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Alt 16.09.2018, 15:15   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
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Standard Die Tochter des Grafen und das Dienstmädchen (ein Märchen)

"Ist sie nicht wunderschön?" Zärtlich strich der Graf seiner neugeborenen Tochter über das Köpfchen mit den blonden Locken und ergriff dann die Hand seiner Frau.
"Ich bin so stolz auf euch beide", flüsterte er und küsste ihr die Hand. Seine Frau lag erschöpft im Wochenbett, doch sie lächelte ihn glücklich an.
"Wie wollen wir sie denn nun nennen, Liebling?"
"Ich dachte, Charlotte sei ein schöner Name."
"Das ist wahr. Charlotte soll sie heißen", sagte er feierlich, "Charlotte von Serensburg."

Am gleichen Tag, nur einen Steinwurf vom Hause des Grafen entfernt, kam Ella in der kleinen Wohnung des Hausmeisters zur Welt. Die erfahrene Hebamme wiegte das Baby mit dem dunklen Haarschopf in den Armen, betrachtete das blasse Gesicht der Mutter und wandte sich ab, damit man ihre Tränen nicht sah. Doch der Vater des Kindes hatte sie beobachtet und wusste, was es zu bedeuten hatte. Wenige Tage später starb Ellas Mutter. So kam es, dass der Vater das Kind allein großziehen musste.

An Charlottes sechstem Geburtstag (der auch Ellas sechster Geburtstag war), waren er und Ella bei seinem Arbeitgeber, dem Grafen, zum Geburtstagskaffee eingeladen. Ellas Vater zerbrach sich den Kopf, was er Charlotte schenken konnte und kaufte ihr schließlich eine teure Puppe, die er sich gerade noch so leisten konnte und für Ella eine Kreidetafel für die Schule, die sie im nächsten Monat, wenn Ella eingeschult werden würde, sowieso brauchen würde. Ella freute sich, weil sie sehr gespannt darauf war, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen.
An dem Tag sprachen die beiden Mädchen das erste Mal miteinander.

„Ich komme dieses Jahr in die Schule“, sagte Charlotte.
„Ich auch“, sagte Ella.
„Oh, das ist ja fein. Dann kannst du in der Schule neben mir sitzen und meine Stifte spitzen.“
Ella schwieg, weil ihr Vater gesagt hatte, dass sie dem Mädchen nicht widersprechen durfte, da es schließlich die Tochter seines Arbeitgebers sei, aber sie wusste nicht, warum sie die Stifte des Mädchens in der Schule spitzen sollte.
„Und du kannst meine Schultasche tragen“, fuhr Charlotte fort.
„Warum? Ich muss doch schon meine eigene Schultasche tragen.“
„Ja, aber du bist das Dienstmädchen.“
„Okay“, sagte Ella, die dachte, dass Charlotte nur ein Spiel spielen wollte. Der Rest des Nachmittages verlief angenehm. Zwar sollte Ella einiges für Charlotte erledigen, das diese ihr befahl, z. B. ihr den Kakao bringen und vor ihr knicksen, doch Ella dachte, dass das alles zu diesem komischen Spiel gehörte, was Charlotte sich ausgedacht hatte, und solange sie es als Spiel betrachtete, machte es ihr sogar Spaß. Und Charlotte war dann auch wirklich nett zu ihr, sodass sie am Abend ganz zufrieden in ihr Bett fiel und sich noch mehr als vorher auf die Schule freute.

Und am ersten Schultag kam es tatsächlich so, dass die Lehrerin auf Wunsch von Charlotte die beiden Mädchen nebeneinander setzte. Am zweiten Schultag befahl Charlotte Ella dann, ihre Stifte zu spitzen.
„Warum?“ fragte Ella. „Das kannst du doch selbst.“
„Das habe ich dir doch schon gesagt. Du bist das Dienstmädchen.“
„Hier doch nicht! Das war doch nur ein Spiel.“
„Nein, du bist immer das Dienstmädchen.“
Ella schwieg und dachte daran, dass ihr Vater gesagt hatte, sie solle nett zu Charlotte sein, weil sie die Tochter seines Arbeitgebers, des Grafen war, und der Graf ihn womöglich entlassen würde, wenn sie, Ella, nicht das machte, was Charlotte verlangte. Also spitzte sie Charlottes Stifte, obwohl sie es albern fand. Wenigstens musste sie nicht ihre Schultasche tragen, denn Charlotte wurde von dem Chaffeur ihres Vaters mit dem Mercedes abgeholt und Charlotte fragte nicht, ob Ella mitfahren wollte, obwohl das Haus ihres Vaters und die Wohnung von Ellas Vater nur einen Steinwurf auseinander lagen. Ella musste mit dem Bus fahren, aber sie war froh darüber.

So vergingen die Grundschuljahre, in denen Ella Charlottes Stifte spitzte, kleine Besorgungen für Charlotte erledigte und nie widersprach, wenn Charlotte sie vor anderen Kindern mit „das Dienstmädchen“ titulierte. Einmal sprach sie ein Mädchen darauf an. Sie hieß Griselda.

„Warum bist du das Dienstmädchen?“
„Weil ich muss.“
„Warum?“
„Weil mein Vater für Charlottes Vater arbeitet und er ihn entlässt, wenn ich nicht mache, was sie sagt.“
„Das ist ja gemein!“ Und dann lud Griselda Ella mittags zum Spielen ein. Die beiden Mädchen verbrachten nach den Hausaufgaben einen schönen Nachmittag im Garten von Griseldas Eltern. Dort stand eine Schaukel und viele Obstbäume. Ella und Griselda schaukelten um die Wette, ganz hoch, und aßen vergnügt frische Birnen, die von einem der Obstbäume heruntergefallen waren. So kam es, dass Ella und Griselda Freundinnen wurden.

Doch auch Griselda schaffte es nicht, Charlotte davon abzubringen, Ella als ihr Dienstmädchen anzusehen. Und Ella wehrte sich nicht, weil sie immer noch Angst hatte, der Graf könne ihren Vater entlassen.

Am Ende der vierten Klasse sprach die Klassenlehrerin mit Ellas Vater.
"Ella gehört auf das Gymnasium", sagte sie. "Sie ist sehr klug und sie wird es sicher bis zum Abitur schaffen."
Ellas Vater freute sich, doch er wusste nicht genau, ob er genug Geld für die ganzen Bücher haben würde, die Ella nun brauchen würde.
"Machen Sie sich darüber keine Gedanken", sagte die Lehrerin, "Sie erhalten sicher finanzielle Unterstützung, Sie müssen sie nur beantragen."
"Wir haben nicht viel Geld. Es reicht gerade so zum Leben. Ich dachte, Ella könnte so bald wie möglich arbeiten gehen und etwas zu unserem Lebensunterhalt dazu verdienen. Auf das Gymnasium müsste sie doch viele Jahre gehen. Und nach dem Abitur womöglich noch studieren? Wer soll das bezahlen?“
Die Lehrerin sah ihn mit funkelnden Augen an.
"Wollen Sie ihre Tochter etwa davon abhalten, soviel zu lernen, dass sie später einen tollen Beruf ergreifen und sehr viel Geld verdienen kann? Soll sie mit ihren Talenten vielleicht in irgendeine Fabrik gehen?"
"Natürlich nicht", antwortete Ellas Vater, den der wütende Blick der Lehrerin einschüchterte.
So kam es, dass Ella auf das Von-Sandstein-Gymnasium in Klinkenhorsten kam. Griselda konnte leider nicht mitkommen, da die Lehrerin der Ansicht war, dass sie auf einer anderen Schule besser aufgehoben wäre.

Als Ella erfuhr, dass Charlotte ebenfalls auf das Gymnasium in Klinkenhorsten gehen würde, schwor sie sich, dass sie dort nicht mehr das Dienstmädchen für sie spielen würde. Und als Charlotte dort trotzdem wieder damit anfangen wollte, ihr Befehle zu erteilen, lehnte sie ab.
„Das mache ich nicht mehr“, sagte sie trotzig.
„Nein? Du wirst ja sehen, was du davon hast.“

Charlotte beschwerte sich bei ihrem Vater, doch zu ihrem Missfallen sagte ihr Vater etwas ganz anderes als das, was sie erwartet hatte.
„Charlotte, in der Grundschule war das vielleicht nur ein albernes Spiel, auch wenn mir nicht ganz wohl dabei war. Aber jetzt solltest du Ella in Ruhe lassen. Das erste Jahr im Gymnasium ist ein wichtiger Abschnitt, und da solltet ihr beide einfach nur lernen. Außerdem bist du jetzt zu alt, um immer noch ein Dienstmädchen in der Schule haben zu müssen.“
„Du hast auch eines“, sagte Charlotte finster. „Alberta putzt und kocht.“
„Das ist etwas ganz anderes, ich bezahle sie dafür.“
Darauf wusste Charlotte nichts zu erwidern. Aber sie beschloss, es Ella heimzuzahlen, dass sie nicht mehr ihr Dienstmädchen sein wollte. Sie redete vor den anderen Kindern schlecht über Ella, sagte, sie würde lügen und hätte gemeine Geschichten über sie erfunden, obwohl sie immer nett zu ihr gewesen wäre. So kam es, dass Charlotte viele Freundinnen in der Klasse hatte und Ella keine einzige. Zum Glück konnte sie die Nachmittage oft mit Griselda verbringen, bis diese ihr eines Tages mitteilte, dass sie mit ihren Eltern in eine andere Stadt ziehen würde und sie sich nicht mehr länger sehen könnten. Ella war tieftraurig und weinte sich abends in den Schlaf.
„Ich werde dich besuchen“, hatte Griselda ihr allerdings versprochen. Doch zwei Jahre vergingen und Ella hörte nichts von ihr. Es kam kein Brief und kein Anruf und Ella wusste Griseldas neue Adresse nicht.

Nun waren Charlotte und Ella beide 14 Jahre alt und in der achten Klasse. Hinter Ella saß ein dunkelhaariger Junge, der neu in die Klasse gekommen war. Er musste das Schuljahr wiederholen, war also ein Jahr älter als Charlotte und Ella und er hieß Carl. Manchmal fiel Ella auf, dass er sie verstohlen musterte und ihr fiel auf, dass Charlotte ihn verstohlen musterte. Charlotte fragte ihn auch manchmal nach den Hausaufgaben und verglich nach Mathematikarbeiten immer ihre Antworten mit seinen. Und dann bekam Ella einen Brief von ihm. Eigentlich war es nur ein Zettel, den sie auf ihrem Schreibpult fand.

"Liebe Ella!

Hast du Lust, am Samstag mit mir ins Kino zu gehen?

Carl"


Ella schaute auf den Zettel und ihr Herz begann zu klopfen.

Ende des ersten Teils
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Alt 16.09.2018, 16:46   #2
Thing
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Alter: 74
Beiträge: 35.150


Das ist ja eine tolle Geschichte, liebe DieSilbermöwe!

Zuerst stutzte ich bei dem Okeh, aber nun gut - kein Wässerchen soll das Märchen trüben!
Daß Ella so devot (?) Bleistifte spitzte (dank ok sollte es schon Kugelschreiber geben!) all die Jahre lang - je nun, es ist ein Märchen.
Daß Ellas Vater nicht turnusgemäß vom Grafen eine Lohnerhöhung verlangt - das ist dem Märchen geschuldet.

Daß man den Schluß schon von ferne wittert - das macht gar nichts, weil man die Fortsetzung allein schon des Stils wegen neugierig erwartet.

In der Manier gut nachgemacht! (Absicht?).

Lieben Gruß
von
Thing
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Alt 16.09.2018, 18:24   #3
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.234


Hübsche Idee, ein Märchen in unsere moderne Zeit zu legen (trotz des Grafen). Liest sich auch flüssig. Du hast in einem Beitrag an anderem Ort sinngemäß beklagt, dass du dich seit der vielen Lektüre über kreatives Schreiben gehemmt fühlst und dir das Schreiben frisch von der Leber weg jetzt schwerfällt, deinem Märchentext kann ich das allerdings nicht anmerken. Im Gegenteil: Deine Fortschritte sind deutlich zu spüren (wohlgemerkt: nicht zu lesen, sondern zu spüren, d.h., dass ich beim Lesen der Geschichte gar kein prüfendes Auge mehr hatte, sondern sie wie einen Film im Kopf ablaufen ließ).

Einfach nur schön.

LG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.09.2018, 23:09   #4
gummibaum
 
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Alter: 66
Beiträge: 10.929


Liest sich gut, liebe Silbermöwe.

LG gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.09.2018, 06:37   #5
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
Dabei seit: 07/2015
Alter: 56
Beiträge: 4.184


Liebe Thing,
Liebe Ilka,
Lieber gummibaum,

vielen Dank, ich freue mich wie ein Schneekönig über eure Kommentare! Wenn ich daran denke, dass ich das Märchen zunächst gar nicht einstellen wollte, weil ich es für nicht gut genug dafür hielt (hatte es schon vor zwei Wochen geschrieben, bin gestern zufällig wieder drauf gestoßen und habe noch ein paar Kleinigkeiten verbessert) - mit so einer positiven Resonanz hatte ich nicht gerechnet.

Liebe Thing,
interessant, dass dir ihr devotes Wesen aufgefallen ist . Aber anfangs denkt sie ja auch, es sei nur ein Spiel.

Zitat:
In der Manier gut nachgemacht! (Absicht?).
Ja, ich wollte im klassischen Märchenstil schreiben. Und freue mich sehr, dass mir das anscheinend gelungen ist .

Liebe Ilka,

was ich in dem Beitrag an anderer Stelle beklagte, war weniger eine Schreibhemmung als jedes Mal das Gefühl beim Schreiben "Und es ist doch wieder nicht gut genug".
Das hat mich dann etwas verdrossen.

Zitat:
Im Gegenteil: Deine Fortschritte sind deutlich zu spüren (wohlgemerkt: nicht zu lesen, sondern zu spüren, d.h., dass ich beim Lesen der Geschichte gar kein prüfendes Auge mehr hatte, sondern sie wie einen Film im Kopf ablaufen ließ).
Das ist natürlich genau das, was man sich wünscht, wenn der Leser so empfindet. Ich hoffe, die Fortsetzung gelingt mir genauso gut.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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Stichworte
dienstmädchen, märchen, tochter

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