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Sonstiges und Experimentelles Andersartige, experimentelle Texte und sonstige Querschläger.

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Alt 20.11.2018, 23:00   #1
männlich Kinaski
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Innsbruck
Beiträge: 21

Standard Textfresskotzsucht

Butch war keine Leseratte, er war kein Bücherwurm, er war ein Textfresser. Der völlige Mangel an elterlicher Zuwendung brachte es mit sich, dass er bereits im zarten Alter von 10 Jahren Texte zu fressen begann. Er fraß zuerst die großen Kinder- und Jugendserien, wie DIE DREI FRAGEZEICHEN, MARK BRANDIS, BURG SCHRECKENSTEIN, nur um seinen Heißhunger zuletzt mit PERRY RHODAN zu stillen. Diese Serie erschien Anfang der 80iger in fünf Auflagen, dazu gab es die Perry Rhodan Taschenbücher, die Perry Rhodan Silberbände und als er in einem Second-Hand-Laden 200 Hefte auf einen Schlag fand, war es um ihn geschehen. Da mochte draußen vor den Fenstern die Sonne scheinen, da mochte es hageln, regnen oder schneien, da mochten Atombomben hochgehen, oder Asteroiden einschlagen, Erdbeben wüten, oder Tsunamis brausen. Er nahm sie nicht mehr wahr, die Welt, die blutige, die Gegenwart, die stockende, die Münder die plappernden. Eltern, Schule, Freunde wurden ihm zu nichts, das Textfressen war seine Passion! Er überlas und überfraß sich, doch es kümmerte ihn nicht, denn niemand kümmerte sich um ihn. Dann, mit 16, las er, Denken sei schweigend mit sich selber reden, er legte das Buch, aus dem er diesen Satz gefressen hatte hin, und spazierte flussaufwärts, Satz um Satz, Fragen um Fragen formend in seinem rastlos arbeitenden Geist und zurück in der elterlichen Wohnung war er besoffen von seinen lautlosen Reden im Hirn. Er las, indem er Texte fraß und er verdaute, indem er schweigend mit sich selber redete. Er fraß und verdaute, verdaute und fraß, Hermann Hesse, Thomas Mann, Nietzsche, Dostojewski, Schiller, Klopstock, Spinoza, Kant und Goethe immer wieder Goethe, Goethe die Speisekarte hinauf und Goethe die Speisekarte herunter. Er war textfresssüchtig geworden, ein Wort-Pothead und Satz-Junkie, dem sein Dealer, der örtliche Buchhändler seine Sucht ansah, genau so wie die Schreibwarenhändlerin ihn bald seine Schreibsucht ansah. Denn mittlerweile fraß er Texte, verdaute sie, indem er schweigend mit sich selber sprach, und schied das Endprodukt wieder aus: In Form von Texten! Jetzt erst war der Kreislauf der Wörter geschlossen. Texte fressen, verdauen und äpfeln: Das war sein Schicksal, während die Welt um ihn zu Bruch ging, seine Eltern in einer hässlichen Scheidung zu Nullnummern wurden, die Columbia zerplatze, der Kommunismus zerplatze, der Traum der Physiker von der Weltformel zerplatzte und er den Alkohol entdeckte. Doch das ist eine andere Sucht, und die ist bei weitem nicht so facettenreich wie die Text-Bulimie, an deren schrecklichster Form Butch erkrankt war. Ja, erkrankt, denn mit der Textfresskotzsucht ist es beschaffen, wie mit allen anderen Süchten: Eines Tages sieht man vor lauter Alkohol den Alkohol nicht mehr, vor lauter Koks das Koks nicht mehr, vor lauter Sex den Sex nicht mehr, und genauso sieht man irgendwann vor lauter Wörtern die Wörter nicht mehr. So wurden Butch, die Wörter, wie er sie las dachte und sprach, wie er sie fraß, verdaute und abseilte, seltsam transparent und nichtssagend, unwirklich und klein, sodass, als Butch eines Tages erwachte, er fühlte, dass ihm nun grauste vor allen Wörtern, gelesenen, gedachten, gesprochenen und am allermeisten vor den selber niedergeschriebenen. Er stand auf, ging ins Bad, kotzte, und nahm sich vor, den Wörtern abzuschwören, und sich mit Haut und Haaren der Welt der Zahlen zu verschreiben, der Mathematik zu verschreiben, und das bei vielen Tassen Tee, die vor seinem inneren Auge prompt zwei Reihen bildeten, die sich in der Unendlichkeit schnitten …
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Alt 21.11.2018, 17:37   #2
weiblich AlteLyrikerin
 
Benutzerbild von AlteLyrikerin
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Burglengenfeld
Alter: 68
Beiträge: 1.160

Hallo Kinaski,
so kann man sich irren. Dachte ich doch immer, lesen bildet😎. Wenn jede Sucht so endet,dass muss ich mir überlegen, ob ich noch täglich Tagebuch schreiben darf!

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2018, 22:35   #3
männlich Ex-Einsamkeit
abgemeldet
 
Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 171

Konsum ist, was der Container fassen kann. Leere ist der gesamte Hafen

- Einsamkeit
Ex-Einsamkeit ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2018, 22:57   #4
männlich Kinaski
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Innsbruck
Beiträge: 21

Hi, AlteLyrikerin und Einsamkeit:
Lesen zur nichtstofflichen Sucht geworden, kann verdummen, Schreiben ebenso ... Butch ist ein klinischer Fall ...

kinAski
Kinaski ist offline   Mit Zitat antworten
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