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Alt 26.10.2018, 08:20   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
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Standard Vertippt

Helmut Kramer hatte es im Feierabendverkehr gerade bis vor die letzte Ampel auf seinem Weg geschafft, als der leise gestellte Klingelton seines Handys ihm verriet, dass eine SMS angekommen war. Er warf einen flüchtigen Blick auf das Handy, das auf dem Beifahrersitz lag. Da die Ampel sich nicht entschließen konnte, auf "Grün" zu wechseln, nahm er das Handy an sich und las die letzte Nachricht.
"Hi Dieter! Erinnerst du dich an mich, Samstagabend, auf Michaels Geburtstagsfeier ? Hier hast du meine Nummer, wie versprochen. Deine Dorle."
Offensichtlich war die SMS ein Irrläufer. Dorle hatte sich wohl vertippt, einen Zahlendreher eingegeben. Oder was auch immer. Er überlegte, ob er sie über den Irrtum aufklären sollte, doch warum eigentlich? War ja nicht seine Schuld, wenn sie so dämlich war und eine Handynummer nicht richtig eintippen konnte. Was ging es ihn an.

Endlich sprang die Ampel um. Aufseufzend startete er den Motor, froh, endlich nach Hause zu kommen, auch wenn Babette nicht da war. Oder vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht da war? Er lächelte in sich hinein. Nein, er war froh, wenn sie von ihrer Klassenreise zurück war, auch wenn es mit einem Teenager im Haus manchmal anstrengend sein konnte, vor allem, wenn man ihn alleine aufziehen musste. Babettes Mutter hatte sich vor Jahren aus dem Staub gemacht, um einen reichen Snob zu heiraten, damit sie sich ein schönes Leben machen könnte und sich vor jeder Verantwortung gedrückt. Helmut konnte nie an sie denken, ohne dass sich seine Mundwinkel vor Verachtung kräuselten. Sollte sie jemals wieder vor seiner Tür auftauchen, würde er ihr diese umgehend vor der Nase zuschlagen.

Zuhause spähte er in seinen gähnend leeren Kühlschrank und beschloss, sich eine Pizza zu bestellen. Als er das Handy holte, um die Pizzeria anzurufen und versehentlich die falsche Taste drückte, leuchtete auf dem Display noch einmal die letzte Nachricht auf. Er beschloss, sie jetzt einfach zu löschen. Was ging ihn Dorles verkorkstes Liebesleben an. Eine Frau, die es nötig hatte, einem Mann so hinterher zu laufen, konnte kein befriedigendes Liebesleben haben. Vermutlich war sie der Typ Frau, der Angst hatte, keinen Mann mehr abzubekommen und deswegen alles mit allen Mitteln versuchen würde, in der Hoffnung, dass einer schon dumm genug sein würde, auf sie reinzufallen. Vermutlich spekulierte sie noch darauf, dass der Zukünftige reich war und sie sich ein sorgenfreies Leben ohne Arbeit und Verantwortung machen konnte. So wie Babettes Mutter, die es sich ja nun gutgehen ließ. Bei diesem Gedanken fiel ihm ein, dass er Dorle vielleicht einfach eine Lektion erteilen sollte, denn erstens war sie bestimmt Babettes Mutter sehr ähnlich und verfolgte ganz gewiss dieselben Ziele (das war ja unschwer an ihrem unverfrorenen Schreibstil zu erkennen) und zweitens (und das nicht zu knapp), ärgerte er sich darüber, dass er mit dem Anbandeln zweier ihm vollkommen fremder Personen belästigt wurde, nur weil Dorle es noch nicht einmal fertig bekam, sich an den richtigen Adressaten zu wenden. Wahrscheinlich würde diese Dorle noch erwarten, dass er, Helmut, die Sache richtig stellte. Da hatte sie sich aber tüchtig geschnitten. Nicht mit ihm.

Zunächst bestellte er sich die Pizza, denn Dorle sollte sich nicht einbilden, dass er sich noch vor seinem Essen um ihre Angelegenheiten kümmern würde. Eigentlich eine Frechheit, dass sie das überhaupt erwartete.

Er betrachtete die Nachricht noch einmal und schrieb dann:
"Hallo Dorle! Ja, ich erinnere mich an dich. Auch an dein Benehmen. Ich wundere mich, dass du dich daraufhin noch meldest. Ich muss dir leider mitteilen, dass ich an dir kein Interesse habe.
Dieter"
Er nickte zufrieden, als er sich den Wortlaut noch einmal durchlas. Dann schickte er die SMS ab und lehnte sich glücklich lächelnd zurück.

Dieter würde ihm gewiss dankbar sein.
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Alt 26.10.2018, 18:07   #2
weiblich Ilka-Maria
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Ziemlich unsympathischer Kerl, dieser Helmut. Schließt von seinen Erfahrungen auf andere und zieht daraus das Recht, aus Rache an seiner Ex mit dem Schicksal seiner Mitmenschen spielen zu dürfen.

Dein Stil wird immer besser. Es interessiert mich, wie oft du den Text nochmal gelesen und bearbeitet hast.

Zitat:
alles mit allen Mitteln versuchen
Hier hätte "alles" oder "mit allen Mitteln" genügt.

Zitat:
Vermutlich spekulierte sie noch darauf
Noch kann verschiedene Bedeutungen haben und ist an dieser Stelle etwas unpräzise. Gemeint ist wohl "auch" bzw. "auch noch".

LG
Ilka
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Alt 27.10.2018, 10:39   #3
weiblich DieSilbermöwe
 
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Liebe Ilka,

danke für deinen Kommentar. Ich war neugierig, was du zu dieser Geschichte sagen würdest .

Zitat:
Dein Stil wird immer besser. Es interessiert mich, wie oft du den Text nochmal gelesen und bearbeitet hast.
Man sollte sich ja nicht mit Eigenlob schmücken, aber ich fand auch, dass mir die kleine Geschichte gut gelungen ist. Die Idee dazu spukte mir schon länger im Kopf herum, ich machte vorgestern einige Notizen und legte dann gestern morgen auf der Fahrt zur Arbeit im Bus los. Außer ein paar Flüchtigkeitsfehlern habe ich nichts verbessert, also kaum etwas überarbeitet. Eigentlich habe ich für das Schreiben kaum zwei Stunden gebraucht. Nochmal gelesen habe ich den Text natürlich mehrere Male, das mache ich immer. Wahrscheinlich fast zehnmal, glaube ich.

Bei den anderen beiden Anmerkungen hast du natürlich recht, es war z. B. "auch noch" gemeint.

LG DieSilbermöwe
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Alt 27.10.2018, 12:53   #4
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Nochmal gelesen habe ich den Text natürlich mehrere Male, das mache ich immer. Wahrscheinlich fast zehnmal, glaube ich.
Das dürfte bei einem kurzen, überschaubaren Text auch genügen.

Ich arbeite gerade an einem Roman, der an sich fertig ist, und musste feststellen, dass es bei über 180 Seiten anders aussieht. Ich weiß nicht, wie oft ich den Text bereits gelesen habe, aber ich finde immer noch etwas, das korrigiert werden muss: Rechtschreibfehler, sperrige Ausdrucksweisen, logische Fehler usw. Zehnmal habe ich aber bestimmt auch schon alles gelesen, und das wird nicht das letzte Mal sein. Bei langen Texten liegt die Schwierigkeit darin, die Konzentration von der ersten bis zu letzten Seite hochzuhalten.
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Alt 27.10.2018, 15:13   #5
weiblich DieSilbermöwe
 
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Das ist der Grund, warum ich eigentlich keine Lust habe, einen Roman zu schreiben. Es ist komisch: Bei manchen Texten finde ich dann trotzdem kein Ende, wie bei meinem Märchen, das eigentlich höchstens zweiteilig sein sollte.
Auch bei der Geschichte hier hatte ich erst Ideen für einen längeren Text (Hartmut erfindet für sich eine völlig andere Identität), aber das wäre mir dann einfach wieder zu lang geworden.
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