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Alt 29.07.2019, 15:26   #1
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Standard Audienz beim rosa Elefanten

Der Elefant war riesig. Er stand in der Mitte des hallenden Thronsaals und schwang, als sei ihm das Getöse um ihn herum egal, zufrieden den langen Rüssel hin und her, mit dem er problemlos einen Menschen umgreifen und durch die Luft Schleudern konnte, wenn er es denn wollte. Ich ließ mich von seiner scheinbaren Gemütlichkeit nicht täuschen, er war immer noch ein wildes Tier, auch wenn seine rosa schimmernde Haut, ihn fast ein bisschen menschlich wirken ließ. Die anderen, unzähligen Menschen, schienen jedenfalls durch die Haut des Tieres hindurchschauen zu können, denn sie unterhielten sich, scherzten und lachten, als sei die wilde Gefahr in ihrer Mitte nicht wirklich.
Dann ertönten die Fanfaren, laut, fast Ohren betäubend. Ich wunderte mich, dass der Elefant, der ja bekanntermaßen die größten Ohren von allen hat, nicht einmal zuckte. Er blieb stehen und blickte zufrieden gegen die ihm gegenüberliegende Mamorwand, die mit goldenen Ornamenten verziert war. Mir blieb nur der Blick auf sein Hinterteil, dass er manchmal, wie selbstgefällig, hin und her zu schwenken schien, vermutlich, um mir zu zeigen, was er von mir hielt, denn niemand sonst achtete darauf.
Das goldene Portal, mir gegenüber, öffnete sich und hinaus trat eine Prozession affenartiger Wesen, an deren Spitze einer eine goldene Krone trug, die so groß war, dass es eine seltsame Konstruktion auf seinen Schultern erforderte, die ihm seinen Kopf stützte, um sie tragen zu können. Als diese lächerlich anmutende Prozession näher kam, erkannte Ich, dass die zwei hinter ihm laufenden, vermutlich seine Diener, jeweils ein dickes Seil in der Hand hielten, dessen hinteres Ende, mittels einer komplizierten Operation, mit dem Schädel des Kronenträgers verbunden worden war, sodass auch sie dabei helfen konnten, den Kopf des Krone tragenden Affenkönigs aufrecht zu halten. Sie waren nackt, bis auf eine kleine grüne Tasche, die auf ihren Bauch genäht war und einer Brille, die eine Art Maschine zu sein schien, die das Gesehene in irgendeiner Weise beeinflussen musste, denn sie wirkten wie ferngesteuert. Hinter ihnen liefen noch unzählige weitere, es dauerte fast eine Viertel Stunde, bis sich die gesamte Prozession um den gläsernen Thron positioniert hatte, auf dem dann der Gekrönte auf umständlichste Art und Weise Platz nahm. Der Saal verstummte und alle, außer dem Elefanten, der nun zwischen dem Thron und den Wartenden stand, drehten ihre Köpfe zum Thron und harrten der Dinge, die da kommen würden. Eine lange Stille entstand, in der ich glaubte, den Elefanten leise schmatzen zu hören. Dieses Schmatzen steigerte sich binnen Minuten zu einem Lärm in meinem Kopf, der kaum auszuhalten war. Ich fragte mich, während ich begann mir die Ohren zuzuhalten, ob es denn niemand sonst bemerkte, wie respektlos dieser Elefant die feierliche Zeremonie störte, die doch schon längst begonnen haben müsste.
Plötzlich trat aus den Reihen hinter dem König ein ganz in weiß gekleideter Mann hervor. Er hielt ein dickes Buch in der Hand, hatte einen langen weißen Bart und machte den Eindruck, er sei irgendwelcher magischen Künste mächtig, irgendetwas an seiner Aura verriet, dass er ein Zauberer war. Er stellte sich neben den Thron, schlug das Buch auf und begann daraus vorzulesen. Ich hätte nicht dankbarer für diese Worte sein können, die das Schmatzen des unerhörten Elefanten übertönten und mich wieder zur Ruhe kommen ließen. Die einzelnen Worte, die er verlaß verstand ich nicht, aber es schien, als spreche er so, dass die Menge in Aufruhr geriet, denn plötzlich begannen sich die Menschen, um mich herum, zu schlagen und zu treten, während sich in mir eine unbeschreibliche Ruhe ausbreitete und als ich begann mir den Elefanten genauer anzuschauen, schien er zu schrumpfen, für kurze Zeit glaubte ich, er würde ganz verschwinden, dann verstummte der Bärtige plötzlich und zwei der bebrillten Diener trugen ein überdimensionales Mikrofon zum König an den Thron heran.
Ein schriller Pfeifton beendete die blutigen Kämpfe, um mich herum und beendete auch die Ruhe, die sich in mir ausgebreitet hatte. Mit dünner, etwas zu heller Stimme erklärte der Affenkönig, der hinter dem Mikrofon nicht mehr zu erkennen war, dass er eine Erklärung verlesen wolle.
Wieder blieb es lange still und der Elefant begann zu wachsen, diesmal schien er größer zu werden, als ich es mir zuvor hätte vorstellen können, er wuchs und wuchs, die Stille wurde schlimm und wurde schlimmer. Ich riss an meinen Ohren, weil mich sein lautes Schmatzen mittlerweile völlig in den Wahnsinn trieb. Ich begann zu schreien und um mich zu schlagen.
Nun ruhten alle Augen auf mir, doch ich hatte nur noch Augen für den Elefanten. „Seht ihr ihn nicht?!“ schrie ich und schubste die Umstehenden in Richtung des immer noch wachsenden Tieres. Als sich langsam Erschöpfung bei mir einstellte, begannen die Schweigenden zu lachen und mit dem Finger auf mich zu zeigen, schwer atmend stand ich in der Menge, um mich herum hatte sich jetzt ein Kreis gebildet, in dem man mich hin und her schubste. Mit letzter Kraft gelang es mir aus dem Kreis auszubrechen und ich rannte in Richtung des Elefanten, um ihn endlich zum Schweigen zu bringen, aber als ich mich seinem Hinterteil näherte, drehte er nur langsam den überdimensionierten Schädel, packte mich mit seinem Rüssel, schleuderte mich durch die Luft und ich landete auf der anderen Seite des Saales auf der Erde. Schwer verletzt, aber noch voller Raserei, blickte ich auf und erkannte, wie mir zwei der Brillenträger aufhalfen und mir eine ihrer schwarzen Maschinenbrillen aufsetzten.
Im ersten Moment schien es mir, wie ein Wunder, denn ich war sofort von allen Verletzungen des Sturzes geheilt und konnte mich problemlos einreihen, in die wartenden Affenwesen hinter dem Thron. Durch diese Brille schien alles in Ordnung zu sein und das wilde Tier in der Mitte des Saales war verschwunden.
Die Versammlung wurde beendet und in Zweierreihen verließen wir, hinter dem König den Saal, den weißen Mann sah ich nie wieder. Das letzte, an das ich mich erinnere, ist der Moment, als wir durch das goldene Tor ins freie Schritten. Seither lebe ich in Freiheit und habe nie wieder etwas von Elefanten und Zauberern gehört, nur manchmal, wenn die Fanfaren gehen und wir uns zur Zeromie treffen müssen, denke ich an die rosige Haut des Tieres und frage mich, ob echte Elefanten nicht eigentlich grau sein müssten, aber ich schiebe diesen Gedanken beiseite, denn in der Freiheit ist kein Platz für Elefanten, ob rosa oder grau spielt keine Rolle mehr. Vielleicht wüsste der Zauberer die Antwort auf die Frage danach, aber auch darüber denke ich nicht nach, freie Menschen glauben nicht an Zauberei. Das einzige, an das wir freien Menschen glauben, ist die Freiheit, die wir vor uns sehen. Freiheit, die man mit den Händen greifen möchte, doch es geht nicht, denn so ist Freiheit nicht gedacht. Wirkliche Freiheit kann man sehen, aber ich glaube, man kann sie nicht anfassen, denn das versuche ich doch. Tag für Tag versuche ich die Freiheit vor mir mit den Händen zu greifen, doch es geht nicht, meine kleine grüne Tasche bleibt leer, noch.
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