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Alt 28.10.2018, 22:32   #1
männlich Amir
 
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Standard Eine kleine existenzialistische Krise

Teil I

Unser Dasein ist eine absurde Reise. Es gibt kein sicheres Wissen und keine Erfahrung, die uns im völligen Einklang mit der Vernunft erklären könnte, weshalb wir ein Teil dieses Universums sind.
Mit dem Verstand können wir gewisse Aspekte innerhalb der Absurdität definieren, aber wirklich verstehen werden wir diese nicht. Das Vermögen, die Grenzen zu erkennen, lässt uns an allen Wahrheiten zweifeln.Wir haben als denkende Wesen Möglichkeiten, wie wir dieses Leben gestalten wollen. Wir haben eine Energie, die uns vorantreibt. Die Suche nach Antworten und die Frage, warum wir danach suchen ist eine logische Folge unseres Dilemmas. Wenn wir wüssten, was um uns herum geschieht, dann würden wir keinen Drang haben, neues zu wissen.Wir sind suchende Wesen, welche die Fähigkeiten besitzen, nach einem Sinn zu suchen.

Es gibt zwei wichtige Grundideen im Existentialismus, die ich näher erläutern möchte. Eines davon ist die Tatsache, dass alle Existenzen gezwungen sind zu existieren. Das Existierende hat nicht die Wahl getroffen zu existieren, aber wenn wir das Universum wahrnehmen, dann haben wir den Drang weiter zu existieren.
Der zweite wichtige Aspekt bezieht sich auf der Grundlage unserer Existenz und seiner Verantwortung. Wir haben keine Pflichten, wie wir existieren müssen, demnach gibt es auch keine Normen, welchen wir unterworfen sind. Wir haben jedoch eine Verantwortung, nämlich über unsere Situation mit dem ganzen Vermögen zu entscheiden.
Als Symbol für die Absurdität, die sich durch die gezwungen Existenz ergibt, wird oft Sysphos gewählt. Dieser akzeptiert seine Situation und versucht, obwohl es zwecklos und ohne Sinn ist, den Stein weiter voranzutreiben. Die Tätigkeit den Stein hoch zu rollen ist die Entscheidung und das Tragen des Steins sei die Last der Existenz.
Im frühen Stadiums unseres Leben beeinflusst die Außenwelt unsere Entscheidungen. Søren Kierkegaard, ein wichtiger Philosoph aus dem 19 Jahrhundert, beschreibt drei Stadien eines normalen Lebens. Die erste Stufe ist die ästhetische Wahl. Sie ist keine wirkliche Entscheidung, sondern vielmehr das Gegenstück dazu. Die Welt ist noch viel zu bunt als das wir uns schon für unseres Inneres interessieren würden. Diese Phase durchlebt ein Mensch, der die meisten Information aus der Außenwelt bekommt und noch nicht selber etwas schaffen kann(Kreatur). Junge Menschen, die noch keine grosse Verantwortung tragen , sind oft in dieser Phase und wachsen langsam in die nächste Stufe hinein. Ein Mensch kann aber niemals entscheiden in dieser Phase der Ästhetik zu bleiben, denn dann hätte er diese Wahl bewusst selber getroffen, was dann keine ästhetische Wahl wäre.
Die ethische Wahl setzt Verantwortung voraus, denn ein solcher Mensch hat mehr Einfluss auf andere, darum muss er Antworten geben, wenn seine Aktionen von anderen Menschen geprüft werden . Erwachsene Menschen fangen an eine ethische Wahl mit„entweder und oder“ zu entscheiden. Sie lernen dadurch einen bewussteren Umgang mit ihren Entscheidungen. Die letzte Stufe ist die suche nach Sinn in das Religiöse. Die gegründete Familie fängt bald an selber wieder ihre Familien zu gründen. Der erfahrene Mensch denkt dann irgendwann darüber nach, wie er Gott näher kommt, da dieser Mensch keine tiefgreifenderen Entscheidungen im System von Existenzen treffen muss.
Wann denkt der Mensch über seine Existenz nach? Wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind und dieser Zeit und Energie besitzt, über das Leben zu denken. Viele moderne Zivilisationen, die eine bürgerliche Schicht besitzen, erzielen in Statistiken hohe Selbstmordraten. Arme Bevölkerungsgruppen oder Menschen, die weniger gebildet sind, benutzen ihre Antrieb für irdische Geschehnisse. Diese haben Hunger, Durst oder frieren, weil sie kein Zuhause haben. Platon würde sagen, dass diese Menschen zwar nur die Schatten sehen, aber diese Perspektive genügte, weil solche Menschen nicht wüssten, das überhaupt etwas dahinter sei. Sie haben einen Sinn, nämlich zu überleben, wenn dieses gestillt ist, dann folgt die Suche nach einem neuen Sinn. Oft führt diese Suche zur Verzweiflung.
Amir ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.10.2018, 22:47   #2
männlich Eisenvorhang
 
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Beiträge: 1.192

Eins vorweg! Aus Interesse und nicht aus Provokation!
Ich bin neugierig, hab selbst keinen Plan davon:

Was ist "sicheres Wissen"?

Wenn ich bei Regen vor die Tür trete und nass werde, dann werde ich das nächste mal eine, vermutlich wasserdichte, Jacke drüber streifen.

Ist das Wissen oder Erfahrung? Ist Erfahrung Wissen?

Wenn ich weiß, dass Osmose die Diffusion durch ein semipermeables Membran ist, dann ist das gesichertes Wissen, oder?

Erfahrung sammelt man und die wird zu Wissen. Ist das eine Art sexusbasierte Unterscheidung, wobei Wissen und Erfahrung selbstverständlich implizit sind?

Oder wurde hier in der Syntax nur der Genus, also das grammatische Geschlecht, differenziert.
Ich sehe hier keine Unterschiede, außer jene, die in der Erlangung der Information sich manifestieren. Doch der Ursprung und die Parameter der eigentlichen Sache - der Wissens-Ding-Begriff - ist derselbe.

Was ist gesichertes Wissen?

Niedergeschrieben in Buchform? Festgehalten? In Stein gemeißelt?
Ist das eine Metapher für Angst vor Kontrollverlust?

Und wie kann gesichertes Wissen im Einklang zur Vernunft stehen?
Muss es denn im Einklang stehen?

Ich finde Unvernunft ja total cool, in Phasen wo man es mal sein muss.
Krisengebiete sind prädestiniert!
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.10.2018, 22:57   #3
männlich Amir
 
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Beiträge: 541

bitte
Amir ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.10.2018, 23:10   #4
männlich Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 1.192

Super, das hilft mir weiter.

Aber wieso können wir keinen perfekten Kreis in einer von Empirie durchzogenen Welt nachzeichnen?

Zirkel? Zwei Stöcke mit Strick im Sand?

Wenn ich meine Hand aufm Herd leg, verbrenn ich mir die Pfote.
Das ist Empirie in Kinderschuhen.

Ein perfekter Kreis... Kann ein Kreis imperfekt sein?
Abweichungen kippen doch die geometrische Form in der Bezeichnung.

Naja. Egal - ich schaue mir die Links mal an. Danke, Amir!

Edit: Ah, ich verstehe! Hat sich erledigt!
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.10.2018, 03:47   #5
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City
Beiträge: 20.407

Zitat:
Zitat von Amir Beitrag anzeigen
Arme Bevölkerungsgruppen oder Menschen, die weniger gebildet sind, benutzen ihre Antrieb für irdische Geschehnisse. Diese haben Hunger, Durst oder frieren, weil sie kein Zuhause haben. Platon würde sagen, dass diese Menschen zwar nur die Schatten sehen, aber diese Perspektive genügte, weil solche Menschen nicht wüssten, das überhaupt etwas dahinter sei. Sie haben einen Sinn, nämlich zu überleben, wenn dieses gestillt ist, dann folgt die Suche nach einem neuen Sinn. Oft führt diese Suche zur Verzweiflung.
Absolut richtig. Menschen mit knurrenden Mägen folgen keinem Aufruf zur Revolution. Ihre Gedanken kreisen darum, woher sie am nächsten Tag das Brot nehmen, um ihre Kinder zu sättigen. Das zeigte 1789 die Große Revolution in Frankreich, die erst ausbrach, als die Versuche des Staats zu greifen begannen, die Lage der Bevölkerung zu bessern und die Finanzen ins Lot zu bringen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.11.2018, 03:04   #6
männlich Amir
 
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Ort: in the Moving Castle
Beiträge: 541

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Absolut richtig. Menschen mit knurrenden Mägen folgen keinem Aufruf zur Revolution. Ihre Gedanken kreisen darum, woher sie am nächsten Tag das Brot nehmen, um ihre Kinder zu sättigen. Das zeigte 1789 die Große Revolution in Frankreich, die erst ausbrach, als die Versuche des Staats zu greifen begannen, die Lage der Bevölkerung zu bessern und die Finanzen ins Lot zu bringen.
Die gebildete bürgerliche Schicht hat maßgeblich dazu beigetragen. Die knurrenden Mägen hätten sich niemals zu einer solch komplexen Aktion aufraffen können. Revolutionen müssen geplant und durchdacht werden.
Amir ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.11.2018, 12:14   #7
männlich Wüstensand
 
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Ein sehr guter Eingangsbeitrag, Amir!
Zitat:
Teil I
Kommt der II. Teil auch irgendwann? Interessant zu lesen - Schlüsse sollte man nicht vorschnell ziehen

MfG Wüste
Wüstensand ist offline   Mit Zitat antworten
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