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Alt 10.07.2018, 23:39   #1
männlich Amerdi
 
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Beiträge: 198


Standard Fritz

Da war ein Junge namens Fritz, ein kleiner Prinz in einem kleinen Land im Jahre 1217. Und dieses Land war ganz und gar von einem Wald umfasst, einem verbotenen Zauberwald sogar, den, so hieß es, noch nie jemand betreten hatte. Man sagte, dass jener, der seinen Fuß in den Schatten des Waldes stellt, sich in einen hässlichen Baum verwandelt, auf ewig den Spitzhacken der Spechte ausgesetzt.
In der Mitte des Landes stand die große Burg des Prinzen und verstreut um sie herum waren Dörfer und Felder, schattige Haine und einige Seen und Flüsse und viele Bäche, die gluckerten und glänzten und wie funkelnde Fäden auf grünen Hügeln lagen. Und die Hügel hatten so weiche Wiesen, dass man Lust bekam ein Riese zu sein und sie als Kissen zu benutzen. Ein schönes Land.
Jeden Tag bestand der junge Prinz ein Abenteuer. Er rettete japsende Jungfrauen aus brennenden Türmen, vereiltete die Teufeleien der Tunichtgute, verdrosch Drachen und andre Bestien und ersann sogar Finanzpläne für überforderte Bauern. Nebenbei verteidigte er wöchentlich seinen Titel als Sieger des Lanzenturniers. So führte er ein aufregendes Leben und wunderte sich nicht über den nie endenden Nachschub an Nervenkitzel, denn er kannte es nicht anders.
Jede bestandene Mutprobe vermehrte den Ruhm, den er bei seinen Untertanen genoß.
Und wie glücklich hätte er sein können, wäre da nicht eine Sache gewesen, nur eine! Die Sehnsucht, dieser nie versiegende, süß säuselnde Bach, der sich zuweilen zum strotzenden Strome steigerte. Dieser vernachlässigte Hund, der hinauswill, mit bettelnden Augen schaut und winselt und aufheult. Denn, wie üppig an Abenteuer sein Königtum auch war, so klein war es räumlich gesehen und vorallem wucherte ringsherum das Fragezeichen des Zauberwaldes. Oft hatte er an dessen Rande gesessen und gierig in die dichte Wildnis gesehen, wie der Gefangene mit dem Blick durch das Gitter nach dem Brot des Wärters greift. Er war hungrig auf das Geheimnis. Über ihm wanderten die Wolken über die Weiten des Waldes und gemahnten den Prinzen, dass sich auch dort ein Himmel dehnte, den diese Wolken nun besuchen gingen und er fragte sich, wie weit und was darunter und alle Fragen, die es dazu gibt. Und während er versunken saß, wippten die Ringelblumen neben seinem Stammplatz hin und her, mit unentschlossen abwägenden Köpfen und die Gräser tasteten im Wind wie unsichere Hände im Dunkeln.
Und eines nachts, sich schlaflos in den Kissen suhlend, entschied er sich tatsächlich zu fliehen. Schon länger hatte er begonnen Zweifel an der Verzauberung des Waldes zu entwickeln. Einmal, so meinte er, hatte er in der Ferne jemanden aus dem Wald kommen sehen. Sofort war er hingerannt, doch die Person war verschwunden. Man sagte ihm, es sei eine Täuschung gewesen, doch das wollte er nicht glauben. Ausserdem war er nun im rechten rebellischen und risikobereiten Alter diese Zweifel rücksichtslos in die Tat umzusetzen. Er wollte hinter den Rand seines Universums steigen und sehen, was dort war.
Es kam ganz anders. Zwar sollte er nicht den Zauberwald betreten, aber seine Welt verlassen. Was das heißen soll? Nun, nach seinem Entschluss schlummerte er friedlich in seiner Königskammer mit den Hermelinvorhängen ein und wachte auf einer Wiese auf. Die Wiese war in einem Park und um den Park ragten riesige Gebäude in den Himmel.
Prinz Fritz war verwirrt, nie hatte er solche Gebäude gesehen, nein, er erkannte sie zunächst nichteinmal als Gebäude. Um es gleich zu sagen, er wachte in der Zukunft auf, in einer modernen Stadt im Jahre 2084. Das war merkwürdig für ihn und, trotz seiner Abenteuererfahrung, überfordernd. Deshalb hatte er Glück, dass sich ein Obdachloser seiner annahm, der ihm seine Geschichte, er sei ein Prinz aus dem Jahre 1217, glaubte. Was für ihn vorallem überzeugend wirkte, waren die Goldmünzen im Beutel des Prinzen. Sie wurden ein Duo, machten einen kleinen Teil des Goldes zu Geld und, angeleitet von seinem obdachlosen Freund, verlebte der Prinz seine erste Woche in der Zukunft.
Während sie in den nobelsten Restaurants speisten, den herrschaftlichsten Hotels nächtigten, der Obdachlose (dessen Name übrigens Frank war) sein Glück kaum fassen konnte, staunte der Prinz über die Welt. Türen öffneten sich von selbst, Treppen trugen einen hinauf, ohne dass man die Beine benutzen musste, genauso gab es ganze Räume, die innerhalb von Gebäuden hinaufschwebten. Diener waren durch diese Dinge beinahe überflüssig. Stimmen sprachen aus kleinen gläsernen Platten. Einmal zeigte Frank ihm eine ganze mittelalterliche Schlacht in einer flachen Glaskiste. Er wusste nun - Zukunft ist Zauberei.
Einmal ritt er auf dem Rücken eines Drachen, doch Frank erklärte ihm, es sei eine Achterbahn. So übernahm Fritz fortan den Ausdruck Achterbahn und meinte Drachen.
Die Ausdrucksweise hier faszinierte ihn, das Essen und die Getränke faszinierten ihn (wie süß hier manches schmeckte!), Plastik faszinierte ihn und er verbrachte Stunden damit, die Gartenstühle im Baumarkt zu biegen, bis man ihn herausschicken wollte, er sie alle kaufte und seine Hotelsuite damit zustellte. Am meisten aber faszinierte ihn die Fernbedienung. Was für ein Ding. Er fühlte sich wie ein Gott, wenn er den Kanal wechselte. Menschen, Dinge, Welten erscheinen und verschwinden ließ.
Die Kleidung faszinierte ihn, Krawatten und Stöckelschuhe amüsierten, Hot Pants empörten ihn. Schmuckbehangene Rapper in Musikvideos hielt er grundsätzlich für primitive Könige.
Er schnappte moderne Ideen der Aufklärung auf, kaufte sich ein Geschichtsbuch und durchlebte die Menschheitsgeschichte der letzten 900 Jahre geistig innerhalb einer Woche. Aufklärung, Renaissance, Humanismus, Wissenschaft, Industrialisierung, Technologie, Digitalisierung... er hatte garnicht gewusst, dass die Menschheit sich entwickeln kann! Für ihn, den Mittelaltermenschen, war alles festgefügt gewesen. Sein Kopf drehte sich. Die Demokratie verursachte ihm Kopfschütteln und Sorge, denn eigentlich hatte er geplant nach ausreichender Einlebung den Thron dieses Reiches zu besteigen. Wo der stand hatte er im sogenannten "Internet" noch nicht gefunden und langsam, sehr langsam dämmerte es ihm, dass es einen solchen nicht gab.
Irgendwann wurde ihm auch klar, dass Frank verrückt war. Er behauptete z.B. ebenfalls ein König zu sein, allerdings ein chinesischer. Bald darauf dann ein ausserirdischer Kaiser. So entschied Fritz ihn zu verlassen. Mittlerweile kam er alleine zurecht. Er kaufte Immobilien, mehrte sein Vermögen, leistete am Tage wohltätige Hilfe und ging des nachts auf Verbrecherjagd wie in den guten "alten" Tagen und wie es ihm sein moralischer und sein Abenteuer-Instinkt rieten. Glücklicherweise gab auch dieser Ort einiges (beinahe verdächtig viel) an Abenteuermaterial her:
Er rettete kreischende selbstständige Frauen vor Kriminellen und aus brennenden Parfümerien, verdrosch Drogendealer, verteilte Suppe an Obdachlose. Ja, er war ein guter Mensch, unser Fritz, und er baute sich eifrig ein Leben auf. Er war auch ein glücklicher Mensch, denn er hatte sich immer nach soetwas gesehnt, nicht konkret hiernach, nein, aber das war eben die Sache, seine Sehnsucht hatte keinen konkreten Gegenstand gehabt, sondern das Unbekannte. Und unbekannter konnte es kaum werden. Er wollte noch mehr Neues sehen und buchte in einem Reisebüro für den nächsten Tag einen Flug in ein anderes Land. Und an dieser Stelle überrasche ich den Leser vielleicht, wenn ich ihm sage, dass dies eventuell keine Zeitreisengeschichte ist. Fritz legte sich abends friedlich in sein Bett (mittlerweile ein eigenes) und trieb in die Träume... und wachte in seiner königlichen Kammer auf. Ich will mich nicht mit Einzelheiten aufhalten; er war stattlich erstaunt, riss die Vorhänge auf, schüttelte den Diener, etc. Natürlich sagte man ihm, er hätte geträumt, Majestät seien gestern, wie gewohnt, zu Bett gegangen, aber ein aussergewöhnlicher Traum, er solle ihn doch deuten lassen, usw. Prinz Fritz wollte es für eine Weile nicht wahrhaben, glaubte an Konspiration, dann wurde er eine zeitlang zornig und schlug die Wände, darauf verfiel er in tiefe Trauer und Hoffnungslosigkeit und schließlich gelangte er zur Akzeptanz. Und gerade als er sich damit abgefunden hatte, dass dieses kleine Königtum die Realität, die Zukunft ein Traum war, fand er in den entlegensten Hügeln unter einem Felsen etwas. Eine Fernbedienung. Wie viel kann man einem kleinen Prinzen zumuten? Er rannte zum Rand des Zauberwaldes, hinein, hindurch, rannte Stunden, erreichte eine Wand, die blau war und nach oben hin kein Ende hatte.
Was war hier passiert?
Tatsächlich war, ich offenbare es, die ganze Welt des Prinzen ein Fernsehstudio und das Leben des Prinzen eine Reality-TV-Serie. Der Prinz selber wusste davon nichts, er war hier geboren, in einer mediävalen Szenerie, war ein Mittelaltermensch aus Fleisch und Blut, die ersten 18 Jahre seines Lebens nichteinmal wissend, was Fernsehen ist. Und gleichzeitig eine Fernseh-Berühmtheit. Erst seine vermeintliche Zeitreise zeigte ihm, was Fernsehen ist. Was hatte es nun mit der Zeitreise auf sich? Man hatte ihn in ein künstliches Koma versetzt und das Studio umgebaut, wodurch der Eindruck einer Zeitreise erweckt wurde. Die reale Konfrontation eines Menschen aus dem Mittelalter mit der Gegenwart, die wirklichkeitsnahe Simulierung einer Zeitreise. Die Produktionsfirma hatte sich dies für eine Reihe von Sonderfolgen ausgedacht, um die Serie zu retten, denn die Einschaltquoten waren schlecht. Die Leute liebten Reality-TV-Serien aus der Jungsteinzeit, der Römer- und der Zeit des dritten Reiches mehr. Und leider war die eigentlich geniale Idee nicht neu, man hatte sie in den erwähnten Formaten schon mehrmals gebraucht. Zwar gewann man ein paar wenige Zuschauer hinzu, das reichte aber nicht; weshalb gegen die Flucht Fritzens auch nichts unternommen wurde. Man entließ ihn, ohne Gage, ohne Hilfe, man warf ihn heraus in eine fremde Welt. Nicht ganz fremd, zumindest hatten die Zukunftsfolgen ihn ein wenig auf die moderne Welt vorbereitet.
Den Moment, als er vor der blauen Wand stand sahen nicht mehr viele Menschen. Ein Sensor zur Simultanverschriftlichung von Gedanken, der bei der Geburt implantiert wurde, ermöglichte es den Zuschauern, in Form einer Untertiteloption, buchstäblich seine Gedanken zu lesen. Eine für dieses Format standardisiert angewandte Technologie. Seine verzweifelten inneren Selbstgespräche angesichts der blauen Wand stießen auf wenig Interesse. Mancher ärgerte sich, dass dieser Tölpel nicht früher bemerkt hatte, in einer falschen Welt zu leben.
Danach wurde das Studio umgebaut, um eine andere Reality-Serie zu installieren. Was wiederverwertet werden konnte, wurde wiederverwertet. Die Drachen und "anderen Bestien", die genetisch erzeugte Wesen waren (zT Mischwesen aus Komodowaran und Nilpferd, oder Krokodil, Hai und Elefant) wurden größtenteils eingeschläfert. Die Schauspieler der Prinz-Fritz-Serie stellten sich für andere Film- und Serienproduktionen vor. Das ganze Universum zerfiel und ließ Fritz zurück, mit dem Wissen, sein Leben lang das Falsche für das Richtige gehalten zu haben. Nie hatte er einen Menschen wirklich gekannt, nie etwas Echtes erlebt, nie den wirklichen Himmel gesehen.
Er hörte von Organisationen, die gegen diese Art von "Unterhaltung" agierten und schloss sich ihnen an. Dieser Kampf ist gerade im Gange, wie er ausgeht ist ungewiss.
Amerdi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 11.07.2018, 01:11   #2
männlich San Fabiano
 
Dabei seit: 01/2018
Ort: in jeder Tiefkühltruhe erhältlich
Beiträge: 169


Hi,

Und was ist mit den Menschen in seiner medivalen umgebung zb den bauern? Wussten die bescheid?
LG
San Fabiano ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.07.2018, 22:52   #3
männlich Amerdi
 
Benutzerbild von Amerdi
 
Dabei seit: 03/2012
Alter: 28
Beiträge: 198


Ja, alles Schauspieler.
Amerdi ist offline   Mit Zitat antworten
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