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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 28.08.2021, 09:35   #1
männlich Dionysos von Enno
 
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Standard Steinmetzhände

Deine harten Steinmetzhände wurden
weich vom Schweiß an meinen Lenden.
Du verführtest mich nur mit Deinem Schweigen
und mit Deinem schönen Augenschwung.
Darin war so ein nachtdurchschluchztes Leiden;
Doch kraftvoll wie ein Panthersprung!

Ich nahm Dich in mir auf wie einen Ausgeraubten,
der nichts mehr als die blanke Liebe anzubieten hat.
Und als Dich meine Muskeln in die Höhe schraubten,
wurden Deine hungrigen Schreie endlich satt.

Und Du glittest glatt und wie ein Tuch aus Seide
über Ohr mir Mund und Brust.
Und rauntest in die Weite meiner Lippen
Deine aufflammende Lust

„Ich will nur dich,
wenn ich entscheiden muss!“

Doch ich bin nicht so frei wie Du, wie Deine Lust.
Ich werde niemals angekommen sein.
Ich finde in der Menschenliebe keine Ruh
Mein Lieben ist wie Mondenschein:
Lichtvergessen,
selbstverliebt,
allein

So scheuchte ich die
an mir viel zu leicht gewordnen Steinmetzhände
zurück in ihre schwere Plackerei.
Jemand wie ich begreift sich nur vom Ende.
Denn jeder Anfang ist ihm einerlei.
Dionysos von Enno ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.08.2021, 10:36   #2
anamolie
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Also, bei Steinmetzhänden an den Lenden, kam mir eher in den Sinn, dass ein gay Steinmetz von hinten doggy einen Trucker beglückt.

"Ja, Uwe, ich werde deinen Stein erweichen" klatsch.

Ich assoziiere mit Steinmetzhänden dann durchaus NICHT irgendeine grazile weiche Feder mit weicher Haut. Das ist ein Handwerk grober Hände.

Mir scheint, dieses Dingens schwebt leider zwischen Metrik und nicht Metrik. Wenn man frei schreibt, im freien Fluss, kriegt man oft als Geübter einen natürlich fliessenden Fluss hin, der NICHT holpert. Das da oben holpert. Manchmal ist es eben doch nötig, einfach Metrik zu können und dann zu WISSEN, woran es mangelt, auch beim frei Schreiben.

Wenn man reimt, ist es mE nicht mehr so ganz frei, und dann muss die Metrik einfach fliessen. Ansonsten paar schöne Bilder, aber mich irritieren wie gesagt grobe Steinmetzhände als weiches Mädchen, und dann am Ende dieses "frei unfrei" Zeugs, das muss man eventuell dramatischer verdichten. Weil ja eklatant ist, dass das Dingens von Form und Reim eher in Freiheit übergeht, aber dann muss da mehr kommen als "Baby ich bin ein Rolling Stone bye".

Mit "einerlei" ein Gedicht abschliessen. Du willst wohl der Altbackenheit eines W Konkurrenz machen.
anamolie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.08.2021, 11:14   #3
männlich Dionysos von Enno
 
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Liebe Ana,

ich danke Dir für Deine Rückmeldung auf die Steinmetzhände.

Du weißt, ich mag Deine schnoddrige Art, aber ein BISSCHEN mehr Zugewandtheit wäre an der ein oder anderen Stelle.. schön...

Vielen Dank für Deine Einschätzung und die Reflektion.

Du bist eine gute Beobachterin!

Hier geht es in der Tat um eine homosexuelle Erfahrung, die das LI reflektiert, wobei das eigentlich nicht wichtig ist. Dennoch finde ich, es gibt der Begegnung eine intime, jedenfalls interessante Exotik, Derartige Begegnungen erschöpfen sich übrigens nicht in "Lack- und Lederbären, die übereinander herfallen und nur Blut übrig lassen und sich stumpfficken". Die Spielarten der gleichgeschlechtlichen Liebe sind genauso vielfältig, wie die der andersgeschlechtlichen und bi-geschlechtlichen. Sie KÖNNEN sich in dem von Dir beschriebenen Szenario erschöpfen, MÜSSEN es aber nicht. Ich denke als reife Frau wirst Du dem nach einigem Herumkramen in Deinen bisherigen sexuellen Erfahrungen vermutlich zustimmen.

Dies vorweggeschickt werde ich mich allerdings nochmal in Ruhe mit Deinen oft wertvollen Hinweisen auseinandersetzen.

Deine Beobachtungen zu Metrik und Form sind vermutlich genau richtig. Ich habe davon überhaupt keine Ahnung und das wird man merken, insbesondere als Geschulter. Möglicherweise finde ich einmal die Geduld und vor allem die Lust, mich damit auseinanderzusetzen. Zur Zeit habe ich sie nicht.

Bei dem "Frei unfrei Zeugs" kann ich Dir jetzt nicht helfen. Lies es bitte noch ein paar Mal und frag Dich, ob Du es wirklich richtig verstanden hast...

Ich weiß, dass Du gerne und viel "dramatisch verdichtest" aber meine Sorge ist, dass dadurch nicht nur die häufig sehr wichtigen Nuancen und Subtilität verloren gehen, sondern auch ein ganz anderer, grober Ausdruck entsteht, der dann häufig alles ins Beliebige verwischt. Ich warte ja daher auch immer noch auf ein gemäßigteres Gedicht von Dir, dass sich NICHT im hochdramatischen verliert, bzw. fast schon explodiert.

Vielleicht hast Du ja einen Verbesserungsvorschlag ?

mes compliments

Dio
Dionysos von Enno ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.08.2021, 11:43   #4
anamolie
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Nein, bei mir wars immer nur Dummf****n, deshalb bin ich ja jetzt wie ich bin. Nach der zweiten Orgie ist jedes Schamgefühl weg. Und Hirn dann halt auch. Tja. Dumm gelaufen.

Wer findet schon in fleischlicher "Liebe" "Ruh". Die innere Energie und Macht ist die einzige Befreiung, das ist super, gerade für Egomanen. Man kann nunmal keine Menschen "trinken" um "besser" zu werden, oder Andere "leben" um lebendiger zu werden, Konsum ist keine innere Macht, innere Macht, ist innere Macht. Man kann keine Menschen einverleiben, nur zb benutzen um sich besser zu befriedigen, also, sich gegenseitig, das ist okay. Oder Induktion und Freude zu üben, aber Induktion funzt nicht, ohne innere Energie. Und irgendwann funzt innere Energie auch ohne Induktion.

Das Tuch wie Seide hätte ich für ein Mädchen gehalten. Die Steinmetzhände für grobe Hände ergo maskulin. Ansonsten kann man aus der Beschreibung an sich keine Geschlechter/Rollen/etcpp schliessen. Und ist mir auch recht egal.

Mein Verbesserungsvorschlag ist, dir die Zeit für Metrik zu nehmen. Du MUSST sie nicht einsetzen. Aber Metrik ist wie ein Pullover beim Grillen im August. Es ist gut im Notfall einen zu haben. Es ist gut im Notfall Metrik zu können. Man muss sie nicht anwenden. Aber man kann können.

Zitat:
Deine harten Steinmetzhände wurden
weich vom Schweiß an meinen Lenden.
Du verführtest mich nur mit Deinem Schweigen
und mit Deinem schönen Augenschwung.
Darin war so ein nachtdurchschluchztes Leiden;
Doch kraftvoll wie ein Panthersprung!
XxXxXxXxXx
XxXxXxXx
XxXxXXxXxXx
XxXxXxXxX
XxXxxXxXxXx
xXxXxXxX

es ist nicht schlecht, wenn man 5 x Trochäus hat, also Xx, dass man zb eine Sechser-Strophe in der 6. Zeile mit einem Jambus als Auftakt beendet, also xX. Vor Allem mit der Aussage, kommt der Panthersprung wohlgelungen.

Aber du hast einen sogenannten Hebungsprall in Z3 und einen metrischen Durchbruch in Z5.

Zitat:
Du verführtest mich nur mit Deinem Schweigen
XxXxXXxXxXx

Du willst wohl das "nur" drinhaben, aber dadurch betont man mich UND nur und diese beiden Betonungen direkt nebeneinander als eher unbeabsichtigter Hebungsprall, weil eben zwei Heber direkt aufeinanderprallen, schrottet den Fluss. Es könnte auch nur das nur betont werden, dann aber XxXxxXxXxXx hättest du wieder einen metrischen Durchbruch, in jedem Fall, irritierend.

Das "nur" raus oder zb durch "allein" ersetzen, nur als metrische Ansicht.

Zitat:
Darin war so ein nachtdurchschluchztes Leiden;
Vielleicht wolltest du das auch eher jambisch haben:

xXxXxXxXxXx

das Problem ist, dass Darin auf beide Arten betont werden könnte, aber du hast bislang nur Trochäen, also wird es trochäisch betont automatisch, und dadurch stimmt das Metrum in diesem Einsilber-Gewitter vor dem langen Wort nicht und irritiert. Das "so" streichen und es passt wieder. Oder zb das "so" streichen und einen Zweisilber einfügen, zb

Darin war ein seltsam nachtdurchschluchztes Leiden;
Darin war ein süsses nachtdurchschluchztes Leiden;

etcpp. Du siehst. Absolut simpel. Kein Grund zur Aufregung.

Metrik ist absolut langweilig simpel. Du betrachtest deine geschriebene Zeile, NACHDEM du einfach nur frei vom Herzen weg geschrieben hast, um etwaige Korrekturen einzufügen - oder eben nicht, wen scherts. Du ixt, wie die Betonung deiner Meinung nach ist. Was wird BETONT, X, was wird nicht so sehr betont, x, und dann siehst du, an welcher Stelle durchbrochen wird.

Das kannst du verschärfen, indem du es wiederholst zb, oder glätten, indem du es veränderst, oder einfach stehen lassen weils dir egal ist. Wie zb mir in den meisten Fällen, weil eh nur Romane wichtig sind für einen Dichter, und Poesie eine Spielerei des Geistes ist, die er immer noch ausformulieren kann, wenn mal die Gesammelten Werke anstehen.

Ich finde witzig, dass du Steinmetzhände so subtil als schluchzendes Mädchen verklärst, das anhänglich ist und romantisch. Das passt irgendwie nicht. Wie wärs mit Ballettkäsefüsse? Seidentuch, Schluchzen etc, ist eher feminin. Steinmetzhände eher maskulin. Vom Gefühl her. Das funzt mE nicht.

Ich kapiere schon was der Typ da am Ende sagen will, nur interessiert es mich nicht. Dieserlei Romanzen sind doch im Single Medien und Corona Zeitalter sowieso futsch. Diese Frage stellt sich nicht. bzw nicht in dieser naiven Art und Weise. Als wüssten nicht BEIDE längst, dass das selten so läuft. Da rennt die Crux offene Türen ein mE, und letztlich - ists mir egal.
anamolie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.08.2021, 11:53   #5
männlich Dionysos von Enno
 
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wow danke, dass Du Dir so konstruktiv Zeit nimmst! Ich habe heute noch ziemlich viel Programm und bin heut Abend auch unterwegs. Aber da steckt doch einiges drin, womit ich etwas anfangen kann und deswegen will ich mich unbedingt später nochmal ausführlicher dazu melden.

mes compliments

Dio
Dionysos von Enno ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.08.2021, 12:06   #6
weiblich Silver
 
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Beiträge: 695

Standard Hallo Dionysos,

ein detaillierter und ausdrucksstarker Text. Können wir uns wirklich immer selbst und ganz begreifen? Hier scheint es eine Begegnung zu sein, die Lust bereitete, aber nicht andauerte. Ich frage mich, wen die Steinmetzhände da streichelten, wenn dieser jemand in der Menschenliebe keine Ruh findet, sie doch derart genießen kann?

Spannend und Gedanken anregend. Mir gefällt, wie es im Ursprung ist.

Lieben Gruß Silver
Silver ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.09.2021, 16:17   #7
weiblich Mohrel
 
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Beiträge: 550

Lieber Dio,

das ist wundervoll, berührend und auf eine elegante Art sinnlich geschrieben. Die Metrik stört mich hier gar nicht (aber ich bin ebensowenig darin geschult )
Der Hinweis auf eine homosexuelle Erfahrung des LI ist hilfreich, aber letztlich ist es egal, denn Liebe ist Liebe.


Aber die Suche nach Liebe findet hier keine Erfüllung, sondern nur einen leichten Hauch von..Enttäuschung?

Zitat:
Doch ich bin nicht so frei wie Du, wie Deine Lust.
Ich werde niemals angekommen sein.
Ich finde in der Menschenliebe keine Ruh
Mein Lieben ist wie Mondenschein:
Lichtvergessen,
selbstverliebt,
allein
Das klingt fast ein wenig zu kritisch. Niemals angekommen sein, selbstverliebt, allein.. Das LI urteilt hier sehr hart über sich selbst. Wahrscheinlich hast du es deshalb in düstere Welten und Abgründiges gepackt. Aber das ist es gar nicht
Vielleicht täusche ich mich aber auch, und die letzten Strophen sind nicht so bitter gemeint, wie ich es gerade empfinde, denn:

Mein Lieben ist wie Mondenschein

Das ist sehr schön!! In finsterer Nacht ist der Mond ein helles Licht, weich, wegweisend und angenehm. Der Mondenschein blendet nicht.
Ich bin mir nicht sicher, ob du dieses Bild gemeint hast (wahrscheinlich eher nicht, denn die Verse drumherum passen nicht dazu), aber gerade dieser Kontrast wirkt so lebendig, wenn auch zerrissen. Aber genau das spiegelt auch wiederum die Stimmung.

Sehr gerne gelesen.

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
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