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Alt 14.02.2018, 07:03   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Gedanken zum Thema „Inversion“

Immer wieder wird bei Gedichten (warum eigentlich nicht bei anderen literarischen Formen) der Dichter wegen des Gebrauchs von Inversionen getadelt.

Dazu sage ich herausfordernd: „Gottseidank sind in der deutschen Sprache Inversionen möglich und erlaubt!“

Was in den Sprachen, mit denen ich mich bisher befasst habe – Englisch, Französisch, Italienisch – gar nicht geht, ist ein freiheitlicher Umgang mit der Syntax. Im Deutschen, man staune, funktioniert das aber, zum großen Kummer Mark Twains, wie man in seinem Aufsatz über die „schreckliche deutsche Sprache“ nachlesen kann. Dieser Literat hat sich allerdings noch über ganz andere Dinge betreffend die deutsche Sprache aufgeregt.

Die deutsche Sprache, die als die Sprache der Dichter und Denker geehrt wird, ist für die Lyrik weit weniger geeignet als z.B. Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch usw. Das liegt daran, dass es im Deutschen viele wichtige Wörter gibt, auf die sich partout nichts reimen lässt. Die Wortendungen sind der große Kummer der Deutschen, was ihnen keinen Kummer bereitete, als die Dichtung in alter Zeit noch mit Alliterationen arbeitete. Das Dichten auf Endreime ist eine relativ moderne Entwicklung.

Die deutsche Sprache kämpft also mit Schwierigkeiten, die andere Sprachen in diesem Ausmaß nicht kennen. Da finden sich locker tausende von Wörtern auf gleiche Endungen.

Doch die deutsche Sprache hat einen Vorteil gegenüber den anderen Sprachen, nämlich die Freiheit der Syntax. Wir können Wörter beliebig anordnen, solange der Sinn einer Aussage dadurch nicht verstellt wird.

Ich kann also schreiben: „Morgen gehe ich meine Tante besuchen.“ Oder: „Ich gehe morgen meine Tante besuchen.“ Oder: „Ich gehe meine Tante besuchen, morgen.“ Oder: „Ich gehe meine Tante morgen besuchen.“ Egal wie sich jemand in diesem Fall ausdrückt, es wird verstanden und niemand stört sich an der Satzstellung.

Im Englischen oder Französischen geht das gar nicht.

Ich will damit keinen Freibrief für einen allzu freizügigen Umgang mit der Syntax ausstellen, letztendlich kommt es darauf an, einen guten Stil zu entwickeln. Ich möchte aber einen kritischeren Umgang mit Inversionen in der Lyrik anregen. Wo sie vermeidbar sind, ist Tadel angebracht. Wo sie aber unvermeidbar sind und sogar den poetischen Klang unterstützen, sollten sie wohlwollend aufgenommen werden. Sie präsentieren ein Stück Freiheit unserer deutschen Sprache, die wir nicht pauschal verteufeln, sondern wohlüberlegt nutzen sollten.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.02.2018, 13:36   #2
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Früher waren in vielen der von dir genannten Sprachen Inversionen auch möglich - Shakespeare-Englisch: dafür würden Englisch-Schüler heute vom Lehrer mit Stühlen beworfen werden. Irgendwann hat nämlich eine falsch verstandene wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Sprachen stattgefunden mit dem Wunsch nach Standardisierung und im Zuge dessen hat man dann einfach eine bestimmte Satzstellung als die einzig korrekte festgelegt.

Das ist wirklich bedauerlich, wenn man bedenkt, wieviel Ausdrucksvermögen in der veränderlichen Syntax steckt und wieviel auf dem Weg vom Lateinischen zu den modernen romanischen Sprachen wegrationalisiert wurde. Wenn meine Lateinkenntnisse jetzt noch besser wären, würde ich nach einer wundervollen Textstelle aus Ovids "Pyramus und Thisbe" suchen, wo zu Beginn und am Ende des Satzes die Namen Pyramus und Thisbe standen, dann nach innen immer zärtlichere Worte der Liebe und in der Mitte die Mauer, die beide voneinander trennte.

Jedenfalls bin ich auch ganz froh, dass wir so viele Möglichkeiten haben, einen Satz zu verdrehen, denn mit unterschiedlichen Satzendungen und -Anfängen werden ja auch unterschiedliche Aspekte des Gesagten betont und gerade in einem Liebesgedicht kann eine Inversion so viel vermitteln, z.B. auch dass der geliebte Mensch einem den Kopf verdreht.

Interessantes Thema, Ilka!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.02.2018, 14:15   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
Früher waren in vielen der von dir genannten Sprachen Inversionen auch möglich - Shakespeare-Englisch: dafür würden Englisch-Schüler heute vom Lehrer mit Stühlen beworfen werden. Irgendwann hat nämlich eine falsch verstandene wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Sprachen stattgefunden mit dem Wunsch nach Standardisierung und im Zuge dessen hat man dann einfach eine bestimmte Satzstellung als die einzig korrekte festgelegt.
Das muss laut einer Englischlehrerin, die mir das mal erklärt hatte, vor etwa 100 bis 120 Jahren gewesen sein. Da gab es z.B. bei der Verneinung die Umschreibung mit "to do" noch nicht.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.02.2018, 23:11   #4
männlich Heinz
 
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Liebe Ilka-Maria,
die meisten Deiner Ausführungen unterschreibe ich mit verbundenen Augen.
Die Kritik an Gedichten mir der Begründung: INVERSION! hat meiner Meinung nach eine andere Ursache. Ich nehme Deine Beispiele:
Ich kann also schreiben: „Morgen gehe ich meine Tante besuchen.“ Oder: „Ich gehe morgen meine Tante besuchen.“ Oder: „Ich gehe meine Tante besuchen, morgen.“ Oder: „Ich gehe meine Tante morgen besuchen.“ Egal wie sich jemand in diesem Fall ausdrückt, es wird verstanden und niemand stört sich an der Satzstellung."
Man könnte noch eins dran hängen: "Meine Tante gehe ich morgen besuchen."
Keines dieser Satzstellungen, kämen sie in einem Gedicht vor, würden mich dazu bringen "Inversion!" zu schreien.
"Morgen besuchen gehe ich meine Tante,
weil sie ist meine liebste Verwandte".
Bei solchen Satzvergewaltigungen, die nur durch kargsche kontrapunktische Lyrik erklärbar sind, damit es sich hinten reimt, stellen sich mir die Fußnägel hoch.
Also: Inversion - okay, weil es Gründe gibt, die "normale" Satzstellung zu verändern.
Inhaltlich sagen die folgenden Verse (in Prosa), da geht jemand im Walde so für sich hin.

Ich ging im Walde so für mich hin
Im Walde ging ich so für mich hin
So für mich hin ging ich im Walde

Nun kann man lange darüber nachdenken, weshalb der Dichter die erste Fassung genommen hat. Klar, der zweite Vers "und nichts zu suchen war mein Sinn", erklärt es - da reimt sich was am Ende.
Hätte er die dritte Fassung genommen

So für mich hin ging ich im Walde - wäre auch was Hübsches raus gekommen:
mein Sinn war nichts zu finden balde.

Inversionen, so meine ich, sind erlaubt, wenn sie sprachlich "schön" sind und nicht dem Reimzwang gehorchend unsinnig daher getapert kommen.

Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.02.2018, 23:17   #5
weiblich Ilka-Maria
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Kleines Missverständnis: Die "Tante besuchen"-Beispiele beziehe ich lediglich darauf, dass im Deutschen grundsätzlich mit der Syntax variiert werden kann. Natürlich sind Inversionen ein Thema für sich, gehören aber unter den Begriff der angewandten Syntax.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.02.2018, 17:38   #6
männlich Heinz
 
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Hallo Ilka-Maria,
ach was - kein MIssverständnis. Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, denn eigentlich meinen wir beide dasselbe.
Die deutsche Sprache lässt Inversionen (ich sag es mal auf deutsch: Satzumstellungen) zu. Da sind wir uns doch völlig einig.
Ob man zu einer Satzumstellung, die völlig verquer daher kommt, "Inversion" sagen darf, wage ich zu bezweifeln. Mir kommen solche Sätze oder Verse so vor, als hätte der Chirurg beim Zusammensetzung von Körperteilen das Bein versehentlich am Steiss angenäht.
Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.02.2018, 05:07   #7
männlich Gemini
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Also ich nenne es "Altdeutsch" für mich.

Ich ging im Walde so für mich hin
Im Walde ging ich so für mich hin
So für mich hin ging ich im Walde

So dahin, für mich im Walde

Inversion? Kann ich echt nichts anfangen damit.

Englisch?

Walk the woods, alone in me
the wood and tree alone with me
so me a walk and insistere
so in for me

letzter Reim geschenkt

Wow!

Habt ihr übrigens gesehen wie ich Walde verwurstet habe!

Nobelpreis! Du bist mein!

Gem

We are the Champions my friends
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