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Alt 17.01.2022, 14:25   #1
Sunyata
 
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Standard Stahlspritzer

Ich zog meinen Kopf tief ein, als ich die Türschwelle des unterirdischen Bunkers durchschritt. Ich musste gebückt bleiben, denn die aschgraue Stahlbetondecke war so niedrig wie meine Schultern. Mir war, als könnte ich Gewehrsalven, Bombenexplosionen und Todesschreie hören, ganz leise nur, wie aus weiter Ferne. Bis auf den fahlen Sonnenschein, der durch die schon lange nicht mehr verschließbare Tür schien, gab es keine Lichtquelle. Dunkelheit verhüllte das Ende des Ganges wie ein schwarzer Nebel. Ich vermutete die Anderen tiefer in der Anlage, blieb aber bewusst zurück, um mich noch einen Moment umzuschauen. Draußen vor der Tür, auf einer dünnen Erdschicht über dem Beton, spross das erste frische Frühlingsgras, es zitterte aufgeregt im Wind, als könne es den Sommer kaum erwarten. Gleich darunter war der Beton von Einschusslöchern und Granatsplittern durchsiebt. In manchen Löchern steckte noch das Projektil, nur der schorffarbene Rost verriet, dass das Morden hier bereits lange vorüber war. Vom Türpfosten fehlte ein faustgroßes Stück. Hier war also die Sprengladung explodiert, als man den Bunker gestürmt hatte. Neben der Tür war ein Spalt in der Bunkerwand, gesäumt von zwei Stahlteilen, die Schießscharte. Unser Tourguide meinte, der Schütze hätte großes Pech gehabt und sei von einer Kugel direkt durch den Spalt getroffen worden. Ich blickte von innen kurz hindurch. Für einen Moment fühlte es sich so an, als würde ich das Schicksal teilen.

Ich hörte Stimmen aus dem Dunkel und folgte ihnen. Drinnen war es feucht, die Luft schwanger von einem schimmligen Geruch. Unvermittelte, eiskalte Tropfen auf meinem Gesicht ließen mich zusammenschrecken. In der Finsternis war es schwer, etwas zu erkennen, erst sehr spät nahm ich den Betonträger wahr, der von meinem Kopf den zu lange verweigerten, schmerzhaften Wegzoll verlangte, indem ich gegen ihn stieß. Ich ertastete auch eine verbarrikadierte Tür zu meiner Rechten. Erst einige vorsichtige Schritte später konnte ich einen Lichtschimmer sehen, aus dem sich langsam ein unförmiges Gebilde herausschälte. Ich kam in einen größeren, kreissegmentförmigen Raum, mit einem weiten, aber dünnen Schlitz als Öffnung zur Außenwelt. Pedro und die anderen beiden Touristen umringten zusammen mit dem Tourguide ein riesiges Panzerabwehrgeschütz, das noch immer bedrohlich Wache hielt über den weiten Strand unter uns, bereit, alles zu vernichten, was den Sand berührt. Ich lauschte für einige Zeit dem britischen Englisch unseres Führers. Meinem Großvater gefiel es nie, dass wir Enkel alle Englisch lernten. Er hatte den Briten nie verziehen, was er in Hamburg erlebt hatte.

Der Hinweis unseres Guides machte mich darauf aufmerksam, dass auch hier ein Geschoss eingeschlagen war und die Bedienmannschaft getötet hatte. In diesem Raum war die Wand erneut von Projektilen wie mit Stahlspritzern übersät. Während die anderen aufmerksam zuhörten, fasziniert die Zerstörungsmaschine betrachteten oder über den Krieg fachsimpelten, als wären sie selbst Generäle, fühlte ich mich schuldig. Es war eine Vergnügungstour durch den neunten Kreis der Hölle, die jetzt erkaltet war. Das Blut war ausgewaschen, die Knochen aufgesammelt; doch der bröckelnde Beton mahnte weiter, litt weiter, starb weiter.

Im nächsten Raum war ein großes Loch in der Decke, das Artilleriegeschoss hineingeschlagen hatte. Der Boden darunter wurde von der Natur zurückerobert, Kräuter kämpften sich unerbittlich ihren Weg durch die Betonplatten des Bodens, die langsam aber beständig von ihnen durchbrochen wurden. Der Bunker fiel zum zweiten Mal.
Der Weg ging wieder nach draußen, zurück ins Licht. Ein starker frischer Wind wehte hier, über Orte des Lebens und des Todes gleichermaßen. Der Pfad schlängelte sich um Bombentrichter von der Größe von Geländewagen, ein jeder schien sein Ziel verfehlt zu haben. Die ganze Gegend war vernarbt von ihnen, entstellt wie jene, die von hier zurückgekehrt waren. An der Kante der Klippe gab es nun eine kleine Stahltreppe, die nach Belieben hoch oder runter führte, ein Luxus, den die Gebirgsjäger damals nicht besessen hatten. Während wir hinabstiegen, sah ich in den knochenfarbenen Kreidefelsen zahlreiche mausgraue kleine Bunker, die sich wie Flöhe im Fell eines Bären in das Gestein gesetzt hatten. Viele von ihnen waren zerfallen, zerstört, aufgesprengt. Die Stahlträger im Beton standen merkwürdig verdreht aus dem aufgebrochenen Gestein heraus, fast wie Fontänen aus Blut, die aus großen Wunden strömen wie in billigen Horrorfilmen. Ich fragte mich, wie es gewesen sein musste, in einer dieser kleinen Kabinen auszuharren. Allein gegen einen Sturm, der im Begriff gewesen war, jede Mauer zu durchbrechen und alles mit sich zu reißen – Beton, Fels, Stahl, Matsch, Blut, Leben. Nichts hatte widerstehen können.

Es war merkwürdig still, das Meer war hinter den Horizont verschwunden, die Ebbe hatte es mit sich genommen. Aus dem feinen Strandmatsch, der zurückblieb, hob sich halb versunken eine algenbedeckte Betonstruktur, bestehend aus großen, mit Stahlseilen verbundenen quadratischen Platten, die nun zerbrochen waren und sich weit in das Watt hineinzogen. Ich grübelte einige Zeit, wozu sie gedient haben mögen, während wir über den eigenartig feinen und doch festen Sand darauf zuliefen. Dort angekommen, erläuterte uns Diederik (es stellte sich heraus, er war Niederländer der einige Zeit in England gelebt hatte) mit vielen Bildern und noch mehr Worten die Geschichte dieses provisorischen Kais, der in rauer See zerstört worden war. Bald schon wurde meine Aufmerksamkeit gestohlen von den vielen weiteren Bunkern, die den Strand und die Felsen säumten und uns quasi umzingelten, alle hatten sie ihre Schießscharten auf genau meine Position gerichtet. Selbst in diesem Zustand hatten die Bunker ihre Stellung nie verlassen, sie kannten keinen Frieden. Ich hingegen kannte nichts anderes. Wäre ich zu einer anderen Zeit geboren, wäre ich dann hier gewesen, als sie noch nicht in Trümmern lagen? Hätte es mich hier durchsiebt, zerfetzt, verbrannt? Oder hätte ich dort heraus getötet? Hätte ich eine Wahl gehabt, hätte ich überlebt, wie sehr hätte ich gelitten?
Neben uns geisterten an diesem noch sehr kalten Tag nur wenige andere Menschen über den Strand. In der Ferne begutachteten einige mysteriöse Gestalten einen kleinen Bunker, sie schienen damit beschäftigt zu sein, wie Geier aus einem Kadaver ein paar Stücke herauszureißen, um ihren Hunger nach Besitz zu stillen. Tiefer im Matsch waren einige Schatzsucher mit ihren Detektoren unterwegs, begierig nach den Kugeln, vor denen sich einst alle gefürchtet haben.

Diederik beendete seinen Vortrag und gab uns die Gelegenheit, den Strand für einige Zeit selbst zu erkunden. Pedro schlug vor, tiefer in das Watt hineinzulaufen, um den Strand so zu sehen ,wie die Soldaten damals bei der Landung. Ich stimmte zu und wir liefen vorbei an der großen Betonstruktur, die bereits so lange versunken war, dass sie nach Austern roch. Während wir voranschritten, zählte Pedro all die Befestigungen auf, die auf dieser Höhe einst den Strand hatten verteidigen sollten: der stählerne Spargel, riesige Stahlkreuze und Minen. Letztere zerfetzen deine Beine in viele kleine Stücke, als wären sie eine Seeschnecke, die ein Kind im Spiel zertritt. Was nimmst du wahr in diesem letzten Augenblick, bevor eine Mine dein Schicksal besiegelt, deinen Unterleib in blutendes Fleisch verwandelt? Den feuchten Sand, der langsam unter dir einsinkt, wie er es auch für mich tat? Vielleicht noch ein letztes Klicken?
Nach einigen hundert Metern hatten wir jeden hinter uns gelassen, die Möwen schwangen sich panisch in die Lüfte, als wir uns näherten, gleich so, als trachteten wir nach ihren Leben. Als unsere Schuhe im Wasser einzusinken drohten und wir das Meer erreicht hatten, drehten wir uns um und blickten zurück. So weit wir den Strand sehen konnten, war er überzogen mit Trümmern und Ruinen hunderter Bunkeranlagen, die sich immer noch stolz der steifen Brise entgegensetzten, die vom Meer aus gegen sie prallte. In nur wenigen Minuten hatten wir eine Strecke zurückgelegt, die einst tausende Leben gekostet hatte. Ich kniete mich nieder und nahm etwas vom Sandschlamm in meine Hand, ließ ihn von der einen Hand zur anderen fließen. Mir war, als hätte er einen Rotstich. Als die letzten Ausläufer einer Welle meine Schuhe umspülten, legten sie die Umrisse eines Objekts frei. Ich entfernte den Matsch und erkannte darin einen weiteren Brocken der Bunker, der bis hierher gespült worden war. Die Zeit hatte es wohl abgenagt, ganz ohne stählerne Waffen. Pedro, der gerade noch gedankenverlorenen in die Ferne starrte, schaute mir neugierig zu. Ich blickte zu ihm auf und murmelte:
„Um ein Stück hiervon herauszuschlagen, wurde zu Zeiten unserer Großeltern ein Meer an Blut vergossen. Ich fühle mich plötzlich dankbar dafür, hier und heute zu leben. Gerade erst spüre ich wirklich, was für ein Privileg wir haben. Lass uns hoffen, dass unser Glück erhalten bleibt, dass es nie wieder so weit kommt, dass die Welt unserer Großeltern nie wieder zurückkehrt.“

Pedro fasste mir auf die Schulter, lächelte leicht und meinte: „Nein. Wir sollten nicht nur hoffen ...“
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Alt 17.01.2022, 15:37   #2
weiblich Ilka-Maria
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Willkommen bei Poetry, Sunyata.

Hier lieferst du gleich mal eine längere Geschichte, und ich muss sagen: Das Fabulieren fließt dir offensichtlich flüssig aus der Feder. Indessen ... schon beim ersten Absatz war ich hinsichtlich der Schilderungen irritiert.

Zunächst habe ich versucht, meinen Kopf so tief zu neigen, dass er nebst der Halswölbung nicht höher als meine Schultern bleibt, bin jedoch gescheitert. Ich müsste schon den Rücken beugen, um durch so einen niedrigen Gang gehen zu können. Vermutlich war das von dir auch so gemeint gewesen.

Wenn ich einen unterirdischen Bunker bauen lassen würde, läge er mit Sicherheit nicht unter einer dünnen Grasdecke, sondern metertief im Boden. Und die Eingangstür wäre nicht so beschaffen, dass Licht durchfallen kann, sondern sie wäre massiv und nur mit schwerstem Geschütz aufzubrechen. Gemeint ist offensichtlich das Loch, in dem mal eine Tür gewesen ist oder an dem nur noch ihre Reste hängen. Aber wenn der Bunker Gegenstand von Touristenführungen geworden ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass man eine nicht mehr verschließbare Tür drangelassen hat, statt ihn vor unerwünschten Besuchern zu schützen.

Zu Überdenken wären auch Zwischentüren und auf jeden Fall ein Fluchtausgang. Ob es tatsächlich derart leicht zu erstürmende unterirdische Bunker gab oder gibt, wie von dir beschrieben, kann ich allerdings nicht mit Sicherheit wissen, weil ich nur überirdische Bunker kenne.

Ferner kann ich mir nicht vorstellen, dass im Beton dicht unter der Grasfläche Einschusslöcher sind, wie hier beschrieben:

Zitat:
auf einer dünnen Erdschicht über dem Beton, spross das erste frische Frühlingsgras, es zitterte aufgeregt im Wind, als könne es den Sommer kaum erwarten. Gleich darunter war der Beton von Einschusslöchern und Granatsplittern durchsiebt.
Gemeint sind wohl eher die Innenwände und -decken. Ob Projektile in geraden Wänden steckenbleiben können, anstatt abzuprallen, weiß ich nicht, denn ich kenne mich in Ballistik nicht aus. Ich weiß nur, dass Kugelfangvorrichtungen an Schießplätzen so angelegt sind, dass die Geschosse nicht abprallen können. Aber wir haben im Forum eine Expertin für Waffen, die bestimmt aufklären kann.

Ich belasse es beim ersten Abschnitt, muss auch zugeben, dass ich nicht alles gelesen habe und sich das eine oder andere vielelicht später noch aus der Story ergeben hätte.

Kurz gesagt: Die Lust am Schreiben ist dir anzumerken, auch legst du Wert darauf, Atmosphäre zu schaffen. Mit der Genauigkeit, Bilder glaubhaft darzustellen, hapert es jedoch.

Vielleicht nimmst du dir die Geschichte ja nochmal vor. Nichts gegen Phantasie, aber eine Story sollte in sich logisch sein, damit sie den Leser überzeugt. Auch wenn sie nichts mit der Realität zu tun haben muss, sollte der Leser sich den Hergang vorstellen können, ohne dabei Störgefühle zu bekommen.

VG
Ilka
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Alt 18.01.2022, 03:25   #3
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Ob Projektile in geraden Wänden steckenbleiben können, anstatt abzuprallen, weiß ich nicht, denn ich kenne mich in Ballistik nicht aus. Ich weiß nur, dass Kugelfangvorrichtungen an Schießplätzen so angelegt sind, dass die Geschosse nicht abprallen können. Aber wir haben im Forum eine Expertin für Waffen, die bestimmt aufklären kann.
Liebe Ilka-Maria,
in der Tat kann ich hier helfend aufklären. Selbst Projektile des Kalibers .44 Rem Mag im Volksmund meist 44er Magnum genannt dringen nicht in Beton ein sondern verformen sich beim Aufprall und prallen ab, man nennt das dann Querschläger. Das gleiche gilt auch für Geschosse aus Sturmgewehren, Maschinenpistolen oder Maschinengewehren. Selbst der Einsatz panzerbrechender Munition aus entsprechenden Waffen wie z.B. einer Panzerfaust durchdringt nur Stahl, weil dieser beim Aufprall des Geschosse von einem durch die Anordnung des Sprengstoffes entstehenden Metallstrahles mit sehr hoher Geschwindiigkeit durchdrungen wird. Bei massiven Beton Wänden wie man sie bei einem Bunker voraussetzt klappt das nicht.
Die Einschusslöcher im Beton gibt es in der Realität nicht.

Noch etwas gibt es in der Realität nicht, rostende Munition.

"... darunter war der Beton von Einschusslöchern und Granatsplittern durchsiebt. In manchen Löchern steckte noch das Projektil, nur der schorffarbene Rost verriet, dass das Morden hier bereits lange vorüber war."

Projektile rosten nicht. Sie werden aus unterschiedlichen Metalllegierungen hergestellt und keine rostet.

Soviel zum Text.

Freundliche Grüsse

Corazon
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Alt 18.01.2022, 08:17   #4
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Deckt sich mit dem, was ich gelesen habe.

Meine Erfahrung über das Schreiben, insbesondere bei Prosatexten: Vorher gut recherchieren!

Außer der Pfütze, in der ein Mensch jeden Tag paddelt und die er somit gut kennt, gibt es keine anderen Lebensbereiche, über die ein Autor schreiben kann, ohne umfassend zu recherchieren. Das kostet sogar die meiste Zeit. Ohne das Sammeln von Material, Prüfung auf Stimmigkeit und zielsicher vorbereiteten Interviews mit Leuten aus dem betreffenden Bereich kommt kein Autor aus.
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Alt 18.01.2022, 11:36   #5
Sunyata
 
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Wow, cool dass sich hier Leute sogar mit Militärtechnik auskennen!

Bei der rostenden Munition habe ich an sowas gedacht. Die findet man, je nachdem wo man wohnt, sogar recht häufig, es gibt viele Bilder davon im Internet und vor ein paar Jahren habe ich so eine Kugel sogar mal selber gefunden. Es kommt natürlich immer auf die spezielle Munition an, ob sie rosten kann. Bei moderner ist das wahrscheinlich nicht mehr der Fall, heutzutage hat man bessere Legierungen. Zu Kriegszeiten war das etwas anderes.

Bezüglich der Kugel die im Beton steckenbleiben - da spielen viele Faktoren eine Rolle: Winkel, Energie, Material und Form der Kugel und vor allem Material des Bunkers. In hochfestem Beton kann eine Kugel problemlos stecken bleiben. Ebenso in Zement.

Die Architektur des Bunkers sollte ich vielleicht tatsächlich noch etwas transparenter beschreiben. Ich habe mich hauptsächlich auf die Impressionen fokussiert, die ich hatte, als ich vor Ort war. Die Grasdecke ist im übrigen deshalb dünn, weil sie hauptsächlich zur Tarnung diente.
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Alt 18.01.2022, 12:07   #6
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Ich bin da nicht geschult in dem Thema, aber ich glaube zu wissen, das man unterscheiden soll zwischen zerfressendem Rost oder einer Patina die sich über etwas legt, eine Patina entsteht laut meines Wissens bei vielen Edelmetallen, welches aber das Grundgehäuse nicht angreift bzw zersetzt.
Beides sind chemische Reaktionen einer Oxydation. Eisen rostet rot, aber alles mit Kupferlegierung hat glaube ich die eigenschaft eine Patina zu entwickeln die oft als Schmuckeffekt erzielt wird
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Alt 18.01.2022, 13:03   #7
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Zitat:
Zitat von Sunyata Beitrag anzeigen
In hochfestem Beton kann eine Kugel problemlos stecken bleiben. Ebenso in Zement.
Hm ... kommt auf die Zeit seiner Entwicklung an. Ultrafester Beton und Stahlbeton wurden erst in den 50er Jahren breitflächig verbaut. Die Mischungen davor hatten längst noch nicht die Festigkeit.

Ich kenne mich zwar nicht damit aus, ich weiß nur, dass in meiner Heimatstadt einige Phantasiebauten aus Beton in einem Park stehen, die anlässlich einer Gewerbeausstellung Ende des 19. Jahrhunderts angefertigt wurden. Dieser Beton war noch unbewehrt, enthielt also keine Stahlverstärkung, und war laut Beschreibung typisch für den damals meistverwendeten Beton. Zwar kannte man schon Stahlbeton, aber so richtig in Verarbeitung kam er erst in den 50er Jahren.

Das schließt natürlich nicht aus, dass das Militär bereits Stahlbeton für Bunker eingesetzt hat. Allerdings frage ich mich, wie das nach dem 1. WK runtergewirtschaftete und völlig verarmte Deutschland das finanziert haben soll. Hitler ließ vor und während dem 2. WK wie verrückt Geld drucken, um seine Aufrüstung zu bezahlen, weil er de facto keine Einnahmen aus Exportgütern kreieren konnte. Alles Material der Großindustrie floss in die Rüstung ein anstatt in den Welthandel, obwohl es allein dafür schon ziemlich knapp und aus dem Ausland schwer zu beschaffen war.

Aber das nur nebenbei.
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Alt 18.01.2022, 13:13   #8
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Hallo Sunyata,
das Bild zeigt eine Patrone, das Projektil ist nur ein Teil davon und zeigt keinerlei Rost, eher eine Patina, könnte Kupferacetat sein, das tritt oft auch nur mit sehr geringer Grünfärbung auf.

Dass man um das Abprallen von Geschossen und Geschossfragmenten zu vermeiden Beton mit entsprechendem Aufwand so modifizieren kann, dass Geschosse eindringen können und dort stecken leben steht ausser Frage, betrifft aber den Bunkerbau nicht.

Wie du auf Zement kommst ist mir nicht klar. In Zement kann ein Kind seinen Finger stecken, es ist eine fein gemahlene Substanz.

Corazon
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Alt 18.01.2022, 13:17   #9
Sunyata
 
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Im Westwall, und insbesondere Pointe du Hoc (was mich zu der Geschichte inspirierte), wurde für wichtige Stellungen insbesondere Stahlbeton und Spezialbeton verwendet. So steht es zumindest in "Die Organisation Todt" (Seidler,1987).
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Alt 18.01.2022, 13:23   #10
Sunyata
 
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Zitat:
Zitat von C.Alvarez Beitrag anzeigen
Wie du auf Zement kommst ist mir nicht klar. In Zement kann ein Kind seinen Finger stecken, es ist eine fein gemahlene Substanz.
Zement ist vor dem Aushärten ein Pulver. Mischt man es mit Wasser und lässt es erstarren, ist es stabil genug um z.B. das Pantheon damit zu bauen. Zement ist auch der wichtigste Bestandteil von Beton.
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Alt 18.01.2022, 13:30   #11
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Zitat:
Zitat von Sunyata Beitrag anzeigen
Zement ist vor dem Aushärten ein Pulver. Mischt man es mit Wasser und lässt es erstarren, ist es stabil genug um z.B. das Pantheon damit zu bauen.
Dann spricht man aber nicht mehr von Zement. Zement bezieht sich immer auf das gemahlene Schüttgut.

Zitat:
Zitat von Sunyata Beitrag anzeigen
Im Westwall, und insbesondere Pointe du Hoc (was mich zu der Geschichte inspirierte), wurde für wichtige Stellungen insbesondere Stahlbeton und Spezialbeton verwendet. So steht es zumindest in "Die Organisation Todt" (Seidler,1987).
Dieser Stahlbeton und Spezialbeton gibt dem Beton eine höhere Festigkeit die eben genau diese Einschüsse verhindern soll und kann.
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Alt 18.01.2022, 16:29   #12
weiblich Ilka-Maria
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Okay, so viel zur Waffen- und Bautechnik. Jetzt noch mal zum Thema "Formulierung":

Da ist, wie ich bereits ausführte, manches ungenau, wenn nicht gar falsch ausgedrückt. Beispiel 1: "Ich zog meinen Kopf tief ein, als ich die Türschwelle des unterirdischen Bunkers durchschritt." Eine Türschwelle kann man nicht durchschreiten, man überschreitet sie und geht dann in/durch den Flur bzw. in/durch das Gebäude.

Beispiel 2 (das ich eingangs schon einmal erwähnt hatte): "Draußen vor der Tür, auf einer dünnen Erdschicht über dem Beton, spross das erste frische Frühlingsgras, es zitterte aufgeregt im Wind, als könne es den Sommer kaum erwarten. Gleich darunter war der Beton von Einschusslöchern und Granatsplittern durchsiebt." Das ergibt kein schlüssiges Bild. Wie kann das Gras draußen vor der Tür und gleichzeitig auf der Erdschicht über dem Beton sprießen? Und wie kann man "gleich darunter" (also unter der Erdschicht) Einschusslöcher sehen, ohne diese Erdschicht vorher abzutragen?

Das kann der Autor also nicht gemeint haben.

Außerdem stimmt die zeitliche Abfolge nicht. Das sprießende Gras sieht man nicht, nachdem man den Bunker betreten hat, sondern bevor man ihn betritt. Auch wäre es sinnvoller gewesen, die Phantasie über die stattgefundenen Kämpfe erst dann hochfahren zu lassen, nachdem der Protagonist die Einschusslöcher in den Wänden und Decken gesehen hat. Auch hätte die Beschaffung der Eingangstür vorher geschildert werden müssen.

Der Text hätte also ungefähr so lauten können:

Auf dem Gelände, über das uns der Tourguide führte, spross das erste Grün des Frühlings, als könne es den Sommer kaum erwarten. Niemand hätte unter dieser Grasdecke einen unterirdischen Bunker vermutet. Als wir ihn erreicht hatten, sah ich, dass seine Stahltür ramponiert war und nur noch locker an einer Angel hing. Die Brachialgewalt, mit der sie gesprengt worden sein musste, um den Bunker zu stürmen, ließ mich ahnen, was mich innen erwartete.

Beim Überschreiten der Schwelle musste ich mich ducken, um mir am Türrahmen nicht den Kopf zu stoßen. Drinnen wurde es nicht besser. Ich verharrte in meiner gebückten, unbequemen Haltung, denn die aschgraue Stahlbetondecke war nur wenig höher als meine Schultern. In den Eingangsflur drang genügend fahles Sonnenlicht, um die Einschusslöcher in den Betonwänden sehen zu können. In manchen steckten noch Projektile, deren schorffarbener Rost verriet, dass das Morden vor langer Zeit stattfand.

Neben dem Eingang entdeckte ich in der Bunkerwand einen waagerechten Spalt, eine Schießscharte. Der Tourguide erzählte von einem Schützen, der das Pech gehabt habe, durch diesen Spalt von einer Kugel direkt über der Nasenwurzel getroffen worden zu sein. Ich blickte durch den Spalt und glaubte zu spüren, was dieser Soldat in dem Augenblick empfand, als ihm das Geschoss in die Stirn drang ...

Usw. usf.

Wie gesagt: Nur ein Beispiel, was die Abfolge des Geschehens und die Genauigkeit der Bilder betrifft. Natürlich könnte man den Text auch anders schreiben.

Der Text wäre einer Überarbeitung wert, denn es steckt massig Dynamik drin. Der Leser - in diesem Fall ich - spürt die Lust des Autors, nicht einfach ein paar Gedanken niederzuschreiben, sondern eine Geschichte zu erzählen. Davon könnten wir ein paar mehr gebrauchen, denn die Prosa kommt in Poetry eindeutig zu kurz.
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Alt 28.01.2022, 13:36   #13
Sunyata
 
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Danke für die Hinweise!

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Der Text wäre einer Überarbeitung wert, denn es steckt massig Dynamik drin. Der Leser - in diesem Fall ich - spürt die Lust des Autors, nicht einfach ein paar Gedanken niederzuschreiben, sondern eine Geschichte zu erzählen. Davon könnten wir ein paar mehr gebrauchen, denn die Prosa kommt in Poetry eindeutig zu kurz.
Ich werde mir die Tipps zu Herzen nehmen und bei Gelegenheit mal an dem Text noch einmal herumschrauben. Idealerweise soll der Leser nicht an irgendwelchen Formulierungen hängen bleiben.
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