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Alt 11.12.2015, 17:07   #1
männlich Thodd
 
Dabei seit: 09/2013
Ort: Berlin
Alter: 21
Beiträge: 60


Standard Erwachsen werden

12:27
Ich kam gerade aus der Sparkasse am Flötenkiel, hatte Geld abgehoben. War ja Samstag, zur Weihnachtszeit, also wollte ich für meine Freundin und meine Eltern ins Columbus-Center, Geschenke kaufen. Ein Blick nach links, zu meinem Renault, auf dem Parkplatz von Real. Gerade als ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel suchte (und die Zigaretten bewusst weiter nach hinten schob, ich will ja aufhören), da rief mich eine Stimme.
"Lars, das gibts doch nicht! Bist du's wirklich? Meine Güte, ist ja geil, dich hier zu sehen."
Als ich mich umdrehte, brauchte ich erst einmal eine Weile, um zu erkennen, wer da vor mir stand. Plötzlich fiel es mir ein, und ich begann zu grinsen.
"Paul? Paul Kück! Man, hab dich ja erst gar nicht erkannt! Wie geht's dir so?"
"Ach, ich komm so klar. Bin grad auf dem Weg in die Stadt, muss noch was besorgen. Aber, nun sag mal, Kollege, was machst du hier in Bremerhaven?"
"Ach, ich will noch ins Center und in die Bürger, Geschenke kaufen. Stade hat zwar auch alles, aber ich wollt's mir nicht nehmen lassen, nochmal wieder herzukommen. Hab mich in der Stadt ja lange nicht mehr blicken lassen."

Paul war damals mein bester Freund. Wir haben uns damals in der Grundschule kennengelernt und haben schon immer zusammen auf dem Dino-Spielplatz gespielt. Meine Mutter hat uns immer gesagt, wir sollen vorsichtig sein, Lehe und Leherheide seien ja eigentlich zu gefährlich für zwei kleine Jungen. War uns aber immer egal, wir hatten nie Schwierigkeiten, auch nicht, als wir anfingen, auf dem Robinson zu spielen und später zu skaten. Zu der Zeit sind wir beide mit unserer Gymnasialempfehlung auf die Scholl gegangen. Er hat sich immer darüber lustig gemacht, wenn ich versucht habe, ihm zu erklären, wer die Geschwister Scholl waren, er hat sich ja nie für Geschichte interessiert. Für Paul waren Autos und Motorräder interessanter, er fing auch vor mir an, sich für die Mädels zu interessieren. So haben wir uns zwar ab und zu gestichelt, aber wir waren immer noch wie Pech und Schwefel. Das war die schönste Zeit, wo man in der untergehenden Sonne auf der Halfpipe saß, mit Paul, Siggi und Rick, in den Händen ein heimlich von den Eltern geklautes Becks, die Taschen mit gefundenen Zigaretten gestopft. Jedes Wochenende ein Wettbewerb, wer am weitesten spuckte und den höchsten Kickflip zog. Wir waren zwölf, und wir waren die coolsten Milchgesichter auf dem Platz. Wenn die Älteren dann gegrillt haben, haben wir uns eine Bratwurst geschnorrt, sind dann mit den Boards und Bikes zum Lidl gerast und haben versucht, alt genug auszusehen, um Energy-Drinks und Feuerzeuge kaufen zu können. Man, wir waren nicht gerade die Kinder, die man sich wünscht, aber wir hatten unseren Spaß.

Dann dieser eine Dienstag, irgendwann im April, als ich nachmittags nach Hause kam und meine Eltern still am Tisch saßen, die Blicke auf mich gerichtet, in den Augen noch ungeflossene Tränen. Wir müssen dir etwas sagen, Lars, deine Mutter und ich, wir wollen getrennte Wege gehen, es geht einfach nicht mehr, und so. Sie wollte zu ihrem neuen Freund ziehen und mich mitnehmen, nach Stade. Sie hätte mir schon eine schöne Schule gesucht, das Athenaeum, und ein Kino gäbe es da. Ich wollte davon nichts wissen, ich hörte es nicht einmal. Für mich war nur der eine Gedanke: Was ist mit Paul?

Man, ich war am Boden zerstört. Total verbittert kam ich zum Skateplatz, im Rucksack eine Flasche Korn von Papa und eine Schachtel West von Mama. Die anderen waren da und weinten, als ich ihnen erzählte, was los war. Wir begannen, zu trinken, und ich dachte, ich könnte den Frust und die Wut abschütteln, wenn ich trinke. Und meine Güte, betrank ich mich. Für einen Zwölfjährigen war eine Viertelflasche einfach zu viel, also fand ich mich in der Notaufnahme wieder. Alkoholvergiftung. Kaum war ich wieder überm Berg, fuhr meine Mutter mit mir los. Kein Abschied von Paul, Siggi und Rick, die mich ja erst in diese Lage gebracht hätten. Das war damals, als ich zwölf war, als alles gut war.

"Zwölf Jahre, Gott, ist das lange her. Weißt du noch, die Halfpipe?" Mein Kopf schwirrte ein wenig von den ganzen Erinnerungen.
"Na klar, die steht heute noch da. Wird aber bald weggerissen, wie alles, was wir mal besaßen. Für einen neuen Tunnel oder so. Ist mir aber auch egal, hab ja eh keinen Führerschein."
"Wie ist es dir denn so ergangen, was machst du momentan so?"
"Ach, auf der Scholl bin ich nicht lange geblieben, Gym war doch nichts für mich. Bin dann zu Siggi in die Frosta-Fabrik, als wir sechzehn waren. Nach 'nem miesen Unfall bin ich jetzt zuhause, Hartz IV."
Ganz schön tiefer Fall, dachte ich, aber muss ja nichts heißen. Kann jedem mal passieren.
"Hab da jemanden kennengelernt, meine liebe Josephine. Damals, bei Frosta meine ich. Hatte grad ne Trennung durch, und ich war halt für sie da. Ich dachte echt, sie ist es, man. Eines Tages war sie dann schwanger."
"Du bist Vater?!"
"Ja, war ganz schön plötzlich alles, mit achtzehn. Aber inzwischen hab ich alles im Griff. Die dumme Schlampe hat mich betrogen und ist durchgebrannt, aber Mina hat sie mir gelassen. Jetzt kümmer ich mich um sie, sie hat ja sonst auch niemanden."
Ich war gerührt, ja wirklich gerührt. Ich wusste immer, dass in Paul ein echter Mann steckt, jemand, der für seine Entscheidungen einsteht.
"Ja, jetzt bin auf dem Weg in die Stadt. Meine Schwester hat mir 'n bisschen
Geld geschickt, damit ich der Kleinen mal die Gitarre kaufe, die sie sich schon so lange wünscht. Naja, du weißt ja wies ist, ich brauch das Geld hat dringend, für Besorgungen und so. Aber die Gitarre kauf ich ihr irgendwann noch."
Eine Weile musste ich grübeln, was das zu bedeuten hatte, dann jedoch bemerkte ich seine glasigen Augen.
"Naja, Lars, da kommt mein Bus. Hör mal, war nett, mal wieder mit dir zu reden, kannst mich ja mal auf Facebook adden. Hau rein, Alter!"
Und mit einem Handschlag ging er davon, stieg in die 505 um 12:35.

Und übrig bleibe ich. Jetzt sitze ich hier an der Bushaltestelle, schaue dem gelben Hinterteil der 5 hinterher und sehe doch nicht den Bus. Ich sehe seine glasigen Augen. Gott, Paul, was ist nur aus dir geworden? Ich frage mich, wie unsere Leben so unterschiedlich voneinander laufen konnten. Hier sitze ich nun, mit Abitur und einem Geschichtsstudium und blicke meinem drogensüchtigen Freund hinterher. Wäre ich etwa auch so geworden, wenn ich hier geblieben wäre? Oder hätten wir zusammen die Kurve gekriegt?

Ich stehe auf und gehe wieder über die Straße zu meinem Auto. Als ich den Motor starte, fällt mir ein Zitat aus meinem alten Lieblingsbuch von Stephen King ein. Nie wieder hatte ich solche Freunde wie damals, als ich zwölf war. Meine Güte, Sie etwa? Inzwischen glaube ich, froh zu sein, dass ich damals fortgezogen bin. Trotz dieser Einsicht fühlt sich mein Herz nun etwas leerer an.

Geändert von Thodd (11.12.2015 um 18:54 Uhr)
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freundschaft, trauer, vergangenheit

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