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Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte.

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Alt 08.01.2013, 20:50   #133
männlich Schmuddelkind
 
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Standard Brief Nr. 32

Liebe Babsi,

hab keine Angst! Ich weiß, was ich tue. Seit Wochen verdichten sich alle Gedanken und Empfindungen zu diesem Wunsch, der so kräftig mir aus allen Einfällen spricht, dass ich nichts anderes in Erwägung ziehen könnte. Sei also beruhigt! Ich tue nichts, was ich bereuen werde. Verzeih mir meinen Zynismus! Es ist nur so, dass ich kaum noch etwas ernst nehmen kann an diesem Leben, nicht einmal den Tod. Ja, ich bin entschlossen! So fest entschlossen, dass ich behaupten kann: ich bin bereits tot, spätestens wenn du diesen Brief zu Ende gelesen hast.

Ich hoffe, du verstehst mich.

An meiner Bibliothek darfst du dich als erste bedienen. Die Anderen sollen nehmen, was sie gebrauchen können. Sei bitte so lieb und bemühe dich um die Erfüllung meines letzten Wunsches! Mein Leib soll verbrannt werden! Die Asche soll in einer Urne aus hellem Lindenholz aufbewahrt werden, worin mein Gedicht "Ganz nah" in schönen Lettern eingeritzt sein soll:

Ein heiterer Gedanke wäre ich so gerne,
ein liebevolles Wort, nicht mehr,
so dass ich, riefst du meinen Namen in die Ferne,
ganz nah an deinen Lippen wär!

Sorge bitte dafür, dass die Urne zu Sanny gelangt! Ich mache mir vor, auch nach meinem Tode bei ihr sein zu wollen. Eine Kontovollmacht zu diesem Zweck ist bereits auf dem Weg zu dir. Ich habe ein paar Rechnungen liegen lassen (keine Sorge - die werden nicht arm), damit noch etwas zu holen ist. Sollte es nicht ausreichen, bitte meine Mutter um eine Zugabe! Sie wird mir meinen letzten Wunsch nicht abschlagen wollen. Und sag ihr, dass es mir leid tut, was sie durch mich alles erleiden musste und dass ich mich schäme, nicht den Mut aufzubringen, es ihr selbst zu sagen. Ich wäre ihr gerne ein besserer Sohn gewesen.

Dir, liebe Babsi, wäre ich gerne ein besserer und beständigerer Freund gewesen. Für all die Bekümmerung, die du mit mir teiltest fehlt mir der Trost, doch ich bin über alle Maßen dankbar für den Geist, aus welchem heraus du es tatest. In der Hoffnung scheide ich, dass sich dein Leben in sinnvollere und glücklichere Zusammenhänge fügt als meines und dass sich nicht der Schatten meiner Resignation über dich legt, wenn du zweifelst. Dass das Leben schön ist, soll dir mehr Trost sein, als mir es vergönnt war.

Sei herzlichst umarmt!
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Alt 08.01.2013, 21:00   #134
gummibaum
 
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Nun erinnert es entfernt an Kleist ("Am Tage meines Todes"), bleibt aber dein hier einmal gewählter, unverwechselbarer Stil.

LG gummibaum
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Alt 08.01.2013, 21:12   #135
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Mit Kleist konnte ich nie recht viel anfangen, hab aber auch nicht so viel von ihm gelesen - "Am Tage meines Todes" z.B. schoma nicht. Bin aber froh, dass meinem Geschreibsel ein eigener Stil zugeordnet wird; denn man könnte ja meinen, ich versuchte Goethe zu kopieren.

LG
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Alt 09.01.2013, 22:44   #136
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Standard Brief Nr. 33

Liebe Babsi,

atme auf! Dann kann es wenigstens jemand.

Ich spürte das Pulsieren der kalten Klinge im Takt der Erlösung an meinem Hals, wissend, dass zwischen mir und dem ewigen Frieden nur dünne Haut lag und dass diese mir keinen Widerstand mehr darstellte. Mit einer Bewegung, so wusste ich, wäre es getan und dazu fehlte mir nichts. In verkürztem Sinne war ich bereits tot. Wieso lebe ich dann noch?

An meinem Leben, so tat sich in mir die Gewissheit auf, ist mir nichts mehr gelegen und doch konnte ich es nicht zu Ende bringen, fast als ängstige mich die Vorstellung, etwas zu verpassen. Mir kam in den Sinn, dass ich Sannys Werdegang nicht mehr würde verfolgen können und dies erschien mir noch ärmer als das mir verhasste Leben. Ich will wissen, wie es ihr geht! Ich werde ihr wieder schreiben. Nun bin ich dazu verdammt, ein Leben zu leben, das mir nichts gilt und mein einziges Bestreben ist die Quelle meines ärgsten Peins.
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Alt 17.01.2013, 15:37   #137
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Standard Brief Nr. 34

Liebe Babsi,

wie ich mich fühle ist eine Frage, die voraussetzt, dass ich mich fühle. Jeder Atemzug ist ein Nachruf auf den Tod, den ich verpasste. Jedoch habe ich mich mit dem Leben abgefunden; besser gesagt: ich habe mich damit abgefunden, mich nicht damit abfinden zu können. Heute war ich für etwa drei Stunden in Wilhelmsbad und zu beobachten, wie die Enten sich um meine Brotkrumen stritten, verschaffte mir wohltuende Ablenkung. Dennoch, es ist nur Ablenkung! Es ist nur das, was die Welt sein könnte, wenn ich nicht wäre, wer ich bin.

Vermutlich war die Szene daher so ansprechend, weil sie sich nicht um mich drehte, fast als gäbe es mich nicht. Da waren nur die Enten, ihr Hunger und das Brot. Könnte ich doch die Welt immerzu derart unbeteiligt betrachten! Dieser Tage bin ich stets im Mittelpunkt meiner Welt. Ich bin der unbedeutende Endzweck einer traurigen Welt und diese Bürde ist schwer zu tragen, doch noch schwerer abzulegen.
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Alt 18.01.2013, 15:22   #138
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Standard Brief Nr. 35

Ach Babsi,

wie mir weder das Gefühl der Wachheit noch der Müdigkeit in meine Sinne gelangen will und ich dennoch aufstehe, um nicht liegen zu bleiben und zu Bett gehe, damit der Tag vorüber geht, als sei ich ein zum Tode Verurteilter, der jeden Abend einen Strich an die Zellenwand zeichnet, nur um zu sich selbst sagen zu können, er habe einen weiteren Tag hinter sich gebracht, wohl wissend, dass es lediglich ein Tag des stumpfen Wartens war, wie ich mich mit jedem Gedanken entmenschliche, indem ich mich zur bloßen Folge meines Daseins mache, wie ich mich erdulde und an der Duldung kranke! Dies alles hat viel Undeutliches und Widersinniges, wofür ich mich schäme.

Und ist das Menschsein nicht gemeinhin Grund zur Scham? Dieses stete Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit im Wissen um die bloße Denkmöglichkeit eines reichen, erfüllten Lebens, das vor allen Ausschlägen eines wankelmütigen Schicksals wie ein großer karger Fels hervorsticht, mag denjenigen nicht berühren, der entweder aus Verderbtheit und Dekadenz diese Diskrepanz erträgt oder sie aus Einfältigkeit gar nicht sieht. Ach, wie sind sie zu beneiden, die schlichten Gemüter und die abgestumpften Zynisten, die Naturmenschen und die vollkommenen Bürger! Und je länger ich darüber nachdenke, umso ärger beneide ich die, die darüber keinen Gedanken verschwenden und umso mehr erschrecke ich vor mir selbst.
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Alt 20.01.2013, 02:07   #139
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Standard Brief Nr. 36

Liebe Babsi,

es ist nun schon über eine Woche vergangen, seitdem ich sie angeschrieben habe und noch immer kein Wort von ihr. Doch ich kann es ihr nicht verdenken, nach all meinen verzweifelten Ausbrüchen in alle Richtungen, in denen doch auch ein Wunsch des Vergessens geäußert wurde. Ich schrieb ihr, dass es mir Leid tue, was ich darüber in der geistigen Getrübtheit meinte, erkundigte mich nach ihrer Großmutter und ließ erkennen, wie wichtig mir der Austausch mit ihr nach wie vor sei. Ihr Schweigen war ein heftiges Beben, das alles um mich herum und in mir erschütterte. Obgleich ich ahnte, dass ich ihr Ruhe hätte einräumen müssen, schrieb ich ihr noch einige Male, vergeblich, wie du dir sicher denken kannst. Wie kann ein Mensch die Freiheit eines Anderen ertragen, die ihm doch alles nimmt, was Freiheit erst wertvoll macht?

Noch nie, seit wir uns kennen habe ich derart lange ohne einen Gedanken von ihr überlebt. Überhaupt kann ich mich an keinen Tag erinnern, an dem wir nicht den mindesten Kontakt hatten und die Möglichkeit eines Tages ohne sie - dies war eine in ihrer Selbstverständlichkeit nie gedachte Gewissheit - hätte mir absurd erscheinen müssen. Das Leben hat eine nie erdachte Seichtheit und die Zeit eine undurchdringliche Verschlossenheit. Mir ist, als habe man mir das Wesentliche genommen.

Es ist die größte Ungerechtigkeit von allen, dass es keinen anderen Umgang unter den Menschen geben kann, als sie an ihren Worten und Taten zu messen, die doch so wenig von dem wahren Gefühl vermitteln, welches sich in unserer Unbeständigkeit nur schwerlich einfangen lässt.
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Alt 02.02.2013, 14:34   #140
männlich Schmuddelkind
 
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Standard Brief Nr. 37

Liebe Babsi,

man könnte glauben, es sei gut, dass die Zeit vergeht. Du weißt, Babsi, was der Volksmund über die Zeit und die Wunden zu sagen weiß. Aber es ist Unsinn, der nur deshalb aller Orten zu hören ist, weil diejenigen, die unter unheilbaren Wunden leiden vor Schmerz und Resignation stumm geworden sind; in ähnlicher Weise verbreitet sich übrigens allerlei Unsinn in der Welt. Oft ist die Zeit in solchen Fällen eine zweite Wunde, da sie dem Gefühl der Unerträglichkeit das kalte Diktat, diese selbst zu ertragen zur Seite stellt. Dass ich das kostbarste Privileg verloren habe, kann ich jedenfalls, selbst wenn ich mich eines wunderlichen Tages nicht mehr daran erinnern sollte nicht vergessen.

Manchmal versuche ich mich darüber hinweg zu trösten, indem ich mir in all den schönen Bildern einer dahin geschiedenen Seligkeit vergegenwärtige, dass ein erhabener Geist von mir Besitz ergriffen und eine einzigartige, nicht wiederholbare Entität sich nur mir allein offenbart hatte und dass es mich mit Dankbarkeit und Sinn erfüllen sollte. Doch wie ist es mit den Geistern? Wenn ich näher an mich heranfühle, dann weiß ich, dass selbst die wahrhaftigste, glücklichste Erscheinung, dass, nur um den Abstrakta zu entkommen, etwa das Genie eines Shakespeares, das seiner Zeit wie ein befreiender Atem die ganze Menschheit erfüllte zu einer anderen Zeit wertlos sein muss.
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Alt 02.02.2013, 15:24   #141
gummibaum
 
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Hallo Schmuddelkind,

dass du über weite Strecken keinen Kommentar bekommst, liegt auch an der Ausgereiftheit deines Textes. Manches muss man mehrmals lesen, weil es in die Tiefe gedacht ist. Um so besser aber, wenn du mit dem "Brief" unbeirrt deinen Weg weiter gehst. "...näher an mich heranfühle..." ist symptomatisch für den hier gesponnenen Faden eines zart kultivierten Umgangs der Seele mit sich selbst.

LG gummibaum
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Alt 02.02.2013, 19:35   #142
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Hallo gummibaum.

Zitat:
dass du über weite Strecken keinen Kommentar bekommst, liegt auch an der Ausgereiftheit deines Textes
Wollen wir es hoffen.
Na ja, manche Briefe bringen ja weder die Handlung großartig voran, noch sind sie von einer intensiven Stimmung getragen, sondern beschäftigen sich mit einer philosophischen Frage. Das ist verständlich, dass das nichts für jedermann ist.

Ja, manches sollte man mehrmals lesen. Manches von dem, was in den früheren Briefen geschrieben wurde, sollte man auch noch einmal nach den jüngeren Briefen lesen.

Zitat:
Um so besser aber, wenn du mit dem "Brief" unbeirrt deinen Weg weiter gehst.
Mach ich.

Zitat:
"...näher an mich heranfühle..." ist symptomatisch für den hier gesponnenen Faden eines zart kultivierten Umgangs der Seele mit sich selbst.
Ja, ich denke, darum geht es hier. Es ist nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte, sondern ein Versuch, sich den diffusen und verworrenen Kräften im Innersten des Menschen anzunähern, die Unbeständigkeiten und Widersprüche aufzudecken, ohne der Versuchung zu erliegen, diese aufzulösen.

LG
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Alt 02.02.2013, 19:38   #143
Thing
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Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
. Es ist nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte, sondern ein Versuch, sich den diffusen und verworrenen Kräften im Innersten des Menschen anzunähern, die Unbeständigkeiten und Widersprüche aufzudecken, ohne der Versuchung zu erliegen, diese aufzulösen.

LG
Genau d a s macht die Briefe so reizvoll.
Daß so wenig Kommentare kommen, mag auch daran liegen, daß mancher Leser nicht immer wieder das gleiche Kompliment schicken will...?


Lieben Gruß
von
Thing
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Alt 02.02.2013, 19:41   #144
männlich Schmuddelkind
 
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Vielleicht auch; das kann sein.

LG
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Alt 02.02.2013, 21:30   #145
weiblich Rosenblüte
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Hätte es zu Goethes Zeiten schon das Internet gegeben, es hätte dem Schöpfer des Werther bestimmt Spaß gemacht, mit den Lesern zu diskutieren. Ja, an die Leiden des jungen Werther erinnert mich dein Roman, wenn auch etwas leichter verdaulich, zum Glück. Schön und abwechslungsreich geschrieben.

Müsste es in Brief Nr. 33 am Schluss nicht heißen: "die Quelle meiner ärgsten Pein"?

Lieben Gruß
Rosenblüte
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Alt 03.02.2013, 17:47   #146
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Hallo Rosenblüte und danke fürs Lesen und kommentieren!

Zitat:
Ja, an die Leiden des jungen Werther erinnert mich dein Roman, wenn auch etwas leichter verdaulich, zum Glück. Schön und abwechslungsreich geschrieben.
Leichter verdaulich, was die Sprache angeht oder was den Stoff angeht? Wollte jedenfalls eine Sprache verwenden, die gehoben, aber nicht abgehoben ist und die intuitiv zu den Gefühlen hinführt, die der Protagonist empfindet.

Danke jedenfalls für das Kompliment, v.a. für das Adjektiv "abwechslungsreich", weil ich mir nicht sicher war, ob es zu wiederholend und mit der Zeit langweilig wirkt.

Zitat:
Müsste es in Brief Nr. 33 am Schluss nicht heißen: "die Quelle meiner ärgsten Pein"?
Oh ja, da hast du natürlich recht.
Danke für die Berichtigung!

LG
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Alt 03.02.2013, 18:17   #147
weiblich Rosenblüte
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Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
Leichter verdaulich, was die Sprache angeht oder was den Stoff angeht? Wollte jedenfalls eine Sprache verwenden, die gehoben, aber nicht abgehoben ist und die intuitiv zu den Gefühlen hinführt, die der Protagonist empfindet.
Leichter verdaulich, was den Stoff angeht. Ich hoffe doch nicht, dass dein Protagonist so ein schlimmes Ende nimmt.

Die gehobene Sprache finde ich sehr schön und einem modernen Briefroman angemessen.

Lieben Gruß
Rosenblüte
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Alt 03.02.2013, 22:45   #148
männlich Schmuddelkind
 
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Zitat:
Leichter verdaulich, was den Stoff angeht. Ich hoffe doch nicht, dass dein Protagonist so ein schlimmes Ende nimmt.
Wer weiß...

Also, ich weiß natürlich, wie es weiter geht. Aber mich würde mal interessieren, wie ihr die Geschichte zu Ende bringen würdet. Was wäre das Ende, das ihr euch wünscht?
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Alt 03.02.2013, 22:51   #149
Thing
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K e i n tragisches!
Aber auch nicht eine Alterstravestie wie "Lotte in Weimar".

Warum überhaupt ein festgelegtes Ende?
Warum nicht alles in der Schwebe lassen und dem Leser sein eigenes Ausmalen schenken?

Falls je der Zeitpunkt kommt, an dem (hoffentlich nicht so bald) keine Briefe mehr geschrieben werden.
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Alt 03.02.2013, 23:04   #150
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Ich möchte ja nicht vorwegnehmen, wie es enden wird (und so viele Briefe wird das nicht mehr dauern), aber wieso denn kein tragisches?

Das mit der Schwebe ist eine gute Idee, weil man dem Moralisieren entgeht. Möchte wirklich nicht moralisieren. Jeder soll selbst in dem Protagonisten sehen, was im Rahmen dessen, was die Figur hergibt, für ihn sinnhaft erscheint.
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Alt 03.02.2013, 23:11   #151
Thing
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Genau aus diesem Grund würde ich das Ende offenlassen, also in der Schwebe.
Mag der letzte Brief auch etwas andeuten -

die Gewißheit oder Ungewißheit ließe ich lieber dem Leser überlassen.
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Alt 03.02.2013, 23:21   #152
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OK, das verstehe ich. Na ja, ihr werdet es ja sehen. Hoffe, ich bekomme die letzten paar Briefe bald zu Ende. Der Anfang ist ja auch noch nicht ganz fertig...
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Alt 06.02.2013, 13:45   #153
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Standard Brief Nr. 38

Liebe Babsi,

verzeih mir, dass ich so selten schreibe! Mir fehlt selbst hierzu meist die Kraft. Ich wage kaum einen Schritt nach draußen, habe schon seit Wochen die Sonne nicht gesehen. Doch mir fehlt sie nicht, ebensowenig wie der August, von dessen Gegenwärtigkeit ich ohne deine hübsch beschmückten Ausführungen nichts gewusst hätte oder die Heimat, die du mir ans Herz legtest. Nein, dieses Herz ist sich selbst genug, mindestens sogar und es ist der Verschlossenheit vielmehr zugetan als der gefahrvollen Schönheit.

Die Heimat ist eine Erinnerung daran, dass wir von irgendwoher kommen. Daran möchte aber gewiss nur der erinnert werden, der weiß, dass er irgendwo hin will. Darum verstehst du sicher, dass ich dich in nächster Zeit nicht besuchen werde, obgleich mir dein Wort das Klarste und Sinnhafteste ist, das ich zwischen all dem stummen Tumult erkennen kann. Ein Gefühl des Unerwünscht-Seins verbindet sich mit jedem Erleben. Da ist es erträglicher, mich auf Unwesentliches zu beschränken. Wenn diese vier Wände die Grenzen meiner Welt bilden, dann ist die Einsamkeit doch nur der Preis für die Autonomie.
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Alt 07.02.2013, 01:10   #154
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Hallo Schmuddelkind,

wieder sehr gut gelungen, die Fortsetzung.

Und hier wieder ein paar Korrekturvorschläge. Ich weiß, ich bin eine Korinthenkackerin, was die Sprache betrifft, aber ich kann es halt nicht lassen. Wenn es dir recht ist, werde ich auch den Anfang der Briefe mal durchsehen.

, von dessen Gegenwärtigkeit ich ohne deine hübsch beschmückten Ausführungen nichts gewusst hätte,
- Komma, am Ende, weil Nebensatz. Warum nicht "Gegenwart" statt "Gegenwärtigkeit"?

mindestens sogar - würde ich streichen.

stummen Tumult - erscheint mir widersprüchlich.

das Gefühl des Unerwünscht-Seins - "Unerwünschtseins" als ein Wort wäre wohl grammatisch korrekt und auch schöner. Noch schöner wäre jedoch "das Gefühl, unerwünscht zu sein". Es sei denn, du spielst auf das Sein an.

Lieben Gruß
Rosenblüte
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Alt 18.06.2013, 11:46   #155
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Sorry, Rosenblüte!

Habe heute zum ersten Mal seit langer Zeit wieder an diesen Thread gedacht (weil ich endlich mal das verdammte Buch fertigstellen sollte!) und da fiel mir erst auf, dass ich deinen Kommentar nicht beantwortet habe.

Zitat:
wieder sehr gut gelungen, die Fortsetzung.
Danke! Es verliert halt immer mehr an Kraft, aber das ist auch gewollt.

Zitat:
, von dessen Gegenwärtigkeit ich ohne deine hübsch beschmückten Ausführungen nichts gewusst hätte,
- Komma, am Ende, weil Nebensatz. Warum nicht "Gegenwart" statt "Gegenwärtigkeit"?
Ah ja. Danke! Ich weiß nicht mehr, warum ich damals "Gegenwärtigkeit" geschrieben habe. Hältst du das für unglücklich ausgedrückt?

Zitat:
mindestens sogar - würde ich streichen.
Hast recht. Wird gemacht!

Zitat:
stummen Tumult - erscheint mir widersprüchlich.
Ja, ist ein bewusst gewähltes Oxymoron.

Danke für die vielen Anregungen, liebe Rosenblüte!

LG
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Alt 05.07.2013, 13:34   #156
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Standard Brief Nr. 39

Liebe Babsi,

zu dem Punkte des Selbsterkennens und der daraus zu schöpfenden Kraft, Vergangenes zu überwinden und neue Liebe zu finden, möchte ich dir etwas sagen: es ist die Möglichkeit, nicht geliebt zu werden, die die Liebe kostbar macht und es ist die Möglichkeit, nicht geliebt zu werden, die mich in diesen flüchtigen Zeiten an der Möglichkeit der Liebe schlechthin zweifeln lässt. Und indem ich dies sage, verschwinde ich. Ich bin nichts ohne den Menschen, der mich versteht, wie ein Buch, das nicht gelesen wird - bedeutungslos und überflüssig, gleich wie ansprechend, wahrhaftig und schön der Inhalt sein möge, den es birgt.

Doch ich muss dich fragen: wie kann man denn irgendeinem Menschen noch glauben, der in der intimstmöglichen leiblichen und in jeder Körperregung ausgedrückten empfundenen Nähe, mehr noch mit den, das größte Glück spiegelnden Augen als mit den sehnsüchtig verlangenden Lippen sagt: "Ich liebe dich"? Ja, vielleicht kann man dem Menschen glauben, der so etwas sagt, vielleicht kann man einigen Menschen so viel Ehrgefühl nicht absprechen, dass man ihnen diejenige aufrichtige Empfindung zugestehen muss, die solchen Wahn heraufbeschwört und was meine Sanny betrifft, so kann ich jedenfalls nichts Gegenteiliges sagen. Doch ist es dann nicht der geteilte Glaube an etwas, das man für sich geschaffen hat, um gemeinsam daran zu glauben? Kannst du mir zwei Menschen nennen, die unter der Liebe exakt das Gleiche verstehen? Und jede kleinste Unstimmigkeit in den Auffassungen, so unbedeutend sie zu Beginn sein mag, verdeutlicht mit der Zeit den Irrglauben vor dem Hintergrunde unveränderlicher, nicht weg zu glaubender Realitäten, so dass der geringste Zweifel an der Liebe des Anderen die eigene Liebe derart plötzlich, radikal und nachhaltig auslöscht, dass nur der größtmögliche Abstand zu dem einstmals intimsten Schatz den Frieden mit sich selbst wieder herstellen kann.

Der größtmögliche Abstand - für mich kann es ihn nicht geben; denn ich liebe sie noch immer, ungeachtet all meiner Ausführungen. Nein, ich kann mich nicht überzeugen! Ich bin mit mir in Krieg und kann nicht eher Frieden finden, bis ausgefochten ist.
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Alt 05.07.2013, 13:40   #157
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Standard Brief Nr. 40

Liebe Babsi,

bin ich denn schon so wenig Teil meiner selbst, dass ich die Regungen nicht aufbringen kann, gegen die sich niemand wehren könnte, der ihrem Grunde erliegt? Es war nur eine Frage der Zeit, aber die Zeit erscheint mir verstorben: bis Ende der nächsten Woche muss ich meine Wohnung geräumt haben. Ich sollte mich schämen, aber ich wundere mich nur.
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Alt 05.07.2013, 13:51   #158
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Standard Brief Nr. 41

Danke Babsi,

tausend Dank! Doch ich kann ein Angebot nicht annehmen, das du bereuen wirst. Ich weiß, ein Mensch braucht einen Platz, wo er sein kann, aber ich kann meine Gesellschaft kaum jemandem zumuten, schon gar nicht dir, die du mir so viel wert bist.
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Alt 21.01.2018, 13:30   #159
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Standard Brief Nr. 42

Ja,

stur bin ich! Wieso also beharrst du so darauf, mich aufzunehmen? Genügt es dir nicht, meine Sturheit aus der Ferne zu ertragen? Mein Entschluss steht: ich werde irgendwohin gehen. Ich weiß noch nicht, wohin. Doch gehen muss ich und da wird sich der Weg von selbst ergeben. Ich werde also zumindest eine ganze Weile nicht erreichbar sein, aber wenn wir uns eines Tages wiedersehen sollten, dann weil ich dazu bereit bin, dir in die Arme zu fallen. Dann werden wir genügend Gelegenheit haben zu scherzen und zu lachen. Bis dahin aber muss ich... ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll - nebensächlich werden.

Ich weiß, du hast genug Anstand, mir nicht vorzuwerfen, ich hätte mir das alles selbst zuzuschreiben. Gewiss, das sollte ich. Aber was bedeutet schließlich dieses Selbst? Es ist auch nicht mehr als die Gesamtheit der Erfahrungen entlang eines ungeordneten Hergangs, den man Leben nennt. Und wenn wir fühlen, dass wir getrieben sind, so ist uns dies zuwider und wir suchen in den Wirren unserer Seele ein Muster und nennen dies Willen. Wer dieses Muster nicht findet, gilt als schwach, als verdorben oder verrückt. Was aber - und vielleicht hat dies alles, was ich mir vorzuwerfen habe, darin ihren Zweck - wenn es einfach hinzunehmen sei? Wenn wir nicht die Bürde spüren, hinter all den Widersprüchen Bedeutung finden zu müssen und stattdessen das Sinnwidrige in uns als Teil unseres Selbst annehmen - ist dies dann Glück?

Ich glaube, dies muss ich erst für mich herausfinden. Bis dahin, und für den Fall, dass wir uns nicht mehr sehen, möchte ich dir danken, dass du so weit meiner abseitigen Suche mitgegangen bist, so viel meines Leids und meiner Freude mitgetragen hast! Du warst in allem immer mein einziger Fixpunkt und ich kann dies nicht genug würdigen. Auch deshalb muss ich gehen. Nutze den Tag, aber nutze ihn nicht ab!

Leb wohl!
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Alt 21.01.2018, 13:33   #160
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So, das ist jetzt wohl das Ende.

Ich hätte noch den Anfang zu schreiben, aber da dies sich alles schon viel länger hingezogen hat, als ich glaubte, weiß ich nicht, ob ich den sensiblen ersten Teil des Buches annähernd (für mich) zufriedenstellend hinkriege, zumal die Textfetzen, die ich davon schon hatte, auf einem PC gespeichert waren, den es nicht mehr gibt. Mal sehen, aber falls es hier noch zu Briefen vom Romananfang kommt, werde ich diese nach römischen Ziffern nummerieren...
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Alt 21.01.2018, 14:00   #161
gummibaum
 
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Liebes Schmuddelkind,

manchmal erzwingen die Umstände das Ende, aber es gibt berühmte Fragmente, und ich würde dir zumindenst diese Kategorie wünschen.

LG g
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Alt 21.01.2018, 14:52   #162
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Haha, Schmuddis berühmte Fragmente!
Ich kann es ja auch unfertig veröffentlichen und nenne es Kunst.
Aber ich empfinde deinen Wunsch mit und danke dir dafür.

Da du ja wohl die meisten Briefe gelesen hast: wie fühlt sich für dich das Ende an? Ist es zu unvermittelt oder zu trivial? Ich hatte ursprünglich einen anderen Fortgang im Kopf:

Babsi kann den Ich-Erzähler doch noch dazu bewegen, vorübergehend bei ihr einzuziehen. Doch da er sich nur gehen lässt und überhaupt zur Zeit unausstehlich ist, kommt es zum Zerwürfnis und er schreibt ihr ein letztes Mal aus einem Internetcafé von seinem Leben als Obdachloser, wobei ihn am meisten entwürdigt, dass er für wenige Euro seine Gedichte einem eiligen Passanten-Publikum vortragen muss, um zu überleben (woran ihm ja eigentlich nicht mehr gelegen ist).

Aber das wäre vermutlich zu selbstmitleidig geworden. So habe ich mich für dieses Nichts als Ende entschieden, das zumindest mit der vagen Andeutung einer Einsicht abschließt und das weitere Schicksal offen lässt. War ein schmaler Grat, da ich es auch nicht zu hoffnungsvoll gestalten wollte, schließlich ist er ja am tiefsten Punkt seiner Existenz angekommen.

LG und vielen Dank für deine Begleitung als treuer Leser (auch an alle anderen, die hier immer fleißig mitgelesen haben)
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Alt 23.01.2018, 13:51   #163
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Standard Brief Nr. I

Liebe Babsi,

heute Nacht hatte ich einen Traum: Ich spürte, dass ich sterben würde. Und als meine Zeit gekommen war, stand ich auf und wurde, indem ich in das Wasser ging, zu dem Wasser selbst. Und ich umfasste die ganze Welt und spürte ihren tiefsten Grund. Und ich trug die Seerosen in den Tümpeln und die Schiffe auf den Meeren zugleich. Die völlige Stille des Ozeans barg ich in mir, während ich die Kraft der Gezeiten wiedergab, mich an den schroffen Felsen der Küsten zu erschöpfen. Und ich tränkte die Pflanzen, Tiere und Menschen und verlieh ihrer dürstenden Trauer Ausdruck. Und ich rauschte durch die Gebirge, drängte mich durch das alte Gestein, ließ mich durch die Wälder treiben und ruhte in den Seen, worin ich die Sterne spiegelte. Und ich wohnte mir selbst inne, zerfiel in mir, zerstreute mich im Nebel der Welt und fand mich, herabprasselnd in mir selbst wieder. Und dies war mein Atem, bis ich erwachte.

Was dies mir wohl sagen möchte? Du kennst mich - wenn ich verliebt bin, gibt es keinen schlimmeren Romantiker als mich und dies kommt mir nicht eben zugute. Dann spüre ich den Weltschmerz in seiner ganzen Intensität und kann zuweilen ein unausstehlicher Zyniker werden, bis mich ebendies wieder zur Vernunft bringt. Und bin ich mit mir selbst im Reinen, gehe ich für eine Weile völlig in der Ruhe auf. Doch bald ist mir nichts lieber, als mich in philosophischen Fragen zu verlieren, die nichts mehr befördern als weitere Fragen. Jeder Atemzug meiner Seele ist nichts weiter als die Reaktion vorangegangener Atemzüge. Wie bin ich so unbeständig?

Als wir jedoch zu Silvester - oh, und für diese schöne Nacht möchte ich dir und den anderen, die hiermit herzlichst gegrüßt sein sollen, wehmütig danken - als wir also zu Silvester einfach geradeaus fuhren - ohne Ziel, ohne Zeitgedenken - da fühlte ich mich auf dem richtigen Wege und habe all diese Zweige meiner Selbst zu einer kräftigen Wurzel zusammengeführt erlebt, die von eurer Freundschaft gewässert wurde. Dass just, als wir uns dem neuen Jahr näherten, dieser schönste Berg der gesamten Vogesen sich vor uns auftat, von wo aus wir die herrlichste Sicht auf das Feuerwerk hatten, womit die Menschen die Enttäuschungen des vergangenen Jahres zum Himmel jagten! Ich bin jedenfalls fest entschlossen, meine Enttäuschungen hinter mir zu lassen, um dieses Jahr in der Welt meine Wurzeln zu schlagen. Ich arbeite inzwischen auch schon wieder fleißig an meiner Magisterarbeit und mir geht es jedenfalls nicht schlimmer, als man es erwarten könnte.

Ich hoffe, du hast klarere Träume!
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Alt 28.01.2018, 02:21   #164
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Standard Brief Nr. II

Danke Babsi,

da offenbare ich dir meine Träume und alles, was du liest, ist "Magisterarbeit". Nun ja, ich muss mich erst wieder in das Thema einfinden. Die Mathematik hinter den Gesamtzusammenhängen habe ich zumindest ausformuliert. Allerdings wollen sich mir die Details noch nicht öffnen. Ich weiß mir keinen Rat, wie ich Rawls' Differenzprinzip einer Messung zugänglich machen soll. Und dann kommt mir wieder der Gedanke, wie unsinnig es ist, Gerechtigkeit zu messen. Gewiss wirst du mich mit viel Tücke zitieren, dass es, um eine Veränderung zu bewirken, unumgänglich sei, Sachverhalte klar und präzise darzulegen. Jedoch möchte ich dich auch an deine Zitate erinnern: "Den Weg zu denken, bedeutet nicht, den Weg zu gehen." Wie recht du damit hast!

Wird denn nicht allen Dingen ihre Bedeutung genommen, wenn wir ihnen Zahlen zuordnen? Wo ist die Schönheit Beethovens, wenn wir Frequenzen messen, Fourier-Transformationen betreiben und alles, was einmal sinnhaft war, quantifizieren? Wo ist das Herzblut, die Neugier und der Fleiß eines Schülers in einer Schulnote zu finden? Worin versickert die Inspirationsquelle zeitloser Ideen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe, wenn alles mit Zahlen gesagt sein soll? Überhaupt möchte ich mir keinen Elfenbeinturm in meinem Kopf einrichten. Ich will die Welt in mir wiederfinden.

Egal wie kalt es ist - meine Spaziergänge haben daher Bestand. Die Kälte am ganzen Körper zu spüren, den Schmerz in den Fingern und Zehen zu empfinden - das ist eine dieser ursprünglichen Erfahrungen, nach denen man sich heimlich sehnt, nur um zu wissen, dass die Welt sich nicht um den Menschen dreht und dieser vielmehr dankbar sein kann, seinen Körper als einen Teil des Weltenganzen zu begreifen. Und wenn ich mich so ganz der Natur hingebe, wenn auch nur für wenige Stunden, erkenne ich gerade in meiner Machtlosigkeit, wie sie sich ganz mir offenbart - etwa in dem verträumten Funkeln des zugefrorenen Weihers im nahen Wäldchen. Babsi, du musst dies einmal sehen!

Allmählich wird mir mein Maintal also immer werter, auch da ich nicht mehr durch so viel Forderndes abgelenkt werde - zumindest so viel Gutes kann ich bereits am Alleinsein finden. Auch der Austausch mit all den Dichtern und Schriftstellern im Forum tut mir gut. Nicht nur, weil es bedeutsam ist, sondern auch, weil unter Menschen, wie sie sich zufällig irgendwo antreffen lassen, nie so viel mir Bekanntes, Anregendes und Ersehntes zu finden ist. Durch meine Gedichte finde ich Klarheit, wenn - oder weil - sie auch oft viel Verwirrung tragen. Und in den Gedichten anderer finde ich Trost.

Mir tut es wirklich leid, wie es eben einem Freund nur leidtun kann, zu lesen, wie du zwischen all den Zeilen deiner Vita so wenig Leben noch erkennen kannst. Nur, was soll ich dir anderes sagen? Dass dich, die du immerzu nur tätig bist und die die Welt nur bei Tage besieht, so viel Undeutlichkeit ängstigt, kann mich nicht überraschen und ich sage es nicht, um dich zu kränken, sondern um dir einen Weg aufzuzeigen - es muss ja nicht mein Weg sein. Wenn man einmal eine solche Verpflichtung eingegangen ist, wozu sich die meisten wohl genötigt sehen, sind alle Entscheidungen vorgezeichnet. Ich habe es dir schon oft gesagt und ich werde nicht müde, es zu sagen: Wir brauchen nicht mehr Pläne - wir brauchen mehr Zeit!
Schmuddelkind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.01.2018, 12:57   #165
gummibaum
 
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Liebes Schmuddelkind,

die hier in die Erzählung eingebetteten Reflexionen gefallen mir ausgezeichnet. Ich habe momenantan keine Zeit, das Ganze nochmal zu lesen. Ich komme darauf zurück.

LG g
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brieffreundschaft, roman, sehnsucht

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