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Alt 25.08.2019, 17:51   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Der Fremde - eine Parabel

Die Wolken erbrachen sich von jetzt auf gleich. Im Nu waren Straßen und Gehsteige überspült. Ein Mann in Trenchcoat mit aufgeschlagenem Kragen, in der linken Hand einen Aktenkoffer, den Hut bis auf die Brauen gedrückt, flüchtete vor der Sintflut in ein Restaurant.

„Kann ich hier etwas trinken, bis der Regen aufhört?“

Der Wirt stand selbst hinter der Theke. Er schüttelte den Kopf. „Bei uns muss man essen.“

„Aber ich habe schon gegessen. Ich will nur etwas trinken, bis der schlimmste Regen vorbei ist.“

„Nope,“ antwortete der Wirt und machte eine Kopfbewegung zur Tür.

Der Fremde hatte verstanden. „Schade,“ sagte er und stellte seinen Aktenkoffer vor der Theke ab. „Sie hätten mir sehr geholfen. Und ich hätte es Ihnen mit einer Million Dollar vergolten.“

Der Wirt lächelte ihn mitleidig an. „Mann, ich lache über deinen Witz, wenn ich Zeit dafür habe. Du bist hier nicht bei der Wohlfahrt. Entweder du setzt dich hin und bestellt etwas zu essen, oder du haust einfach ab.“

Der Fremde erwiderte nichts, hob nur kurz seinen Hut zum Abschied, drückte ihn dann wieder tief in die Stirn und verließ das Restaurant.

„Der Trottel hat sein Köfferchen stehen lassen,“ sagte die Frau des Wirts, die vom Bedienen an die Theke gekommen war, um das nächste Tablett mit Getränken abzuholen. Die Augen der Gäste hafteten augenblick auf dem Aktenkoffer. Instinktiv vermied jeder, dem Fremden hinterzulaufen und auf seinen Verlust aufmerksam zu machen. Stattdessen erhob sich einer nach dem anderen von den Tischen und versammelte sich vor der Theke. Hatte der Fremde nicht etwas von einer Million Dollar gesagt?

Während die Männer Blickkontakte pflegten, um herauszufinden, wer in dieser Situation als oberster Richter Hand an den Aktenkoffer legen und dessen Geheimnis lüften durfte, packten zwei Frauen gleichzeitig zu, und im Nu waren die beiden Rivalinnen in einem so heftigen Gezerre verschwistert, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als den Aktenkoffer fallen zu lassen und aufeinander einzudreschen. Zahlreiche Hände wollten nach ihm greifen, doch jeder der Gäste hinderte jeden anderen daran. Man begann sich giftig anzuschauen, zu schubsen, wegzudrängen, sich gegenseitig bei den Schultern zu packen, sich zu ohrfeigen und in die Rippen zu boxen.

Es dauerte nicht lange, da artete das Handgemenge in eine zünftige Schlägerei aus. Mancher der Kämpfenden ging zu Boden und stand nicht wieder auf.

Hinter dem verzweifelten Wirt ging der Wandspiegel mit lautem Klirren zu Bruch. „Seid ihr alle verrückt geworden?“, schrie er. „Aufhören! Sofort aufhören!“

Niemand achtete auf ihn, und erst, als alle völlig erschöpft voneinander abließen, kehrte allmählich Ruhe ein. Jemand war so weitsichtig gewesen, den Arzt zu rufen, der fassungslos vor dem Chaos stand und ausrief: „Bei Äskulap und meinen Schwüren, das sind zu viele für einen allein!“

Er bemühte sich trotzdem, in dem Trümmerhaufen aus ramponierten Stühlen, zerbrochenen Flaschen und zersplittertem Glas den Verletzten zu helfen. Die Blessuren erwiesen sich als harmloser, als sie zunächst erschienen. Die meisten Patienten kamen mit Schürfwunden, Prellungen und ausgeschlagenen Zähnen davon. Mit Langzeitfolgen war nicht zu rechnen.

Weniger reparabel war die Verwüstung des Restaurants, die über die Versicherungsumme weit hinausgehen dürfte. Das war dem Wirt noch nicht klar, denn er hing, von einer halbvollen Whiskeyflasche an der Schläfe getroffen, benommen über der Theke. Der Arzt hatte kurz seinen Kopf gehoben, beide Lider runtergezogen und ihm beruhigend auf den Rücken geklopft: „Dir fehlt nichts, Alter, das wird bald wieder.“

Beim Verlassen des Restaurants lag dem Arzt der Aktenkoffer im Weg, der während der Rangelei kreuz und quer über den Fußboden geschubst worden war, bis er in der Nähe der Eingangstür unbemerkt liegenblieb. „So etwas habe ich gern.“ Er gab dem Aktenkoffer einen Fußtritt, so dass er unter den nächstbesten Tisch rauschte. „Wem gehört diese Stolperfalle, die mir mein Einkommen sichert?“

„Mir.“

Der Fremde stand in durchnässtem Trenchcoat in der offenen Eingangstür. „Ich wollte hier nur etwas trinken.“

„Verstehe,“ erwiderte der Arzt,“ dabei haben Sie wohl zu tief ins Glas geschaut und das gute Stück vergessen.“ Kopfschüttelnd trat er auf die Straße hinaus.

Der Fremde zog den Aktenkoffer unter dem Tisch hervor und schickte sich an, dem Arzt hinauszufolgen, doch die Stimme des Wirts hielt ihn zurück: „Halt, dageblieben, du Mistkerl!“ Er torkelte hinter der Theke hervor. „Das war doch nur ein Bluff, um mich zu ruinieren. Kein Mensch stellt einen Aktenkoffer mit einer Million Dollar mitten in einem Restaurant ab und verschwindet einfach.“ Sein Gesicht war vor Zorn rot angelaufen, und seine Lippen zitterten. Mit der rechten Hand machte er eine ausladende Handbewegung. „Schau dir dieses Chaos an. Warum hast du das gemacht?“

Schweigend legte der Fremde den Aktenkoffer auf die Theke, ließ die Verschlüsse aufschnappen und klappte ihn auf. Unter den Anwesenden, die ihre Blessuren vergessen hatten und den Blick nicht vom Inhalt des Aktenkoffers wenden konnten, erhob sich ein erstauntes Gemurmel. Der Wirt griff sich an die Kehle. „Aber das ist doch … das sind doch …“

„… eine Million Dollar … der Gegenwert für einen Drink unter einem schützenden Dach.“

Niemand sprach ein Wort, als der Fremde den Aktenkoffer schloss, ihn von der Theke nahm und das Restaurant verließ.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.08.2019, 06:42   #2
weiblich DieSilbermöwe
 
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Beiträge: 3.985


Interessante Geschichte, gut aufgebaut. Ich war beim Lesen auf das Ende gespannt. Das einzige, was mich ein wenig stört, ist der Satz am Anfang.

Zitat:
Die Wolken erbrachen sich von jetzt auf gleich.
Wolken, die "sich erbrechen" - das klingt irgendwie komisch.
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.08.2019, 10:48   #3
weiblich frankaaimy
 
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Beiträge: 26


Erstmal die Kritik, das Positive kommt am Ende des Kommentars, den du sicherlich nicht lesen wirst. Die Geschichte habe ich komplett gelesen...

„Der Trottel hat sein Köfferchen stehen lassen,“ sagte die Frau des Wirts, die vom Bedienen an die Theke gekommen war, um das nächste Tablett mit Getränken abzuholen. Die Augen der Gäste hafteten augenblicklich auf dem Aktenkoffer. Instinktiv vermied jeder, dem Fremden hinterherzulaufen und auf seinen Verlust aufmerksam zu machen. Stattdessen erhob sich einer nach dem anderen von den Tischen und versammelte sich vor der Theke. Hatte der Fremde nicht etwas von einer Million Dollar gesagt?


Das Wolken erbrechen können macht keinen Sinn. Da gebe ich DieSilbermöwe vollkommen recht.

Das Erbrechen besitzt eine bestimmte Funktion bei Menschen. Ähnlich wie beim Durchfall.

Nicht jedes Erbrechen ist schwallartig.

Wolken können demnach nicht erbrechen. Das Wasser, in Form von Regen, das aus den Wolken kommt, ist nur ein Kondensationsprozess, der im günstigsten Fall, für eine Metapher verwendet werden kann, die für Veränderung und Verwandlung steht (Meist auch für Melancholie und Trauer, aber auch Glück und Liebe "Im Regen tanzen")

"Der Regen formte sich zu etwas Unvermeidbarem und die Wolken türmten sich hinter der Undeutlichkeit einer subtilen Bergkette wie eine Reihe in der Ferne stehenden Freiland-Hortensien.
Aus diesem Gebilde entstieg in mir ein Gefühl der Bedrängnis, das schon bald mit einem dumpfen Grollen aus den Wolken brechen sollte.
"


Darüberhinaus steht Erbrechen für eine subtile Weise des Krankseins und ist stark negativ konnotiert. Die Wolken, die erbrechen, stehen für ein stilistisches Mittel: die klassische Übertreibung.
Ein Wolkenbildnis kann definitiv aufbrechen.

Außerdem sagt man sintflutartiger Regen. Es regnet so stark, wie es bei der Sintflut der Fall war. Die Erwähnung der Sintflut verzerrt das komplette Sinnbild der Geschichte. Denn die Sintflut war angeblich eine göttlich veranlasste Flutkatastrophe, mit dem Ziel der Auslöschung von Mensch und Landtier.

Der Mann im Trenchcoat flüchtete also vor dieser Katastrophe?
Ich weiß, dass der Bezug auf die Tragweite des Wetters gemünzt sein soll.

Es kam also ein Mann im Trenchcoat und mit Aktenkoffer in ein Restaurant während der Sintflut, um dort eine Million Dollar für Schutz und etwas zu trinken zu bezahlen.

Er geht, der Aktenkoffer bleibt zurück.
Die Menschen beginnen während der Spekulation einen vermeintlichen Krieg.
Der Mann kehrt nach der Zerstörung mit einem Vorwurf zurück.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, entsteht in mir nur ein "Hä?".

Jetzt das Positive:

Die Geschichte ist in einer einfachen Sprache gehalten. Das sorgt für einen hervorragenden Lesefluss und zeigt mir, dass deine Geschichten besser als deine Gedichte sind. Denn nicht jeder Autor kann einfach schreiben.
Das ist eine Begabung - ich würde dir anraten, deine Textproduktionen länger liegen zu lassen... Und nochmal Korrektur zu lesen.

Ansonsten eine schöne Geschichte, mit kleineren Mängeln.
frankaaimy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.08.2019, 11:00   #4
weiblich Ilka-Maria
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Ich danke euch beiden. Mit euren Einwänden habt ihr sicherlich recht, sie leuchten mir jedenfalls ein.

Falls die Geschichte (eine Million Dollar für Schutz vor einem Regenguss) absurd erscheint: In der Überschrift steht, dass es sich um eine Parabel handelt. Es geht also nicht um Plausibilität im Sinne eines realistischen Geschehens, sondern um die Vermittlung einer moralischen Lehre.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.08.2019, 12:34   #5
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von frankaaimy Beitrag anzeigen
... ich würde dir anraten, deine Textproduktionen länger liegen zu lassen...
Das mache ich sowieso, ist aber nur bedingt nützlich. Da mir Probeleser fehlen, muss ich eben Poetry in Anspruch nehmen, um von Usern auf Schwachstellen und Schreibfehler aufmerksam gemacht zu werden.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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