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Alt 07.03.2019, 09:20   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
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Standard Wie mein Onkel mir etwas beibrachte (Gylon gewidmet)

In den Sommerferien kam mein Onkel Giulien-Yael oft zu Besuch. Ich fand seinen Namen etwas komisch, aber das passte vielleicht auch zu ihm, weil er immer so viele Witze machte. Manchmal nahm er mich mit zum Angeln, weil er meinte, ein richtiger Junge müsse so etwas können und er wolle es mir unbedingt beibringen. Aber ich war dreizehn, fast vierzehn und ich hatte statt Angeln Mädchen im Kopf. Trotzdem ging ich gerne mit Onkel Giulien-Yael angeln, weil man so schön entspannt am Flussufer sitzen konnte und mit den Fischen meistens nicht viel los war. Träge saßen mein Onkel und ich beeinander, die Angel baumelte vor uns im Fluss und bewegte sich nicht und bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich meinem Onkel von Isa. Isa ging in die gleiche Klasse wie ich, hatte braune Haare und braune Augen. Sie war wunderschön, aber zu meinem Kummer ein klein wenig größer als ich. Ich glaubte, dass sie mich deswegen nicht mögen würde und außerdem gab es noch eine Menge anderer Gründe, warum sie mich nicht mögen könnte, die ich Onkel Giulien-Yael alle aufzählte.

Er hörte mir geduldig zu und sagte dann, dass es doch keine Rolle spiele, wenn ein Mädchen größer sei als ein Junge.
"Aber die anderen werden uns auslachen", entgegnete ich. "Oder sie lacht mich aus, wenn ich sie frage, ob sie mit mir gehen will."
"So macht man das nicht", erklärte mir mein Onkel, "das ist ja wie mit dem Holzhammer. Das musst du geschickter anstellen. Und ob die anderen lachen, ist sowieso egal."
"Wie soll ich es ihr denn sagen?"
"Du redest doch sicher ab und zu mit ihr, oder nicht? Frag sie einfach mal, ob sie zum Angeln mitkommen möchte."
"Ach Onkel Giulien-Yael! Sie ist ein Mädchen! Die haben doch keine Ahnung vom Angeln."
Aber auch wenn ich abwehrte, ich fand seine Idee dann doch nicht so schlecht. Und irgendwann fragte ich sie, ob sie nicht mal Lust habe, mit mir und meinem Onkel zu angeln.
"Mit deinem Onkel?" fragte sie neugierig.
"Ja, mein Onkel Giulien-Yael."
"Das ist aber ein komischer Name."
"Ich glaube, er ist hebräisch oder so. Er selbst nennt sich manchmal Gylon, als Abkürzung. Willst du denn mitkommen?"
"Lieber nicht", sagte sie, "mein Vater angelt auch. Ich war früher ein paarmal mit und fand es furchtbar langweilig."
"Und ich bin gerade furchtbar enttäuscht", dachte ich, doch da sagte sie: "Aber ins Kino würde ich mitkommen" und ich war so verdutzt, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte, bis ich endlich so etwas wie ein "Aber gerne" herausbrachte.

Ich konnte es gar nicht abwarten, meinem Onkel davon zu erzählen. Als wir das nächste Mal am Fluss vor der Angel saßen und die Fische sich wieder nicht blicken ließen, schmückte ich die Geschichte noch ein wenig aus. Mein Onkel schmunzelte.
"Siehst du, sie mag dich doch! Und zum Angeln mit uns kommt sie jetzt aber nicht?"
"Nein, habe ich doch erzählt."
"Das ist gut", nickte mein Onkel. "Beim Angeln stören Frauen nur."
Dann zog er sich seinen Sonnenhut tief ins Gesicht und lehnte sich zufrieden zurück.


*Die Geschichte habe ich Gylon gewidmet, weil er mich auf eine Idee gebracht hat:
http://www.poetry.de/showthread.php?t=84764
Und danke an Ilka für den Hinweis auf einen "Namen-Automaten". Der seltsame Name, der dabei heraus kam, hat mich tatsächlich zum Schreiben inspiriert.

Geändert von DieSilbermöwe (07.03.2019 um 14:29 Uhr)
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 18:51   #2
männlich Gylon
 
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Liebe Die Silbermöwe,
du machst mich ja ganz verlegen. Dankeschön!

Für mich eine tadellose und schöne Kurzgeschichte! Das schreibe ich nicht, weil Du sie mir gewidmet hast! Ich habe sie mehrfach gelesen und nur eine Stelle gefunden, die ich vielleicht anders geschrieben hätte: „statt Angeln nur Mädchen im Kopf“

Sehr gerne gelesen! Weiter so

Fühl Dich gedrückt und liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 19:31   #3
weiblich DieSilbermöwe
 
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Beiträge: 4.193


Lieber Gylon,

ich freue mich sehr, dass dir meine kleine Geschichte gefällt! Ich las gestern etwas darüber, dass man spielerisch an das Schreiben herangehen sollte und das habe ich hier ausprobiert. Die Geschichte fiel mir in einem Wartezimmer fast von selbst ein....

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 19:40   #4
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269


Zitat:
DieSilbermöwe
Die Geschichte fiel mir in einem Wartezimmer fast von selbst ein
Das sind die besten Voraussetzungen das es etwas wird.
Wenn man einen Text erzwingen muss, spürt man das als Leser schon mal, finde ich jedenfalls.

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 19:55   #5
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
In den Sommerferien kam mein Onkel Giulien-Yael oft zu Besuch. Ich fand seinen Namen etwas komisch, aber das passte vielleicht auch zu ihm, weil er immer so viele Witze machte. Manchmal nahm er mich mit zum Angeln, weil er meinte, ein richtiger Junge müsse so etwas können und er wolle es mir unbedingt beibringen. Aber ich war dreizehn, fast vierzehn und ich hatte statt Angeln Mädchen im Kopf. Trotzdem ging ich gerne mit Onkel Giulien-Yael angeln, weil man so schön entspannt am Flussufer sitzen konnte und mit den Fischen meistens nicht viel los war. Träge saßen mein Onkel und ich beeinander, die Angel baumelte vor uns im Fluss und bewegte sich nicht und bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich meinem Onkel von Isa.
Die Idee mag ein purer Einfall gewesen sein, aber an deinem Stil hast du gefeilt - stimmt's? Du musst mächtig in das Handwerk eingestiegen sein und geübt haben. Woran ich das merke?

Erstens hast du dich endlich von den Füllwörtern frei gemacht, die sich früher doch noch öfter mal in deine Texte geschlichen haben. Auch das "nur", das Gylon vorgeschlagen hat, ist entbehrlich (schadet allerdings nicht sonderlich). Was mir jedoch besonders auffiel, ist der fettgedruckte Satz im Zitat. Ein nur leidlich geübter Schreiber hätte sehr warscheinlich geschrieben:

Träge saßen mein Onkel und ich beeinander, die Angel baumelte vor uns im Fluss und bewegte sich nicht und bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich ihm von Isa.

Du jedoch hast "meinem Onkel" wiederholt, und mit gutem Grund. Denn vorher steht im Satz "Fluß", ein Wort mit einem männlichen Artikel. Um kein Störgefühl durch einen falschen Rückbezug beim Leser zu erzeugen, musstest du also den Onkel wieder erwähnen. Entweder hattest du also über jedes Wort, das du geschrieben hast, nachgedacht, oder du hast inzwischen ein gutes Textgefühl entwickelt.

Ich vermute aber eher, dass du in den Text große Sorgfalt gelegt hast. Man spürt das an jedem Satz.

VG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 20:08   #6
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269


Liebe DieSilbermöwe,
ich habe das „nur“ deshalb vorgeschlagen, weil ich finde, dass dadurch die kommende Aussage verstärkt wird, was mir gut gefallen würde.

Man kann es natürlich auch weglassen, aber ich empfinde es nicht als Füllwort!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.03.2019, 22:49   #7
männlich Plutino
 
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Beiträge: 397


Was für eine schöne Geschichte. Egal, ob sie wirkliche Erlebnisse beschreibt oder nicht. So hätte meine Jugend gerne sein dürfen.
Plutino ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.03.2019, 07:51   #8
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo ihr Lieben,

erst einmal vielen herzlichen Dank für die positiven Rückmeldungen! Ich hatte gestern Abend zwar keine Zeit mehr zu antworten, aber ich habe die ganze Zeit glücklich vor mich hin gegrinst, weil ich mich so über die tolle Resonanz gefreut habe!

Zitat:
Zitat von Gylon Beitrag anzeigen
Das sind die besten Voraussetzungen das es etwas wird.
Wenn man einen Text erzwingen muss, spürt man das als Leser schon mal, finde ich jedenfalls.

Liebe Grüße Gylon
Es macht spielerisch einfach mehr Spaß...

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Die Idee mag ein purer Einfall gewesen sein, aber an deinem Stil hast du gefeilt - stimmt's? Du musst mächtig in das Handwerk eingestiegen sein und geübt haben. Woran ich das merke?

Erstens hast du dich endlich von den Füllwörtern frei gemacht, die sich früher doch noch öfter mal in deine Texte geschlichen haben. Auch das "nur", das Gylon vorgeschlagen hat, ist entbehrlich (schadet allerdings nicht sonderlich). Was mir jedoch besonders auffiel, ist der fettgedruckte Satz im Zitat. Ein nur leidlich geübter Schreiber hätte sehr warscheinlich geschrieben:

Träge saßen mein Onkel und ich beeinander, die Angel baumelte vor uns im Fluss und bewegte sich nicht und bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich ihm von Isa.

Du jedoch hast "meinem Onkel" wiederholt, und mit gutem Grund. Denn vorher steht im Satz "Fluß", ein Wort mit einem männlichen Artikel. Um kein Störgefühl durch einen falschen Rückbezug beim Leser zu erzeugen, musstest du also den Onkel wieder erwähnen. Entweder hattest du also über jedes Wort, das du geschrieben hast, nachgedacht, oder du hast inzwischen ein gutes Textgefühl entwickelt.

Ich vermute aber eher, dass du in den Text große Sorgfalt gelegt hast. Man spürt das an jedem Satz.

VG
Ilka
Ich habe, wie schon woanders geschrieben, das Buch von Roberta Allen "Short Shortstorys schreiben" gelesen, eines der besten Bücher, die ich bis jetzt über das Schreiben lernen gelesen habe, finde ich. Reingekniet habe ich mich da tatsächlich, und ich bin noch lange nicht durch mit dem Buch.

Ich weiß nicht, ob man hier sagen kann, dass ich große Sorgfalt in den Text gelegt habe, denn ich habe so geschrieben, wie mir alles eingefallen ist, ohne für Verbesserungen oder Überlegungen aufzuhören (also so, wie es Roberta Allen empfiehlt, weil man sonst den Wortfluss unterbricht) und für den Text ungefähr insgesamt nur eine halbe Stunde gebraucht.

Die Stelle mit dem Fluss: da wollte ich zuerst "und ich erzählte Onkel Giulien-Yael von Isa" Schreiben, aber dann dachte ich während des Schreibens, dass "erzählte ich meinem Onkel" einfach schöner klingt. "Erzählte ich ihm"
zu schreiben, kam mir an dieser Stelle gar nicht in den Sinn.

Zitat:
Zitat von Plutino Beitrag anzeigen
Was für eine schöne Geschichte. Egal, ob sie wirkliche Erlebnisse beschreibt oder nicht. So hätte meine Jugend gerne sein dürfen.
Vielen Dank für das Kompliment
Ich glaube, das war unbewusst auch bei mir die auslösende Idee - etwas so zu schreiben, wie man es selbst gerne erlebt hätte.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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