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Alt Gestern, 13:58   #34
männlich Heinz
 
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Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 3.192

Hallo Sonnenwind,

Dir ist so manches bei Goethe zu einfach gestrickt. Aha! Wie wäre es mal mit Beispielen? Goethekritiker und -philister gab es schon zu seinen Lebzeiten.
Gottfried Keller hat das mal hübsch zusammen gefasst:

Ein Goethe Philister

Den mit trocknen Erbsen angefüllten Schädel
taucht er jauchzend in des klaren Meeres Wellen,
das man Goethe nennt; nun schauet achtsam,
wie die Nähte platzen, wenn die Erbsen schwellen!

Was Du zum Paarreim sagst, ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Einerseits ist er verführerisch, andererseits ist er abstoßend. Er wirkt so simpel, er scheint leicht verwendbar, viele versuchen es mit ihm, viele bauen damit nur Murks und dann gibt es noch viele, die ihn, obwohl sie es besser könnten, gar nicht erst versuchen.
Das ist sehr beliebig, was Du da von Dir gibst. Ich könnte mit genau denselben Worten auch den Blankvers, den Kreuz- oder Binnenreim, den Stabreim oder Hexameter beschreiben.
Er ist verführerisch und nicht abstoßend, er wirkt so einfach und scheint leicht verwendbar usw.
Der Paarreim ist, wie alle Reime, ein Gestaltungsmittel für Gedichte.
Unsere Ahnen, die ollen Germanen, Teutonen, Goten und wie sie alle heißen,
kannten den Paarreim überhaupt nicht. Sie dichteten vorzugsweise in Stabreimen. Und damit kommen wir dem Reiz und der Notwendigkeit des Reimens näher: Der Text geht auf die eine oder andere Weise besser ins Ohr und wird so leichter "behalten". Stabgereimte Zaubersprüche blieben mangels schriftlicher Überlieferung besser im Gedächtnis haften.
Im Mittelalter brachten uns die Kreuzritter neben anderen kulturellen und wissenschaftlichen Erkenntnissen den Endreim mit. Der ließ sich auch gut behalten und übte seinen Reiz auf die Autoren und Zuhörer/innen aus.
Ich behaupte: Die meisten Gedichte kennen den Endreim nicht. Es gibt aber zahlreiche Gedichte, die denen Endreime (ob als Paar-, Kreuzreim, Haufenreim oder umschlingenden Reim, Binnen- oder Schweifreim) verwendet werden.
Für den schlechten Ruf, den der Paarreim mit sich herum schleppt, ist die scheinbar leichte Anwendung und das Publikum verantwortlich:
"Ich hab e wunnerschöne Gadden,
eingezäunt mit lauter Ladden
tääätäää - tääätäää" ,
das geht dem schlichten, möglicherweise leicht angetrunkenen Narralesen
leichter durch die Ohren direkt in die Blutbahn als eine schillersche Elegie.
Das sagt aber nichts über den Paarreim, sondern eher was über das Publikum.
Eigentlich eine leidige Diskussion! Wenn Inhalt und Form stimmen, frage ich nicht nach der Art der Form, höchstens danach, ob sie zum Inhalt passt.
Gruß,
Heinz
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Alt Gestern, 14:50   #35
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 3.192

Liebe Silbermöwe,
Dein Beitrag zur Paar-Reim-Diskussion geht mir ollen Goethe-Fan natürlich runter wie Öl:
"Ich habe mir gerade "Mignon" von Goethe nochmal durchgelesen. Das Gedicht ist mir schon zu Schulzeiten aufgefallen, als ich von Metrik etc. sowas von überhaupt keine Ahnung hatte und hat mich damals schon erschauern lassen, so wunderschön ist es ....also auch das kann mit dem Paarreim erreicht werden."
Ja, der alte Fuchs lässt die Mignon dieses wehmütige Sehnsuchtslied im Paarreim singen. Der Hafner (ihr Vater) und Philine (die Schauspielerin) singen kreuzgereimt.
Ich vermute dahinter eine Absicht: Vielleicht will Goethe dem knabenhaften, jungen Mädchen die "gereiftere Form" des Kreuzreims noch nicht zumuten, vielleicht das Naive des Kindes unterstreichen?
Ich könnte Dir an Dutzenden Stellen aus Goethes Werken beweisen, mit wieviel Raffinesse er Inhalt und Form planvoll verbindet, Situationen, Gefühle beschreibt oder vermittelt, ohne die Dinge direkt und "nackt" zu nennen.
Liebe Grüße,
Heinz
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