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Alt 27.04.2017, 13:08   #1
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Standard Helmut Heißenbüttel

Dieser Faden soll dem Schriftsteller Helmut Heißenbüttel gewidmet sein.
Wer kennt ihn? Wer schätzt ihn? Wer lehnt ihn ab?

Ich zitiere aus Wikipedia:
"Helmut Heißenbüttel (* 21. Juni 1921 in Rüstringen; † 19. September 1996 in Glückstadt) war ein deutscher Schriftsteller, Kritiker und Essayist.

Leben
Helmut Heißenbüttel wuchs in Wilhelmshaven auf; mit seiner Familie zog er 1932 nach Papenburg. 1941 wurde er im Russlandfeldzug schwer verwundet, sein linker Arm musste amputiert werden. Heißenbüttel studierte in Dresden, Leipzig und Hamburg Architektur, Germanistik und Kunstgeschichte. Nach einer Tätigkeit als Lektor in Hamburg leitete er von 1959 bis 1981 die Redaktion "Radio-Essay" beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Ab 1981 lebte er als freier Schriftsteller in Borsfleth. Er war unter anderem Mitglied der Gruppe 47, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Akademie der Künste in Berlin. Helmut Heißenbüttel starb 1996 nach längerer Krankheit in Glückstadt."


Hier die Kurzgeschichte "Der Wassermaler":

Helmut Heißenbüttel - Der Wassermaler

Er malte auf Wasser. Dies war seine Erfindung.
Er malte auf Wasser das heißt: er ließ nicht wie frühere Maler gefärbtes Wasser über Papier laufen. Er malte keine Bilder zum Aufhängen. Er malte überhaupt keine Bilder. Nicht das was man bis zu seiner Erfindung als Bild bezeichnete.
Er malte auf Wasser. Auf alle Arten von Wasser. Auf Regenpfützen auf Seeflächen auf die Wasserspiegel vollgelaufener Töpfe. Auf übergelaufenes Wasser rund um eine Blumenvase. Auf Meerwasser. Auf Badewasser. Er malte auf glattes Wasser. Er malte auf bewegtes Wasser. Auf klares Wasser und auf trübes Wasser voller Algen und Sinkstoffe. Schatten und Sonnenreflexe. Sogar auf gefärbtes Wasser wenn es zur Hand war. Niemals (was Außenstehende hätten vermuten können) auf eine andere Art von Flüssigkeit. Wasser mußte es sein.
Manchmal befriedigte ihn das, was er zur Hand hatte nicht und er reiste lange bis er das richtige Wasser fand. Manchmal begnügte er sich mit dem nächsten besten. Es konnte sein daß eine fleckige überschwemmte Schreibtischplatte ihn bezauberte. Es konnte sein daß er gerade diesen einen Bergsee zwischen dunkel bewaldeten Hängen benötigte. Manchmal beschränkte er sich darauf vom Ufer im Kies knieend oder auf einem Landesteg liegend zu malen. Manchmal ruderte er stundenlang bis er die richtige Beleuchtung die richtige Abgeschiedenheit fand. Eine Zeitlang benutzte er ein Floß, das in der Mitte rechteckig ausgeschnitten war. Er wendete beim Malen verschiedene Methoden an. Meist hatte er mehrere Arten von Stöcken. Daneben brauchte er Bretter Gummischeiben Bürsten Kämme Fliegenklatschen auch Pinsel. Gelegentlich Zirkel und Lineal. Gerade dies hatte eine Zeitlang einen gewissen Reiz für ihn. Man sah ihn in Brandungswellen oder auf Seeflächen, die von Gewitterböen aufgeregt waren stundenlang sauber gezogene Geraden und weit ausgeschwungene Zirkelbögen anlegen. Er malte mit Fingern und gespreizten Händen. Mit Füßen ja mit dem ganzen Körper. Selten malte er mit Farbe. Er tropfte dann die Farbe in fließendes Wasser oder zog sie mit Pinseln und Stöcken hindurch. Er schüttete Farbe töpfeweise ins Wasser. Einmal benutzte er einen Füllfederhalter.
Seine Bilder. Wie gesagt es waren keine Bilder. Spiele aus Kurve Welle Reflex Schatten aus Spuren und Spuren von Spuren. Einmal als er die Wassermalerei (auch er wollte nicht stillstehn) durch Schattenplastik zu komplettieren versuchte erlebte er einen Rückfall. Nachdem er von einfachen Schatten zu kombinierten und farbigen Schatten übergegangen war ertappte er sich dabei wie er anfing die Schattenplastik in einem ihrer wechselnden Stadien zu photografieren. Dies war der Rückfall. Bewahren festhalten überliefern vorzeigen das war der Rückfall. Das war das Vergebliche. Danach blieb er eine Weile untätig. Möglicherweise wollte er sich durch Enthaltung strafen, Vielleicht auch strebte etwas aus diesem Rückfall in ihm heraus zu einer noch reineren Imagination. Allerdings wäre dann dieser Fortschritt nicht sichtbar geworden. Sondern nach einer Pause voll scheinbarer oder wirklicher Apathie begann er wieder auf Wasser zu malen. Nur ein sehr genauer Beobachter (den es nicht gab) hätte vielleicht geringfügige Änderungen an ihm wahrgenommen. Ein leichtes Zögern mitten im Zug. Ein schnelleres Aufbrechen von Wasser zu Wasser. Ein Einhalten im kaum Begonnenen.
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