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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 28.09.2017, 15:45   #1
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 28
Beiträge: 870

Standard Im Wald

Der Wald ist eine alte Kathedrale
mit Fichten, die die hohen Wipfel wie
Gewölbe spannen. Und durch tausend schmale,
entrückte Fenster wirkt es fast, als male
die Sonne Fresken in die Szenerie.

Und Felsen gleichen wartenden Altären,
an denen meine Seele niederkniet
und sich befreit von all dem Alltagsschweren.
Und etwas hebt sich in den stillen Sphären,
als ob ein Größeres vorüberzieht.
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2017, 20:19   #2
männlich Sonnenwind
 
Benutzerbild von Sonnenwind
 
Dabei seit: 06/2012
Alter: 57
Beiträge: 1.351

Riesenhaft und reifend!

Du bist echt nicht normal...

Rilke ist nie wirklich gestorben, bin ich überzeugt von. Oder so...

LG
Sonnenwind
Sonnenwind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2017, 21:45   #3
männlich Erich Kykal
 
Benutzerbild von Erich Kykal
 
Dabei seit: 09/2011
Ort: Österreich
Alter: 55
Beiträge: 876

Hi Tiger!

Meine bescheidenen Vorschläge zu einer letzten sprachlichen Veredelung. Nimm, was dir brauchbar erscheint:

Der Wald ist eine alte Kathedrale
aus Fichten, deren hohe Wipfel wie
Gewölbe wirken. Und durch tausend schmale,
entrückte Fenster glüht es, fast als male
die Sonne Fresken in die Szenerie.

Und Felsen gleichen wartenden Altären,
an denen meine Seele niederkniet
und sich befreit von allem Alltagsschweren.
Und etwas hebt sich in die stillen Sphären,
als ob ein Größeres vorüberzieht.


Das ist wirklich groß. Ich verneige mich vor deinem Talent! Der Wald ist eins meiner heiligsten Themen, aber so wunderbar sprachlich vertieft habe ich ihn noch nie beschrieben! (Ein leiser Neid überkommt mich! - Schäm! )

Allergernst gelesen!

LG, eKy
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2017, 23:09   #4
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
Dabei seit: 10/2016
Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 37
Beiträge: 4.957

Standard Lieber Tiger,

mir gefällt deine Hommage an den Wald.
Einzigartig schöne Formulierungen hast du gefunden.
Ist ja sonst schon alles gesagt, ich schließe mich einfach jeglichem Lob an.

Eins noch: Tiger lesen lohnt sich !

Unar
Unar die Weise ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2017, 23:18   #5
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Lieber Tiger,

ein besonderer Genuss, dieses Gedicht.

Chapeau!

LG gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2017, 08:39   #6
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 28
Beiträge: 870

Hi Sonnenwind,

vielen Dank für dein Lob! Auch, wenn es unendlich übertrieben ist. Die zweite Strophe musste ich mir abquälen wie schon lange nichts mehr Und das, obwohl ich wusste, was ich schreiben wollte und die Wörter eigentlich schon hatte.
Rilke ist bzw. war einfach ein Virtuose.


Hi eKy,

da werde ich ein paar Dinge übernehmen, danke! Ich habe schon einige deiner Waldgedichte gelesen. Viele davon sind grandios! Da ist Neid von deiner Seite eher unangebracht. Man muss vielmehr neidisch auf deine Wortkunst sein


Hi Unar,

das freut mich sehr zu lesen Hab vielen Dank für deinen lieben Kommentar!


Hi gummibaum,

dein Kommentar ehrt mich!



Viele dankbare Grüße,
Tiger
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2017, 09:44   #7
männlich Sonnenwind
 
Benutzerbild von Sonnenwind
 
Dabei seit: 06/2012
Alter: 57
Beiträge: 1.351

Mag ja sein, aber wenn es plötzlich irgendwo in meinem Rilkelyrikbändchen auftauchen würde, würd ich mich nur kurz wundern und mich fragen, warum ich es bisher überlesen hab.

Rilke selbst, so genial er war, hat Dinge geschrieben, die mich weniger fesseln, als dieser Text hier von Dir... Und ich glaub auch nicht, dass er einfach alles so hat runterschreiben können...

Keine Angst, es ist nicht meine Absicht, Dich mit Rilke gleichzusetzen. Aber ich mag dieses Schubladendenken nicht, das strikt scheidet, zum Beispiel zwischen den ganz Großen und den Kleinen. Es gibt Annäherungen... Überschneidungen... Weiterführungen... Aber natürlich auch Spiegelungen, Echos, Schatten...

Wer in allem absolute Originalität verlangt, hat sie nicht mehr alle!

LG
Sonnenwind

Geändert von Sonnenwind (29.09.2017 um 11:39 Uhr) Grund: Erweiterung
Sonnenwind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2017, 10:29   #8
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.995

Hi Tiger,

die Form der Strophen und die Anordnung der Reime stützt mitsamt der malerischen Sprachgewandheit die Intention deines Gedichtes, wodurch es zu einem wunderschönen Gesamtbild heranreift. Lediglich ein kleiner Rutscher der die zweite Strophe in zwei Sätze zerhäckselt, ruiniert hier für mich das Meisterliche weit, ganz weit hinunter,
bis hin zum ledgilich noch
großartigen

Zitat:
und sich befreit von all dem Alltagsschweren.
Und etwas hebt sich in den stillen Sphären,
als ob ein Größeres vorüberzieht.
Du hast begriffen, wie man mit Worten Bilder malt, Tiger.
MiauKuh ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2017, 11:55   #9
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 28
Beiträge: 870

Hi Sonnenwind,

was die Großen für mich zu den Großen macht, ist nicht nur ihre Wortkunst, sondern auch die Quantität. Wenn sich z.B. bei Rilke die Datierung einiger Gedichte anschaut, stolpert man über Tage, an denen er drei, vier wunderbare Texte geschrieben hat. Wenn ich mich da betrachte, kann ich meist froh sein, wenn ich in einer Woche ein einziges zusammenstöpsle Natürlich ist Menge kein Qualitätsmerkmal. Aber Qualität und Quantität zusammen, das ist, was es in meinen Augen in gewisser Weise zu erreichen gilt.

Ich danke dir für deinen Kommentar


Hi MiauKuh,

vielen lieben Dank! An der Bruchstelle könnte man anstatt des Punktes ein Komma setzen und mit einem kleinen "und" weitermachen. Dann wäre die Pause wohl nicht so groß.
Die Bilder malt ja meist die Natur Ich versuche, zu übersetzen


Grüße,
Tiger
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2017, 12:23   #10
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.995

Zitat:
Zitat von Tiger Beitrag anzeigen
Aber Qualität und Quantität zusammen, das ist, was es in meinen Augen in gewisser Weise zu erreichen gilt.
Findest du? Allein ein einziges Gedicht zu schreiben, was wirklich großartig ist, zeigt doch schon, welche Klasse der Künstler erreicht hat.

Ab einem gewissen Level, so finde ich, sind die Dinge nur noch eine reine Geschmackssache, da die Technik ohne Zweifel erhaben ist.

Technik lässt sich ja lernen. Was sich dagegen nicht lernen lässt, ist, ein Fenster zu öffnen, wodurch plötzlich Dinge sichtbar werden, die vorher nicht mal erahnt wurden. Ich glaube das ist dann Genialität, etwas Neues zu erschaffen. Nicht einen Stil zu meistern, sondern etwas Neues, Unvorhersehbares zu kreieren, dass ist unglaublich toll.

Ein bisschen wie wenn Kinder über die Eltern hinauswachsen, natürlich nur sinnbildlich.
MiauKuh ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 01.10.2017, 11:21   #11
männlich Briefmarke
 
Dabei seit: 04/2011
Ort: Die leere Fernbedienung
Alter: 32
Beiträge: 235

Hi Tiger

wirklich sehr innig geschrieben.
Deine jambischen Fünfheber sind so gediegen,
dass sie fließen wie Vierheber.
Du hast ein Händchen für gleitende Zeilen.
sehr adrett geschrieben.

Das Motiv ist schön gewählt und erinnert mich an die Sonette zweier
Größen die es eben schon zu sich nahmen. Wobei Baudelaire Kalckreuth inspirierte, der ihn sehr verehrte und seine Fleurs hochkarätig aus dem Französisch übersetzte.


Zusammenhänge

Lebendigem Tempel gleicht das Wesen der Natur,
aus seinen Säulenreihn tönt tief geheimes Flüstern,
durch Wälder geht der Mensch, wo Zeichen ihn umdüstern,
die stillvertrauten Blicks verfolgen seine Spur.

Geheim verschmelzend wie das Echo fernster Klüfte,
in großer Einheit und voll dunkeltiefer Macht,
weit wie des Äthers Glanz und die gewaltge Nacht,
antworten Töne rings und Farben sich und Düfte.

Gerüche sind, wie Duft, der über Kindern ruht,
grün wie die Wiesen, sanft wie der Hoboen Klingen,
und andre, die verderbt und siegreich und voll Glut,

still atmend in der Kraft von unbegrenzten Dingen,
wie Ambra, Benzoe und fremden Weihrauchs Flut,
stolz tönend den Triumph von unsrem Geist und Blut.

Baudelaire


Das Fest der Sinne ist ein Tempelbau,
den Säulen tragen in erlesner Reine,
und gleich dem Schweigen sommerlicher Haine
stellt seine dunkle Wölbung sich zur Schau.

Mild atmet der Rotunde tiefes Blau,
die reichen Hänge zieren Edelsteine,
es quillt in des Altares goldnem Weine
der Duft der Blumen und der Kuss der Frau.

Bald läßt der Efeu, der den Bau umflicht,
des liebetrunknen Mondes ros'ges Licht
herniederrieseln auf die Marmorplatten.

Und wäre ich dem Leben noch geweiht, -
es deuchte mich die tiefste Süßigkeit,
so zu genießen in des Todes Schatten.

Kalckreuth

Auch beeindruckend die immer widerkehrenden Worte,
die sich ja auch zu dem Thema vorrücken.

Grandios gemacht.
Briefmarke
Briefmarke ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.10.2017, 09:02   #12
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 28
Beiträge: 870

Hi MiauKuh,

ein einziges großartiges Gedicht könnte auch ein glücklicher Zufall sein Nein, du hast schon recht. Dennoch würde keiner der großen Dichter heute als großer Dichter bezeichnet bei einer handvoll toller Gedichte, oder nicht? Schwieriger Punkt, finde ich.


Hi Briefmarke,

hab vielen Dank für dein schönes Lob Die Natur hat schon etwas Heiliges. Dazu braucht es nicht einmal einen Gott.


Grüße,
Tiger
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.10.2017, 18:33   #13
weiblich Schnulle Köhn
 
Dabei seit: 05/2017
Ort: am Ende der Welt
Alter: 59
Beiträge: 928

Hallo Tiger,
ich schreib hier nicht mehr aber ab und zu schau ich noch mal rein um deine Gedichte zu lesen. Dieses hier ist wieder ein ganz besonderes Stück. Mich fasziniert die Wortwahl mit der du deiner Liebe zur Natur Ausdruck verleihst.
Habe ich mit höchstem Genuss gelesen.

LG Schnulle Köhn
Schnulle Köhn ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.10.2017, 21:26   #14
männlich Laie
 
Benutzerbild von Laie
 
Dabei seit: 04/2015
Ort: Oberpfalz
Alter: 28
Beiträge: 870

Hallo Schnulle,

es ist mir schon aufgefallen, dass man dich hier nicht mehr oft liest. Es ehrt mich daher umso mehr, dass du meine Gedichte liest und hier kommentierst. Und es freut mich sehr, dass dir das Gedicht gefällt


Gruß,
Tiger
Laie ist offline   Mit Zitat antworten
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