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Alt 03.04.2012, 09:45   #1
männlich Desperado
 
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Standard Rache für Luzifer

Wie ist es möglich, dass ein Einzelner sieben Gegner bezwingen kann?

Schwindelt hier das tapfere Schneiderlein oder prahlt eine der abgehalfterten Legenden für die Klatschspalten der Zeitung? Weder gibt es etwas zu schwindeln noch mag ich mich mit den finsteren und demütigenden Stunden nackter Notwehr brüsten, die mir Taten aufzwangen, für die ich mich bis heute schäme, die mich verfolgen sollten in meinen Albträumen, doch sie tun es nicht, meine Seelenwaage hat Gewichtigeres gegeneinander aufzuwiegen als ein paar windige Leben gegen mein sturmgepeitschtes.

Vor die Wahl gestellt, dein Leben gegen das anderer in die Waagschale zu schmeißen, mag es dir bis dahin noch so nutzlos erschienen sein, sein Wert steigert sich sprunghaft um ein Vielfaches, noch so groß und mächtig kann die Todessehnsucht sein in dir, stehst du einem Haufen gegenüber, der dir das Leben gewaltsam entreißen will, handelst du mit den Instinkten eines gehetzten Tieres.

Aufgespürt in deinem sichergeglaubten Versteck -die Bande hat es wohl aus einem Apachenjungen herausgeprügelt und ihm mit dem Tod gedroht, wenn er den Standort meiner Höhle nicht verrät, um ihn hinterher dennoch zu ermorden-, bleibt dir nur noch der letzte Versuch zur Flucht, bevor du gezwungen bist, dich dem Kampf zu stellen.

Die Dohlen, die sich um meine Höhle scharen in der Gewissheit einiger Brocken, die abfallen für sie, haben mir das Kommen der Häscher angekündigt, schrill pfeifend suchen sie in elegantem Segelflug das Weite. Im Nu hab ich mein Bündel gepackt und eile zu Luzifer, der ganz in der Nähe an ein paar Sträuchern knabbert, sattle ihn so schnell ich kann und schwinge mich auf seinen Rücken, als ein paar Schüsse aufpeitschen, mein Freund markerschütternd wiehert, sich aufbäumt und zu Boden sackt.

Es war zu spät, die Kerle hatten sich bereits verschanzt und mir gezielt mein Pferd unterm Hintern weggeschossen, sie wollen mich lebend und am Galgen baumeln sehen oder gleich selbst aufhängen.

Das war ein Fehler, der letzte den sie gemacht haben, denn ich und meine Pferde, wir sind eine ausschließliche Gemeinschaft, die auseinander zu reißen nur die Höchststrafe bedeuten kann. Und während ich mich hinter dem zuckenden blutüberströmt zersiebten Leib meines schweratmenden sterbenden Freundes verschanze, seine Wangen und Nüstern tätschle, seine Stirnmähne kraule, ihm letzte Koseworte in die Ohren flüstere und das Licht in seinen erschrockenen Augen erlöschen sehe, ist der Tod seiner Mörder beschlossene Sache.

Es ist mir gleichgültig, ob sie Familie haben, wer oder wie alt sie sind und was sie ansonsten treiben, sie haben ihre Chance verspielt und alles was kommen wird sich selbst zuzuschreiben. Sie haben mich halbtot geprügelt und um ein Haar bestialisch zu Tod gequält bei unserer ersten Begegnung, nichts davon hätte mich gekümmert, doch nun ist ihr Lebensrecht verwirkt. Das ist ungeschriebenes Gesetz des Desperado, soweit ich weiß auch bei den Apache, ein altes Gesetz der Wüste- töte mein Pferd und du bist des Todes.

Ich bändige die brodelnd kochende Wut mit grimmiger Kraft und schlucke verbissen meine zornigen Tränen hinunter, klar muss mein Auge sein und ruhig meine Hand. Kalt und nüchtern steigt es hoch in mir, ich spüre weder Angst noch Unruhe, entschlossene Gelassenheit füllt mich aus, der feste Wille zu töten ergreift von mir Besitz, eine unheimliche Ruhe kommt über mich, die Gedanken schärfen sich wie Rasiermesser, jedes Gefühl, jede Regung scheint erstorben.

Jetzt bin ich ein gefährlicher Mann, ein ruchloser Geächteter, ein erbarmungsloser Gesetzesloser, ein eiskalter Killer, ein gerissener Desperado, der Schrecken der Wüste. Ihre feige Bluttat hat mich in Minuten dazu gemacht und werden lassen, das ist so, es geschieht mit mir und ich kann und will es nicht erklären.

Einen erwische ich noch, als sie gebückt zu ihren Pferden zurückschleichen, deren Schnauben ich hinter dem großen Felsklotz hören kann. Er fällt nicht einfach um und ist tot, wie mancher sich glauben machen mag, denn nur in den seltensten Fällen geht ein Schuss durch Herz oder Kopf, um den Getroffenen sofort zu erlösen. Er windet sich, bäumt sich auf, schlägt um sich, zappelt hilflos, schreit gellend, jammert, heult und wimmert, bis er endlich stiller wird, zuckend und zitternd daniederliegt und schließlich seinen letzten Atemzug tut, ein schauderhaftes Geräusch wie ein grollend gurgelndes Stöhnen aus den tiefsten Tiefen der Erde. So nämlich stirbt ein nicht sogleich tödlich getroffener Mensch, und bei Schießereien sind das die meisten.

Dumpf schlagen ihre Kugeln in Luzifers erkaltenden Leib, pfeifen surrend und Staub aufwirbelnd über die Steine, ich bin in sicherer Deckung. Und ich habe den Vorteil, dass sie über den schmalen Grat reiten müssen, um meinen Unterschlupf zu erreichen, sie haben ihn wohlweislich gemieden, doch nun bleibt ihnen keine Wahl, wollen sie meiner habhaft werden. Große Denker und Planer scheinen sie jedenfalls mal nicht zu sein, das ist gut zu wissen.

Mein Gewehr wird zum verlängerten Arm, über seinen Lauf und aus seiner Mündung zieht sich eine unsichtbare feine Schnur, die ihr Ziel findet ehe ich es im Kopf erfasst habe und den Finger am Abzug bewegt, ehe der Verstand ihm den Befehl dazu erteilt, eine unheimliche dunkle Gabe, die ich nur gebrauche wenn ich unbedingt muss. Und meine Verfolger lassen mir keine Wahl, irgend etwas in ihren Hohlköpfen hat ausgesetzt, sie sind besessen von nur dem einen Willen, mich zu kriegen um jeden Preis, tot oder lebend, seit einer der ihren in seinem Blut liegt- und ich bin sicher schon davor, so ich mich nicht freiwillig ergeben sollte. Damit sie mich langsam, genüsslich und einfallsreich zu Tode schinden und martern können.

Biedere Spießbürger, deren Killerinstinkt erwacht ist und durch ihre Berufung zur Bürgerwehr rechtlich genehmigt, sind blutrünstiger, skrupelloser und mordlüsterner als jeder Kopfgeldjäger. Ihre Zusammenrottung ist ohne Zögern für jede Abscheulichkeit zu gewinnen, die Mitglieder betrachten jede noch so unvorstellbare Scheußlichkeit als redliche Pflichterfüllung und erledigen jedes noch so unsägliche Verbrechen mit gewohnter Gründlichkeit und ohne Widerspruch, jedoch nicht ohne Lust an Grausamkeit und Niedertracht im Hochgefühl der Macht. Sie sind Grundfeste und Pfeiler aller Herrschaftsgefüge.

Ihren Rufen schenke ich keine Beachtung, in der Falle säße ich und hätte nicht die geringste Chance, klug soll ich sein, mit erhobenen Händen aus der Deckung kommen, es sei vorbei und zu Ende, ich würde dem Richter vorgeführt und einen fairen Prozess bekommen, den Galgen verschweigen sie geflissentlich, ich nutze ihr verlogenes Gefasel, um sorgfältig alles zu laden, was ich an kaum oder nie benutzten Schießeisen mit mir führe. Ich hasse das Schießen, ich verabscheue das Töten, ich will nichts davon und verneine alles, aber wenn ich dazu gezwungen bin, tu ich es fast gelangweilt, ohne Empfindung, unmittelbare Reue oder menschliche Betroffenheit.

Muss ich tatsächlich töten um zu überleben, tu ich es kalt und schwarz wie das Zentrum im Herzen der Hölle.

Manche behaupten, beim Töten falle der Mensch zurück in seine animalische Natur, doch ich glaube ihnen nicht. Denn dieser fast tranceartige Zustand kennt weder Todesangst und Panik noch Jagdtrieb und Mordlust, es ist ein kühles Abwägen der eigenen Chancen und des Preises, den es zur Erhaltung des eigenen Selbst zu bezahlen gilt. Der volle Einsatz reiner Vernunft, von jeder moralischen Schranke befreit und ohne die Hemmnis der geringsten Gewissensregung, nichtsdestotrotz bewusster noch als bewusst, ist ureigenst menschliche Begabung und nirgendwo sonst in der Natur zu finden.

Es ist das Böse, das der Mensch zur Rettung seiner Haut in Anspruch nimmt, und mag er noch so sehr der Überzeugung sein, dass diese eine gute sei und ihrer Erhaltung wert, er wird sich die Talente des Teufels zunutze machen, wenn es ums nackte Überleben im Angesicht des Feindes geht. Und zu gekommener Zeit wird er für sein Tun zur Rechenschaft gezogen, mag es ihm noch so lauter und unvermeidlich erschienen sein, weil ein genommenes Leben seinen Tribut fordert mit derselben Berechtigung jenseits menschlicher Gebote, mit der es ausgelöscht wurde.

Das Leben als solches schert sich nicht um Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht, es ist, will sein und zürnt, wenn es einer noch so verdorbenen Menschenseele beraubt wird, und sein Zorn fällt auf den Räuber zurück, und sei dieser noch so unschuldig. Habt ihr das gewusst? Wozu auch, niemand sollte es wissen müssen.

Es vergeht eine geraume Zeit des Wartens, ohne das sich etwas tut.

Dann plötzlich scheinen zwei meiner Jäger von allen guten Geistern verlassen zu sein, in vollem Galopp preschen sie wild in meine Richtung feuernd über den Grat, es kostet mich nur zwei Kugeln, die Pferde reiterlos an seinem Ende ankommen zu lassen, wenigstens fallen die tollwütigen Kerle eine turmhohe Wand hinab und sterben rasch und schmerzlos. Den zornigen Rufen und grässlichen Flüchen der Zurückgebliebenen kann ich entnehmen, dass es sich um höchstens fünf, vielleicht sogar nur vier Männer handelt. Möchten sie doch so klug sein nach Hause zu reiten, aber sie denken nicht dran. Stattdessen warten sie wie erwartet und befürchtet auf den Schutz der Nacht, um sich unbemerkt heranpirschen zu können.

An den fünf Fingern einer Hand hätten sie abzählen können, dass ich ein Sohn der Nacht bin ja die Nacht selbst, und die Nacht mein unbestrittenes geliebtes beherrschtes Reich.

Dass ich zu Dunkelheit werde und mit ihr verschmelze, lautlos und behände wie ein Luchs über die Steine husche, ein schwarzer Schatten im schwarzen Schatten der Finsternis, wie eine Schlange über die Felsen gleite, wie eine Eidechse in jeder Spalte verschwinde, die Nacht durchdringe mit den Augen einer Eule und wie ein Puma auf den Gipfeln des glattgeschliffenen Felsgesteins auftauche, in ihrem Rücken über ihren ahnungslosen Köpfen,
dass der Schutzwall, in dessen Schatten sie vorsichtig näher schleichen -mich irgendwo da oben jenseits des Grates in meiner Deckung wähnend-, mir zur Scharte wird und ihnen zur tödlichen Falle.

Sogar den Zuruf gewähre ich den gebückt kletternden Gestalten, den verräterischen Tritt oder polternden Stein, um ihnen die Chance zur Gegenwehr zu geben, Jedem nach Einschätzung seiner Gefährlichkeit und Jedem vergebens. Es waren ihrer vier, keiner von ihnen hat den Grat auch nur erreicht. Und ich bin nicht stolz darauf, nicht auf das stümperhafte Portrait auf dem Steckbrief und nicht auf mein folgendes Leben des geächteten Vogelfreien.

Ich wurde ohne Schuld in dieses Dasein gezwungen.
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Alt 03.04.2012, 10:30   #2
Thing
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Alter: 74
Beiträge: 35.127


Halli Hallo, Desperado -

wieder eine tolle Geschichte mit viel lebensphilosophischem Beiwerk.
Bis auf ein paar Tippfehler und einige Wendungen, die anders besser klängen, eine spannende Lektüre (und gutes Deutsch!).

Sehr gern gelesen

von
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.04.2012, 11:06   #3
männlich Desperado
 
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Freut mich aufrichtig, Thing, dass sie Dir gefällt... ist ja doch ganz schön finster und düster.

Danke für den Hinweis, manches klingt ein wenig verschachtelt und ungelenk, das stimmt, kam wohl so rausgesprudelt aus dem Desperado in der aufgewühlten Erinnerung, vorerst lass ich´s mal so, kommt Zeit kommt Formulierung.

LG!
Desperado ist offline   Mit Zitat antworten
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