eine sehr kurze Episode zu verdanken habe, an die ich selbst nach beinahe vierzig Jahren immer noch oder vielleicht auch wieder – dafür jedoch mit umso größerer Heftigkeit – und einem schwierig zu erklärendem Gefühl zurückdenke. Es war vielleicht am vorletzten Tag des Aufenthalts, dass für die gesamte Mannschaft bei sehr durchwachsenem Wetter eine Wattwanderung auf dem Programm stand. Zwar waren wir mit Friesennerzen und riesigen Gummistiefeln ausgestattet, doch nach ein oder zwei Stunden machte sich bei vielen Müdigkeit und Unmut breit, weil wir im grau gefärbten Schlamm des Wattenmeers mühsam herumstapfen mussten. Auch ich erhielt Erlaubnis, zum in der Ferne am Ufer erkennbaren Schulfreizeitheim zurückzukehren und machte mich wie so oft alleine auf den Rückweg. Obwohl dieser nach meiner Einschätzung viel Zeit in Anspruch nahm, fand ich das Schullandheim, wie ich im ersten Moment dachte, vollkommen verlassen vor. Ich war sehr müde und die Beine schmerzten mir in den unsäglich schweren und mit Schlamm beschmierten Gummistiefeln – die ich jetzt auch noch versuchen musste auszuziehen, um nicht überall Spuren vom Watt zu hinterlassen. Als ich mich gerade nach einer Gelegenheit zum Niedersetzen umsah, um den nicht gerade einfachen Prozess in Angriff zu nehmen, hörte ich auf einmal doch jemanden sprechen. „Seid ihr schon wieder zurück?“ fragte Frau R. mich aus einem der Gänge, die zu unseren Zimmern führten, kam aber gleichzeitig einige Schritte näher. „Nein nein, die anderen sind noch draußen und kommen nach und nach wieder herein“, sagte ich ihr. „Die Stiefel musst du aber ausziehen. Schaffst du das?“ fragte sie mich weniger mit Vorwurf als mit einem Anklang in der Stimme, der für mich etwas zu sagen schien wie „Du armer Kerl, so müde, schmutzig und wie meist allein …“. Tatsächlich wurde sie aber sofort konkreter: „Soll ich dir zeigen, wie wir Reiter sich die Stiefel ausziehen? Komm mal mit hier rein!“ sprach sie und lotste mich in einen nahen Raum, den ich als ihr persönliches Zimmer im Schullandheim erkannte. Wenn überhaupt betrat ein Schüler diese Zimmer nur, wenn er zu einem offiziellen Termin dorthin beordert wurde – und offiziell war das hier ja wohl keineswegs. Schon dies erschien mir – und bis heute scheint es mir – ein wenig surreal, sodass ich erst einmal unsicher in der Tür stehenblieb. „Komm, mach die Tür zu und setz‘ dich dahin. Ich helf‘ dir mit den Stiefeln“, hieß es nun von ihr – und dabei zeigte sie eindeutig auf ihr Bett. In dem Raum gab es scheinbar keine normalen Stühle, und der Schreibtischstuhl auf Rollen schien für ihre Pläne nicht geeignet. Mit heißem Kopf und Herzschlag bis zum Hals ließ ich mich also auf der Bettkante nieder und dachte nur „Was passiert jetzt?“ Meine Lehrerin ging vor mir in die Hocke, packte meinen rechten Stiefel an Hacke und Schaft und sagte „Stütz dich mit den Händen ab und gib mir Widerstand!“ Ich dachte unwillkürlich nur „Sie sieht so jung aus, als ob sie in meine Klasse ginge“, doch ihrer Kraft tat das keinerlei Abbruch, denn schon hatte sie mir das widerspenstige Gummi vom Fuß gezogen. „Jetzt den anderen, streck das linke Bein ein wenig vor!“ forderte sie mich auf und drehte sich gleichzeitig um. Jetzt war für mich alles Reale endgültig verloren, denn mein stiefelbewehrter linker Fuß steckte, von ihrer einen Hand gehalten, zwischen ihren Beinen, während sie mit ihrer anderen Hand nach meinem schon befreiten Fuß tastete und ihn mit Nachdruck auf dem eigenen Hinterteil platzierte, das sich mir nicht un-, sondern viel eher fassbar nah entgegenstreckte. „Das geht doch nicht …!“ versuchte ich, noch relativ schwach zu protestieren, ohne dass mir die zweifache Unwahrscheinlichkeit der Situation wirklich bewusst wurde: Denn – unerfüllter Traum eines fast jeden Schülers – ich durfte einer Aufsichts- und Respektperson ohne Konsequenzen in den Hintern treten. Und – in den Folgen noch viel unabsehbarer – mein lediglich noch mit Socken angetaner Fuß massierte einer für mich sehr attraktiven jungen Frau den wohlgeformten Po … Ich fasste keinerlei klaren Gedanken mehr, brachte außer einem kurzen „Vielen Dank auch“ keinen weiteren Ton zustande, schnappte mir die schrecklich schnell vom Fuß gezogenen Stiefel und ergriff die Flucht. „Das darfst du hier niemandem erzählen“, war wohl der einzige Gedanke, dessen ich mich noch erinnere.

Ich war danach nicht unsterblich in Ute R. verliebt, obwohl sie durchaus nett und hübsch war. Sie hat relativ bald danach ein Baby bekommen und war entsprechend über einen längeren Zeitraum gar nicht mehr in der Schule und in meiner Wahrnehmung präsent. Irgendwie hab ich die Episode in diesem Zuge scheinbar selbst vergessen – welche anderen Konsequenzen hätte ich mir auch einreden sollen? Erst nach fast vierzig Jahren steht sie mir wieder vollkommen klar vor Augen – und ich mache mir meine Gedanken, ob es nicht doch sehr merkwürdige Langzeitfolgen gab. Für die nächsten zehn oder zwölf Jahre war diese Szene jedenfalls das für mich körperlich erotischste, was mir mit einem anderen Menschen wiederfuhr. Und von den drei Frauen, in die ich in den kommenden fünfzehn Jahren hochgradig verliebt war, sahen zumindest die ersten beiden Ute R. verblüffend ähnlich – und in beiden Fällen schwebte, wenn auch aus verschiedenen Gründen, über der erotischen Anziehung der graubraunschwarze Schleier der Unmöglichkeit, der auch Lehrerin und Schüler unzerreißbar voneinander ferngehalten hätte. Ute hat damals nichts falsch gemacht, sie war nur hilfsbereit, ohne den Ort, die Rollen der Beteiligten und meinen ihr natürlich unbekannten Seelenzustand zu berücksichtigen. Deshalb gibt es dazu wahrscheinlich auch nichts mehr sagen, außer vielleicht, was mir als klassischer Treppenwitz jetzt einfiel, was ich sie 1982 bei meinem eiligen Abgang nicht mehr gefragt habe, und was eisiges Schweigen, Ohrfeigen oder – wer weiß? – zur Konsequenz gehabt hätte: „Soll ich dir auch irgendwas ausziehen?“
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