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Alt 07.06.2019, 11:10   #1
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.268


Standard Candle Light Dinner

Sie liebt ihn, dass wusste sie inzwischen, auch wenn es sehr lange gedauert hat, das aus ihrem Gefühlskosmos herauszufiltern. Dass er, sie auch liebte, war für sie mittlerweile zweifellos! Sein monatelanges beständiges werben und die Offenheit, mit der er ihr zu verstehen gab, wie es um ihn stand, ließen selbst ihren chaotischen Gedankenmustern keine andere Erkenntnis mehr zu. Ihr ganzes Leben lang als Frau, wehrte sie sich verzweifelt dagegen, dass eine Möglichkeit besteht, dass jemand sie wirklich lieben könnte. Sie, die in ihren eigenen Augen nichts wert war, rein gar nichts!

Doch jetzt stand sie hier und ließ die vergangenen Monate Revue passieren. Wie sie sich zufällig kennenlernten und wie er es mit seiner Beharrlichkeit geschafft hatte, ihren gemeinsamen Weg in einen Trichter münden zu lassen, in dem es keinen Ausweg mehr für sie gab. Sie konnte nicht mehr weglaufen, wollte nicht mehr weglaufen! Sie wollte jetzt und genau hier sein, auch wenn ihre Ängste langsam wieder anfingen die Kontrolle zu übernehmen, um den Fluchtreflex auszulösen, dem sie so oft instinktiv gefolgt war. Heute nicht, heute musste sie standhalten!

Die Sekunden verrannen und jede einzelne war eine Qual, hoffentlich kommt er bald! Sie wusste, wenn er nur endlich da wäre, würden ihr Ängste und Zweifel mit jeder Minute seiner Anwesenheit abebben. Diese Erfahrung war es, dass es überhaupt dazu kommen konnte, dass sie jetzt und hier so sehnsüchtig auf ihn wartete. Sie trug ihr langes und eng geschnittenes schwarzes Abendkleid, das sie sich extra für diesen Abend gekauft hatte und das ihre Figur noch mehr betonte. Eine Figur, die sie akzeptierte, was im krassen Widerspruch zu ihrem Körpergefühl stand. Ob es daran lag, dass die Männer ihr schon seit ihrer frühen Jugend hinterherpfiffen? Sie ging noch einmal kurz ins Schlafzimmer und überprüfte vor dem großen Spiegel mit kritischem Blick die hochgesteckte Frisur und zupfte an den Ärmeln des Kleides um den Stoff zu glätten. Wertvolle Sekunden sich abzulenken. Erstaunlicher Weise war das, was sie im Spiegel sah akzeptable, ein Zustand den sie selten empfand, sich selbst zu akzeptieren.

Endlich klingelte es und ihre schlanken langen Beine bewegten sich Richtung Tür, ohne das der Kopf protestierte. Sie sammelte sich kurz davor und öffnete dann Zentimeter für Zentimeter die Tür, bis die Kette einrastete. Sie ärgerte sich, denn in ihrem stundenlang zurechtgelegten Plan, wollte sie selbstbewusst und schwungvoll die Tür öffnen. Doch Vorstellung und Realität, liefen in ihrem Leben selten Hand in Hand. Sie schloss die Tür kurz wieder, um die Kette zu entriegeln und schaffte es zumindest die Tür in einem überschaubaren Zeitrahmen zu öffnen. „Wow“ entfuhr es ihm, als er sie in ihrem Kleid und den nur mit Kerzen erleuchteten Diele erblickte. „Ein Candle Light Dinner?“ fragte er sie irritiert. „Dafür bin ich wohl underdressed, warum hast du nichts gesagt?“ schaute er verlegen auf seine gammelige Jeans. „Weil es dann keine Überraschung mehr gewesen wäre, außerdem bestellen wir nur etwas, möchtest du nicht erst einmal hereinkommen?“ sagte sie etwas hektisch, denn sie wollte auf keinen Fall, das zufällig einer ihrer Nachbarn die Nase in den Flur steckte und sie in diesem Aufzug sah.

Als er sich immer noch nicht bewegte und sie wie angewurzelt betrachtete, nahm sie seine Hand und zog ihn wohl etwas zu energisch hinein, während sie die Tür schloss. Nichts ahnend, dass sie damit ihren zurechtgelegten Plan, von einer auf die nächste Sekunde unwiederbringlich zerstörte, als sie in seinen Armen landete. Verstört und der Situation nicht gewachsen, wollte sie sich schnell wieder von ihm lösen, doch als sie bemerkte, dass er keine Anstalten machte sie küssen zu wollen, sondern sie nur warm und freundschaftlich umarmte und ihr ein „Entschuldigung“ leise ins Ohr säuselte, entspannte sie sich und ließ ihn gewähren. Sie glaubte ewig dort mit ihm zu stehen, bis er ihr Kinn in seine schwielige kräftige Hand nahm, ihren Kopf leicht anhob und flüsterte „Ich weiß, dass du Angst hast, aber du brauchst keine Angst zu haben, es wird zwischen uns niemals etwas passieren, was du nicht wirklich möchtest!“

Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden und als sie die Augen öffnete, um in seine zu schauen, brach ihr Blick und Tränen liefen über ihre Wangen. Sanft zog er sie wieder in seine Arme und legte ihren Kopf an seine Brust „Alles wird gut!“ wiederholte er mehrmals, während er ihr zärtlich über den Kopf streichelte und mit seinen Lippen ihr Haar liebkoste. Lange standen sie so da, sie konnten sich einfach nicht voneinander lösen. Als der Tränenstrom endlich versiegte und sich der Kopf wieder einschaltete, durchlief sie eine Panik! Wie wird er reagieren, wenn er ihren narbenüberzogenen Körper sieht. Wird es sich ekeln und abwenden, oder wird er verstehen und akzeptieren. Wirre Gedanken und Bilder schossen ihr durch den Kopf, bis plötzlich und völlig unerwartet eine Ruhe und Klarheit in ihren Geist einzog, die sie in der Vergangenheit noch nie verspürt hatte. Jetzt, gab ihr Körper und Geist gleichzeitig zu verstehen. Jetzt! Sie hob ihren Kopf und küsste ihn mit solch einer Leidenschaft, die sie sich selbst nie zugetraut hätte. Als sie spürte, wie sein Körper reagierte, begann ihr Körper leicht zu zittern. Sie nahm seine Hand und führte ihn in den Raum, wo sich entscheiden sollte, welchen Weg ihr Leben zukünftig nehmen wird.
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