Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Kolumnen, Briefe und Tageseinträge

Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 21.02.2018, 11:30   #199
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XVIII

Liebe Babsi,

was du über die Unvollkommenheit sagst, ist ganz richtig: gerade das Unvollkommene vermag mich mehr anzusprechen, als wenn alles so von sich geht, wie man es sich eben vorstellt. Wenn sie gerade ein wenig zu laut lacht und ich weiß, dass sie ihre Freude nicht zurückhalten kann oder wenn sie davon berichtet, wie sie aufzuräumen versucht habe, es dabei aber deutlich übertrieben habe und nun alles noch viel mehr im Chaos versunken sei und dann in scheinbarer Rechtfertigung stolz nachreicht: "Aber die Schränke sind jetzt sauber" oder wenn sie mir immer wieder eine schöne Nacht wünscht, weil sie so müde sei, doch ihre stets neu gefassten Nachtgrüße sie wieder davon abbringen, weil es sie auf ganz andere Gedanken bringt - nur die verzückendste Ehrlichkeit kann so schön unvollkommen sein.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.02.2018, 21:45   #200
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 29
Beiträge: 846

Hi Schmuddelkind,

wieder wundervoll. Ich verliebe mich mit.

Und auch, wenn es sicher beabsichtigt unvollendet ist:

... so sehr, dass ich mich zur Unkenntlichkeit quäle?

Tut mir leid

Gruß,
Tiger
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.02.2018, 10:18   #201
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Vielen Dank, Tiger.

Ja, das muss leider sein.
Diese Qual, dieses Unausgesprochene, dieses sich Sehnen nach etwas, das man gar nicht kennt - das soll der Leser hier erleben.

Aber du hast recht: in etwa ein solcher Satz könnte da stehen.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.02.2018, 10:21   #202
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. IXX

Aber Babsi,

du verstehst doch daher sicherlich, dass mir an Sinn und Ordnung nicht gelegen sein kann. Im Gegenteil! Die klarsten Gedanken könnten mir nicht deutlicher den Weg aufzeigen, auf welchem ich mich im achtlosen Taumel bereits befinde. Gestern, als wir einander mit den liebsten Worten in den Schlaf entließen, küsste ich gerade leise genug, dass sie es nicht hören konnte, den Hörer.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.02.2018, 08:37   #203
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XX

Wie Babsi,

wie soll der Verstand dem trotzen, das die Sehnsucht ihm bereits abgenommen hat? Wie soll eine Seele in sich Ruhe finden, die nur nach der Ferne langen kann? Welche Macht hat ein Mensch über seine Tränen?
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.02.2018, 21:38   #204
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXI

Liebe Babsi,

ob diese Tiefe meiner Empfindungen auf Gegenseitigkeit beruht oder ob sie diese zumindest erwirken mag, ist in der Tat eine Frage, die ich gerne beantwortet finden möchte. Ich kann dir darauf nur Albernes sagen: Wenn ich meine Gedanken nicht zu Ende denke, nicht einmal bis zum ersten Punkt, um mich in ihren Gedanken zu verlieren, ganz nah, ganz tief, wenn ich sie wie ein Gedicht lese, wenn ihr Schweigen unerträglich laut in mir wird und ich sie anrufe wie in einem Gebet, um ihre Stimme zu hören, so kann ich mir jedenfalls darauf keinen anderen Reim machen als dass so viel Sehnsucht nicht von einem einzigen Menschen allein empfunden werden kann - fast als müsse sie diese Sehnsucht teilen, wenn in dieser Welt etwas Sinnhaftes sein soll.


Wärst du bei mir

Wärst du bei mir an meiner Brust,
verlör ich keine Träne und kein Wort
darüber, wie es wär, wärst du jetzt fort,
als hätt ich davon nie gewusst.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.02.2018, 22:19   #205
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 41
Beiträge: 741

Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
Wie Babsi,

wie soll der Verstand dem trotzen, das die Sehnsucht ihm bereits abgenommen hat? Wie soll eine Seele in sich Ruhe finden, die nur nach der Ferne langen kann? Welche Macht hat ein Mensch über seine Tränen?
Mit diesen Suggestivfragen wird die Veränderung der Gefühlswelt des Protagonisten deutlich. Auch, wie in einem der vorherigen Briefe, der schöne Vergleich mit einer sich verändernden Natur dargestellt wurde.
Es ist eine Bewußtseinswerdung der leidvollliebenden Seele, die Sehnsucht erfährt.
Hinter diesen Fragen steht viel Gefühl über eine intrinsische Reflexion des Menschen über die Liebe, aber auch Motivation und Wllenskraft es herauszufinden.
Diese Sehnsucht fängt an, sich immer stärker zu entwickeln und mündet an sich in der Suche nach dem Sinn des Lebens...

take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.02.2018, 18:06   #206
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Danke Pathos, für deine treffende Analyse!

Zitat:
Mit diesen Suggestivfragen wird die Veränderung der Gefühlswelt des Protagonisten deutlich. Auch, wie in einem der vorherigen Briefe, der schöne Vergleich mit einer sich verändernden Natur dargestellt wurde.
Ja, das wollte ich damit erreichen. Die Form der Frage zeigt, dass der Protagonist verloren ist in all diesen sich ändernden Befindlichkeiten und dass er dies nur machtlos ertragen kann.

Zitat:
Diese Sehnsucht fängt an, sich immer stärker zu entwickeln und mündet an sich in der Suche nach dem Sinn des Lebens...
Bin sehr froh, dass es auch so rüberkommt, dass die Sehnsucht sich immer weiter aufbaut. Als Schreibender weiß man ja nie genau, ob das, was man erkennt, wenn man seinen eigenen Text liest, nicht hineingelesen ist, oder ob andere es auch so sehen. Daher bin ich immer sehr froh, wenn ihr eure Eindrücke mit mir teilt.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.02.2018, 18:22   #207
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 41
Beiträge: 741

Gerne
Wann bringt der Postbote denn den nächsten Brief?
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 24.02.2018, 18:29   #208
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Morgen...
Hab noch ein paar in Reserve - da hatte meine Krankheit was Gutes.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.02.2018, 14:39   #209
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXII

Liebe Babsi,

da mich heute die Vögel frühlingsgrüßend weckten und dem Kalender spotteten, beschloss ich es ihnen gleich zu tun und auch meine Pläne zu übergehen. In meiner Seele habe ich die sanften, aber fokussierten Bewegungen der leichten, weißen Wölkchen am warmen Himmel wiedergefunden und zog mit ihnen den Hang hinauf. Ach, die herrliche Weite der Landschaft, die sich vor mir erstreckte, könnte meine Sehnsucht nicht einfassen. Wäre ich nur ein Traum, ich brächte all die Bilder meiner Sinne ihr zu Geiste und wäre ihr nahe!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2018, 09:36   #210
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXIII

Liebe Babsi,

schließlich musste ich doch meinen Pflichten nachgehen und konnte der ungeliebten Stadt meinen Besuch nicht ausschlagen. In der Stadt sind die Menschen einander bloß Hindernisse, die aneinander ungegenwärtig vorbei manövrieren. Dies bestürzt mich jedes Mal auf's Neue, in welchen Formen der Sklaverei die Menschen Fortschritt zu erkennen glauben. Eine unscheinbare Szene konnte heute besonders gut zusammenfassen, wie stumpfsinnig unsere Zeit ist:

Eine Frau mit Sonnenbrille tastete sich mit ihrem Blindenstock auf dem Bahnsteig voran. Da sprach ein Mann zu seinem Sohn: "Starr die blinde Frau nicht so an!", woraufhin diese sich zu ihnen umdrehte. Der Mann drehte sich verlegen weg, als wüsste er von nichts, während der Sohn die Frau anstarrte. Treffender als Sanny hätte ich es nicht sagen können: "Manche Menschen sehen hinter all den Regeln keine Ethik mehr."

Geändert von Schmuddelkind (27.02.2018 um 12:12 Uhr)
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2018, 21:43   #211
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 29
Beiträge: 846

Buenas tardes!

Ich schließe mich EV an. Buch und Gedichtband, ich kaufe beides. Bitte, danke!

Gruß,
Laie (Tiger)
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2018, 23:54   #212
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Ein Gedichtband zum Roman? Hihi, das klingt nach Merchandising. Und wenn ihr jetzt bestellt, bekommt ihr noch diese wunderschöne Teetasse mit der Silhouette-Zeichnung der Sanny obendrauf.
Goethe hat ja seinerzeit den Werther-Hype ordentlich vermarktet, unter anderem mit Werther-Mode.

Ich bin aber schon ganz verlegen, dass euch das Sanny-Fieber ereilt hat. Mir bleibt nur - auch wenn mir das nicht genug ist, mich für euer übermäßiges Lob zu bedanken. Es ist ein unvergleichliches Erlebnis, dass meine Gedanken in anderen Menschen Derartiges auslösen können.

In einer eigenen Liga kann ich mich aber beim besten Willen nicht sehen - will ich auch nicht. Auf dem Olymp ist es einsam und Poesie möchte ich aus dem vollen Leben schöpfen. Als Statue möchte ich jedenfalls nicht schreiben.

Was die Nummerierung angeht: Das ist eigentlich ein guter Einfall, aber jetzt hab ich schon so begonnen und jetzt ziehe ich es so durch. Man sieht ja zumindest eine Unterscheidung zwischen den alten und neuen Briefen und mehr braucht es hier ja nicht - zumal die Nummern ohnehin nur in der Poetry-Fassung vorkommen. In der Endfassung soll dann immer das Datum drüber stehen. Das ist eine ordentliche Recherche-Arbeit, mit der ich auch schon begonnen habe...

LG und ein ganz großes Dankeschön!

P.S.: Tiger, warum heißt du jetzt Laie? Ihr macht mich alle noch ganz letz, wie man im Saarland sagt.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.02.2018, 20:40   #213
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 29
Beiträge: 846

Hi Schmuddelkind,

du hast schon ein wahnsinniges Talent. Zur Statue wollen wir dich gar nicht machen, da solche recht wenig Gefühl haben. Und was wären Gedichte ohne Gefühl

Ich habe meinen Benutzernamen ändern lassen, da Tiger mein Kosename in einer kürzlich gescheiterten Liebe war. Laie heiße ich in anderen Foren auch, daher jetzt dieser Name.

Gruß,
Laie
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2018, 12:23   #214
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Zitat:
du hast schon ein wahnsinniges Talent. Zur Statue wollen wir dich gar nicht machen, da solche recht wenig Gefühl haben. Und was wären Gedichte ohne Gefühl
Du verstehst mich.

Zitat:
Ich habe meinen Benutzernamen ändern lassen, da Tiger mein Kosename in einer kürzlich gescheiterten Liebe war.
Ich verstehe.
Dass die Liebe so viel Macht über uns hat, dass wir uns unseres Namens nicht sicher sein können, das wäre auch ein interessantes lyrisches Motiv. Dann adieu Tiger und willkommen Laie!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2018, 12:27   #215
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXIV

Oh Babsi,

wenn die Ruhe der Nacht in meine Seele einkehrt, wenn es so still ist, dass ich meinen Herzschlag hören kann wie eine ureigene Fühlung eines zu ahnenden Weltgeistes, müsste ich doch augenblicklich aufhören zu verlangen. Doch ihre Stimme erfüllt bald die Stille und mein ganzes Leben ist ihr zugedacht. Ich kann dies nicht einfach verklingen lassen. Ich muss sie sehen!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.03.2018, 19:46   #216
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXV

Liebe Babsi,

wie die einfachsten Gedanken zuweilen die bedeutsamsten Ereignisse befördern! Gestern sprachen wir darüber, wie wenig man doch über seine Wirkung auf andere verfügen kann, wenn man sich in keine Rolle zwingen lässt. Dazu erklärte sie, dass ihr unvoreingenommenes Interesse für die Belange anderer nicht selten missverstanden werde und ihr daher manchmal der Gedanke komme, sie solle sich vielleicht mäßigen.

Ich entgegnete ihr, dass man ihr wahres Wesen, das ich derart rasch so lieb gewonnen habe, doch nur verstehen könne, wenn sie es nicht hinter den Erwartungen anderer verberge. "Warum bist du so lieb?", fragte sie und ehe ich diesen Moment vergehen zu lassen bereit war, fügte sie nach: "Wenn du bei mir wärst, würde ich dir gerne beim Denken zusehen. Das könnte ich bestimmt stundenlang tun." In diesem Augenblick wollte ich nichts anderes, als bei ihr zu sein und musste die Gelegenheit ergreifen, sie an unser Versprechen zu erinnern, wir mögen einander einmal sehen. Dann gingen die Überlegungen so hin und her und um es kurz zu machen: Sie wird zu Ostern kommen!

Und seither möchte ich den März überspringen. Oh, solches Glück kann man nicht verlangen. Fast bin ich nicht mehr wesenhaft. Eine Bitte bin ich und sie, sie hat mich erhört. In welchen Gesichtszügen sich wohl ihr Lachen ausdrückt? Ach, dass ich dies erleben darf! Dass ich es nicht schon jetzt erleben darf!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2018, 01:28   #217
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 41
Beiträge: 741

Ich verstehe jetzt Serien-Junkies, die sehnsüchtig die nächste Folge erwarten...
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2018, 09:55   #218
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Ich lese mit Schmerz,
lese gute Seiten, schlechte Seiten.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.03.2018, 13:02   #219
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXVI

Liebe Babsi,

noch blüht nichts, doch wie der Frühling bereits die Begehrlichkeiten der Natur umreißt, so ist auch mein Schicksal ganz in ihren Befindlichkeiten eingeschrieben. Ich bin der glücklichste Mensch, da ich einen Grund habe zu warten und ich bin der leidvollste Kummer selbst, da ich warte. Gerne wäre ich so anmaßend, ihre Ankunft eher einzufordern - ohne Recht, aber mit Liebe.

Nur der Wald versteht mich. Überall raschelt es im Strauchwerk und ich bleibe stehen und sehe mich um, doch finde nur wieder mich, wie ich suche. Dann allerdings höre ich, wie der Wind sanft durch die Wipfel streift. Also schließe ich meine Augen und spüre den Frühling mir durch's Haar fahren und ich bin ein Baum, gleichsam der nächste Baum, der den Wind in sich aufnimmt, bald der ganze Wald, der all die unbändigen Regungen in ein geruhsames Ganzes fügt.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.03.2018, 13:44   #220
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXVII

Liebe Babsi,

du weißt, wie wenig ich Pläne schätze. Immer wenn es etwas zu planen und zu organisieren gilt, ist es, als zwänge ich meiner Seele Atem in enge, beliebige Vorgaben. Doch wenn sie mit mir ihre Reise bespricht, wenn sie ihre Möglichkeiten aufzählt, mir Fragen stellt, wo sie am besten ankommen solle, ob ich sie am Bahnhof empfangen könne - diese belanglosen Details bedeuten mir die Welt, entsteigt ihnen doch: "Ich will bei dir sein."

Reifte meine Begierde ganz aus dem ziellosen Geschehen heraus, indem ich mich der Weisheit einer Natur anvertraute, die größer ist als ich, so sehe ich nun, wie mein Wunsch immer mehr zur Wirklichkeit empor wächst. Da ich ganz in meine Fügung einkehrte, wurde ich zur Fügung selbst und mehr Freiheit kann ein Mensch durch eigene Wahl nicht haben. Die Grenze zwischen Müssen und Wollen ist aufgehoben. Hat dies jenseits meines Geistes eine Bedeutung?
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2018, 00:29   #221
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXVIII

Liebe Babsi,

ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn sie hier ist und nichts anderes will ich mir vornehmen, als ein Spiegel der Begebenheiten zu sein. In der Ruhe will ich träumen. In der Anregung will ich mich rühren. Und ihre Nähe will ich mit Nähe erwidern. Meinetwegen wird sie hier sein. Bereits dies erwarte ich mit Verve und im Vertrauen auf den Moment kann ich keinen Mangel empfinden.

Und doch, ach, ich schweige lieber...
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2018, 11:29   #222
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. IXXX

Ach Babsi,

schon hält der Ruf der Unendlichkeit jede kleinste meiner Regungen in ihrem Bann und nur in unserem gemeinsamen Ausgreifen nach der Ferne finde ich Trost. Als wir inmitten unserer Träumereien versunken waren, wie es wohl sei, wenn wir einander begegnen und gerade als ich ihr in Worte zu fassen versuchte, wie oft mein Geist weit nach ihr ausschweife, entfuhr ihr plötzlich: "Oh, der Vollmond! Siehst du ihn auch?"

Also lehnte ich mich weit aus dem Dachfenster, die Füße in der Dachschräge eingehakt, um den Mond hinter dem Dach hervorschimmern zu sehen. Oh, dass wir denselben Mond sehen und sich vor seinem friedvollen Angesicht unsere beiden Welten zu einem einzigen Bild fügen! Keine Minute ließ mich dieser Mond heute Nacht schlafen.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2018, 13:59   #223
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 29
Beiträge: 846

Hach... *schmacht*

Schmuddl, du machst mich alle.
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2018, 20:24   #224
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.03.2018, 20:07   #225
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXX

Liebe Babsi,

heute war sie nicht erreichbar. Nur dass sie morgen wieder Zeit für mich habe und dass ich nicht traurig sein solle, schrieb sie mir. Dieser Tag fühlte sich wie vergeudet an, der Bedeutungslosigkeit hingegeben. Im Waldesrauschen hörte ich ihren Atem meinen Gedanken entgegen zittern und in meinem Seufzen verstummen. Und ich kehrte ein in die Zärtlichkeit ihrer Neugier und ihre arglose Weisheit und ihre tief schöpfende Fröhlichkeit in so vielen Worten und bloß Laut gebliebenen Gedanken, dass ich die unzureichende Gegenwart nicht ertragen konnte. Gerne wüsste ich, wie es ihr geht. Doch leider... leider weiß ich nichts.

Wie kann man einen Menschen derart vermissen, den man nie zuvor gesehen hat? So manchen Tag schon habe ich mich nach Begebenheiten zurückgesehnt, die lange vor meiner Zeit geschehen waren - wie jemand, der sich wehmütig an seine Jugend erinnert - an Zeiten, da man sich eines Wandels teilhaftig fühlen konnte. Doch nie war diese Sehnsucht so lebhaft wie jetzt und nie war sie so begründet wie in ihr.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.03.2018, 11:42   #226
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXXI

Liebe Babsi,

ich suche nach beschönigenden Umschreibungen in der Hoffnung, wenn es mir leichter von der Hand gehe, sei es auch leichter in meinem Herzen zu tragen. Aber es hilft nichts. So ernüchternd, wie es über mich kam, so ernüchternd muss ich es mit dir teilen: Sie sagte ihren Besuch gestern ab. Hin- und hergerissen sei sie gewesen zwischen Vorfreude und Zweifel. Wenngleich ich genau verstehen konnte, wie ihr zumute sein müsse, fand ich mich trunken im Zwiespalt innerer Kräfte. Da konnte ich nicht anders, als wenigstens in einem Punkte Klarheit zu suchen, denn in der Hingabe zur Ungewissheit ahnte ich düstere Ewigkeit, und ich eröffnete ihr die gesamte Tiefe meines Empfindens.

Dich wird interessieren, wie ich mich angestellt habe, doch dies macht keinen Unterschied. Sie teilt meine Liebe nicht und nichts ist mehr von Belang. Zwar schrieb sie mir die liebsten Komplimente - und selbstpeinigend trug ich sie mir heute immer wieder vor - zwar befand sie, dass sie keinem Menschen so viel anvertrauen könne wie mir - ach, warum ausgerechnet mir? Und ich träumte von einer Welt, in der sie diesem Vertrauen zum Zeichen ihre Hand in meine legt. Zwar meinte sie, sie müsse wohl verrückt sein, doch sie empfinde nicht dasselbe wie ich und ich erkannte, dass die ganze Welt ein großes Missverständnis sein muss.

Die Wirklichkeit wollte ich mir austreiben - mit Wein und Poesie - und bin heute doch wieder darin aufgewacht. Dann schrieb ich ihr einen Brief, von welchem ich einen Auszug mit dir teilen möchte:

"Gestern Abend habe ich sehr klar gesehen, dass dies ein Ende und ein Anfang zu gleich ist, aber ich habe das Ende zunächst höher gewichtet.

Heute Morgen aber habe ich darüber nachgedacht, welche Gründe ich meinte zu erkennen, dass du meine Gefühle erwidern könntest und da kam mir z.B. die folgende Aussage in den Sinn: "Wenn du noch einen solchen Schwächeanfall erleidest, dann rufe mich an, auch wenn es nachts um drei ist!". Ich hatte den Gedanken als unsinnig von mir gewiesen, dies könntest du aus Freundschaft gesagt haben, denn es schien mir viel zu aufopfernd und empfindsam dafür zu sein.

Jetzt, da ich aber weiß, dass du dies aus der reinen freundschaftlichen Liebe heraus gesagt hast, bin ich umso glücklicher darüber, denn so viel Nähe findet man nicht alle Tage und wenn ich mir diesen Satz in diesem Bewusstsein selbst sage, dann steigen mir fast Freudentränen in die Augen.

Und es hat mich dazu angeregt, weiter über Freundschaft und Liebe zu reflektieren. Fast neige ich dazu, dass freundschaftliche Liebe schöner und umfassender ist, als die Liebe zwischen Frau und Mann. Die Liebe unter Freunden ist leicht und geduldig. Sie trägt so natürlich empor und erträgt so Vieles. Die Liebe zweier Liebender ist schwer. Sie verschlingt beide völlig in dem Gedanken, für den Anderen zu leben, dass die Seele erstarrt und sich nur aus ihrer Starre zu befreien weiß, indem sie aufhört zu lieben. Ich neige dazu zu glauben, dass die wahre Liebe in der Freundschaft liegt und ich bin so dankbar, mit dir befreundet zu sein und erkenne, dass ich so viel mehr gewonnen als verloren habe!"

Das klingt alles sehr sinnig und heilsam, nicht wahr? Und beinahe überzeugen meine Worte mich auch. Doch ganz gleich, wieviel Wahrheit darin ist - die Welt ist eine Lüge und kaum mehr kann ich in meinen Worten sehen als der hinterlistige Versuch meines Verstandes, mich zu trösten. Nein, ich kann mir vor ihrer Allgegenwart selbst kein Freund sein! Jedenfalls werde ich nicht mehr mit ihr telefonieren.


Abschied

Ich stehe stumm im Regen
winke dir, als wenn ich wüsste...
Oh, du vielfach Ungeküsste,
wenn ich wüsst weswegen...
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.03.2018, 12:20   #227
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXXII

Danke Babsi,

für deine Anteilnahme! Bedrängen wollte ich sie sicherlich nicht mit meiner Ehrlichkeit, aber ich gebe zu, dass ich es billigend in Kauf genommen habe, um nicht im Nebel zu stehen. Weiterhin will ich ihr und mir aber von nun an etwas Ruhe gönnen. Wenn es nicht so schwer wäre! Sie rief mich an und ich, ach... ja, ich wollte es klingeln lassen. Über die ersten vier Klingelzeichen war ich auch erhaben, aber das fünfte hat mich überzeugt, doch den Hörer abzunehmen. Es ist... du kannst dir den Mangel in meiner Seele nicht vorstellen, als ich ihr zu verstehen gab, dass ich zumindest für eine Weile nicht mehr mit ihr telefonieren möchte. Ach, "möchte" - pfui! Welch schlecht gewähltes Wort! Überhaupt sind alle Worte von mir falsch und doch stehe ich dazu.

Sie spürte den Schmerz in meiner Stimme. Ihre Seufzer tasteten sich vorsichtig im Dunkeln voran und suchten nach Worten des Trostes. Doch da sie ahnte, dass mir in ihrer Stimme mehr Leid als Linderung zuteil wird, beließ sie es bei einer schüchternen Verabschiedung. Doch keiner von uns war bereit aufzulegen und da es sonst nichts zu sagen gab, das sie oder ich auszusprechen gewagt hätte, schwiegen wir eine Weile unseren Mangel in das Telefon hinein, bis sie schließlich fragte, ob ich wieder einen schönen Spaziergang gemacht habe.

Ich erwiderte, dass ich an der Pferdekoppel vorbei ging und gerade als ich zum Glauben neigte, man bekomme im Leben nichts geschenkt, entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift: "Pferdemist kostenlos abzugeben." Da musste sie ganz erheitert lachen. So glücklich ich war, sie lachen zu hören, so quälend wurde mir bewusst, wie sehr ich ihr Lachen vermissen werde. Auch fragte sie nach meiner Magisterarbeit und ich gestand, dass diese unter dem schönen Wetter leide und wieder durfte ich sie ganz vergnügt erleben und wieder litt ich an den Widersprüchen, die dies aufwarf. Schließlich verabschiedete sie sich erneut, um sich zu besinnen, doch noch etwas tief Empfundenes zu sagen: "Ich bin so froh, dass es dich gibt. Ich bin immer für dich da." Daraufhin legte ich auf, da ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Und noch unter Tränen schrieb ich dieses Gedicht:


Untröstlich

Wie ist mir wohl, berührst du meine Hand,
ihr wildes Zittern mit Gefühl zu stillen
und mir dieser Tage beizustehen!

Du hast des Trostes Anlass wohl gekannt.
Drum Liebste, lass sie los um Himmels Willen!
Denn ich werd daran zu Grunde gehen.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.03.2018, 23:19   #228
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXXIII

Ach Babsi,

der Unmittelbarkeit ihres alles erfassenden Wesens ausgeliefert - das könnte ich nicht ertragen, auch wenn ich mich noch so sehr nach ihrer Stimme sehne wie nach den naiven Tagen, als das Schicksal unmerklich seinen Lauf nahm. Aber wir schreiben einander und geben mit größtem Bemühen vor, es wäre nichts geschehen.

Heute tauschten wir uns über Heines "Das Fräulein stand am Meere" aus und ich zeigte meine Bewunderung darüber, wie er im Moment der tiefsten Bekümmertheit und des sehnsüchtigen Ausgreifens nach der Unendlichkeit ganz lapidar auf den alltäglichen Lauf der Dinge verweist und darauf, dass die Sonne wieder aufgehen werde. Was ich für mich behielt, schrieb sie als sensible Betrachtung aus: "Aber in dem Augenblick gibt es für das Fräulein keinen Lauf der Dinge. Es gibt nur einen endgültigen Sonnenuntergang." Oh, diese Endgültigkeit überschattet mein ganzes Dasein.

Zumindest bemühe ich mich also, auch ihr zuliebe, nicht mehr darüber zu sprechen. Und doch kann ich nicht anders, als all mein Leid in Poesie einzufassen und sie kann nicht umhin, meine Gedichte zu lesen - das weiß ich. Sie leidet meine Tränen und ich beweine ihre Melancholie. Wieso kann ich es uns beiden nicht einfacher machen? Reicht es nicht aus, wenn einer leidet? Ich bin mir selbst fremd, aber ich würde sonst ersticken. Nun gut, so erhält sie also einen Einblick in meine Wunden und kann doch die Tiefe meines Leidens zum Glück nicht erahnen.


Trauermaske

Geschützt reich ich dir eine letzte Rose,
eine Trauermaske vorm Gesicht.
Du siehst nur meine eitle Schwermutspose.
Meine langen Tränen siehst du nicht.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.03.2018, 13:32   #229
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Standard Brief Nr. XXXIV

Liebe Babsi,

vor einigen Tagen entdeckte ich die grünen Berge des Spessarts bei Gelnhausen für mich. Ganz war ich in der gewaltigen Erscheinung verloren, die ein Mensch nicht zu erträumen vermag und ich wollte nicht länger in ohnmächtiger Bewunderung verharren. Mit jedem Schritt, mit dem ich mich seiner würdig erwies, offenbarte der Berg mir eine neue Seite seiner Selbst, vertraute mir ein Geheimnis an. Mit jedem Schritt spürte ich mehr meines Körpers und ahnte, dass ich am Gipfel bei mir selbst ankommen würde. Als ich über die letzte Anhöhe stieg und der Boden sogleich dem Himmel wich, stand ich mit offenem Munde da, ungläubig, wie klein alles ist, wie klein ich gewesen.

Die unbeherrschte Weite stand mir offen und entzog sich doch meinem Begreifen und ein schmerzhafter Schrei stieg meine Kehle empor und ist doch stumm geblieben. Sie war der Horizont - unerreichbar! Und wenn ich versucht hätte, ihn zu berühren, mich weit nach vorn auszustrecken, wäre ich den Berg hinabgestürzt und der Horizont wäre aus meiner Sicht entschwunden. Ich muss einsehen, dass das Glück sich nur aus der Ferne zeigt und wenn man versucht, es in sein Leben einzuschließen, rückt es nur weiter in die Ferne. Und doch - wie soll man derart unerfüllt vor sich auf den Boden blicken und sehen, dass man steht, wenn einem vor dieser ungekannten Aussicht zu schweben zumute ist? Und so sehr diese Erfahrung mich quält - immer wieder suche ich sie seither auf, wie im Wahn.

Als ich mich heute zum ersten Mal wieder der Welt der Schriftsteller zeigte, durfte ich einige Briefe von ihr lesen - alles kurze, fragende Texte ("Wo bist du denn, du Lieber?" "Ich hoffe, es geht dir gut!" und dergleichen) und sogleich schrieb sie mir erneut: "Du bist wieder da! Es war ganz schön leer ohne dich." Ob ich sie meide oder ob ich aus unglückseliger Distanz an ihrem Leben teilhabe - immerzu fehlt mir etwas.

In ihrer Wortwahl, in der Kürze ihrer Sätze, die mehr zu verbergen als zu offenbaren suchten, konnte ich eine ungenannte Sorge erkennen. Leidet sie etwa an der Ungewissheit, in der sie unsere Freundschaft wiederfindet? Wenn wir miteinander gesprochen hätten, hätte es mir die Sprache verschlagen, sie so in Sorge zu erleben. Gerne hätte ich sie getröstet und konnte doch nur Unzureichendes schreiben. Wie soll man jemanden in Zuversicht wiegen, wenn man selbst Trost braucht, in der Gewissheit, dass nichts wieder gut werden könne? Ich beschloss all dem keinen Grund zuzugestehen, in der Hoffnung, das Grundlose könne nicht fortbestehen.


Perpetuum mobile

Scheinbar ohne einen Grund
ach, haben deine Wangen
deine Tränen, dick und rund
behutsam aufgefangen.

Gefangen darin schaut ein Mann
zu mir und leidet stumm
und fängt sogleich zu weinen an
und weiß nicht recht, warum.
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.03.2018, 15:03   #230
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 41
Beiträge: 741

Hallo Schmuddelkind,

die letzten Briefe gefallen mir vom Aufbau sehr gut. Die abschliessenden Gedichte sind jeweils immer ein gelungener Abschluss, und Seelenspiegel des Protagonisten.
Er scheint sich in einer Gefühlseinbahnstraße zu befinden...
"Wegen der unbeherrschten Weite"... Dieser Absatz zeigt wieder das Sich-selbst-in-der-Natur-wiederfinden allzu deutlich. Die Wanderungen sind wie Seelenspaziergänge...
Kritik liegt mir echt fern, tut mir leid

Bin gespannt wie ein Flitzebogen wie es weitergeht...

Take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.03.2018, 21:43   #231
männlich Schmuddelkind
 
Benutzerbild von Schmuddelkind
 
Dabei seit: 12/2010
Ort: Berlin
Alter: 34
Beiträge: 4.795

Dankeschön lieber Pathos!

Ja, die Einbahnstraße ist außerdem eine Sackgasse, fürchtet der Protagonist wohl.

Besonders freue ich mich, dass du erkennen konntest, dass sich die Seele des Protagonisten in seiner Landschaftsbetrachtung widerspiegelt - "Seelenspaziergänge" ist ein schönes Wort.
Schön, dass dieses Motiv also angekommen ist.

LG
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Briefe an Babsi

Stichworte
brieffreundschaft, roman, sehnsucht

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche


Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Briefe Frogfoot Liebe, Romantik und Leidenschaft 0 06.02.2010 12:13
Das Blut der Briefe Ilia[Kreuzritter] Liebe, Romantik und Leidenschaft 0 07.08.2007 23:12
ungeschriebene Briefe Mimi Geschichten, Märchen und Legenden 6 27.03.2007 15:04
Briefe nie abgeschickt vom_krebs_gebissen Geschichten, Märchen und Legenden 14 29.08.2006 22:45
Die Briefe des Amofas Hose Geschichten, Märchen und Legenden 0 10.07.2006 16:45


Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.