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Alt 21.11.2020, 11:42   #1
Reptar Crane
 
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Standard Herbstspaziergang (Kurzgeschichte)

Die frisch gefallenen bunten Blätter knirschen unter meinen Füßen, als ich den schmalen Pfad zwischen den Bäumen entlang gehe, die graue Kunstlederleine zusammengerollt in der rechten Hand haltend, den Blick gedankenverlorend über die zu dieser Jahreszeit bereits nahezu vollständig kahlen Kronen der Bäume schweifen lassend.
Ein leichter, frischer Wind fährt durch die Zweige und lässt sie leise rascheln und knacken, meine Haare wehen mir ins Gesicht, geistesabwesend streiche ich sie zurück, ein im Grunde reichlich sinnloses Unterfangen.
Ich liebe diesen Wald, besonders im Herbst, um diese Zeit, wenn die Dämerung bereits herein bricht, alles in ein warmes, orangefarbenes Licht taucht...an solchen Tagen kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als hier spazieren zu gehen.
Ein lautes Bellen durchschneidet die Stille.
Ich drehe den Kopf, blicke mich suchend um, stoße dann einen lauten Pfiff aus.
”Pearl! Komm her!”
Einen Moment lang ist nichts außer dem Rauschen des Windes zu hören, dann vernehme ich das Trippeln von Pfoten auf mit laubbedecktem Boden, Zweige knacken und zerbrechen und dann schiebt Pearl sich aus dem Gebüsch, hechelt, schüttelt sich kurz und kommt dann schwanzwedelnd auf mich zu. Stupst mich auffordernd an und legt den Kopf schief.
Lächelnd knie ich mich vor sie, greife in meine Jackentasche, hole eines der kleinen , angeblich nach Minze schmeckenden Leckerlies heraus, die sie so sehr liebt und halte es ihr hin.
Während sie kaut, streichle ich ihr über das Fell, und sie schmiegt sich an mich.
Fast scheint es, als würde auch sie lächeln. Stupst mich erneut an, doch ich hebe nur entschuldigend die Hände. “Tut mir leid, Dicke! Ich hab nichts mehr für dich.”
Ihr Blick wirkt, als würde sie am liebsten weinen, und ich muss lachen. “Guck nicht so! Mehr gibts nicht!”
Dann schweige ich. Kraule Pearls Fell, genieße die beinah vollkommende Stille.
In diesem Moment kann ich mir nicht Schöneres vorstellen, als hier zu sitzen, mit Pearl, die ich kenne solange ich denken kann, für mich soetwas wie meine beste Freundin ist, die Einzige mit der ich reden kann wenn es mir schlecht geht, die mir zuhört.
Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne sie tun würde...
Minutenlang sitzen wir so da, fast völlig regungslos, Pearls Fell mittlerweile vom Wind ebenso zerzaust wie meine Haare, als die Hündin plötzlich den Kopf hebt, die Ohren spitzt und anfängt zu knurren.
Langsam lasse ich meine Hand sinken. Blicke sie fragen an, setze zu einer Beruhigung an, doch da springt sie auf. Bellt, und noch bevor ich reagieren und sie am Halsband packen kann macht sie einen Satz nach vorne und sprintet los. Ins Gebüsch, dabei wild kläffend, wie von der Tarantel gebissen.
Perplex blicke ich ihr hinterher, dann springe ich auf.
Dass meine Chancen, sie einzuholen, gering sind, ist mir durchaus bewusst, doch ignoriere ich diese Tatsache, hetze los, dem Gebell nach, bleibe jedoch nach wenigen Metern mit Jacke und haaren um Gestrüpp hängen, was mir wertvolle Zeit raubt.
Ich muss Pearl einholen. Das weiß ich einfach. Wenn ich sie nicht einhole, dann...ich will diesen Gedanken nicht zuende denken.
Der Wald ist groß. Und nicht selten verirren sich Leute hier. Ich muss Pearl einholen...
Meine Lunge beginnt zu brennen und meine Rippen schmerzen, doch ich renne weiter, immer weiter, dem Gekläffe nach...und endlich...endlich scheint es näher zu kommen. Sie muss stehengeblieben sein.
“PEARL!”, brülle ich, doch ist es viel mehr ein Keuchen als ein Brüllen. Wahrscheinlich hört sie mich gar nicht...
Und dann verstummt das Bellen.
Mein Herz setzt einen Moment lang aus. Nein...nein das kann nicht...
Versuche, mich zu beruhigen. Es ist gut, dass sie jetzt ruhig ist...ja...wirklich...
Doch ich kann mich nicht davon überzeugen, dass das wahr ist. Ein ungutes Gefühl wächst in mir...
Die Bäume lichten sich langsam. Das Gestrüpp wird weniger. Das Licht heller.
Keuchend bleibe ich stehen, blicke auf die von Blättern bunt gemusterte Lichtung vor mir. Ringe nach Luft, muss husten.
Von Pearl keine Spur. Sie ist nicht da.
Langsam, mit verschwommenem Blick, gehe ich weiter, die Arme vor der Brust verschränkt als wäre mir kalt.
Überquere die Lichtung und bleibe dann vor dem kleinen Steinhaufen in ihrer Mitte stehen, direkt unter der großen alten Eiche mit dem zerfurchten und mit Schnitzereien bedeckten Stamm.
Betrachte das kleine, dunkle, mittlerweile morsche und verwitterte Holzkreut an seinem Fuße.
Die schwarzen, mit wasserfestem Edding geschriebenen Worte.

R.I.P. Pearl.

Nur wenige Buchstaben, doch ich merke, wie mir Tränen übers Gesicht laufen. Schnell wische ich sie weg. Muss schlucken.
Im Grunde habe ich gewusst, dass das passieren wird. Auch wenn ich gehofft habe, dass es diesmal anders ist...wie ich es jedesmal tue.
Und immer werde ich enttäuscht.
“Gib es auf.”, murmle ich, während ich mich abwende, zurückgehe, mit gesenktem Blick. “Hör auf, dir Hoffnungen zu machen...”
Doch ich weiß, dass ich das nicht tun werde.
Ich werde wieder hier herkommen, immer und immer wieder, so wie die unzähligen Male zuvor, seit dem Tag, an dem ich Pearl hier begraben habe, an jenem Dezembertag vor 13 Jahren.
Und ich werde nicht aufhören, zu hoffen.
Darauf, dass sie irgendwann einmal bei mir bleibt.
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Alt 21.11.2020, 13:41   #2
weiblich Ilka-Maria
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Auch wenn es manchen Usern inzwischen auf die Nerven geht, muss ich es wiederholen: "If you catch an adjective, kill it!" (Mark Twain)

Nur mal den Anfang der Geschichte als Beispiel:

Die meisten Adjektive sind überflüssig und blähen den Text unnötig auf. Genaues Schildern ist von einem Autor zwar gefordert, aber nur dann, wenn es für den Vorwärtsgang der Geschichte sinnvoll ist. Die "frischgefallenen bunten" Blätter hängen natürlich nicht mehr am Baum, denn sie knirschen ja unter den Füßen (eigentlich: unter den Schuhsohlen), also braucht man das Adjektiv nicht. Ein Pfad ist deshalb ein Pfad, weil er im Gegensatz zu einem Weg oder einer Straße immer schmal ist - Adjektiv streichen. Für die Geschichte ist es unerheblich, dass die Hundeleine aus grauem Kunstleder ist.

Falsches Partizip: "gedankenverlorend". Richtig: gedankenverlierend. Das ist aber kein gutes Deutsch, Partizipien sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Warum nicht einfach einen neuen, "normalen" Satz bilden? Dazu müsste man den Anfang der Geschichte etwas umstrukturieren.

Füllwörter und ungenaue Wörter wie z.B. "bereits" und "alles" sollten ebenfalls vermieden werden.

Überflüssige Adjektive auch bei "leises Rascheln" und "lautes Bellen". Selbst die kleinsten Pinscher können so bellen, dass es einem nicht gerade leise vorkommt.

Bei "nahezu vollständig kahl" solltest du dich entscheiden, ob "nahezu kahl" oder "vollständig kahl" - beides zusammen funktioniert nicht.

Bitte nachfolgenden Text nicht als Belehrung, sondern nur als Beispiel bzw. Vorschlag aufnehmen. Natürlich bleibt es dem Autor überlassen, wie er seinen Text formulieren will.

Zitat:
Mit der zusammengerollten Hundeleine in der rechten Hand gehe ich den Pfad zwischen den Bäumen entlang. Unter meinen Schuhsohlen knirschen die Herbstblätter. Gedankenverloren lasse ich meinen Blick über die nahezu kahlen Baumkronen schweifen. Ein leichter, aber stetiger Wind weht mir das Haar ins Gesicht. Geistesabwesend streiche ich es zurück, im Grunde ein sinnloses Unterfangen.

Ich liebe diesen Wald, besonders im Herbst, wenn die Dämmerung früh hereinbricht und die Umwelt in ein warmes, orangefarbenes Licht taucht ... An so einem Herbsttag kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als hier spazieren zu gehen.

Ein Bellen durchschneidet die Stille.
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Alt 21.11.2020, 13:56   #3
Reptar Crane
 
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Hallo,
zunächst einmal: Danke für die auführliche Rückmeldung!

Erst mal: Gedankenverlorend ist ein Tippfehler, natürlich ist das kein Wort. Sollte "Gedankenverloren" heißen.

Das mit den Adjektiven...ja. Ich habe dieses Feedback dazu schon einmal bekommen, zugegebenermaßen aber nicht sonderlich häufig. Es mag daran liegen, dass ich selber sehr gerne Texte mit genauen Beschreibungen lese (unter anderem H. P. Lovecraft, der auch dazu neigt wirklich viel durch Adjektive zu beschreiben), aber auf mich wirken Texte ohne Adjektive bzw mit wenigen sehr kalt.

Bei "nahezu vollständig kahl" stimme ich dir zu. Komische Formulierung. Da ist mir gerade noch mal klargeworden, dass der Text inzwischen fünf Jahre alt ist, auch wenn es mir nicht so vorkommt

Wie gesagt, danke für die Rückmeldung, ich möchte auch wirklich nicht sagen, dass mir die Hinweise mit den Adjektiven egal sind! Werde in Zukunft darauf achten, diese Hinweise mit meinem eigenen Stil zu zu kombinieren, dass ich zufrieden bin
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Alt 21.11.2020, 15:08   #4
weiblich Ilka-Maria
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Nun ja - die Adjektive ...

Bitte nicht falsch verstehen: Mark Twains Zitat geht noch weiter. Er schrieb sinngemäß: Nicht alle [Adjektive], sondern die überflüssigen; dann wirken diejenigen, die notwendig sind, umso stärker.

Es ist wie in der Schule oder im Sport: Wenn alle Abitur haben oder alle Sprinter gleich schnell laufen, sind entweder alle Champion oder es gibt keine Champions mehr. Und so ist es mit den Adjektiven: Zu viele davon, und sie interessieren niemanden mehr. Leser wollen Handlung, also lieber Verben als Adjektive, d.h., dass ein einzelnes Verb wie "es stürmt" stärker wirken kann als als ein Adjektiv oder Adverb wie "der Wind bläst heftig".

Dies nur zur Ergänzung. Denke nochmal darüber nach. Erfahrungsgemäß fühlen sich Leser bei einem Bombardement mit Adjektiven wie ein Soldat an der Front, nämlich unter Dauerbeschuss in einem lähmenden Stellungskrieg. Handlung kommt mit den Verben, nicht mit den Adjektiven.

So, damit aber genug gepredigt.
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Alt 21.11.2020, 15:15   #5
männlich Ralfchen
 
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Zitat:
...dass der Text inzwischen fünf Jahre alt ist, auch wenn es mir nicht so vorkommt

Hallo und willkommen -

Also – wenn es dir nicht so vorkommt dann hast du in den letzten fünf Jahren nichts dazu gelernt oder deine Texte müssten jetzt perfekt sein + die würde ich gerne mal lesen. Ich kritisiere keine Texte das hat ILKA schon getan.


Viele liebe Grüße!
r
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Alt 21.11.2020, 15:23   #6
Reptar Crane
 
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Hallo und danke erst mal für das Willkommen.

Das mit den fünf Jahren sollte keinesfalls eine Rechtfertigung sein, falls das so rüberkam! Ist mir nur tatsächlich etwas überrascht aufgefallen, als ich Ilkas Hinweise durchgelesen hab und daran gedacht habe, wie ich die Geschichte geschrieben hatte.
Perfekt sind meine Texte ganz sicher nicht, das würde ich nie behaupten. Ich poste aber natürlich auch gerne einmal etwas Neuere.

Liebe Grüße
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Alt 21.11.2020, 15:38   #7
männlich Ralfchen
 
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Ja das wäre interessant.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2020, 15:39   #8
Reptar Crane
 
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen

Dies nur zur Ergänzung. Denke nochmal darüber nach. Erfahrungsgemäß fühlen sich Leser bei einem Bombardement mit Adjektiven wie ein Soldat an der Front, nämlich unter Dauerbeschuss in einem lähmenden Stellungskrieg. Handlung kommt mit den Verben, nicht mit den Adjektiven.
Ich werd auf jeden Fall noch mal drüber nachdenken; wie gesagt, ich bin für die auführlich Kritik auch dankbar
Reptar Crane ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2020, 15:49   #9
männlich Ralfchen
 
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Ja sicher zum Einstellen neuer Texte musst du ja nicht lange nachdenken
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.11.2020, 15:55   #10
Reptar Crane
 
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
Ja sicher zum Einstellen neuer Texte musst du ja nicht lange nachdenken
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, was du mir mit diesem Kommentar sagen möchtest?
Reptar Crane ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.11.2020, 12:39   #11
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo Reptar Crane,

mir gefällt deine Kurzprosa-Geschichte. Ich fühlte mich beim Lesen, als sei ich dabei gewesen, also hast du eine schön dichte Atmosphäre geschaffen.
Was die Adjektive betrifft, kann man natürlich ein wenig feilen - "lauter Pfiff" z. B. - da ist das "laut" überflüssig.

Insgesamt aber sehr gerne gelesen.

Viele Grüße
DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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