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Alt 12.07.2019, 23:36   #1
männlich Ralfchen
 
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Standard Der Lehnstuhl 1

Der Lehnstuhl 1

Sie stützte sich auf die abgegriffenen speckigen Armlehnen des zerzausten Lehnstuhles und beugte sich über ihn. Es war kaum möglich, seinen unstet von links nach rechts und oben nach unten zuckenden Augenbewegungen zu folgen. Wie eine gestörte alte Bildröhre, dachte sie. Seine rot entzündeten verschwollenen Augen erinnerten sie an die ihres - erst vor kurzem verblichenen - Hundes. Das Vieh war an Nierenversagen krepiert; hatte die riesigen Räume des Palais noch wochenlang davor mit seiner geschwächten Blase markiert. Ob er auch was mit seinen Nieren hat?

„Solltest du nicht mal einen Urologen aufsuchen?“

Er schloss die Augen und leckte seine aufgesprungenen Lippen mit der Spitze seiner gelblich belegten Zunge. Ein Speicheltropfen verirrte sich in der Mitte seiner Oberlippe. Als er seinen Mund ein wenig öffnete, um keuchend nach Luft zu schnappen, dehnte sich der Tropfen kurz zu einem Fädchen, um mit einem fast hörbaren Schnalzen an der Unterlippe zu zerplatzen. Definitiv ein Nierenproblem.

„Du hast etwas mit der Niere Süßer, darauf kannst du wetten. Ich könnte ja einen Arzt - irgendeinen Urologen - aus dem Telefonbuch anrufen und einen Termin für dich vereinbaren.“

Noch immer auf den Stuhl gestützt, näherte sie sich seinem Gesicht, um knapp vor seiner Nasenspitze halt zu machen.

„Du bist widerlich, wie du hier regungslos sitzt und vor dich hin stinkst.“

Die Arbeit als Altenhilfe war weiß Gott undankbar und abscheulich. Menschen wie er sollten in Pflegeheimen untergebracht werden, aber das System platzte bereits seit Jahren aus allen Nähten. Man fand kaum mehr Personal, griff zurück auf Menschen wie sie. Vor drei Jahren hatte das Innenministerium begonnen, systematisch die Gefängnisse und Nervenheilanstalten nach geeignetem Personal zu sondieren. Anfangs waren nur leichte Fälle und harmlose Straftäter wie Ladendiebe, Kleinkriminelle und Schizos entlassen und vom Sozialministerium aufgenommen worden. Letztlich dann gefährlichere Elemente, wie Todschläger und Mörder. Menschen wie sie. Sie wandte sich von ihm ab und schob die schweren Samtvorhänge des hohen Fensters beiseite. Die Halteringe erzeugten ein unangenehmes scherendes Geräusch, das die Stille des Augenblickes wie ein plötzlicher Schmerz in den Nieren unterbrach. Auf dem Platz vor dem Fenster waren weiß gekleidete Figuren dabei, hunderte nackte, übereinander getürmte menschliche Körper, aus Schläuchen mit einer Flüssigkeit zu bespritzen. Es war die städtische Todeswehr. Die zu den Schläuchen gehörenden Tankwagen standen in einiger Entfernung, die Chauffeure auf den Trittbrettern wartend. Sie beobachtete aufmerksam, wie die Weißgekleideten die Schläuche an den Seiten der Tankfahrzeuge aufrollten, sie bestiegen und sich mit diesen rückwärts in Bewegung setzten. Kaum waren die Fahrzeuge aus ihrem Blickfeld verschwunden, tauchten leuchtende Patronen die Abenddämmerung in ein grelles unnatürliches Licht. Im nächsten Moment züngelte eine Decke blauer Flammen über den Haufen der Verblichenen. Sie wandte sich vom Fenster ab und lächelte. Mit der lautlosen samtweichen Grazie der geborenen Predatorin, glitt sie hinter den Lehnstuhl und spannte die dünne Drahtschlinge der Garotte um seinen fetten Hals, durch eine Drehung des Griffes noch ein wenig enger. Mit leicht nach vorne gebeugtem Kopf lauschte sie seinem leiser werdenden Röcheln.

Geändert von Ralfchen (13.07.2019 um 01:13 Uhr)
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