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Alt 06.12.2019, 18:54   #1
Imperium Mitte
 
Dabei seit: 10/2019
Beiträge: 6


Standard Der Putsch am Nordpol

Im tiefen Norden. Dort wo kalte Winde herrschen, die Sonne vergeblich arbeitet und Eis keiner Pflanze halt gewährt. Dort endet der grüne Planet. Mit stolzen Skulpturen feiert das Eis dessen Sieg über den sonst so bunten Erdball. Leben oder dergleichen Atemelemte. Ausgestorben? Verschwunden? Oder waren sie nie dort?
In der eiskalten Eiswüste, im Sommer ein kleiner Wasserfall plätscherte. Unter diesem ein gigantischer Hohlraum protzte, das Sanktuarium des menschlichen Herzens.
Die Tage flossen dahin und zwangen dem Jahr ein höheres Alter auf. Jeden Tag war es teils hell gewesen, brachte etwas Wärme in die triste Region. Doch die Nacht, ihre Angewohnheiten liebend, weiß, wann des Jahres Schwäche herannaht und fordert des schmächtigen Tages Gefolgschaft. Die Sanktionen der Nacht über den Tag ermöglichen die Durchsetzung der teuflischen Lichtlosigkeit.
Licht, das fehlt. Wärme, die fehlt. Alles flüssige Wasser beugt sich dem neuen Herrn. Der Wasserfall, der ist kein Held. Schnell das Plätschern und Fließen dieser aufgibt, um Erbarmen von der Nacht zu erfahren.
Der Hohlraum, nun abgeschnitten von der Welt durch mächtiges Eis. Nur ein kleiner Gang, führend zu einer gefrorenen Tropfsteinhölle mit erstarrten schwarzen Klümpchen, schaudert nicht vor Verbindungen mit der Außenwelt. Das Licht des Mondes scheint grell durch die durchlässige eisige Wand, des feigen Gewands von dem wehrlosen Wasserfall. Bringt Eis und Stein zum strahlen und leuchten. Immer diese Zeit im Jahr, wenn Leben unmöglich ist. Es ist eine Tradition. Eine Art Pakt mit der Menschheit, welcher nie und nimmer gebrochen wird. Die Mondstrahlen kennen ihr Ziel, haben eine Aufgabe. Der November ist die Zeit, wo die Menschheit ihr Geschenk erhält. Drei an der Zahl. Jedes Jahr, wenn der heilige Tag heranrückt, kommen sie über uns. Die drei Gesandten des Nordens. Wochen, Monate hielt die Umgebung sie gefangen. Doch nun werden sie befreit, ihre Macht entfesselt. Gemäß den unvereinbarten Regeln, erwacht der erste Gesandte. Immer dieser zuerst. Immer.
Freude, Besinnlichkeit, Zuneigung. Der Gesandte hat viele Namen. Lange war er gefangen, eingemeißelt in das Gestein des Vergessens. Das Mondlicht vermag Stein zu brechen. Nun kann die ganze Welt seine Anmut wieder genießen. Ein stolzes und strammes Geschöpf ist er. Seine Körperstatur ähnelt der eines muskulösen Recken. Seine Haut ist geprägt von einer glühenden, roten, halbflüssigen Oberfläche. Die Wärme, die er ausstrahlt, ist nicht von dieser Welt. Am Nordpol ist er die Sonne selbst. Schwarze, kalte und feste Streifen zieren den ganzen Körper. Geschenke der Menschheit. Eine Zunahme, die kommt nicht selten vor. Das Gesicht mit menschlicher Textur und hitziger Temperatur wird umsäumt von Haaren aus Wachs. Ihre Fähigkeit zu schmelzen scheint verloren. Auf seinen Rücken trägt er ein Gewand, einen gigantischen Mantel aus rotem, königlichem Stoff, welcher am Hals befestigt scheint. Niemand vermag eine Textilie zu finden, die mehr wärmt. Des Gesandten Unterkörper ist bedeckt von Tannenzweigen. Fest sind sie gewachsen, gleichen alle zusammen einen Rock und sind von einer Länge, dass sie auf dem Boden schleifen. Endlos wachsen sie. Endlos röstet die heiße Haut die grünen Blätter. Der majestätische Geruch herrscht nun auf der gesamten Welt. Betört alle Menschen. Der Rote Gesandte weiß um seine Aufgabe.
Gemäß den unvereinbarten Regeln, erwacht der zweite Gesandte. Immer dieser als zweites. Immer.
Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, Frieden. Der Gesandte hat viele Namen. Lange war er gefangen in der Eisschicht des Verderbens. Der Rote Gesandte vermag Eis zu schmelzen. Nun kann die ganze Welt, des Zweiten Herzlichkeit wieder genießen. Ganz kalt ist er, ganz kalt. Sein Oberkörper hatte den des Menschen als Inspirationsquelle. Haut oder dergleichen besitzt er nicht. Nur Knochen bilden seine Statur. Allerdings in fremder Struktur. Zwei Flügel auf seinem Rücken. Bloß Knochen. Seine Haut und Federn! Ein Geschenk an die Menschheit. Kleidung trägt er nicht. Nur seine Arme sind bedeckt mit viel zu breiten Ärmel. Niemals richtet er seine Arme nach unten. Aus den Ärmeln fällt sonst das Glück. Sein Kopf gleicht einer Waage, gespalten und auseinandergezogen. Wer darf Glück erhalten? Vermag er es doch dadurch zu beantworten. Seht ihr seinen Unterkörper? Willst du einsteigen? Ein gigantischer Schlitten. Platz für die ganze Menschheit. Friede bedarf der Unendlichkeit und dessen ist er sich bewusst. Ein kleines, schwarzes Loch in seiner Brust. Unendlichkeit für des Menschen Wohlergehen. Seine Haut und seine Federn bedecken nun die gesamte Welt. Betört alle Menschen. Der hautlose Gesandte weiß um seine Aufgabe.
Gemäß den unvereinbarten Regeln, erwacht der dritte Gesandte. Immer dieser als drittes. Immer.
Vielfalt. Toleranz. Bewahrung. Der Gesandte hat viele Namen. Lange war er gefangen in der der kalten Luft. Zersprungen in viele kleine Einzelteile. Der hautlose Gesandte vermag zu sammeln. Nun kann die ganze Welt, des Dritten Behutsamkeit wieder genießen. Er hat den Körper eines Kindes. Ein Kopf. Der fehlt. Seine Blöße steht im Hintergrund. Arme, Beine und Rumpf leuchten hell und grell. Allerdings nicht in einer Farbe. Der ganze Körper ist gestreift. Jeder Streifen besessen von einem anderen Blau- oder Grünton. Lediglich der Hüpftbereich bricht mit dieser Regel, scheint gelblich und golden. Die Streifen sind so zahlreich, dass kaum eine Menschenseele fähig sein könnte diese in Kürze zu differenzieren. Schwarze Streifen zwischen den großen Farbigen, ermöglichen eine Abtrennung. Der Mensch ist vielfältig, kein einseitiges Geschöpf. Kulturkreise in so hoher Anzahl wie die Streifen des Gesandten. Ideenreichtum ist ein Resultat. Eine Zeugung der Vielfalt. Herrscht das Licht des Gesandten in der Welt, so umgibt dieses einen jeden Mensch. Weckt Vertrauen in des Lebensgenossen Gedanken. Sein Licht bestrahlt nun die gesamte Welt. Der kopflose Gesandte weiß um seine Aufgabe.
Blitzartig eilt der Kopflose in die zu den drei gehörigen Tropfsteinhöhle. Die Streifen! Das Licht! Die schwarzen Klümpchen tauen. Erwachen. Meinst du drei Drei arbeiten selbst? Die Menschen ihnen auf dieser Weise ihre Liebe zeigen.
Viele Jahre geschieht dies nun schon, längst gehört die Anwesenheit des Novembers und Dezembers den drei Gesandten. Nie haben sie ewig Zeit. Der 25. Dezember ihr Todestag ist. Sag mir, was ist der Unterschied zwischen Weihnachtszeit und Herrschaft der drei!?
Die Erde ist sich bezüglich des Todes nicht einig. Paradies, Himmel oder Wiedergeburt? Andere Menschen lachen und sagen: „Dein Lieber. Der, der nun tot ist. Den wirst du nie wiedersehen.“ Doch Recht zu sprechen, nur den drei Gesandeten zusteht. Im Erdreich sind sie gefangen. Die Seelen unserer Lebensgenossen. Die Ewigkeit ist eine närrische Zeit und so bestimmte man: „Das Ende jedes Jahres einer Befreiung gleichen soll. Die Pforten vom Irrgarten Erde gesprengt gehören.“ Die drei Gesandten, wohl mehr Sprengmeister als Gestalten, sind bloß Fährmänner von Väterchen Tod.
Das Licht des kopflosen Gesandten scheint so hell, dass das graue Erdreich durchströmt wird, die umherirrenden Toten angelockt werden. Alle, die gesamte Todesgemeinschaft, erscheint, nehmen eine nicht individuelle Gestalt an. Eine Versammlung der Opfer des letzten Jahres. Der Kopflose führt sie, der hautlose erfüllt ihre Wünsche und der Rote gewährt Einblicke in das Leben der Angehörigen. Der Tod ihnen daher die Gabe der Eigenspaltung gab, um möglichst vielen der armen Seelen gleichzeitig die Anwesenheit von einem der drei Hohen zu gewährleisten. Schnell wird gegessen und getrunken, ausgeruht und getrauert. Ach, was soll man hier ohne Liebe und Triebe?
„Die drei Gesandten pflegen des lebenden Menschen Wohl nur, um für die vielen Tode zu entschädigen,“ diskutierten die Toten über den Sinn der Gesandten. Recht hatten sie, denn eine wahrhaftige Antwort. Die gab es nicht. Die drei schwiegen und ließen den Toten ihr Geplauder.
Das Klagen und Flehen wuchsen über die Jahre, längst hielten die Gesandten ihr Mitleid mit den ehemals Irdischen nicht mehr aus. Einmal dürften sie ihre Liebsten nochmal besuchen, hieß der Beschluss der hohen Drei. Einmal. Unerkannt. Ohne Offenbarung. Am 24. Dezember. Einen Tag vor der Auflösung der Gesandten und der Toten.
Wohin die Toten anschließend wandern, weiß keiner. Einige hoffen wieder, dass sie in das Paradies kommen. Andere in den Himmel. Und wieder andere erwägen eine Wiedergeburt. „Jeden bleibt dies selbst überlassen,“ schrie der Kopflose saugend an der Zitze der gütigen Friedensmutter, leider ein Opfer der fortwährenden Mortalität.
Die gütigen Gesandten machten den Toten ein Angebot. Zum Trost solle jeder der Lieben ein Geschenk erhalten. Da gab es Gebrülle und Geschreie. Die einen riefen: „Für meine Liebsten nur das Beste!“ Während andere schrien: „Unsinn! Blödsinn! Unsere Lieben brauchen keine Geschenke. Ein Geschenk! Aus diesem Grund. In unserer Kultur unmöglich! Zeit mit uns ist ihr größtes Geschenk!“. Wiedermals musste der Kopflose schlichten und sprach klar: „Wir akzeptieren eure Wünsche, ihr toten Gestalten! Jeder des seinen. Ich werde eure Wünsche und Kulturen bewahren und schützen!“
Die drei Gesandten sorgten für deren Ausrüstung. Der Rote spendete jedem einen Teil seines roten Mantels der mit Schande behafteten Nacktheit wegen, verlieh jedem die Wärme und Freundlichkeit, um von der Familie mit offenen Armen empfangen zu werden. Der Hautlose gewährte einem jeden etwas Glück aus seinem Ärmel und teilte sich beliebig oft, der Gesandte als Reitgefährt. Der Kopflose vermachte jedem eine strahlende und eindrucksvolle Ausstrahlung, die den Menschen die Angst nehmen sollte. Und so brachen sie auf, die Toten. Einige mit und einige ohne Geschenk. Der Schlitten war jedoch mancher Eins fast zu klein. Nur gegessen und getrauert hatten sie.
Jahr ein Jahr aus praktizierten die Gesandten diese Methode nun schon. Verbreiteten immer wieder ihre Botschaften in der Welt. In den Ländern der Toten mit dem Glück hatte sich über die Zeit ein pompöses Fest entwickelt.
Die Gesandten, den steigenden Todeszahl entgegensehend, hatten viel zu tun. Die Betreuung der Toten, das Wohl der Menschen, den einmaligen Besuch. Schwarze Klümpchen, die Sklaven der Gesandten, übernahmen oftmals lästige Arbeiten. Jedes Verbrechen der Menschheit bringt ein Klümpchen hervor. Schwarze Häufchen, die variierende Formen annehmen können. Jede erstarrte Hautfläche des Roten ist ein Klümpchen. Jede Feder des Hautlosen, die durch das menschliche Handeln dessen Ende in Zerstörung findet, bildet ein Klümpchen. Jede Verletzung des schützenden Kulturlichts von dem Kopflosen hat ein Klümpchen zur Folge. Nur Sklaven sind sie. Sammeln das produzierte Glück und verpacken dieses. Matrix des Bösen.
Ihre Anzahl stieg jedes Jahr, doch eine echte Gefahr bildeten sie nie.
Eines Tages jedoch, in einem unbestimmten Jahr, wurde ein Augen-Klümpchen geboren. Ein Resultat unterlassener Hilfeleistung. Es hatte ein Bewusstsein, besaß einen Charakter, wie von der Zeugungstat anerzogen und sah das Potenzial mit dem Glücksgeschäft, woraufhin es mit anderen Klümpchen fusionierte. Bildete einen perfekten Körper mit enormen Machtpotenzial. Der Kopf ein riesiges Auge, am Rücken dunkle, schwarze Flügel, der Körper durchbohrt von Messern und schwarzen Pusteln. Die Haut bildete eine schwarze Flüssigkeit.
Doch sicher wird nichts passieren!
Einen direkten Angriff wollte das Klümpchen nicht wagen, war es doch noch viel zu schwach. Stattdessen überlegte es sich eine List. Am Ende jedes Jahres, wenn die Gesandten, die Toten und die noch freien Klümpchen, sowie es selber erwacht waren, flog es hinaus in die Welt und sprach mit den Menschen. „Ich kann euch sagen, schreibt auf, was ihr wollt und ihr bekommt es. Euer Wille, ist des Glückes Wille,“ predigte das Klümpchen. An den verschiedensten Orten hielt es Rede und Antwort und machte dessen höllische Propaganda.
Vermehrt diskutierten die Menschen nun, was sie den eigentlich zum großen Festakt beabsichtigten zu bekommen. Viele boten gar Gegenstände zum Tausch und setzten gehäuft darauf mit Geld das gewünschte Glück kaufen zu können. Der Mensch verlor das Interesse am Menschen. Verlor das Interesse den Verstorbenen zu gedenken.
Die Gesandten sahen sich einer steigenden Anzahl von Klümpchen entgegengesetzt, litten unter dem Verlust ihrer warmen Oberfläche, ihren Federn in der Welt und von der Leuchtkraft der Streifen. Das Klümpchen fusionierte mehr und mehr. Mit immer weiteren Brüder und Schwestern. Des Klümpchens Lachen, dass die vereisten Moleküle zitterten.
Dessen Macht stieg. Die der Gesandten schwand. Und die Toten maulten: „Besuchen tun wir sie. Lieben tun wir sie. Trösten wollen wir sie. Einen Gedanke. Das haben sie uns nicht mehr zu vergeben!“ Und die Gesandten jauchzten: „Wir sind des Todes nahe. Die Welt hat uns vergessen!“
Das Augen-Klümpchen stellte sich den Gesandten entgegen. Schwach wie sie waren. Ihrer Kapitulation entgegensehend. Kontrolle, dieses autoritäre Wort, besaß das Augen-Klümpchen nun über Freude, Großzügigkeit und Toleranz. Bestimmte dessen Definition. Fusionierte praktisch mit diesen.
Genug war dies nicht. Nein, ganz sicher nicht. Viel mehr Glück sollte es in der Welt geben. Das Augen-Klümpchen kannte keine Grenzen. War die Gier höchstpersönlich. Besinnlichkeit, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Des Schwarzen Feind. Plötzlich vermehrt Geschenke in der Welt. Vielfalt starb aus.
Die Welt verlernte die Gefühle und Zustände der alten Gesandten. Verstand unter eben diesen Attributen den Erhalt von Glück. Die Menschen sahen in dem Klümpchen einen Freund und Vertrauten. Einen Erlöser, der ihnen die größten Geschenke und Luxus brachte. Nicht wissend, dass eben dieser ihnen bereits das Wichtigste genommen hatte.
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