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Alt 19.07.2010, 22:37   #1
weiblich flowergirl
 
Dabei seit: 07/2010
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Beiträge: 2


Standard Tödliche Leidenschaft

Die Haustür schloss sich mit einem leisem Geräusch. Stille. Nur das Rauschen der Autos war zu hören. Mein Kollege Kommissar Hoppenstedt stand wortlos neben mir. Auch er war sprachlos. So etwas hatten wir beide bisher noch nicht erlebt. „Was meinst du, wer war es?“, brach Paul das Schweigen. Ich wusste es nicht. Ich wusste gar nichts mehr. Nicht, wer zu einer solchen Tat in der Lage gewesen ist. Nicht, warum jemand so etwas tat. Nicht, was ich tun sollte.
„Ich weiß es nicht.“ Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Ich wollte zu erst einmal wissen, wer der oder die Tote war. Denn selbst das wusste ich, wussten wir, nicht.
Der Gerichtsmediziner Klaus Wagner trat zu uns. „Aller bisherigen Untersuchungen nach handelt es sich bei dem Toten um die Mutter der Hausbesitzerin, Katharina Schlunze. Sie war 79 Jahre alt. Wir konnten sie durch einen Personalausweis, den man in Nähe des Tatorts gefunden hat, identifizieren. Auch die Blutgruppe stimmt Es gibt eine Hausbesitzerin, die Tochter des mutmaßlichen Opfers, Katja Schlunze.“ Ich hörte schweigend zu. Zu mehr war ich nicht in der Lage. Der Anblick des blutverschmierten, blutüberströmten Wohnzimmers machte mir doch mehr zu schaffen als gehofft. Sonst war ich nämlich nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Zugegeben, es war etwas besonderes, dass in unserem kleinen, friedlichen Dorf etwas ungewöhnliches, geschweige denn kriminelles, passiert. Paul und ich waren nicht darauf vorbereitet gewesen. Außerdem war es unser erster gemeinsamer Fall, abgesehen von *Schlägereien von ein paar Halbstarke, die am Wochenende nichts besseres zu tun hatte, als sich blutig zu schlagen.
„Komm' jetzt, Sabine, wir können hier nicht ewig stehen bleiben. Ich fahre dich nach Hause. Heute Abend kommen wir nicht weiter.“ Ich konnte wieder einmal nur stumm nicken. Mir war alles recht. Hauptsache die Bilder verschwanden aus meinem Kopf.
Wie genau ich nach Hause und ins Bett gekommen bin, wusste ich nicht mehr. Eigentlich wusste ich gar nichts mehr. Ich wusste nur, dass ich einen Fall hatte, den es so schnell wie möglich zu lösen galt..
Paul und ich fuhren noch einmal zum Tatort. Eigentlich wollte ich die Bilder nicht noch mal sehen, aber was blieb mir anderes übrig? Katja Schlunze war noch nicht bereit um mit mir zu sprechen, sie stand unter Schock. Also zählte diese Ausrede auch nicht.
Wir betraten das Haus. Seit gestern Abend hatte sich nicht viel verändert. Die Gerichtsmediziner konnten keine Leiche wegräumen, weil es keine Leiche gab. Nur Blut. Und Knochen. Und Fleisch. Alle Teile waren im Raum zerstreut. Ein Ekelschauer lief mir den Rücken runter. Ich merkte, dass mir schlecht wurde. Also sagte ich: „Ich glaube, ich gehe den Rest des Hauses unter die Lupe nehmen.“ Der Satz kam nur zitternd über meine Lippen. Paul nickte nur. Ich ging langsam aus dem Raum und betrat die Küche. Das hätte ich besser gelassen, denn hier schien ich allem Anschein nach die Tatwaffe gefunden zu haben. Merkwürdig, dass die Spurensicherung die Küche in der Nacht noch nicht durchsucht hat. Ich blickte auf das blutverschmierte, riesige Fleischmesser. So was besitzen sonst nur Metzger. Um das Messer herum befand sich eine große Menge Blut, was mich erneut zittern ließ.
„Paul, schick mal ein paar Leute in die Küche, ich habe was gefunden!“, rief ich schnell ins Wohnzimmer und verließ die Küche. Dann war das Badezimmer an der Reihe. Wenigstens dort schien kein Blut zu sein. Dafür war etwas anderes auffällig: das ganze Badezimmer war mit Büchern verdeckt. An allen Wänden standen Bücherregale mit allerlei verschiedenen Büchern. Nur die Dusche, das Waschbecken und die Toilette waren nicht von Büchern verdeckt. Bücher im Bad? Da musste jemand eine große Leidenschaft haben! Wenn ich zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, welches Ausmaß diese Leidenschaft hatte, hätte ich anders gehandelt. So aber schüttelte ich nur den Kopf und begann, die Bücher näher zu betrachten. Der Großteil der Bücher bestand aus Romanen, Liebe, Herzschmerz und so. Das volle Programm. Einige Kriminalromane waren auch darunter. Das was mich nun interessierte, war, ob diese Leidenschaft von Katja oder von Katharina ausging. Oder vielleicht von beiden? War auch möglich.
Ich hatte vor, Katja so bald wie möglich zu verhören, und sie nach den Büchern zu fragen. Vielleicht gab das mehr Auskunft. Ich fragte mich wirklich, aus welchem Grund jemand seine Bücher im Badezimmer deponierte. Die Antwort darauf erhielt ich, wenn auch nur indirekt, als ich die Treppe herauf stieg. Denn was ich da sah, irritierte mich. Alles voll von Büchern. Nichts als Bücher, Bücher, Bücher. Ich las ja auch schon immer viel und gerne, wenn ich Zeit dazu fand, aber solche Massen besaß ich nicht ansatzweise. Doch hier oben unterschieden sich die Bücher von den unten im Bad: es wären keine Liebesromane sondern Psychothriller, Kriminalroman, Horrorbücher. Und davon Massen. Im Flur, im Schlafzimmer, überall! Diese Massen erdrückten mich irgendwie.
Ich ging weiter in den Flur und stolperte fast über etwas, dass man von meinem Standpunkt zuvor nicht sehen konnte. Ein dickes Buch lag aufgeschlagen und unordentlich auf dem Boden. Eine Seite schien heraus gerissen zu sein, Im gegenüberliegenden Bücherregal schien dieses Buch zu fehlen, denn es entstand eine Lücke. Ich beugte mich über das Buch. Was ich las, erschrak mich nicht sonderlich, es war zu erwarten gewesen:










Der Satz hörte auf einmal auf. Die Seite fehlte, aber ich hatte genug gelesen. Ich schlug das Buch zu, um den Titel lesen zu können.
Mehr stand dort nicht und es schien tatsächlich der Titel des Buches zu sein. Es war passend. Ich hatte das Gefühl, dass der Tot von Katharina etwas mit diesem Buch zu tun hatte. Ich hatte genug gesehen.
Nachdem ich Paul von meinen bisherigen Ermittlungen erzählt hatte, fuhren wir zurück aufs Präsidium. Ich wollte schauen, ob Katja Schlunze nun fähig war, mit mir zu sprechen. Paul und die Spurensicherung hatten nichts neues feststellen können, es war nun sicher, dass es Katharina Schlunze war, die umgebracht, beziehungsweise zerstückelt wurde, und auch das Fleischmesser konnte als Tatwaffe sicher gestellt werden.
Im Präsidium angekommen, wurde mir mitgeteilt, dass Katja Schlunze bereit war, mit mir zu reden. Das passte mir sehr gut, denn ich hoffte, dass es neue Erkenntnisse gab.
„Katja, möchten sie uns etwas erzählen, was uns hilfreich sein könnte?“ Die Frau vor mir war leichenblass und zitterte. Wenn ich gewusst hätte, was jetzt kommt, hätte ich mich vorher hingesetzt. So aber lief ich ins offene Messer.
„ Ich möchte ein Geständnis ablegen. Aber es ist nicht so, dass ich meine Mutter aus Hass oder wegen des Geldes umgebracht habe“ Sie schluchzte. „ Meine Mutter und ich hatten beide eine riesige Leidenschaft für Bücher. Insbesondere für Krimis und Horrorbücher. Meine Mutter und ich wollten einmal ein komplettes Buch nach spielen. Wir haben unser Lieblingsbuch „Tödliches Buch“ gewählt und angefangen, zu spielen. Es wirkte alles so echt, wir haben jeden Szene naturgetreu nach gespielt. Wir waren beide so in unseren Rollen gefangen, dass wir nicht mehr merkten, was wir taten. Meine Mutter hat mir sogar selbst das Messer gegeben, wie in dem Buch beschrieben. Sogar die letzten Worte stimmten überein. Es war, als ob wir die Dinge wahrhaftig erleben. Wir haben sogar alles gefilmt, weil wir dachten, das könnte unser Erfolg werden. Es ist so ein schreckliches Gefühl! Dabei hat es so fantastisch angefangen. Selbst als ich meine Mutter in die einzelnen Teile zerlegte, merkte ich nichts, und auch sie schrie nicht. Sie können sich das Video ansehen.“
Ich war schockiert wie noch nie in meinem Leben. Katja Schlunze weinte. Und ich konnte sie verstehen. Das Video zeigte genau das beschriebene. Haargenau. Es war schlimm. Wirklich. Auch Paul war geschockt.
Über das Urteil entschied der Richter, sicher war aber, dass Katja Schlunze in eine Psychiatrie musste. Obwohl ich mir nicht sicher war, dass sie psychisch krank war. Vielleicht war es einfach nur Leidenschaft. Tödliche Leidenschaft.
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