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Alt 11.03.2018, 16:52   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Christophs Geschichte

Wenn Christoph seine Mutter besuchte, dauerte es meist nicht lang, dass sie über die Vergangenheit erzählte. Wie sie nach dem Krieg seinen Vater kennenlernte, groß, stattlich, markantes Gesicht. Dass ihm der rechte Unterschenkel amputiert worden war, störte sie nicht. Den Granatsplitter, acht Zentimeter lang, bewahrte er seitdem auf. Sie erzählte von den Härten der Aufbauzeit, den mageren Jahren, der Übernahme des Schuhladens, der einer kinderlosen Tante seines Vaters gehört hatte, und wie es ihnen allmählich besser ging. Wie sie schwanger wurde und Christoph auf die Welt kam. Wie sie immer zwei Babyflaschen mit warmer Milch füllen musste, eine für ihn und eine für seinen Vater, der auf der Couch liegend daraus nuckelte. Sie lachten jedes Mal darüber.

Christoph war ein gehorsames Kind und tat alles, was sein Vater von ihm verlangte. Er war ein guter Schüler. Nachmittags half er im Laden. Die Kunden mochten ihn, weil er ihnen beim Rausgehen die Tür aufhielt. Als er in die Pubertät kam und zu rebellieren begann, griff sein Vater durch. Er schickte ihn zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu lassen. Eine Hose mit weitem Schlag riss er in Stücke, ehe er sie in die Mülltonne warf. Christoph sparte neues Taschengeld, bis es für eine Gitarre reichte und er Unterricht nehmen konnte. Er verehrte die Beatles und übte ihre Songs ein. Er nannte das „auf die Gitarre schaffen“. Um den Vater zu besänftigen, führte er im Laden die Buchhaltung.

Sein Bruder, zehn Jahre jünger, war aus anderem Holz. Er sprach mit dem Vater kaum ein Wort. Befehlen kam er nur scheinbar nach. Wenn er zur Post geschickt wurde, um Briefe und Päckchen aufzugeben, warf er sie in den Hinterhof und verdrückte sich. Mit sechzehn zog er in eine Kommune, begann mit Ölmalerei, webte Leinenstoffe und nähte seine Hemden selbst. Wenn er kein Geld mehr hatte, ging er zu seiner Mutter, doch die Überweisungen kamen vom Vater.

Als Christoph verkündete, er werde ausziehen, weinte seine Mutter. Der Vater schwieg. Dem Bruder war es egal, denn er und Christoph hatten sich wenig zu sagen.

Mit dreiundzwanzig heiratete Christoph. Sein Vater mochte die Schwiegertochter nicht. Sie war ihm zu distanziert und redete zu gelehrt. Sie bekomme bestimmt eines Tages den Doktorhut, schnaubte er verächtlich.

Seinen fünfzigsten Geburtstag feierte Christophs Vater in einem Restaurant. Geschlossene Gesellschaft. Spätabends, als die Gäste sich vor dem Restaurant noch letzte Grußworte zuwarfen, bevor sie zu ihren Autos eilten, nahm der angetrunkene Vater seine Schwiegertochter in die Arme und küsste sie leidenschaftlich. Christoph tat, als habe er es nicht gesehen.

Zehn Jahre später war Christoph geschieden. Er hatte sich in eine andere Frau verliebt und alle Brücken hinter sich abgerissen, auch zu seinem Kind. Die Neue war acht Jahre jünger als Christoph, himmelte die Männer an und setzte sich bei seinem Vater auf den Schoß. Dies sei die richtige Schwiegertochter, strahlte der alte Mann. Christoph war glücklich.

Ein Jahr danach verließ ihn die Neue.

Christoph probierte noch mehrere Neue aus, bis er aufgab und an einer hängenblieb, die ihm sagte, wo es lang ging. Er war müde geworden.

Sein Vater erlitt einen Schlaganfall und verbrachte seine letzten Jahre in einem Pflegeheim. Christoph kümmerte sich um alles und bezahlte die Rechnungen. Sein Bruder kam nicht zur Beerdigung.

11.03.2018
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 11.03.2018, 19:42   #2
männlich Heinz
 
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Liebe Ilka-Maria,
eine lapidar erzählte Geschichte, die ohne erhobenen Zeigefinger denselben in die Risse der Biografie von Menschen, die die Nachkriegszeit erlebt haben.
Zwei Minifehlerchen solltest Du korrigieren:

1. "...den mageren Jahren"

2. "Er schickte ihn zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu lassen."
Das wirkt irritierend. "Er schickte ihn zum Friseur, damit der..." (oder so).

(Bei mir war es keine Hose mit weitem Schlag, sondern eine Schallplatte - A-Seite "Rock around the clock", B-Seite "ABC-Boogie" im Jahre 1956 von Bill Haley, die genau in die obere Ofenöffnung des Küchenherdes passte).

Beste Grüße,
Heinz

Geändert von Heinz (11.03.2018 um 20:49 Uhr)
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.03.2018, 12:08   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Heinz Beitrag anzeigen
Bei mir war es keine Hose mit weitem Schlag, sondern eine Schallplatte - A-Seite "Rock around the clock", B-Seite "ABC-Boogie" im Jahre 1956 von Bill Haley, die genau in die obere Ofenöffnung des Küchenherdes passte.
Das war gemein. Bei mir war es der Eyeliner, der angeblich nur Nutten und Filmstars zustand. Auch eine Art Brandeisen. Ich malte mich trotzdem weiter an wie Cleopatra.

Ich hoffte, dass bei meiner Geschichte die unterschwellige Psychologie ankäme. Ist offensichtlich nicht der Fall.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.03.2018, 17:18   #4
männlich Heinz
 
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Hallo Ilka-Maria,
ich war erst einmal sehr angetan, wie treffend Du ein Zeitcolorit zu Papier gebracht hast. Dann kamen die Mordgedanken wieder hoch, die ich hegte, als ich Bill Haley dahin schmelzen sah. Ich war vierzehn und hatte einen kleinen, heißbegehrten Job als Wäscheausfahrer (Fahrrad mit Gestell für die schweren Wäschekörbe; es gab ja "Nasswäsche" - Wäsche die nur kurz angeschleudert war -, gewaschene/getrocknete Wäsche und Bügelwäsche. Von den paar Kröten hatte ich mir die Schallplatte zusammen gespart. Wenn mein Vater eine Fußballübertragung hörte oder die Schmalzsängerin Lolita, musste es totenstill in der Wohnung sein; meine "Negermusik" (da half auch nicht die Erklärung, Bill Haley sei keiner) - das ging schon mal gar nicht.
Gruß,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.03.2018, 10:00   #5
männlich Wüstensand
 
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Nun, Ilka, Christoph war seinem Vater hörig.
Durch seinen Gehorsam dem Vater gegenüber provozierte er auch noch Verachtung, die der Vater seinem Sohn gegenüber spürte und auslebte.
Daher die Übergriffe auf dessen Frauen.

Dass du die Geschichte in die Nachkriegszeit verlegt hast, könnte ein Indiz dafür sein, dass ein realer Hintergrund besteht.

Solche Schicksale gab und gibt es noch immer zuhauf, auch heute noch in unserer aufgeklärten und unabhängigen Zeit.
Wüstensand ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.03.2018, 12:35   #6
weiblich DieSilbermöwe
 
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Ich würde den psychologischen Hintergrund so interpretieren:
A) Christoph war ein guter Mensch. Er war ein gehorsamer Sohn und hat alles gemacht, um seinem Vater zu gefallen. Er brauchte Leute, die ihm sagten, was er machen solle. Er legte sich ins Zeug und bezahlte alles. Seine eigenen Träume blieben auf der Strecke. Er suchte sich sogar seine Frau danach aus, ob sie seinem Vater gefiel. Und die Moral von der Geschichte: Die Anständigen sind die Dummen.

B) Christoph war ein Waschlappen, der sich gegen niemand durchsetzen konnte und das auch gar nicht wollte. Er ließ sich ausnutzen und durchschaute das nicht einmal. Schließlich fühlte er sich in seiner Opferrolle so wohl, dass er sich noch eine Frau suchte, die ihm sagte, wo es langgeht - wohl als sein Vater nicht mehr dazu in der Lage war oder keine Lust mehr dazu hatte, ihn zu gängeln. Diese Aufgabe übertrug Christoph dann auf seine Frau. Weil er lieber so in seinem bisherigen Lebensmuster weitermachen wollte als selbstständig etwas zu ändern.

Für A) und B) gilt: Sein Bruder kümmerte sich um gar nichts, war faul und bekam trotzdem alles bezahlt und wurde von seinen Eltern geliebt.
Die Anständigen sind die Dummen oder: Warum kam er mit allem durch? Und vor allem: Fiel Christoph das gar nicht auf? Wurde er nicht einmal deswegen wütend? War es ihm egal?

Wahrscheinlich kann man länger über die Psychologie der Geschichte philosophieren als die Geschichte selbst lang ist. Wenn das Absicht war, ist sie sehr gut gelungen.

In welcher Zeit die Geschichte spielt, ist eigentlich unerheblich.

Noch etwas zur Textgestaltung:

Zitat:
Wenn Christoph seine Mutter besuchte, dauerte es meist nicht lang, dass sie über die Vergangenheit erzählte. Wie sie nach dem Krieg seinen Vater kennenlernte, groß, stattlich, markantes Gesicht.

Das gefällt mir so nicht, der letzte Satzteil wirkt unfertig. Man könnte schreiben: "er war groß und stattlich und hatte ein markantes Gesicht".

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
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