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Alt 30.05.2019, 15:06   #1
männlich Gylon
 
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Standard Es ist still ohne dich

In den Räumen scheint die Zeit still zu stehen, kein Geräusch durchbricht die Stille. Ich trinke meinen Tee und denke wie so oft an dich. Es sind jetzt genau 777 Tage vergangen, 777 trostlose Tage wenn man es genau nimmt. Ich habe nicht geglaubt, so lange durchzuhalten, aber ich musste dir versprechen, keine Dummheiten zu machen, auch wenn du nicht mehr da bist um auf mich aufzupassen. Es hat seine Zeit gedauert, bis ich den besten Weg für mich gefunden habe. Ich weiß nicht, wie oft ich deine Bilder weggeräumt habe, um sie dann später alle wieder aufzustellen. Jetzt liegen sie sicher verwahrt auf dem Dachboden. Ich sollte sie eigentlich entsorgen, um nicht jeden Tag diesen Kampf mit mir ausfechten zu müssen. Der Versuchung widerstehen, nach oben zu gehen und stundenlang mit deinem Bild in der Hand dort zu verweilen.

Ja, ich sollte sie eigentlich entsorgen, aber so weit bin ich noch nicht. Ich höre noch deine Worte, als wenn es gestern gewesen wäre, „Trauere um mich mein Schatz, aber verliere dich nicht darin! Lebe dein Leben, du hast so viel zu geben und kannst noch so viel bewirken. Da draußen gibt es Menschen, die dich brauchen und die auf dich zählen.“ Ja, ich habe es dir versprochen, aber ich habe dir nie gesagt, dass nur du mein Antrieb warst, all das zu schaffen und auf den Weg zu bringen. Nur du, aber jetzt bist du nicht mehr da und meine ganze Energie ist mit dir gegangen. Ich leere die Tasse und stelle sie direkt in die Spülmaschine, so wie du es mir beigebracht hast.

Dann nehme ich den Weg in den Flur, ziehe die Pantoffeln aus und die Schuhe an. Gehe zur Garderobe, nehme Hut und Mantel und bleibe wie immer kurz an der Tür stehen, um die Checkliste durchzugehen: Herd aus? Ja. Wasser aus? Ja. Fenster alle geschlossen? Ja. Schlüssel im Mantel? Ja. Portemonnaie dabei? Ja.
Ich drehe mich kurz um und Blicke ins Wohnzimmer, im Geiste sehe ich, wie du mir eine Kusshand zuwirfst und deine Lippen die Worte Formen mit denen du mich immer verabschiedet hast. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass es nun losgehen muss. „Bis später meine Süße“, flüstere ich in den leeren Raum hinein, dann fällt die Tür ins Schloss und ich verliere mich in dem Alltag, der mir hilft durchzuhalten, mehr aber auch nicht.
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2019, 20:00   #2
männlich Ralfchen
 
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IST DAS AUTOBIO? WENN JA - WARUM die fotos der geliebten frau entsorgen? ich habe alle fotos von Lucy aufgehoben und eines steht auf meinem großen ladenschrank im hauptraum vom loft. der text gefällt mir. er ist sehr eindringlich in seiner aussage. ich kann ihn von der grammatik oder anderen kriterine nicht kritisieren. dazu ist Ilka die spezialistin.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2019, 20:28   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
ich kann ihn von der grammatik oder anderen kriterine nicht kritisieren. dazu ist Ilka die spezialistin.
"kriterine" - nicht schlecht .

Ich bin keine Spezialistin in diesen Dingen, aber nach dem, was ich weiß, gibt es nur einige wenige Mängel.

Inhaltlich ist der Text hervorragend. Er schafft eine Stimmung, in die der Leser sofort hineingezogen wird, und er schildert glaubhaft, wie einem Menschen durch einen Verlust der Boden unter den Füßen weggezogen worden ist. Auf einmal fehlt etwas, das dem Leben Ordnung und Struktur gegeben hatte, eine gewisse Sicherheit und einen Sinn. Dieses desolate Gefühl ist sehr gut umgesetzt.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2019, 21:50   #4
Stachel
 
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Beiträge: 895


Lieber Gylon,

du hast eine wunderbar dichte und traurige Atmosphäre geschaffen. Durch die vermittelte Hoffnungslosigkeit hindurch würde ich am liebsten Worte der Erbauung senden, Durchhalteparolen, irgendwas mit "Licht am Ende des Tunnels".

Danke für die Reise in einen Abgrund, der lebensnah und monoton daher kommt. Mich animiert der Text, nachzudenken über mich in einer vergleichbaren Situation. Es kann ja jeden ereilen und viele wird es.

Freundliche Grüße von
Stachel
Stachel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 31.05.2019, 18:11   #5
weiblich AlteLyrikerin
 
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Beiträge: 1.160


Lieber Gylon,
die Empfindungen nach dem Verlust eines Partners sind hier sehr bildhaft und glaubwürdig beschrieben.
Ein gelungenes und wichtiges Textstück, denn aktuell erwartet eine überökonomisierte, zur Empathie unfähige Gesellschaft, dass man innerhalb weniger Wochen nach einem Trauerfall wieder perfekt funktioniert.
Herzliche Grüße und Dank für den Text, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2019, 10:05   #6
weiblich DieSilbermöwe
 
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Lieber Gylon,

etwas an dem Text hat mich gestört, jetzt weiß ich es. 777 Tage sind über 2 Jahre und solange in solcher Form zu trauern könnte schon in eine pathologische Richtung gehen.
Vom Zeitlichen her passt es mE nicht mehr. Ansonsten ein gefühlvoller Text.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2019, 11:24   #7
männlich Gylon
 
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Lieber Ralfchen,
nein, nicht Autobio! Jeder ist Mensch ist anders, die einen behalten Erinnerungsstücke und kommen damit gut klar, während es für andere eine Belastung ist, der sie nicht gewachsen sind. Bei einem Text muss man sich für eine Situation entscheiden, auch wenn viele Leser diese dann nicht nachempfinden können.

Liebe Ilka-Maria,
ich bin auch kein Spezialist in diesen Dingen, von daher bin ich mit wenigen Mängeln zufrieden.

Lieber Stachel,
richtig, jeden kann es treffen und wenn es einen trifft, muss man lernen damit umzugehen!

Liebe Alte Lyrikerin,
ob wir heute weniger Empathie wie früher haben, kann ich nicht beurteilen. Um zu überleben, müssen wir immer irgendwie funktionieren. Wie diese funktionieren aussieht, ist dabei nach Lebenssituation sehr individuell.

Liebe DieSilbermöwe,
egal welchen Zeitraum ich in dem Text verarbeitet hätte, er wäre nie allen Lesern gerecht geworden. Wie lange jemand trauert, ist Typ und von der Qualität der gelebten Beziehung abhängig. Wenn ich so manche Beziehungen sehe, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass da überhaupt getrauert werden würde, da knallen eher die Sektkorken.


Euch allen einen ganz herzlichen Dank für euer Lesen und hineinspüren in den Text. Es freut mich sehr, dass diese kleine Alltagsgeschichte euch bis jetzt durchweg positiv angesprochen hat. Das motiviert und stärkt die Lust am Schreiben.

Ein schönes Sonniges Wochenende mit hoffentlich wenig Anlässen zum Trauern!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2019, 14:03   #8
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
... denn aktuell erwartet eine überökonomisierte, zur Empathie unfähige Gesellschaft ...
Hm ... mich würde interessieren, woran du das festmachst, AlteLyrikerin. Die Historiker und Psychologen tragen nämlich schon seit vielen Jahren Nachweise dafür vor, dass die Menschheit noch nie in ihrer Geschichte so empathiefähig gewesen ist wie in unseren modernen, westlichen Gesellschaften. Gewalt ist durch die Jahrhunderte hindurch kontinuierlich zurückgegangen, und der Begriff "Empathie" als Ausdruck für die Fähigkeit, Mitgefühl zu zeigen, ist ein ziemlich neuzeitlicher Begriff.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2019, 17:53   #9
männlich Ralfchen
 
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Hm ... mich würde interessieren, woran du das festmachst, AlteLyrikerin. Die Historiker und Psychologen tragen nämlich schon seit vielen Jahren Nachweise dafür vor, dass die Menschheit noch nie in ihrer Geschichte so empathiefähig gewesen ist wie in unseren modernen, westlichen Gesellschaften. Gewalt ist durch die Jahrhunderte hindurch kontinuierlich zurückgegangen, und der Begriff "Empathie" als Ausdruck für die Fähigkeit, Mitgefühl zu zeigen, ist ein ziemlich neuzeitlicher Begriff.
stimmt...ich hatte mal ein buch von SGI FREUD gelesen, erinnere mich nicht genau an den titel, glaube: LIEBE IN DER ANTIKE. die liebe wie wir sie versuchen zu erklären und manchmal auch fühlen, gab es bis dahin nicht. der mensch wurde je nach geburt/gesellschaftlicher position anders bewertet. gefühel zwischen mann und frau spielten dabei keine rolle im sinne wie wir das heute kennen. mag sein bei einzeln menschen der damals-zeit entstand liebe, so wie es schamanen und große denker gab, die gesellschaft/religion/wissenschaft ausleuchteten. sie das zeitalter der aufklärung, beginnend mit dem 17 jhdt. die mächtige vertretung goddchens hatte wichtige schriften wie PLATON ängstlich versucht zu verstecken. wenn es nach denen und der konzeption mohammeds ginge würden sie uns noch heute in finsternis unterdrücken und kontrollieren.

PS:. ICH FINDE DIESEN TITEL NICHT UNTER FREUD BÜCHERN ES MUSS EIN Anderer autor gewesen sein, der das thema mit analysen von FREUD untermauerte. finde es auch in meiner bibliothek im loft nicht. könnte in der wohnung sein. egal es war extrem interessant zu lesen.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2019, 18:15   #10
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
stimmt...ich hatte mal ein buch von SGI FREUD gelesen, erinnere mich nicht genau an den titel, glaube: LIEBE IN DER ANTIKE. die liebe wie wir sie versuchen zu erklären und manchmal auch fühlen, gab es bis dahin nicht.
Richtig. Die romantische Liebe, um die es hier geht, ist nicht naturbedingt, sondern sozialisiert und fällt zusammen mit der Entsehung des Romans, der sich intensiv dieses Thema zunutze machte. Liebe in der heutigen, romantisch-empathischen Form musste erst erlernt werden.

Liebe in anderer Form gab es sicherlich vorher schon, aber eben nicht die romantische Liebe.

Unser Thema war aber Empathie, also Mitgefühl, sich Hineinversetzen können in einen anderen Menschen. Oder einfach nur Verstehen können, weshalb ein Mensch wie gehandelt hat und deshalb eben nicht die Strafe verdient, die ihm zugewiesen wird. Mit diesem Verständnis sah es in der Vergangenheit sehr düster aus.

Empathie war quasi nicht vorhanden. Wer gegen das Gesetz verstoßen hatte, egal aus welchem Grund (Entschuldigungen aufgrund widriger Lebensumstände hatten keine Geltung), musste büßen. Das Gerechtigkeitsgefühl im Mittelalter war radikal: Wer verurteilt worden war, wurde gevierteilt, gepfählt, im Ochsen gebraten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, geköpft, gehäutet, aufs Rad geflochten oder ersäuft. So einfach lautete die Regel, und alle kamen zu dem Schauspiel und ergötzten sich daran. Das war göttliche Gerechtigkeit, an der niemand Anstoß zu nehmen hatte, sondern die jeden, der sich an die Regeln gehalten hatte, befriedigte.

Gegen die Hartgesottenheit der Menschen früherer Epochen sind wir die reinsten Weicheier.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.06.2019, 14:08   #11
männlich Robert Go
 
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Hammer.
Das klingt zwar traurig, ist aber gut geschrieben.
Kompliment
Robert Go ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.06.2019, 19:53   #12
männlich Ralfchen
 
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ja traurig schon, aber wirklich ein mitnehmend schöner text. Gylon kann das. nicht nur bei poetischen stücken sondern wie man sieht auch bei prosa.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2019, 22:29   #13
männlich Gylon
 
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Beiträge: 4.268


Lieber Robert Go,
dein Kompliment ehrt mich, es ist schön, wenn einem Schreiber das Gefühl vermittelt wird, das seine Textarbeit einem Leser auch lesenswert erscheint. Vielen herzlichen Dank!

Lieber Ralfchen,
bei meinen Textarbeiten von „können“ zu sprechen, ist sicher weit von der Realität entfernt.
Wen einer meiner Texte, dich aber in seine Ausführung anspricht und überzeugt, nehme ich das sehr gerne entgegen. Dankeschön!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
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