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Alt 28.07.2016, 17:59   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Lucius

Leni Heller war überrascht. Nachmittags klingelte niemand an ihrer Haustür, mit dem sie nicht verabredet war. Sie lebte allein, der Postbote lieferte am Vormittag aus, und der Gärtner kam nur einmal in der Woche von acht bis vierzehn Uhr.

Sie öffnete die Tür und stand einer jungen Frau gegenüber, die ein Kind an der Hand hielt.

„Entschuldigen Sie, dass wir stören. Ich bin die neue Nachbarin, und das ist mein Sohn Lucius. Wir sind gestern nebenan eingezogen und möchten uns vorstellen.“

Der Junge streckte Leni einen Strauß weißer Lilien entgegen. Sie nahm ihn, bedankte sich und hieß die beiden, hereinzukommen.

„Wir wollen Ihnen keine Umstände machen.“

„Machen Sie sich darüber keine Sorgen. Ich habe mehr Zeit, als ich in meinem restlichen Leben verbrauchen kann. Setzen Sie sich und trinken Sie eine Tasse Tee mit mir, ich habe ihn gerade aufgebrüht. Dem jungen Mann ist sicherlich ein Glas Limonade lieber. Wie heißen Sie denn?“

„Maria Opacka.“

„Das ist ein ungewöhnlicher Name.“

„Mein Mädchenname. Ich war nie verheiratet.“

„Dann leben Sie mit ihrem Jungen allein?“

Maria nickte: „Aber Lucius hat Verbindung zu seinem Vater. Die beiden verstehen sich gut.“

„Wollen Sie mir etwas über sich erzählen? Was machen sie beruflich?“

„Ich leite den Einkauf einer Importfirma für Schnittblumen. Wir beliefern Floristen, vor allem Friedhofsgärtnereien …“

Während sich die beiden Frauen immer mehr in ihr Gespräch vertieften und Leni mehrfach Tee nachgoss, ging Lucius zum Bücherregal, zog das eine und andere Buch hervor, blätterte darin und stellte es wieder zurück. Schließlich nahm er einen dicken Band heraus, mit dem er sich auf dem Teppichboden niederließ und darin versank.

Leni hatte den Jungen die ganze Zeit über beobachtet.

„Brehms Tierleben. Eine alte Ausgabe, die meinem Vater gehörte. Ihr Sohn scheint sich für Tiere zu interessieren.“

„Ja, er liebt Tiere. Alle.“

„Er kann schon lesen?“

„Ja, seit seinem fünften Lebensjahr.“

„Haben Sie es ihm beigebracht?“

„Sein Vater. Er hat es ihm beigebracht.“

Leni wandte sich an Lucius. „Wenn dir das Buch gefällt, darfst du es mitnehmen und behalten.“

Lucius schaute sie aus tiefblauen Augen an. „Danke, Frau Heller.“

Leni lächelte, obwohl ihr plötzlich nicht mehr wohl war. Magisch angezogen strich sie dem Jungen über das hellblonde Haar, nahm sein Gesicht in beide Hände, beugte sich zu ihm hinunter, küsste ihn auf die Stirn und flüsterte: „Du siehst aus wie ein Engel. Du gehörst doch gar nicht hierher – nicht auf diese Welt.“

Zwei Wochen, nachdem sich Leni und Maria kennengelernt hatten, klingelte es an einem Nachmittag wieder an der Tür.

„Leni Heller?“

„Ja?“

„Ich bin von der Ermittlung.“

Der Mann zeigte seine Dienstmarke.

„Wollen Sie hereinkommen?“

„Gerne, danke.“

Der Ermittler zog ein Blatt Papier aus einem Umschlag. „Gesucht wird die Familie dieses Jungen, blond, schmal, etwa sechs Jahre alt.“

Leni blickte verständnislos auf die Zeichnung, ein Phantombild, das jedoch genügend Details enthielt, um das Gesicht zu identifizieren. „Das ist Lucius.“

„Sie kennen den Jungen?“

„Ja, das ist der Sohn meiner Nachbarin. Maria Opacka.“

„Maria Opacka hat keinen Sohn. Das ist bereits überprüft.“

„Aber sie war doch bei mir. Mit dem Jungen. Wir haben über eine Stunde lang geplaudert, und Lucius hat derweil meine Bücher angesehen.“

„War Ihnen etwas Besonderes aufgefallen?“

„An der Mutter nicht. Aber das Kind … Der Junge hatte etwas Seltsames.“

„Können Sie das näher beschreiben?“

„Nur schlecht. Etwas Transparentes, Durchscheinendes … Engelhaftes …“

Der Ermittler seufzte. „Verstehe. Ist notiert. Hat er versprochen, Sie irgendwann in seinem Raumschiff abzuholen?“

„Machen Sie sich über mich lustig?“

„Keineswegs. Ab und zu machen sich Symptome meiner Berufskrankheit bemerkbar.“

„Darf ich fragen, weshalb Sie nach der Familie des Kindes forschen?“

„Ja, warum nicht … Es gab einen Unfall. Der Fahrer eines Schwerlastwagens meldete, dass sich von seinem Fahrzeug ein Reifen gelöst hatte. Angeblich traf der Reifen einen Jungen, der die Straße entlang ging. Die Wucht des Reifens erschlug ihn. Doch als meine Kollegen an die Unfallstelle kamen, lag dort nur der Reifen. Die Überprüfung des Fahrtenschreibers ergab, dass der Fahrer übernächtigt gewesen sein muss. Aber wir müssen allen Angaben nachgehen. Also nichts für ungut, Frau Heller, und entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit.“

28.07.2016
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 18:17   #2
weiblich DieSilbermöwe
 
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Spannend und mysteriös. Hat mir gefallen (ich hab ja einen so schlechten Geschmack )

Ist aber ernst gemeint, gefällt mir wirklich.
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 18:31   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
(ich hab ja einen so schlechten Geschmack )
Das habe ich nie behauptet. Wie gesagt: Genau lesen.

Aber danke für das Feedback.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
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