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Alt 19.11.2012, 09:43   #1
männlich Desperado
 
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Standard Zu Poetry

Zu Poetry

So Vieles gäbe es zu kommentieren, belobigen, bewundern, besprechen, so wenig fällt mir ein dazu, ein „gefällt mir“ allein kommt mir so wichtigtuerisch vor, ein „könnte man besser machen“ hat was anmaßend Wertendes, ein „sagt mir nichts“ ist ohnehin vollkommen überflüssig, ein „weiter so“ klingt väterlich von oben herab, ein „toll gemacht“ so gönnerhaft, ein „interessant“ so lehrmeisterlich... also sag ich garnix, lese mich durch die Beiträge und behalt’s für mich, weil mir meine Gedanken zuallermeist so bedeutend nicht erscheinen, unbedingt mitgeteilt werden zu müssen. Nehm mich nicht allzu wichtig ehrlich gesagt und bin sehr viel lieber mit Blödeln beschäftigt.

Gefreut hab ich mich nie drüber, wenn jemand „abgegangen“ ist und ich auch nur mittelbar daran beteiligt oder zumindest darin verwickelt, immer wär’s mir lieber gewesen, derjenige hätte eingelenkt, umgedacht, die Richtung geändert, seine Maske ein Stück weit abgenommen oder wenigstens durch eine liebenswürdigere oder ehrlichere ersetzt, zumal ich aus persönlicher Erfahrung weiß, dass dieses durchaus möglich ist und machbar und immer wieder mal vorkommt. So aber wurd’s anderswo nur noch schlimmer und düsterer, und ein Grund zur Freude ist das mitnichten. Hatte eine gewisse Erleichterung zur Folge, das ohne Zweifel, geb ich auch unumwunden zu, Entspannung ja, aber keine Genugtuung. Warum auch?

Gewundert hat mich von Anfang an, wieviel Rolle Politik spielt in einem Literaturforum im Umgang miteinander und wie schwerwiegend die damit einhergehende Ab- bzw. Zuneigung zum Teil ist- etwas, dass ich nie begreifen werde, weil der Mensch für mich weitaus mehr und vielschichtiger ist als ein politisch wie auch immer geprägtes Individuum mit eigenen Erfahrungen, die gehässige Polemik und offen zur Schau gestellte Ablehnung, mit der da „argumentiert“ wurde, machten mich mitunter mürrisch, traurig und wütend. Wozu bitte soll das gut sein und wer hat etwas davon?

Als Baier zum Beispiel hab ich von früher Jugend an gelernt, in einer konservativen und „rechts“politisch geprägten Umwelt zu leben und mich mit den Leuten zu arrangieren, was hätte ich davon, die überwiegende Mehrheit mit Bausch und Bogen abzulehnen, sollen sie doch schwarz wählen von mir aus wenn sie unbedingt meinen, einer freundlichen und von gegenseitiger Achtung getragenen Begegnung steht das mitnichten hinderlich im Wege.

Überhaupt vermisste ich des öfteren schmerzlich das, was man im Allgemeinen als Toleranz bezeichnet, nicht nur etwa in den üblich kniffligen religiösen Fragen, auch bezüglich gesellschaftlicher Ansichten und künstlerischer Schwerpunkte, die erfreulicherweise voneinander abweichen, die wünschens- und erstrebenswerte Einheit in der Vielfalt scheiterte allzu oft an kleinlicher Rechthaberei und engstirniger Einseitigkeit, was ich zum einen bedauerlich und zum andern vollkommen unnötig finde. Wenn man schon nicht voneinander lernen will, kann man sich doch wenigstens achten und einander zumindest mit dem Respekt begegnen, den man für sich selbst beansprucht. Hier wurde oft um des Kaisers Bart gestritten bis ins absurd Lächerliche und Abstruse, einzig um des Streitens Willen und demzufolge ohne Ergebnis. Darf ab und zu sein und gehört zum menschlichen Miteinander, ist aber auf Dauer zermürbend und äußerst destruktiv.

Ich für meinen Teil schlängle mich so durchs Geschehen, unverbindlich locker aber bestimmt, häute mich wohl ab und zu oder ändere die Richtung, wenn sie ins Leere führt oder keine Aussicht auf „Erfolg“ hat, hab’s trotz einiger anderslautender Überdrussphasen nie endgültig bereut, hier gestrandet zu sein und mich hier rumzutreiben, weil doch immer wieder was anregend Belebendes zu finden ist, gute und ungewöhnliche Leute vor Ort sind sowie liebenswerte Verrückte, und die Möglichkeiten zur Entfaltung im Grunde sehr weiträumig angelegt, was andrerseits leider die hier angesprochenen Begleiterscheinungen mit sich bringt und einem das nötige Maß an Selbstbeherrschung und Rücksichtsnahme abverlangt für ein einigermaßen gelingendes Miteinander, sowas hab ich immer schon gemocht, ohne jetzt unbedingt ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben oder gar einem Plan zu folgen, ja ohne mir etwas Konkretes zu erwarten, es ist Leben eben and life only und ich trotz aller Präsenz zu keiner Zeit mehr als interessierter Beobachter.

Und Angeber und Klugscheißer und Wichtigtuer und Besserwisser und Moralapostel und Plaudertüte und Dampfplauderer und Possenreißer und Spötter und Streithansel und Raufbold und und und... vor allem aber und zuallererst aufmerksamer Leser.

In diesem Sinne, keine Ahnung, was ich noch so alles vorhab...
Desperado
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Alt 19.11.2012, 10:37   #2
weiblich MuschelIch
 
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Danke für Dein Statement, Desperado.

@ Nicht - Kommentieren: Ich versteh Deine Haltung und die Gründe aus denen heraus Du keine Kommentare schreibst. Andererseits gehört es zum menschlichen Umgang einfach dazu, eine Haltung einzunehmen zu dem, was andere sagen / denken / ausdrücken (grade wollte ich statt Haltung "Stellung" schreiben; da ist mir aufgefallen, daß dies ein Wort aus der Militärsprache ist ..... denkwürdig)
Gedichte, die mir nicht gefallen kommentier ich in der Regel nicht. Bei welchen, die mich begeistern oder sonstwie für mich besonders sind, da muß ich einfach was dazu sagen. Dazu ist mir "Kreativität" einfach zu wichtig ... als daß ich da nichts sagen würde dazu.

Schwierig ist es für mich bei denen, die ich völlig bescheuert finde - da gibt es nur wenige und immerhin. Da fällt es mir schwer mich zurückzuhalten .... - ich tus aber in der Regel.

@ Politik: Da ich mich schon vor sehr langer Zeit von der aktuelllen Tagespolitik verabschiedet habe, da diese Spezies der Maskenträger die übelste - ist , habe ich id Regel zu politischen Debatten wenig zu sagen.
Ich lese auch - meist - tagesaktuelle Politik nicht, weil mich das entweder unglaublich traurig macht oder aggressiv .... oder verwirrt. Also habe ich mir angewöhnt, Politik als Spiel der Großkopferten zu betrachten.

Was es mit diesem "Man muß aber eine politische Meinung haben" auf sich hat .... hmmm ... das müßte man mal genauer untersuchen.
Mir ist ein Vogelständchen hier im Hof oder der Mozart, der grade in meinem Hintergrund spielt, wichtiger als die Ständchen von Merkel & Co.KG.

Ich weiß, daß ich mich mit dieser Meinung ins Eck der Fast-Doofen stelle ... und seis drum ::

Vielleicht ist es ja Teil des menschlichen Primatenerbes, daß soviel politisiert wird: Die Oberen machens vor und sind sehr wichtig und sehr gut bezahlt ...die Eltern machens nach .... die Kinder kriegens mit der Muttermilch eingeflößt: Politik ist wichtig !! Wer drüber redet auch -scheinbar.


Liebe Grüße

MuschelIch

Geändert von MuschelIch (19.11.2012 um 11:52 Uhr)
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Alt 19.11.2012, 11:48   #3
männlich Desperado
 
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Zitat:
Zitat von MuschelIch Beitrag anzeigen
Bei welchen, die mich begeistern oder sonstwie für mich besonders sind, da muß ich einfach was dazu sagen. Dazu ist mir "Kreativität" einfach zu wichtig ... als daß ich da nicht sagen würde dazu.

Vielleicht ist es ja Teil des menschlichen Primatenerbes, daß soviel politisiert wird: Die Oberen machens vor und sind sehr wichtig und sehr gut bezahlt ...die Eltern machens nach .... die Kinder kriegens mit der Muttermilch eingeflößt: Politik ist wichtig !! Wer drüber redet auch -scheinbar.
Hallo MuschelIch,

das mach ich für gewöhnlich ja auch, meiner Begeisterung Ausdruck verleihen oder meiner Betroffenheit, nur weiß ich manchmal nicht wie und selbst wenn, scheint es mir viel zu vereinzelt, es ist schlicht nicht möglich, allen gerecht zu werden, was ich bedauere, deshalb aber noch lange nicht heißt, dass mir dies oder jenes nicht ebenso gut gefallen hat, das wollte ich im Grunde damit sagen.

Die Oberaffen! Ich sag's ja immer. Politische Runden hier, Interviews da, immer wieder das Gleiche wiedergekäut und ins Uferlose zerredet, blablablabla, es ist meines Erachtens legitim und durchaus nicht abwegig, sich davor zu schützen. Ein stetes Auge hab ich zwar auf die politischen Machenschaften und Ränkeschmiedereien, aber was die Verantwortlichen selbst dazu zu sagen haben oder sonst wer, schert mich nicht die Bohne, das kannst du dir getrost sparen.

Andrerseits stört es mich mitnichten, wenn andere das tun, aktuelle Fragen erörtern und Kritik zum Ausdruck bringen, noch dazu in Gedichtform gepackt, ganz im Gegenteil, das gehört für mich dazu und sollte nicht deshalb grundsätzlich abgeschmettert werden, weil es "politisch" ist. Diese einseitig apolitische Tendenz zum Beispiel lehne ich als Verengung entschieden ab.

Einfach nicht damit beschäftigen ist indessen überhaupt kein Problem für mich. Ist ja keineswegs zwingend.

Danke für Deine Antwort!
Desperado
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Alt 19.11.2012, 12:56   #4
Ex-zonkeye
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Unser Kauboi verwechselt dies Literaturforum mit einem Internetauftritt, in dem man sich an den Hervorbringungen Dritter ergötzt und im übrigen bestrebt ist, sich persönlich zu imaginieren, vornehmlich natürlich so, wie man sich selbst gern sähe und auch vom andern gern gesehen werden möchte.

Unbeschadet dessen, dass solche virtuelle Charaktere kaum durchgängig zu zeichnen sind und daran kränkeln, dass einigermaßen belesene und lebenserfahrene User schon recht bald die Diskrepanz zwischen Schein und Sein erkennen – Rollenspiele dieser Art bedeuten einen immensen Aufwand für den Akteur, dem schließlich kaum noch Zeit und Gelegenheit bleiben, jenem Anspruch nachzukommen, den ein Literaturforum an seine User stellt. Es findet kein inhaltlich-literarischer, sondern nur mehr ein persönlicher Dialog statt.

Am Ende verfällt der Harlekin auf die Idee, das Forum umzudeuten und besondere Regeln aufzustellen, die seiner eigenen Identity-show dienen mögen, aber rein gar nichts mehr mit dem Impetus des ursprünglichen Web-Auftrittes zu tun haben. So weit gediehen, wird aus sachlichem Diskurs belangloses Gequatsche über persönliche Befindlichkeit, und das Forum verliert seine Widmung.

Zusammenfassend: Nichts gegen filosofische Mutmaßungen über den Lauf der Welt im Allgemeinen und über das Wesen von Literaturforen im Speziellen. Dies aber unermüdlich mit der persönlichen Herkunft, den persönlichen Vorlieben, seiner Bildungssituation, seinen Bekanntenkreisen und Erlebnissen zu garnieren, nervt unendlich.

Ein Text spreche für sich, und ebenso eine Kritik. Alles andere ist pillepalle und gehört in einen Chat.

Wenn Du für einen Bayern gehalten werden möchtest, Kauboi, dann musst du das Üpsilon verwenden. Das „Iih“ geht leider gar nicht. Es ist verräterisch (s. o.)!

lg z
Ex-zonkeye ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 19.11.2012, 13:37   #5
männlich Desperado
 
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Tut mir leid, Zonkeye,

aber ich sehe keinerlei Veranlassung, auf dieses obskure Pamphlet -gegen wen auch immer es in Bezug auf was auch immer gerichtet sein mag- etwas auch nur halbwegs Vernünftiges zu erwidern, da es dadurch nur eine Aufwertung erfahren würde und ihm der Anstrich einer Legitimation verpasst werden, eine Behandlung, die ich für definitiv unangebracht und überflüssig erachten muss.

Mit freundlichen Grüßen
Desperado
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Alt 19.11.2012, 20:31   #6
weiblich marlenja
 
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Zitat:
Zitat von Desperado Beitrag anzeigen
Nehm mich nicht allzu wichtig ehrlich gesagt...
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Alt 19.11.2012, 21:05   #7
weiblich Poetibus
 
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Beiträge: 562

Hallo, Desperado,

ich habe dein Statement sehr interessiert gelesen.

Weißt du, meine persönliche Auffassung ist eigentlich sehr kurz: Poetry ist das Dorf der Welt, weil die Welt ein Dorf ist.

Hier trifft man genau die gleiche kunterbunte Mischung der unterschiedlichsten Charaktere und Überzeugungen wie "draußen" auch.

Manchmal wird man gelobt, manchmal kritisiert; ab und zu gibt es Sympathie und ab und zu Abneigung. Freundschaften und Streit, Beistand und Attacken - das ist das Leben, so, wie es ist.

Mir gefällt's hier, ich mag es bunt.

Freundlichen Gruß,

Poetibus
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