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Alt 06.06.2019, 15:19   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Das Vorbild

Als ich die Karte aus dem Umschlag zog und die Einladung las, war ich mehr als überrascht - ich war perplex: Der große Victor Traversini bot mir an, nach der letzten Vorstellung des gerade erfolgreich an seinem Theater laufenden Stückes Gast auf seiner Party zu sein. Dies sei eine gute Gelegenheit für einen Neuling, hatte er eigenhändig unter den Vordruck geschrieben, die Theatertruppe „in totale“ kennenzulernen.

Ich glaubte zu träumen: Der große Victor Traversini, dem ich Luft zu sein schien, dem ich in den wenigen Wochen meines Fußfassens am Theater weder eines flüchtigen Grußes, geschweige denn eines Blickes würdig gewesen war, hatte mir Beachtung geschenkt. Obwohl ich wusste, dass es seine Gepflogenheit war, nach dem Ende eines Aufführungszyklus eine Feier für seine Truppe zu veranstalten, um seinen Dank für die geleistete Arbeit zu bekunden, wäre ich ihm nicht gram gewesen, wenn er mich nicht in seine Gästeliste einbezogen hätte. Ich war ein blutiger Anfänger und bislang noch nicht vor Publikum aufgetreten, sondern von der Truppe zunächst damit betraut worden, mich auf das kommende Stück vorzubereiten, in dem ich eine kleine Statistenrolle übernehmen sollte.

Aber hier stand es, auf der hellblauen Karte mit dem leicht verschnörkelten, eleganten Aufdruck: … würde ich mich freuen, Sie willkommen heißen zu dürfen. Um Antwort wird gebeten bis zum …“

Die Antwort lag für mich auf der Hand: Wie ich keine Gelegenheit am Theater auslassen würde, in der Nähe dieses großartigen Mimen zu sein, so würde ich natürlich auch zu seiner Party gehen.

Während ich die Karte in der Hand behielt, als hätte ich Angst, sie könne sich wie ein Trugbild verflüchtigen, wenn ich sie irgendwo hinlegte, wanderten meine Gedanken zurück in meine Schulzeit, zu jenem Tag, an dem unser Englischlehrer wegen einer Erkältung ausfiel und eine Vertretung den Unterricht übernahm. Sie war eine der älteren Lehrerinnen, der wir wegen ihrer grellbunten Kleidung und ihres gekräuselten, kupferfarbenen Haares heimlich den Spitznamen „Bühnenclown“ zugedacht hatten. Wie richtig wir mit der Bühne gelegen hatten, wussten wir bis zu dieser Vertretungsstunde nicht, jedoch beschlich uns eine leise Ahnung, als sie uns aus Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ vorlesen ließ. Wie sich herausstellte, war sie eine begeisterte Besucherin des Theaters und eine glühende Anhängerin des Schreibers aus Stratford upon Avon. Ich war von der Wucht der Shakespear’schen Sprache wie elektrisiert und fragte die Lehrerin am Ende der Stunde, ob ich mir die Lektüre ausleihen dürfe. Sie gestattete es mir, und von da an nannte ich sie nie mehr „Bühnenclown“, sondern respektvoll Frau Maiwald.

Als bald darauf mein Geburtstag nahte, wünschte ich mir von meinen Eltern ein Abonnement unseres städtischen Theaters. Vater schüttelte verständnislos den Kopf: In seiner Jugend hätten sich die Buben für Militärjeeps, Carrerabahnen und Fischer-Technik interessiert. Doch Mutter zeigte ihr gewohntes weises Lächeln und nickte mir ihr stummes Einverständnis zu.

Innerhalb der nächsten Jahre entwickelte ich mich zu einem eifrigen, fast besessenen Theaterbesucher. Victor Traversini war nicht nur der Erste Schauspieler an unserer städtischen Bühne, sondern auch ihr Inhaber. Fast alles unterlag seinem Einfluss, vom Entwurf der Kostüme über die Gestaltung der Kulissen bis hin zur Inszenierung. Lediglich den Schauspielern und dem Beleuchter billigte er bei ihrer Arbeit größtmögliche Freiheiten zu. Bei alledem übernahm er selbst die Hauptrollen – eine Mammutleistung.

Keiner der anderen Schauspieler war so brillant wie er. Ich verfolgte seine Darbietungen mit der Aufmerksamkeit eines Spitzels, lauschte während der Pausen auf die Meinungen der Zuschauer und sammelte akribisch alle Presseartikel, in denen ich die Stellen markierte, die auf seine darstellerische Kunst eingingen.

Als ich vor dem Abitur stand und meine Eltern vor die Tatsache stellte, nach Abschluss des Gymnasiums auf eine Schauspielschule gehen zu wollen, statt an der Universität etwas, wie sie sagen würden, Anständiges zu studieren, saß der Schock bei ihnen tief: Vater verschlug es die Sprache, und Mutter vergaß zum ersten Mal, soweit ich zurückdenken konnte, ihr weises Lächeln. Schließlich kamen beide zu der Überzeugung, mich am Theater getrost eine Weile austoben zu lassen, denn zur Vernunft gelänge ich über kurz oder lang von selbst.

Dank meines Vorbildes, dessen Darbietungen ich jahrelang analysiert hatte, schaffte ich die Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule ohne Schwierigkeiten, gelangte auch kein bisschen zur Vernunft, sondern schloss meine Ausbildung erfolgreich ab und landete gleich mit meiner ersten Bewerbung am Ziel meiner Träume: an unserem Stadttheater, dem Theater des großen Victor Traversini, in dessen Nähe ich mich Tag für Tag bewegen durfte. Sogar zu seiner Party hatte ich es auf Anhieb geschafft.

Als ich aus meinen Erinnerungen erwachte, legte ich die Einladungskarte aus der Hand, direkt neben die Tastatur meines Computers, um sie im Blick zu behalten. In meinen elektronischen Kalender trug ich das Datum der Party ein, was ich idiotisch fand, denn es war bereits in mein Gedächtnis eingebrannt, aber vor lauter Glückseligkeit konnte ich es mir nicht verkneifen.

Die Party fand im Gesellschaftsraum eines Hotels in der Nähe des Theaters statt. Bei meiner Ankunft war der Saal bereits gut gefüllt, aber es trafen noch immer Gäste ein, und ich fragte mich, wo sie alle an einem mittelständischen Theater beschäftigt sein könnten. Während ich nach bekannten Gesichtern forschte, sah ich Traversini auf mich zukommen. Er nahm einem Kellner zwei Gläser Sekt vom Tablett, drückte mir eins davon in die Hand und prostete mir zu. „Willkommen auf meiner Party, junger Mann. Mit welcher meiner hübschen Bühnenheldinnen sind Sie hergekommen?“

Ich war ziemlich verdutzt über diese Ansprache. „Ich bin allein gekommen. Ich … Sie haben mir eine Einladung geschickt.“

„So? Was stand denn drin?“

Mein Gesichtsausdruck muss grenzdebil auf ihn gewirkt haben, denn er lachte amüsiert und klopfte mir auf die Schulter. „Schon gut, sagen Sie mir einfach, wie Sie heißen.“

„Sie haben mir doch geschrieben … oder wer hat …?“

Er lachte noch mehr über meine Verwirrung. „Einen Namen werden Sie doch haben. Also raus damit.“

„Gramatzki, Bastian Gramatzki.“

„Und was machen Sie?“

„Ich arbeite an Ihrem Theater. Als Schauspieler. Ich bin neu … ein Anfänger.“

„Na denn, guten Erfolg, und amüsieren Sie sich gut.“ Er machte eine ausladende Armbewegung. „Sind alles gute Leute hier, sehr gute Leute.“

Mit diesen Worten wendete er sich ab. Doch bevor er sich weiteren Gästen widmete, drehte er sich nochmal zu mir um: „Über Ihren Namen sollten Sie sich Gedanken machen. Der Klang ritzt dem Publikum ja Kratzer ins Gemüt.“

Dann gesellte er sich endgültig zu seinen Gästen. Ich hatte mich gefangen, kippte meinen Sekt runter und nahm dem nächsten Kellner, der an mir vorbeirauschen wollte, ein weiteres Glas und die noch halbvolle Flasche vom Tablett. Traversini hatte mich nicht erkannt. Er hatte überhaupt nicht gewusst, wer ich war und warum ich auf seiner Party herumlungerte. Er dachte, ich sei in Begleitung von jemandem gekommen, den er kannte.

Trotz des Alkohols ernüchtert von dieser Lektion in Demut mischte ich mich unter die Gäste. Ich wurde hellhörig, als ich an drei tuschelnden Personen vorbeikam und die Worte aufschnappte: „… immer schlimmer. Neulich hat er während der Aufführung seinen Text vergessen, und das Publikum hat es gemerkt.“ Ich spitzte die Ohren. „Früher wusste er zu improvisieren, aber er bringt‘s nicht mehr.“

Ich war unangenehm berührt, weil ich fand, dass Klatsch auf dieser Party, die einen Erfolg feierlich abschließen sollte, fehl am Platz war. Doch mir blieb keine Zeit, näher darüber nachzudenken, denn Traversini signalisierte, eine Ansprache halten zu wollen. An seine Seite trat ein junger Mann mittleren Alters, den ich noch nie gesehen hatte. Als es im Saal still geworden war, legte Traversini dem Mann eine Hand auf die Schulter und begann seine Rede.

„Liebe Gäste, wie Sie wissen, war es meinem Neffen nicht vergönnt, mein schauspielerisches Talent in die Wiege gelegt zu bekommen, und seine handwerklichen Fähigkeiten reichen allenfalls aus, um kleine Nebenrollen auszufüllen. Gleichwohl ist er unter meiner Obhut mit dem Theater aufgewachsen und hat sich Zeit seines Lebens dafür begeistert. Vor allem war er mir aufgrund seiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung eine große Stütze, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich ohne ihn das Theater nur schwerlich hätte meistern können. Deshalb ist es mir heute eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass sich mein Neffe bereit erklärt hat, die Leitung des Theaters zu übernehmen, um mir den Rückzug von der Bühne zu erleichtern.“

Gemurmel des Erstaunens füllte den Saal. Grüppchen bildeten sich, einige Gäste gratulierten dem Neffen zu seiner neuen Funktion, andere versuchten, sich Traversini zu nähern, doch er wich ihren Fragen aus und war einige Minuten später verschwunden.

Ich war enttäuscht, denn als ich mich am Theater beworben hatte und zu meiner großen Freude engagiert wurde, hoffte ich, von diesem Mann viel lernen zu können. Er war noch nicht in dem Alter, in dem man sich aus dem Berufsleben zurückzog, schon gar nicht als Künstler. Kunstschaffende, das wusste man, arbeiten nicht selten, bis sie tot umfallen.

In den ersten Monaten nach seinem Rückzug sah ich Traversini regelmäßig im Publikum sitzen und die Aufführungen verfolgen. Einmal gelang es mir, ihn abzupassen, bevor er den Theatersaal verlassen konnte. Als ich ihn ansprach, schaute er mich aus ruhelosen Augen verständnislos an. „Kenne ich Sie?“

Ich nannte meinen Namen, den ich immer noch unverändert trug, und bemühte mich, ihm auf die Sprünge zu helfen. Doch sein Gesicht blieb leer, er konnte sich nicht an mich erinnern.

Als Weihnachten nahte und wir unsere letzte Vorstellung vor der Winterpause gaben, saß er nicht mehr im Publikum. Auch nach Neujahr, als wir mit der neuen Theatersaison starteten, tauchte er nicht wieder auf. Deshalb entschloss ich mich, ihn zu besuchen. Er hatte mich inzwischen oft genug gesehen und konnte sich jetzt bestimmt an mich erinnern. Jedenfalls redete ich mir das solange ein, bis ich daran glaubte.

Eine Frau, die ich auf Ende zwanzig schätzte und sich als seine Tochter herausstellte, führte mich zu ihm in die Bibliothek. Er saß vor einem laufenden Fernsehgerät, schien aber vom Programm nichts wahrzunehmen, denn sein Blick stierte ins Nirgendwo. Als er mich ansah, schien es mir, als glimme in seinen Augen eine Spur des Erkennens, doch zu meiner Enttäuschung fragte er mich: „Wer sind Sie?“

Ich nannte ihm meinen Namen. Er lächelte wohlwollend, aber im nächsten Augenblick war da wieder das bewegungslose Gesicht und der starre Ausdruck seiner Augen.

Als mich seine Tochter zur Tür begleitete, war ich den Tränen nahe. Plötzlich erschien mir das Theater sinnlos. Die Schauspielerei war nichts als eine Farce, die mit dem wahren Leben nichts zu tun hatte – nicht einmal in den Stücken Shakespeares, in denen die Figuren sich eher gegenseitig umbrachten, als in den Zustand einer Demenz zu geraten.

Nach ein paar schlaflosen Nächten, in denen ich darüber gegrübelt hatte, ob es sinnvollere Herausforderungen im Leben geben könnte als die Theaterlaufbahn, stand mein Entschluss fest: Ich kündigte mein Engagement und schrieb mich an der Universität ein – für Medizin und Neurowissenschaften.
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Alt 06.06.2019, 17:01   #2
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.268


Liebe Ilka-Maria,
finde ich wieder sehr gut vor dir geschrieben! Mühelos hältst du mich als Leser bei der Stange und ein paar Zeilen mehr, hätten es gerne auch noch sein dürfen!

Ich habe mir die Frage gestellt, ob jemand, der für etwas so brennt, sich so verhalten würde? Von meinem Standpunkt aus wahrscheinlich nicht, aber für unrealistisch halte ich es keinesfalls. Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2019, 17:25   #3
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
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Zitat:
Zitat von Gylon Beitrag anzeigen
Mühelos hältst du mich als Leser bei der Stange und ein paar Zeilen mehr, hätten es gerne auch noch sein dürfen!
Das ist ein starkes Kompliment, Gylon, vielen Dank.

Liebe Grüße
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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