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Schreibwerkstatt / Hilfe Gedichte und diverse Texte, an denen noch gefeilt werden muss.

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Alt 25.07.2021, 23:14   #1
männlich Krebsgestoeber
 
Benutzerbild von Krebsgestoeber
 
Dabei seit: 03/2013
Alter: 28
Beiträge: 191

Standard Liebeslyrik als Ihr-Ansprache?

Ich möchte hier ein Gedicht, das ich bereits gepostet habe, besprechen.

Bevor euch der Wind in die Adern gebissen,
Da war eure Welt ein gestrandetes Floß.
Dein Eisvogel sang ihr so schön ins Gewissen
Und auf euren Wangen da glänzte das Moos.

Bevor euch die Wellen am Halse gekitzelt
Und Sonnenlicht über den Nacken geleckt,
Da war eure Welt wie ein Junge, der witzelt,
Doch wenn es drauf ankommt, sein Lächeln versteckt.

Bevor euch die Furcht in die Seele geschrien,
Die Furcht vor dem Scheitern, die Furcht vor dem Tod,
Da wusstet ihr vor euren Küssen zu fliehen.
Nun seht ihr euch an und der Himmel wird rot.


Ich bin handwerklich zufrieden, aber irgendwie leiert es oder ich will fast sagen: es kräht. Ist es diese unpoetische Anapher "Bevor euch"? Oder kommt Liebeslyrik nie ohne lyrisches Ich aus? Es erscheint mir übergriffig, anderen ihre eigene Beziehung vorzudichten.

Bevor uns der Wind in die Adern gebissen,
Da war unsre Welt ein gestrandetes Floß.
Mein Eisvogel sang dir so kühl ins Gewissen
Und auf unsren Wangen da glänzte das Moos.

Bevor uns die Wellen am Halse gekitzelt
Und Sonnenlicht über den Nacken geleckt,
Da war unsre Welt wie ein Junge, der witzelt,
Doch wenn es drauf ankommt, sein Lächeln versteckt.

Bevor uns die Furcht in die Seele geschrien,
Die Furcht vor dem Scheitern, die Furcht vor dem Tod,
Da wussten wir vor unsren Küssen zu fliehen.
Nun siehst du mich an und der Himmel wird rot.


So gefällt es mir schon besser. Aber was meint ihr? Wo quietschen die Scharniere?

Gruß
Krebsgestoeber
Krebsgestoeber ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.07.2021, 19:41   #2
männlich Epilog
 
Dabei seit: 10/2019
Ort: in den Wolken
Alter: 53
Beiträge: 367

Standard Hallo Krebsgestoeber

recht interessante Fragestellung (und es ist auch so selten, dass jemand in dieser Rubrik interessante Fragen einstellt ...).

Version 2 mit der persönlichen Ansprache spricht (mich) mehr an - und das ist ja auch kein Wunder: Die Einbindung des LyDu aus der Ich-Perspektive des LyrIch lässt sofort Erinnerungen an verflossene oder im Idealfall aktuelle Liebesgeschichten hochspülen, welche die poetische Aussage unmittelbarer und authentischer erscheinen lässt. Besonders deutlich wird das (meine ich) im abschließenden Vers Deines Gedichts.

Die Ansage an ein wie auch immer geartetes "Euch" (nicht "Du") assoziiert unterschwellig einen wie auch immer gearteten imperativen Impetus, also ein "jetzt macht ihr das, dann macht ihr dieses", und letztlich ein "macht jetzt gefälligst dies!" - das hast Du schon ganz richtig erkannt.

Es gibt natürlich noch mindestens eine dritte Möglichkeit, nämlich die vermeintlich objektivste Sichtweise des er/sie/es. Eines der bekanntesten Liebesgedichte der deutschen Literatur, "Die Beiden" von Hofmannsthal, verwendet es, und diese Perspektive ermöglicht am ehesten eine "poetische Analyse" des Liebesgeschehens aus objektiver Sicht und ohne die subjektiven Färbungen persönlicher Einbindungen oder Empfindungen. Vielleicht versuchst Du, Dein Gedicht noch mal aus dieser Sichtweise zu formulieren? (ich bin jetzt zu faul ...)

Wo quietschen die Scharniere? Ich bin der Meinung, insgesamt quietscht es im Metrum in der einen wie der anderen Form relativ wenig. Warum meinst Du, das könnte von der Verwendung des 1., 2. oder auch 3. Falls abhängen? Sehe ich nicht so. Die Wortwahl und daraus hervorgehend wohl auch die Versmelodie ist für ein "klassisches" Liebesgedicht teilweise ungewöhnlich - wenn ich mir Formulierungen wie "in Adern gebissen" und "am Halse gekitzelt" anschaue - vielleicht liegt es eher daran? Aber andererseits geht es ja auch immer darum, etwas auszudrücken, was so noch nicht gesagt wurde ...

Einen schönen Abend wünscht dir

Epilog
Epilog ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.07.2021, 21:30   #3
männlich Krebsgestoeber
 
Benutzerbild von Krebsgestoeber
 
Dabei seit: 03/2013
Alter: 28
Beiträge: 191

Standard Lieber Epilog

vielen Dank für deine ausführlichen und ebenso hilfreichen Beobachtungen!

Zitat:
Zitat von Epilog Beitrag anzeigen
Die Wortwahl und daraus hervorgehend wohl auch die Versmelodie ist für ein "klassisches" Liebesgedicht teilweise ungewöhnlich - wenn ich mir Formulierungen wie "in Adern gebissen" und "am Halse gekitzelt" anschaue - vielleicht liegt es eher daran?
Vielleicht liegt mein Problem darin, ein Liebesgedicht mit unkonventionellem Metrum und unüblicher Ausdrucksweise von einem traditionellen LI sprechen zu lassen.

Zitat:
Vielleicht versuchst Du, Dein Gedicht noch mal aus dieser Sichtweise zu formulieren? (ich bin jetzt zu faul ...)
Bevor sie der Wind in die Adern gebissen,
Da war ihre Welt ein gestrandetes Floß.
Der Eisvogel sang ihr so kühl ins Gewissen
Und auf ihren Wangen da glänzte das Moos.

Bevor ihn die Wellen am Halse gekitzelt
Und Sonnenlicht über den Nacken geleckt,
Da war seine Welt wie ein Junge, der witzelt,
Doch wenn es drauf ankommt, sein Lächeln versteckt.

Bevor uns die Furcht in die Seele geschrien,
Die Furcht vor dem Scheitern, die Furcht vor dem Tod,
Da wussten wir vor unsren Küssen zu fliehen.
Nun siehst du mich an und der Himmel wird rot.


Das spannende an diesem Perspektivwechsel ist der eingetragene Bildungsprozess des Zueinanderfindens - die unterkühlte Ehe wird als barocke Jugendliebe deutbar - und die Ungewissheit, wer hier eigentlich spricht.

Beste Grüße

Krebsgestoeber
Krebsgestoeber ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.08.2021, 19:07   #4
männlich grandparnassos
 
Dabei seit: 08/2021
Ort: Halle (Saale)
Beiträge: 8

Ich selbst habe mir diese Frage auch schon so und so ähnlich gestellt. Ich schrieb einige Gedichte, die zum Beispiel von einem "Ich" und einem "sie" handelten, habe aber immer wieder (für mich persönlich) festgestellt, dass ein "Ich und Du" oder eben ein "Du und Ich", die direkteste und quasi für eine potientielle Leserschaft universellste Variante ist, gerade wenn es um Liebesdinge geht, weil an dieser Stelle der Raum für eine Identifikation geschaffen wird.
Ferner können meines Erachtens nach solche Gedichte auch einen Identifikationsraum für jedwede Person eröffnen, ungeachtet des Geschlechts, sofern denn das restliche Gedicht auch diese Offenheit aufrecht erhält, Ich und Du also nicht zu direkt als zum Beispiel klar männlich und weiblich geschildert werden.
Das "Euch" wirkt meiner Meinung nach auch zu belehrend. Demnach würde ich dir zustimmen, wenn du sagst es erschiene dir übergriffig anderen ihre Beziehung vorzudichten.

Epilog würde ich aber auch widersprechen. Ich halte er/sie/es nicht für wirklich objektiv. Genauso wie ein Ich und Du nicht wirklich objektiv sein könnte. Ein Er und Sie zum Beispiel würde zum Beispiel direkt von einer Beziehung zwischen Mann und Frau oder Junge und Mädchen ausgehen. Wobei jeweils einer bestimmten Person eine bestimmte Rolle zuteil werden würde. Es ist ja auch noch (wenn wir allein bei einer binären Struktur verbleiben) ein er/er, ein sie/sie und ein sie/er denkbar.

Demnach wäre dein Gedicht, Krebsgestoeber, auch noch in wenigstens drei anderen Formen denkbar.

Bevor ihn der Wind in die Adern gebissen,
Da war seine Welt ein gestrandetes Floß.
Der Eisvogel sang ihm so kühl ins Gewissen
Und auf ihren Wangen da glänzte das Moos.

Bevor sie die Wellen am Halse gekitzelt
Und Sonnenlicht über den Nacken geleckt,
Da war ihre Welt wie ein Junge, der witzelt,
Doch wenn es drauf ankommt, sein Lächeln versteckt.

Bevor sie die Furcht in die Seele geschrien,
Die Furcht vor dem Scheitern, die Furcht vor dem Tod,
Da wussten sie vor ihren Küssen zu fliehen.
Nun sieht sie ihn an und der Himmel wird rot.


etc. etc.

Mir ist beim "Umdichten" nun auch aufgefallen, dass du in der letzten Strophe wieder auf ein Ich und Du umgesprungen bist. Also ja, dieser Text wäre in zahlreichen Formen denkbar.

Für am Universellsten, denn ich denke, dass wenigstens in Sachen Liebeslyrik ein objektiver Text nicht möglich ist, halte ich entweder das Ich und Du oder das Euch. Auch wenn letzteres eher belehrend erscheinen oder vordichtend erscheinen könnte.

Immanuel Kant verwendet in seiner "Kritik der Urteilskraft" den Begriff der universellen Subjektivität, wenn es um das Empfinden von Schönheit geht. Wir empfinden etwas als schön und meinen die Person neben uns müsse es genauso sehen, packen sie am Ärmel und deuten auf das Gesehene und erhoffen uns von ihnen ebenfalls einen Beifall dafür.
Ich glaube, dass sich solch eine universelle Subjektivität am besten über das Ich und Du transportieren lässt.

Aber das ist freilich nur meine Meinung.
grandparnassos ist offline   Mit Zitat antworten
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