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Alt 15.08.2019, 10:24   #1
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Standard Unter Wölfen

Wilya sah gebannt dem Kampf zu. Die beiden Wölfe hatten sich ineinander verbissen, keiner wollte loslassen, und doch wusste sie, wie es enden würde. Kolyo hatte sich zu weit vorgewagt. Jung und unerfahren hatte er den Leitwolf herausgefordert, der ihn wütend hin und her schleuderte, dieses jugendliche Federgewicht, das dem jagd- und kampferbrobten Gegner hoffnungslos unterlegen war.

Kolyo lockerte seinen Biss. Zum Zeichen seiner Niederlage rollte er sich auf den Rücken und bot seinem Widersacher seine verwundbarsten Stellen dar, den Bauch und die Genitalien. Wilya kauerte im Gras und legte die Schnauze auf die vorgestreckten Pfoten. Der Kampf war zu Ende, die Ordnung wiederhergestellt. Ihre Affäre mit dem jungen Wolf war zu Ende. Ihr Platz als stärkste Wölfin des Rudels war neben Bylo, das war ihr naturgegebenes Schicksal. Kolyos Zeit war noch nicht gekommen, und wenn sie kam, wüde er sich nicht mit der Wölfin seines Herzens, sondern mit der stärksten des Rudels paaren, wie die Natur es verlangte.

Wilya war weder glücklich noch unglücklich über den Ausgang des Kampfs. Herausforderungen gehörten zum Alltag des Rudels, und über die Rangordnung wurde in den meisten Fällen mit Knurren und Zähneflechtschen schnell Einigung erzielt. Zu bissigen Auseinandersetzungen mit tödlichem Ausgang kam es selten.

Doch dieses Mal geschah das Ungeheuerliche: Bylo wandte sich nicht von Kolyo ab, sondern senkte seine Zähne in dessen Leib, riss ihm die Bauchdecke auf und zerrte seine Gedärme heraus. Wilya winselte, als Kolyo seine Pein zum Himmel heulte, ehe er elendig verschied. Diese Demonstration, wer über das Rudel herrschte, war eine neue, unerwartete Erfahrung für sie, die sie ebenso verstörte wie die jungen Wölfe, die mit eingezogenen Schwänzen und demütig gesenkten Köpfen der Hinrichtung beiwohnten.

Um seinem Recht Nachdruck zu verleihen, paarte sich Bylo nach seiner blutigen Tat mit Wilya. Erst danach war sein Zorn verraucht. An seinem Lieblingsplatz streckte er sich aus und begann, das Blut aus seinem Fell zu lecken, während sich die Schmeißfliegen über Kolyos Kadaver hermachten.

Doch was in Wilyas Leib heranwuchs, waren nicht Bylos Nachkommen. Sie gebar fünf Welpen, von denen zwei männlichen Geschlechts waren und Kolyos weiße Brust trugen. Bylos Instinkt warnte ihn vor dieser Brut, und es gelang ihm, das schwächere der beiden Welpen in einem unbewachten Moment fortzuschleppen und totzubeißen. Als er sich dem zweiten nähern wollte, traf er auf eine knurrende und zähnefletschende Wilya und zog es vor, auf einen geeigneteren Augenblick zu warten.

Die Gelegenheit blieb aus, denn Wilya bewachte ihren Kolinyo Tag und Nacht. Wo immer er mit seinen Kameraden spielte, sich im Heranpirschen an Beute übte, die Tiere des Reviers beschnupperte und lernte, was sich zu jagen lohnte und was man besser ließ - Wilya war immer dabei, selbst dann, wenn Kolinyo sie nicht sah. Sie kannte die Gefahr, in der sich ihr Sohn befand, und dass sie Bylo in Schach halten musste, bis er zu alt und zu schwach geworden war, seinen Platz zu behaupten.

Aber Bylo war ein zäher Wolf. Er war überdurchschnittlich groß und stark und nicht leicht zu stürzen. Als Kolinyo ihn aus reinem Übermut ärgerte, indem er uneingeladen in Bylos Beute biss, entging er dank seiner Schnelligkeit nur knapp seinem Todesurteil.

Doch der Tag kam. Bylo war alt geworden und am Ende seiner Kräfte. Dennoch fühlte er sich noch stark genug, seinen Platz zu verteidigen, und so nahm er Kolinyos Herausforderung an. Als er, auf den Rücken gerollt, um Bauch und Genitalien feilzubieten, seine Niederlage eingestand, zog Kolinyo zurück und ließ dem Mörder seines Vaters den Rest seines Lebens.
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