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Fantasy, Magie und Religion Gedichte über Religion, Mythologie, Magie, Zauber und Fantasy.

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Alt 18.10.2021, 11:37   #1
weiblich Mohrel
 
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Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 550

Standard Gold

Stocksteif, doch erhaben, in samtener Robe,
gekrönt und gesalbt, und zum Herrschen bereit,
sitz ich noch im Thronsaal, wie ich es gelobte
und lausche geduldig dem Echo der Zeit.

Geleert sind die Stühle, die Gäste verschwunden,
verhallt sind die Tänze, Musik und Gesang,
gelöscht auch die Kerzen, die Schatten umrunden
mich grüßend, doch sind sie nicht mehr von Belang.

Denn vor mir der Kelch, fast zur Neige getrunken,
birgt nur einen Schluck noch im goldenen Schoß,
ermahnt mich zur Einsicht und Umkehr, versunken
in Stille stellt sich die Vergänglichkeit bloß.

Erinnernd liegt noch der Geschmack auf den Lippen,
wie Galle, gleich Wermut, und Blei an Gewicht,
als ich mich entscheide, den Kelch leer zu nippen
wohl wissend, dass in mir die Geißelung spricht.

Sodann leg ich Zepter und Krone beiseite,
streif ab meinen Schmuck und die Ketten aus Gold,
schlüpf aus meinem Kleid und den Schuhen aus Seide,
und wähle die Leichtigkeit als meinen Sold.
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2021, 18:54   #2
männlich Pennywise
 
Dabei seit: 12/2020
Ort: Auf der Erde zwischen Rhein und Ems
Beiträge: 167

Dies liebe Mohrel ist von der Metrik das Beste, das ich von Dir bisher gelesen habe. Und noch dazu ist es bildgewaltig.
Zum Inhalt:
Geht es hier wirklich um eine Herrscherin, die mehr oder weniger ihre Gefolgschaft verliert oder haben wir hier zum Beispiel einen Menschen, der sich im Glanz des Erfolges rühmte und nun in Vergessenheit gerät. Im Eintausch mit dem Ruhm aber eine erlösende Leichtigkeit und Freiheit erlang. Dies würde allerdings nicht in die Rubrik passen.
Eine weitere Deutung wäre das Versinken von Religion in Bedeutungslosigkeit. Beispielhaft fällt mir hier spontan die katholische Kirche ein.
Ich will keine Erklärungen.
Ich finde, dass ein Text, der so viele Möglichkeiten beinhaltet, qualitativ außergewöhnlich ist. Das macht es für mich aus. Ich finde das richtig, richtig gut gelungen.

Gruß

Pennywise
Pennywise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 04:55   #3
weiblich Mohrel
 
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Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 550

Vielen Dank, lieber Pennywise, für die Blumen

Es ist immer wieder spannend zu lesen, welche Deutungsmöglichkeiten du findest!
Aber so ist es, denk ich, mit allem. Auch wenn man das gleiche sieht, nimmt doch jeder unterschiedliche Dinge wahr..

Ich freu mich riesig über dein Lob!

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 14:46   #4
männlich Andri
 
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Ort: Die Erde
Beiträge: 316

Hallo Mohrel
Gefällt mir sehr dein Gedicht und wirklich kann man so wunderbar über die Bedeutung rätseln. Es erinnert auch fast an die Rätsel, deren Lösung dann die Zeit, oder ähnliches ist...
Nicht, dass ich je richtig lag bei der Erklärung deiner Gedichte und erst mit deiner Erklärung fällt es mir dann immer wie Schuppen vor den Augen. Und oft war ja der Titel schon eine Art Schlüssel.
Aber schwierig, diesmal, hmm vielleicht die jugendliche Eitelkeit der Thron auf dem du saßt, es bitter ankommt sie aufzugeben, man aber mit Freiheit belohnt wird.
Ich wage bei so schöner Frau kaum diese Deutung auf dass mich nicht dein verdienter Zorn trifft...

Liebe Grüße
Andri
Andri ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 17:24   #5
weiblich Mohrel
 
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Beiträge: 550

Standard Dankeschön

Oh, lieber Andri, jetzt bringst du mich aber in Verlegenheit!
Ich würde ja gerne schreiben, dass es nicht um Eitelkeit geht und das LI weit davon entfernt ist, aber in gewisser Weise ist ja niemand frei davon und sich als darüber erhaben zu empfinden, beweist schon eine zugrunde liegende Arroganz.

Aber eigentlich geht es tatsächlich um das, was einem (persönlich) Gold wert ist. Und - dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt.

Ich freu mich sehr, dass es dir gefällt!

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 17:32   #6
männlich Anaximandala
 
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Ort: Zu Hause
Beiträge: 331

Ich kann mich Pennywise und Andri da nur anschließen, das Gedicht ist wirklich richtig gut ein wenig rätselhaft xD
Mein erster Gedanke ging spontan in die Richtung, dass Macht und Herrschaft nicht glücklich gemacht haben und somit mehr Fesseln waren, und die Entscheidung, sich davon loszusagen das Lyrische Ich zum Gold in Form von Leichtigkeit gebracht hat.

Stocksteif klingt nicht sehr glücklich, aber Leere Säle klingen verlassen (worden).
Das könnte natürlich Symptom eines Herrschers, der es nicht sein will sein, vielleicht sind die Menschen deshalb gegangen, vielleicht wurden sie deshalb fortgeschickt, vielleicht hat der Lauf der Zeit es auch so ergeben und mit den Menschen ist auch die Freude am Herrschen verschwunden...
Der letzte Schliuck im Kelch könnte auf das fehlende Glück hindeuten, er könnte die Erkenntnis sein, dass das LI sich nicht dort befindet, wo es glücklich wird, die mit dem letzten Schluck verinnerlicht wird... oder die schmerzhafte Erinnerung an die Tage, als alles noch Glück bedeutet hat, die mit dem letzten Schluck hinter sich gelassen wird, dass das man sich mit Leichtigkeit Neuem zuwenden kann. In.beiden Fällen könnte der Schmerz darüber die Geißel sein.

Klarheit schaffen die Ideen bei mir aber trotzdem nicht xD
Aber gefallen tut mir dein Gedicht sehr.

Viele liebe Grüße
Anaximandala ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 18:09   #7
weiblich Mohrel
 
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Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 550

Lieber Anaximandala,

deinen ersten Gedanken und die anderen Ideen dazu finde ich richtig gut!
Aber warum schaffen sie keine Klarheit?

Dass ein Rätsel daraus wird, war überhaupt nicht beabsichtigt. Ich hatte ein gewisses Gefühl vor Augen (genaugenommen ein Gefühl, das sich in ein anderes wandelt, und dieser Moment, in dem das geschieht) und das wollte ich in Worte fassen.

Ich danke dir für deine Antwort und freu mich sehr, dass es dir gefällt!

Liebe Grüße


P.S: Stocksteif - das war mein erster Impuls dazu, das erste Wort, das mir einfiel. Die Ausgangslage sozusagen. Verstockt, festgefahren, erstarrt...

Geändert von Mohrel (22.10.2021 um 19:47 Uhr)
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2021, 20:14   #8
männlich Anaximandala
 
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Beiträge: 331

Hey Mohrel, freut mich das zu lesen

Unklar bleibt es, weil die Gedanken in verschiedene Richtungen gehen, vielleicht hätte ein Ansatz alleine da mehr Sicherheit gegeben xD
Aber am Ende ist die Unklarheit auch eher Ergebnis von dem Blick in die falsche Richtung, ich glaube dass in der Königs(w/b)ürde etwas negatives liegt und der Aufbruch zu etwas anderem Leichtigkeit mit sich bringt, ist sehr klar. Einen Grund braucht es garnicht unbedingt, damit sich ein gutes Bild ergibt und damit beschränkt sich dein Gedicht nicht auf eine Möglichkeit, sondern hält das Spektrum offen, so dass es alles sein könnte

Ein Gefühl zu beschreiben, oder etwas, dass aus dem Un(ter)bewussten aufblitzt, ist wirklich spannend, aus solchen Versuchen sind einige meiner liebsten Gedichte entstanden
Anaximandala ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.10.2021, 00:38   #9
männlich Pennywise
 
Dabei seit: 12/2020
Ort: Auf der Erde zwischen Rhein und Ems
Beiträge: 167

Übrigens meine ich, das erste Mal Amphibrachys bei Dir zu lesen. Und sie klingen verdammt gut.
Pennywise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 23.10.2021, 06:53   #10
weiblich Mohrel
 
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Beiträge: 550

Zitat:
Zitat von Anaximandala Beitrag anzeigen
Ein Gefühl zu beschreiben, oder etwas, dass aus dem Un(ter)bewussten aufblitzt, ist wirklich spannend, aus solchen Versuchen sind einige meiner liebsten Gedichte entstanden
Das geht mir irgendwie immer so!

Ich danke dir!

@Pennywise

Ich staune ja immer wieder über deine Art Gedichte zu schreiben. Du hast, glaub ich, immer so einen Plan vor Augen, welches Metrum es z.B. werden soll, oder welches Thema..
Bei mir ist das meistens einfach der erste Vers, der den Rhythmus vorgibt. Unabhängig davon, wie sich das Metrum nennt. Ich mag einfach die Melodie, die durch das Gedicht entsteht.

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.11.2021, 19:54   #11
männlich Luigi B
 
Dabei seit: 08/2021
Ort: München
Beiträge: 83

Standard Zu Mohrel

Nicht nur ein schönes Gedicht, bedeutend in der Grundaussage, ganz gleich wie man die Details interpretieren kann. Bis auf Winzigkeiten eine gute Sprache, aber was mir gefällt, sind die klaren Bilder und nicht, wie ich hier so oft lese, verschwommen, mysteriös hergeholte, die nicht zusammenpassen und von denen die Autoren oft nicht genau erklären können, was sie meinen.
Ich sehe neben der zitierten Macht auch die Schalheit von Ruhm und Selbstgefälligkeit. Ich sehe mit dem letzten Schluck das Ringen zwischen Festhalten am Bestehenden und Einsicht. Vergänglichkeit und Veränderung spielen auch eine Rolle in diesem Gedicht.
Die Bedeutung des Werkes liegt darin, dass es alle mahnen kann, die in Geltungssucht zu hoch hinaus wollen und in Hochmut im Überfluss leben.
Gruß
Luigi B
Luigi B ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.11.2021, 22:26   #12
weiblich Mohrel
 
Benutzerbild von Mohrel
 
Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 550

Hab vielen Dank, lieber Luigi B,
fürs Lesen und für deine Antwort!

Dass du den letzten Schluck erwähnst, freut mich riesig, lag er mir beim Schreiben doch sehr am Herzen.
Das Ringen trifft es recht gut.
Der Hochmut allerdings, wird er auch oft genannt, war nicht beabsichtigt.
Aber vielleicht braucht es gerade davon eine nicht unerhebliche Prise, will man den letzten Tropfen leeren, selbst wenn die Lektion längst gelernt und das erneute Kosten der Bitterkeit unnötig ist.

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
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