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Alt 19.01.2020, 17:56   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Der Tiger

Sascha war spät dran. Wieder einmal würde er den Anfang des Freitagsmeetings verpassen und sich das Stirnrunzeln seines Vorgesetzten einfangen. Da konnte er genausogut noch den Schlenker zum Festplatz machen, wo fleißige Hände gerade das Zelt für die Vorstellung aufrichteten, die am Samstag ihre Erstaufführung hatte und für eine Woche gastieren sollte.

Rund um den großen Platz standen kreuz und quer die Wagen der Schausteller. Sascha bahnte sich seinen Weg zwischen ihnen hindurch, bis er zu einem Wagen mit vergitterter Front kam, in dem ein Tiger den kurzen Weg von einem zum anderen Ende entlang trottete. Aus seinem geöffneten Rachen schlug Sascha der üble Atem eines Fleischfressers entgegen, was die Schönheit des Tieres jedoch tausendfach wettmachte. Voller Bewunderung genoss Sascha die Musterung des Fells, das Spiel der Muskeln und die geschmeidigen Bewegungen der Großkatze. Als er wie in Trance die Hand nach ihr ausstreckte, vernahm er eine Stimme. „Lassen Sie das lieber, es könnte weh tun. Der Bursche macht in letzter Zeit ohnehin Zicken.“

Sascha erblickte einen jungen, drahtigen Mann, der ihn von Kopf bis Fuß musterte und ironisch, aber gutmütig anlächelte: „Anzug mit Krawatte und Aktentasche … absolut fehl am Platz. Was willst du hier?“

„Arbeiten,“ rutschte das Wort zu Saschas eigener Überraschung aus ihm heraus.

Der Drahtige lachte hell auf: „Du? Im Zirkus? Was stellst du dir denn vor?“

„Na ja, etwas mit Raubtieren.“ Er deutete auf den Tiger. „Zum Beispiel mit dem da.“

Jetzt konnte sich der Drahtige vor Lachen nicht mehr halten. „Mit dem da? Diesem Mistvieh, das beinahe meinen Freund zerfleischt hätte? Mann, du hast ja keine Ahnung, wovon du redest.“

„Habe ich wohl! Bei wem muss ich vorstellig werden?“

„Bei wem muss ich vorstellig werden,“ äffte ihn der Drahtige nach. „Mann, aus welchem Wurstkessel stammst du eigentlich? Hier redet man normal. Aber wie du meinst.“ Er deutete auf einen dunkelgrünen Wagen. „Dort hinten, da musst du hin. Dreimal klopfen, wenn du vor der Tür nicht verschimmeln willst. Viel Glück!“

Ein bärtiger Mann in schwarzem Rollkragenpullover erschien auf der Schwelle und schielte auf Saschas Aktentasche. „Und? Wieder vom Finanzamt? Oder vom Tierschutz?“

„N… Nein“, stammelte Sascha, „ich will für Sie arbeiten.“

Der Bärtige musterte ihn ungläubig. „Nach Arbeit sieht du nicht gerade aus. Aber komm erst mal rein.“

Sascha war erstaunt, was in einen Schaustellerwagen alles hineinpasste. Was er sah, war ein gut durchdachter Haushalt, dazu aufgeräumt und sauber und keineswegs so chaotisch, wie er sich das Leben in einer Subkultur vorgestellt hatte.

Der Bärtige hieß ihn, sich auf die Couch zu setzen. „Also, was hast du zu bieten?“

„Nichts. Ich bin Anfänger.“

Die Miene des Bärtigen verdüsterte sich, und zornig hob er die Brauen. „Und da wagst du es, zu mir zu kommen und mir die Zeit zu stehlen?“

„Ich bin jung genug, um zu lernen. Ich will Dompteur werden.“ Voller Verachtung schleuderte Sascha seine Aktentasche in die nächstbeste Ecke. „Ich habe es satt, jeden Tag ins Büro zu gehen, mir das Geschwätz meines Vorgesetzten anzuhören und meiner Sekretärin Nachhilfe zu geben, wie man einen Computer bedient. Satt, satt, satt! Ich will nichts mehr hören von Marketingzahlen, will keine Power-Point-Präsentationen mehr halten, die mit Text überaden sind, als müsse man Tolstois „Krieg und Frieden“ vorstellen, und ich will auch nicht mehr in die Konkurrenzkämpfe meiner Vorgesetzten verwickelt sein, die um jeden Cent Anteil am Unternehmensgewinn feilschen.“

Der Bärtige hatte interessiert zugehört. Jetzt sah er Sascha in die Augen, als genügten ihm dessen Argumente nicht. Also holte Sascha nochmal Luft und packte sein Innerstes aus. „Es ist ein Jugendtraum. Seit ich als Kind zum erstenmal in einem Zirkus war, träume ich davon, Dompteur zu sein. Aber ich wusste nicht, wie man es anstellt, Dompteur zu werden. Meine Eltern hatten andere Vorstellungen und … und … aber jetzt weiß ich … na ja … keine Ahnung, wie ich es ausdrücken soll.“

„Schon gut,“ brummte der Bärtige und strich mit dem Handrücken über seine stoppelige Wange. „Ich hab’s verstanden. Wenn du bereit bist, bei Null anzufangen, kann ich dir vielleicht helfen. Aber sei gewarnt: Aus meinem Vertrag kommt so leicht keiner mehr raus.“

Sascha war gespannt, als der Bärtige ihm zu folgen winkte. Sie gingen zu einem Anhänger, in dem eine grauhaarige Frau einen Jungelefanten, drei kleine Tiger und einen Schimpansen betreute. „Das ist Elvira. Sie ist Tierärztin, konnte aber die Abzockwirtschaft auch nicht mehr ertragen und kam deshalb vor mehr als zwanzig Jahren zu uns. Ohne sie wären wir aufgeschmissen.“

Er nahm einen der kleinen Tiger hoch und drückte ihn Sascha an die Brust. „Hier, nimm! Der und die anderen zwei sind jetzt deine Kinder. Gib ihnen Namen, ziehe sie auf und bringe ihnen etwas bei. Das Rüstzeug lernst du beim Chefdompteur, wenn er aus der Klinik zurück ist. Die Mutter dieser süßen Kleinen hat ihn ziemlich übel zugerichtet, das kann also noch eine Weile dauern.“

Sascha streichelte entzückt das Tigerjunge. „Jeder Beruf trägt ein Risiko. Und was kann schöner sein, als in Ausübung seiner Leidenschaft zu sterben?“
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Alt 19.01.2020, 19:01   #2
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Was soll denn ein roher Atem sein? Darunter kann ich mir olfaktorisch nichts vorstellen. Allenfalls könnte "faulig" passen. Es muss schon etwas mit starker Intensität sein. Ich habe selbst einmal vor so einem Tiger gestanden und die volle Ladung abbekommen - das haut einen fast um.

Zitat:
Sein Innerstes auspacken? Du meinst Gefühle?
So isses. Die häufigst verwendete Umschreibung lautet, sein Innerstes nach außen zu kehren.
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Alt 19.01.2020, 19:19   #3
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Ja, aber Hesse meinte das nicht im Zusamenhang mit Geruch. Beim ihm ersetzte "roh" das Adjektiv "grob". Allenfalls könnte man noch "scharf" akzeptieren. Im Englischen benutzt man für schlechten Geruch das Adjektiv "ripe".

Und glaube mir: Jeder Fleischfresser stinkt aus dem Maul, weil die Nahrung von Fleisch das mit sich bringt. Wäre es anders, müssten wir Menschen uns nicht an Odol besaufen, überspitzt ausgedrückt. Wenn alle das gleiche tun, merkt man es halt nicht. Aber frage mal deine Hunde, vor allem, wenn sie es mit älteren Menschen zu tun haben. Jeder Verfall und jede Krankheit äußert sich olfaktorisch, und der Verwesungsprozess beginn schon vor dem Tod.
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Alt 19.01.2020, 19:23   #4
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Zitat:
Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen

Du, ich habe zwei Hunde - Odem des Todes!
Wotan und Odin ...

Aber ohne Witz: An der Sache, dass Hunde den nahenden Tod eines Menschen riechen können, ist bestimmt etwas dran. Die riechen ja sowieso ziemlich alles, was die Luft davonträgt.
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Alt 19.01.2020, 19:34   #5
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Zitat:
Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
Was unsere Sinnessysteme angeht, sind wir unterste Schublade.
Richtig. Aber Hunde können nicht gegen Seuchen impfen, keine Atombomben bauen und dir nicht erklären, was ein Binom oder ein Hexameter ist.
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Alt 19.01.2020, 20:51   #6
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Zitat:
Zitat von Eisenvorhang Beitrag anzeigen
Dafür sind Hunde keine Arschlöcher
Ohne den Mensch gäbe es keine Hunde.
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Alt 19.01.2020, 23:14   #7
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... und ohne Arschloch würden wir aus dem Maul stinken.
H.
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Alt 20.01.2020, 00:00   #8
männlich Ralfchen
 
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also mit rohem atem könnte ich auch nix anfangen...ausser...

sein Scheiß-Atem roch nach verrottedem rohen Fleisch
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Alt 20.01.2020, 01:11   #9
weiblich Ilka-Maria
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Da habt ihr die Geister, die sich groß wähnen, aber auf fäkalische Reizwörter reduziert sind.
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Alt 20.01.2020, 08:28   #10
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Eine absolut glaubwürdige Geschichte.
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Alt 22.01.2020, 09:50   #11
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Eine absolut glaubwürdige Geschichte.
Ich hoffe, das ist ironisch gemeint. Ich finde die Story jedenfalls ziemlich verrückt. Manchmal schwirrt mir aber eine Grundidee so lange im Kopf herum, bis sie raus will, und dann bin ich gespannt, was der Protagonist vorhat.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.01.2020, 18:15   #12
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Zitat:
. Ich hoffe, das ist ironisch gemeint
Aber ganz und gar nicht! Ich hatte vorhin noch etwas Zeit und wurde beim Zirkus in unserer Stadt vorstellig. Der Zirkusdirektor war von meinem Vorschlag, als Dompteuse arbeiten zu wollen, auf der Stelle sehr angetan und gab mir ein neugeborenes Löwenbaby zum Üben mit. Jetzt sitzt das Kleine auf meinem Schoß und lässt sich friedlich kraulen. Ich habe allerdings Bedenken, ob es, so faul wie es zu sein scheint, auch wirklich durch Reifen springen will.

Und ganz im Ernst: Die verrückte Geschichte finde ich gut. Nur der Schluss könnte noch etwas mehr Pep vertragen.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.01.2020, 18:21   #13
männlich Heinz
 
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was der einen ihr Panthera leo auf dem Schoß, ist mir der Tiger im Tank!
Ist der Zirkus noch in Trier? Ich suche auch noch ein Schmeichelkätzchen.
Heinz
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Alt 22.01.2020, 18:42   #14
weiblich DieSilbermöwe
 
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Ich lasse dir ein Löwenbaby zurück legen. Ich glaube, es waren Drillinge.
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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